Welt in Splittern

TEXTGALERIE Hermann Heckmann: Das Feuer ist ein Akrobat

Herbert Heckmann gehörte zu denen, die mich auf den Weg gebracht haben. Als ich 1959 in Heidelberg das Germanistikstudium begann, war er wissenschaftlicher Assistent und ein aufmerksamer Lehrer. Einmal hat er mir ein Referat über Wolfgang Koeppens Roman Der Tod in Rom zerbröselt, weil ich - von der Berühmtheit des Autors geblendet - die zahllosen Phrasen im Text übersehen hatte. "Machen Sie es sich schwerer", rief er mir zu, "schaffen Sie sich Widersprüche!" Er wies mich auf die zentrale Bedeutung der Sprache hin und lehrte mich, Kolportage und Klischees gerade in sich kritisch gerierenden Büchern ausfindig zu machen.

Seine eigenen frühen Gedichte, Essays und Erzählungen konnte man ab 1954 in den ersten Jahrgängen der Akzente lesen, hoch reflektierte, ironisch gebrochene Texte, deren Artistik den Einfluss von Theodor W. Adorno und Walter Benjamin verriet. Er bestand darauf, "dass die erschriebene Welt keine bloße Wiederholung der Welt ist, in der wir leben", sondern autonomen Charakter hat. Für seinen (in Jean Pauls Sinn "humoristischen") Roman Benjamin und seine Väter erhielt er 1963 den Bremer Literaturpreis. Bald darauf verlor ich Heckmann aus den Augen. Er gewann Einfluss im Literaturbetrieb, als Mitherausgeber der Neuen Rundschau wie als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, schrieb kulturhistorische Bücher über das Essen und den Wein, auch Kinderromane, und wurde dicker. Im vergangenen Jahr ist er viel zu früh gestorben.

Als Lyriker ist Heckmann fast unbekannt geblieben. In den frühen Akzenten kann man ein paar hintersinnige Gebilde finden, darunter das hier vorgestellte, Der gelbe Akrobat von 1955. Auch das schmale Heft mit 13 einfach gebauten Gedichten, das 1987 unter dem seltsam ähnlichen Titel Das Feuer ist ein Akrobat in einer Auflage von 200 Exemplaren erschien, dürfte nur wenige Lyrikkenner erreicht haben.

Ein Akrobat ist wörtlich jemand, der "auf den Fußspitzen geht", also ein (Seil-)Tänzer, Artist, Gaukler, Clown, ein Schauspieler ("Kothurn") und Volksredner ("Kiesel im Mund"), im übertragenen Sinn auch ein Maler oder Dichter. Heckmanns "gelber Akrobat" fällt durch Ungeschicklichkeit auf, seine "Tricks" misslingen. "Hilflos krumm", mit "eckigen" Schultern und "dürren Händen", steht er "verankert" da, er stottert wie ein "Fremder", wird, "im Spiel allein", vom Publikum ausgelacht, bevor er zur Erde stürzt wie der Seiltänzer in Nietzsches "Zarathustra". Zurück bleiben "Scherben".

Das Gedicht schildert das Scheitern des Künstlers in einer ebenso scherbenhaften Form. Jede der sechs Strophen spricht in einem anderen Ton; Rhythmus und Metrum lassen keinen Zusammenhang zu. Wo der Gegenstand in seine Teile zerbricht, herrscht Chaos. Der Artist in der Zirkuskuppel stürzt sich, sprach- und ratlos, zu Tode. Der Dichter als Narr, der die Wahrheit sagt, hat ausgedient. Keiner der Unterhaltungssüchtigen mag ihm noch zuhören.

In dem sich "modern" und "künstlich" verstehenden Gedicht der fünfziger Jahre erweist sich fast jedes Bild als Zitat. Mal meint man, die "eckigen" Gaukler und Harlekine des jungen Picasso vor sich zusehen, mal Nietzsches vom unwissenden Volk verlachten Seiltänzer, mal hört man den stotternden Demosthenes bei seinen Sprechübungen. Mehrmals wird auf Jakob van Hoddis' berühmtes Gedicht Weltende und speziell auf dessen ersten Vers Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut angespielt, sogar über den fünffüßigen Jambus. Beide Gedichte zeigen eine fratzenhafte Splitterwelt. Doch anders als bei Hoddis stemmt sich bei Heckmann kein Endreim und auch kein durchgehendes Metrum mehr gegen die Fragmentierung, die kühl, in Blautönen, zelebriert wird.

Herbert Heckmann

Der gelbe Akrobat

Die Schultern stoßen eckig in den Tag
sind hilflos krumm
aus dürren Händen schüttelt Tricks
ein gelber Akrobat

Abenteuer vom Kothurn

Kiesel im Mund werden die Worte glätten
aber die Zunge stolpert über das Fremde
und die Füße verankern den Schritt
und Gefahr geht dem Stolz aus dem Wege

Aber
im Spiel allein
Gelächter ausgesetzt
dem stieren Blick von Messeraugen
schamlos preisgegeben
sucht er - wohin?

Die Köpfe staunen spitz

Der gelbe Akrobat
liegt gläsern
blauen Mundes
in den Scherben seines Leibes.

Herbert Heckmann wurde 1930 in Frankfurt geboren und ist 1999 gestorben. Das vorgestellte Gedicht erschien 1955 in Heft 3 der Zeitschrift Akzente. Der Gedichtband Das Feuer ist ein Akrobat kam 1987 im Verlag Ulrich Keicher in Warmbronn heraus.

00:00 07.04.2000

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