Georg Seeßlen
Ausgabe 2614 | 30.06.2014 | 06:00 13

Weltfrauenkörper

Image Die US-Schauspielerin Angelina Jolie zieht als „Maleficent“ die Massen ins Kino, macht Politik und wird von der Queen geadelt. Die Geschichte einer Befreiung

Ernst Kantorowicz hat einst das Modell vom doppelten Körper des Königs aufgestellt, von einem natürlichen und einem politischen Körper. 2009 hat Kristin Marek dieses Modell erweitert: Man müsse von einem dreifachen Körper sprechen, vom natürlichen, vom politischen und vom heiligen Körper.

Angelina Jolie gehört nicht nur zu den bestbezahlten US-amerikanischen Schauspielern, sie ist auch die am meisten auf Zeitschriftentiteln abgebildete Frau der Welt. Zusammen mit ihrem Mann Brad Pitt und ihren sechs Kindern (drei eigene, drei adoptierte) bildet sie eine reale, politische und heilige Familie. Wenn jeder Mythos aus Widersprüchen zusammengesetzt ist, dann ist Angelina Jolie, weiß der Himmel, ein Mythos: einerseits die Tochter des Schauspielers Jon Voight und daher schon früh über rote Teppiche gelaufen; andererseits als Scheidungskind lange ein leidendes Mädchen, das mit Trotz und Selbstverletzung auf eine bösartige Umwelt reagierte. Drogen und Depressionen begleiten sie bis in die ersten Jahre des Erfolgs.

Zu Beginn der neunziger Jahre begann die Karriere bescheiden mit Auftritten in Musikclips und Studentenfilmen; der erste richtige Film war Cyborg 2 (1993), ein B-Movie, vom Trashgenius allenfalls gestreift; vielleicht aber auch einer der besten Angelina-Jolie-Filme, die je gedreht wurden: als Essay über einen weiblichen Körper, der nur zum Teil real ist.

Am Rand des Bilds

Dieser Körper ist mehr als ein Männertraum, eher eine Frage als eine Antwort. Jolies Sexiness ist immer reine Oberfläche, ein Abbild, das dabei ist, das Original zu vergessen. Als Cyborg eben oder als eine junge Frau, die ihre Sexiness taktisch einsetzt (und die nicht zufällig Eleanor Rigby heißt, von der die Beatles sangen, dass sie in einem Traum lebe), in Desert Affairs (1996), einer sonderbar-irrealen Reise in den white trash der amerikanischen Wüsten. In Hackers (1995) ist Angelina Jolie vor den Bildschirmen und in den Netzen noch verschlossener als ihre Mitstreiter. Angepisst von einer Welt, der sie nicht wirklich angehört. Spielen ist besser. Und so wird Jolie zum Weltstar als Spielfigur Lara Croft.

Natürlich sah sie in Lara Croft so aus, wie man in einer Gameverfilmung aussieht: Angelina Jolies Körper steckte nicht in einem Dress, er war ein Dress: mit der Oberfläche ist alles gesagt. Diese Botschaft musste diskursiv reaktionär wirken. „Dicke Brüste, enge Shorts und eine Knarre in der Hand“, charakterisierte sie die Kollegin Sigourney Weaver, die sich unter weiblicher Emanzipation in männerdominierten Genres etwas anderes vorgestellt hatte.

Angelina Jolie spielt nicht zufällig immer wieder Frauen mit Doppelexistenzen, in Masken und Dressen. Sie ist die verdoppelte Frau, und sie spielt eben nicht das Original, sondern das Double, anfänglich sogar in den ersten Mutterrollen wie in Oliver Stones Alexander (2004), als Olympias, Mutter des Helden, die ihn zum Gottgleichen aufbauen will. Die Kälte, die oft um sie ist, macht schaudern. Männer und Frauen verhalten sich in Angelina-Jolie-Filmen nicht nur insgesamt, sondern auch zueinander wie ferngesteuert. Mr. & Mrs. Smith, der Brad-Pitt-Angelina-Jolie-Film, handelt von einem Ehepaar, in dem beide Partner zugleich Middle-Class-Bürger und Auftragskiller sind, die schließlich auf einander angesetzt werden. Das globale Metapaar im frühen 21. Jahrhundert entsteht aus einer wechselseitigen Mordfantasie. Liebe ist: einander nicht umzubringen.

In den Nebenrollen, die Jolie in der Zeit spielt, geht es eigentlich immer darum, die verlorene Menschlichkeit wieder zu (er)finden. Aus der Welt der Comics und Masken zurück in die Wirklichkeit, das Medium dazu ist Geschichte: In Robert De Niros The Good Shepherd (2006), in Ein mutiger Weg (2007) von Michael Winterbottom und in Clint Eastwoods Der fremde Sohn (2008) geschehen Rückwärtsannäherungen an die Opferrolle. In allen Filmen versucht Jolie, zurückgenommen zu spielen, selten besetzt sie die Mitte der Bilder, sie beschränkt die eigene Präsenz künstlich.

Schon während der Dreharbeiten zum ersten Lara Croft-Film in Kambodscha begann ihr soziales und politisches Engagement. Das hing mit der Erfahrung zusammen, erstmals die USA verlassen und die Grenzen einer beschränkten (Selbst-)Wahrnehmung überschritten zu haben. Das politische Erwachen war zweifellos auch eine persönliche Befreiung, Teil einer Gesundung, ein Schlüssel für die Beziehung von magischer und realer Biografie, und selbst belanglosere Jolie-Filme werden ab da anders gelesen. In den Jahren darauf war sie etwa UN-Sonderbotschafterin für das Hochkommissariat für Flüchtlinge.

Und dann geschieht etwas Drittes. 2012 gab Jolie die prophylaktische Mastektomie wegen einer Mutation bekannt, die das Risiko einer Brustkrebserkrankung auf über 80 Prozent erhöht hatte. Das ist nicht nur persönliches Leid, sondern ein medizinpolitisches Signal: die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen wächst. Der private, der politische und der heilige Körper drängen immer mehr ineinander. Die Welt adoptiert diese Frau und ihren realen, leidenden Körper, Angelina Jolie war der bedeutendste öffentliche Frauenkörper der Welt geworden. Die Welterzählung des Wandels von der autodestruktiven Außenseiterin, die fremd im eigenen Körper ist, über die technisch-ästhetische Erfindung eines unempfindlichen zweiten Cyborg-Bodys hin zu einer Mutter, die durch Adoptionen und den Bruch mit dem Vater klar machte, dass Familie ein sich selbst generierendes System und Mutter eine soziale mehr als eine biologische Funktion ist, mag am Ende wirksamer erscheinen als die Emanzipationsgeschichte von Sigourney Weaver.

Und was ist sie nun? Die schöne, böse Hexe aus dem Märchen, die in Wirklichkeit gar nicht böse ist. Jolie ist in Maleficent – die dunkle Fee dem Cartoon entsprungen, eine Kreation des Maskenbildners, und zugleich ist es die Geschichte einer Frau, die am Ende die wirklich Gute ist, auch wenn man ihr so vieles Böses zutrauen durfte, nein, es geht um mehr, darum, dass aus einer kalten eine warme Figur wird, aus einer verletzten eine mütterliche Frau. Wer außer Angelina Jolie hätte das spielen können?

Die Suche nach dem richtigen Körper ist damit (vielleicht) beendet. Und dabei übermalt Jolie als Maleficent die falschen Mütter, die sie gespielt hat in Alexander oder bei Eastwood. Wie heißt es über die böse Fee aus der Dornröschengeschichte? Dass sie ihren Frieden gefunden habe. Das scheint auch für Jolie zu gelten: „Ich hatte eine wundervolle Karriere“, erklärte Jolie bei der Pressekonferenz zum Film. „Ich bin sicher, dass es noch mehr Filme gibt, aber ich möchte mich aufs Schreiben und die Regiearbeit konzentrieren und vor allem auf meine UN-Arbeit.“ Fast ein Abschied. Jedenfalls einer von einem falschen Körper. Oder mindestens von einem von ihnen.

Auf dem Gipfel

Nachdem Jolie 2007 mit einem Dokumentarfilm die Seiten beim Filmemachen gewechselt hatte, präsentierte sie mit In the Land of Blood and Honey 2010 ihr Regiedebüt. Ein zweifellos ehrbarer Versuch, sich mit der sexuellen Gewalt im Krieg jenseits von Hollywoodkonventionen auseinanderzusetzen, eine fiktive Erweiterung des Diskurses, den Angelina Jolie in ihrer politischen Aktivität zu einem Schwerpunkt gemacht hat. „Es ist ein Mythos, dass Vergewaltigung ein unausweichlicher Teil von Konflikten ist; es ist eine Kriegswaffe gegen Zivilisten, die nichts mit Sex zu tun hat, sondern nur mit Macht.“ So erklärte Jolie beim Gipfel gegen sexuelle Gewalt, den sie mit dem britischen Außenminister William Hague in diesem Monat in London initiierte. Kurz darauf wurde sie von der Queen zur Dame ernannt.

Das Drama in Maleficent beginnt vielleicht nicht zufällig mit einer Szene, die man als Vergewaltigung deuten kann: Der Prinz, den die Fee doch so liebte, hat sie betäubt und ihr Gewalt angetan, weil er nur das eine von ihr wollte, ihre Flügel. In das Böse wird diese Frau durch die Männer gestürzt, davon befreien kann sie sich nur allein. Der natürliche, der politische und der heilige, der lebende, der metaphorische und der imaginierte Körper, sie kommen in solchen Bildern zueinander. Und sind erstaunlich widerspenstig.

Maleficent – Die dunkle Fee Robert Stromberg USA 2014, 97 Minuten. Ist bereits angelaufen

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 26/14.

Kommentare (13)

Magda 30.06.2014 | 13:09

Ich kann noch nicht entscheiden, ob mir dieser Beitrag, der ja auch nichts Neues erzählt, auf den Wecker oder lieber doch am Arsch vorbei geht.

Die Welterzählung des Wandels von der autodestruktiven Außenseiterin, die fremd im eigenen Körper ist, über die technisch-ästhetische Erfindung eines unempfindlichen zweiten Cyborg-Bodys hin zu einer Mutter, die durch Adoptionen und den Bruch mit dem Vater klar machte, dass Familie ein sich selbst generierendes System und Mutter eine soziale mehr als eine biologische Funktion ist, mag am Ende wirksamer erscheinen als die Emanzipationsgeschichte von Sigourney Weaver.

Ganz bewusst breche ich in den virtuellen Schrei aus: MannoMann. Männer, es ist gerade Fußballweltmeisterschaft (der Männer).
Wäre das nicht eine prima Gelegenheit gewesen, mal mehr über über Männerkörper zu sinnieren, an denen man sich diskursmäßig auch prima abarbeiten könnte, vielleicht an einem prominenten Beispiel? Gibts keinen Weltmännerkörper, nicht einen? Keinen unter den Fußballern und anderen interessanten Männern der Saison?
Über Männlichkeitsmythen und -körperlichkeiten, die gerade auch so sehr in der Krise sind, wäre aus diesem Anlass interessanter zu reden und zu schreiben gewesen als diese Betulichkeiten über Angelina Jolie - mein Gott.

Wer Interesse hat - hier eine hervorragende Doktorarbeit zum Thema:

Männer und Muskeln - über die soziale Konstruktion des männlichen Körperideals - übrigens mit einem schönen Bilderanhang mit Männlichkeiten ganz unterschiedlichen Typs.

Lethe 30.06.2014 | 14:08

Deutungshoheit ist alles. Wenn Kunst nicht mehr aus sich selbst erklärt, was sie eigentlich ist oder will, bedarf sie der Apologeten. Und dann schwelgt es sich in Bedeutungsassoziationen, dass es eine Lust ist.

Im Westen nichts Neues.

Wäre ganz interessant, wie die Jolie sich auf der Bühne machen würde, vielleicht als Lulu oder Ophelia oder Lady Macbeth, und mal so ganz und gar zurückgeworfen auf ihre schauspielerischen und sprachgestalterischen Fähigkeiten. Möglicherweise würde sie die Hybris aber im Gegensatz zu ihren Apologeten noch rechtzeitig als solche erkennen.

Columbus 30.06.2014 | 21:19

Ich war sehr angetan, als ich dieses Stückchen in meiner Hauspostille las. Gerade weil Kantorowicz´ Bild, passend auf die heiligen Könige Frankreichs, die ein Leben mit Geschlecht und Charakter lebten; dann eines, das dem Staat gehörte und eines, das dem Volke den unwiderlegbaren Eindruck von Wundertätigkeit vermittelte, wobei eben bei E.K. die Staatsfunktion und die Heiligenfunktion doch zusammen gehören, wie das für die Christenheit so galt, ein wenig überzogen wirkt, angewandt auf eine Film- Schauspielerin.

Diese Dehnung der Definitonen und der Labels hat eben etwas Popartistisches und das schätze ich, als einzige Eigenschaft am Popigen. - Sie schaffen es, auch dem eher unspektakulären Filmœuvre der Jolie eine Bedeutung abzugewinnen.

Stones "Alexander", ein furchbares Machwerk, bis hinein in die Farbe des Bildmaterials, wird Ihnen zum Ausgangspunkt, über den abrupten Rollenwechsel des medialen Cyborgs, der Figur Jolie nachzudenken, die, auch gezwungen durch ein Schicksal, nun Fleisch und Blut wird und sich für reales Fleisch und Blut, jenes das reichlich vergossen wird, einsetzt. - Das hat neutestamentarische Züge und etwas vom Wunden- herzeigen.

Mit kam aber doch eher der Gedanke, die Jolie spielte die Frau, mit der vom Beisschlaf, einschließlich des Inzests, bis zum berührungslosen Dasein als Hologramm, filmtechnisch und gedanklich alles möglich ist, ohne je eine Sünde zu begehen oder sie nur zu denken.

Ihr mediales Dasein hat, so dachte ich weiter, eher ein Ring der Nibelungen - Format. Sie passte zu Brünhilde, Wotans Liebling, zu Gutrune, die einfach Seiende, zu den Rheintöchtern aus deren Schoß der Ring kommt und dorthin auch wieder verschwindet, zu Walküren, die streitsüchtig sind und zu den Nornen, die alles Wissen, ohne je davon, vor allem an Männer, auszuplaudern.

Ein bisschen mutig ist, am Ende von dem Planeten der Frauen zu träumen, die, -so hofft Mann-, statt, wie es zu beobachten ist, absolut die gleichen Verhaltensmuster zu produzieren, eine bessere Welt gestalten. - Das ging schon in dem eher schlechten Film nicht gut, und in der Realität, die für das gute menschliche Werk auch biologisch geschaffen ist, geht es eben nur, wenn Männer und Frauen nicht eine virtuelle Welt der realen vorziehen.

Angelina Jolie, das entnehme ich ihrem popartistischen Filmhinweis, ist jedenfalls bemüht, mutig auf der Seite der Guten, für das Gute anzutreten und, angesichts ihrer Bio-Biografie, eingedenk dieser Erfahrungen, ist ihr Glück dabei zu wünschen und weiterhin eine Rolle in der Weltöffentlichkeit, die unabhängig ist, von weiteren filmkünstlerisch eher nebensächlichen Werken. - Anders gewendet: Nicht immer trügt der Schein Hollywoods.

Beste Grüße

Christoph Leusch

silvio spottiswoode 01.07.2014 | 13:28

Schöner Text, der nachdenklich macht. Faszinierend sind vor allem die Projektionen, die sich mit der Person verbinden, bzw. das perfekte Zusammenspiel von Wunsch und Wirklichkeit. Mit der - nun ja, nicht ganz unspektakulaeren, vor allem aber den Wahrscheinlichkeitsberechnungen geschuldeten - Brust-OP verschieben sich doch Parameter ins Extrem: Ein Zeitgeistphaenomen in Reinstform. Das Leben als Wunscherfuellungsprojekt. Die vollendete Beherrschung von Wahrscheinlichkeit und Zufall. Machbarkeit, Berechenbarkeit und Kontrolle über die Schicksalsschläge, die ein Menschenleben ausmachen. Jolie als die Verkörperung des zur totalen Oberfläche gewordenen, öffentlichen weiblichen Körpers. Der weibliche Körper - des Ungewollten und Privaten beraubt - ein geleertes Gefäß. Der Körper, der keiner mehr ist. Der Koerper als hyperreale Skulptur.

Columbus 01.07.2014 | 21:15

Wie immer, eine starke Meinung aus ihrer Tastatur, Silvio Spottiswoode.

Aber wenn es um diese Dinge geht, wäre vielleicht mehr Feingefühl nötig, finde ich.

Die Entscheidung Jolies hat so gar nichts mit Wunscherfüllung zu tun. Eher etwas mit Notlage und Abwägung, was denn zugleich gut gegen die Furcht, es ist in diesem Falle ein ganz reales und hohes Risiko zu tragen, und gegen die eigenen Gene, die sich gegen einen Menschen, ja, gegen eine Familie verschworen zu haben scheinen, helfen könnte.

Ich sehe da Jolie als Trendsetterin für mutige Frauen (Es sind insgesamt nur sehr wenige, die ein solches Risiko tragen müssen und vor ähnlichen Entscheidungen stehen).

Keinesfalls handelt es sich aber um eine Art Kosmetik des Schicksals oder eine Sache, die man so dahintrudeln lassen kann oder bei der man mit den leider üblichen Argumenten, Medizin für Reiche, in Afrika muss auch gestorben werden,...,sehr viel weiter kommt, um sich auf ein moralisches Ross zu setzen.

Beste Grüße

Christoph Leusch

PS: Weiblicher Körper. Ich glaube, wissen kann ich ja gar nichts in diesen privaten und intimen Dingen, dass Jolie ihren privaten Körper und ihr privates Sein, längst befreit hat und auch keineswegs in ihrer öffentlichen Rolle eine leeres Gefäß darstellt. So wenigstens, habe ich verstanden, was ich über sie erfuhr und Georg Seeßlen hier fein beschreibt. Sie hat Positionen und vertritt ihre Ansichten.

Das steht ein wenig im Gegensatz zu ihrem schauspielerischen Talent und der Auswahl der Filme, zu dem, was im Film, in diesem Medium tatsächlich eine hyperreale, aber eher surreale Figur schafft, auf die tatsächlich viel bezogen werden kann.

Aber was weiß ich. Da spielen in der Jolie-Liga auch Agenten, Berater, Freunde, Beziehungen und Verpflichtungen eine so große Rolle.

Ich hätte aber schon eine Frage an Georg Seeßlen auf dem Herzen: Hat Angelina Jolie jemals Theater gespielt?

silvio spottiswoode 02.07.2014 | 06:39

Was Sie sagen kann ich nachvollziehen, ist auch sehr sympathisch. Und waere ich ein Mann , ich wuerde es vielleicht auch so sehen. Nur, das auf E x t e r n a l i s i e r u n g basierende Realitätsverständnis massivst vom Leben Befreiter darf nicht als Vorbild für den "Weltfrauenkoerper" gelten, lieber Columbus. Wenn wir dies zuliessen, würden wir alle zu Cyborgs. Deshalb verwehre ich mich jeglicher Spekulationen über das "Menschsein von Celebrities". Lassen Sie sich von Marketing- und PR-Aktionen nicht täuschen: UN-Botschafterin hin oder her, Stars sind im Sternenhimmel zuhause. Mit Sorgen und Nöten Normalsterblicher haben sie per Definition nicht das Geringste zu tun. Man muss da einfach genau hinsehen. Denn das Bild übernatürlicher Perfektion - das hier vermittelt wird - das gibt es leider nicht. Leider. Es ist nichts anderes als eine gewinnträchtig inszenierte, multimillionendollarschwere Fatamorgana. Sesslen im Märchenland. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde es durchaus auch schön, hab's gern gelesen, es verursacht eine Menge Reibungswaerme. Aber das kann es echt nicht sein. Grüße.

Columbus 02.07.2014 | 10:28

Bin eben nicht so mutig. - Liegt es am Gender? (;-))

Die Überschriften ("Weltfrauenkörper") machen ja, es ist Tradition, eher Gewohnheit in der Publizisitik, andere.

Aber vielleicht können Sie sich mit mir darauf einigen, dass Seeßlen, der ja nun sicherlich nicht unbedingt bei Familie Jolie ein und aus geht, die Freiheitsgrade erkannt hat, die sich die Weltberühmtheit mit ihrem "Bild", mehr besitzen ja weder Frauen noch Männer, noch das NN- Geschlecht von ihr, geschaffen hat. Sie wirkt da nicht wie eine, die sich noch was ankleben lässt.

Klar, Sie ist privilegiert und hat es damit leichter, vielleicht aber auch schwerer, eine eigene, nicht von anderen erschaffene Position einzunehmen.

Daran können wir beide nichts ändern. Bezgl. der Onkogene bin ich aber auf Seiten Jolies und ihrer Haltung, ein Risiko nicht hinzunehmen, wenn man dazu die Möglichkeit hat. Da lebt sie vor, was sich Frauen mit dem gleichen genetischen Problem nicht trauen, denen man einredet, sie müssten ihr Geschick hinnehmen. (https://www.freitag.de/autoren/columbus/brca-1-und-2 )

Nur das Beste

Christoph Leusch

silvio spottiswoode 03.07.2014 | 18:37

»... Liegt es am Gender?«
Nein, ehm, ganz sicher nicht. :-)

Es ist dispositionsgenetisch den Lebensumständen geschuldet. Mit dem Rücken gegen die Wand. Madame Jolie würde es ganz sicher »proactive« angehen.

»Klar, Sie ist privilegiert und hat es damit leichter, vielleicht aber auch schwerer, eine eigene, nicht von anderen erschaffene Position einzunehmen.«
Naja, it's a tradeoff. Man sucht sich die Dinge eben auch irgendwie aus. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.


So, nun zur Onkoloie: Ihren detaillierten, klugen Text hatte ich ja schon kommentiert. Wir gehen hier beide von unterschiedlichen Standpunkten aus. Stochastische Wahrscheinlichkeitsberechnungen sind etwas für Versicherungen, taugen aber ganz und gar nicht zur Gestaltung eines Menschenlebens. Das ist jetzt einfach nur meine persönliche Erfahrung. Anderen mag es da anders gehen. Proaktives Fakten schaffen, aufgrund einer 85%-igen Wahrscheinlichkeit ist irre, finde ich. Selbst bei 100% müsste man noch ernsthaft über die stochastischen Ermittlungsverfahren aufgeklärt werden, bevor eine/r zur Tat schreitet. Denn: Ärzte irren sich. Wahrscheinlichkeiten stimmen nicht und Befunde – ja sogar Gene – verändern sich. Ich bleibe dabei: Madame Jolie kann deshalb kein Beispiel für den Rest der Weltbevölkerung sein.

Im Kern wird doch suggeriert, Perfektion sei machbar. Mit genug Geld, Talent, Anstrengung verbannen wir Krankheit aus unser aller Leben. In letzter Konsequenz sei der Tod irgendwie vermeidbar, gehöre nicht zum Leben dazu. Und diese bornierte, eitle Vermessenheit ist es, die mich einfach unendlich langweilt. Aber genau das ist es doch, was Angelina Jolie bis zur hyperrealen Perfektion verkörpert. Das nervt tooootal. It's complete douchebaggery. Amen. :-&

Columbus 04.07.2014 | 17:18

Gute Überlegung. Das ließe ich mir bei 1-5%, vielleicht auch bei 10% Eintrittswahrscheinlichkeit meiner baldigen schweren Erkrankung, ich denken da jetzt an meine und die Prostatae anderer, durchaus gefallen.

Die begründeten Erkrankungs- und Sterbewahrscheinlichkeiten errechnen aber immer noch Mediziner und da vertraue ich meinem Stand. - Informieren, zuwarten, kontrollieren, nicht proaktiv sein, unterhalb der deutlichen Risiken Jolies, jederzeit!

Alles darüber, ich bin eben ein ängstlicher Mann und kenne mich ein wenig aus, senkte meine Lebensqualität.

Kein Vorbild für den Rest der Weltbevölkerung. Ja. -Obschon, ich hätte gerne etwas von der proaktiven Energie der Dame ab, vom Erfolg im Lotto sowieso, auch wenn ich mich für diese Art Öffentlichkeiten wenig eigne.

Aber bedenken Sie nur die Möglichkeiten zur Vergrößerung und Virtualisierung des eigenen Selbst, bis an den Rand es Größenwahns, ohne das es negative Folgen für Millionen hätte. (;-))

Es gibt übrigens durchaus auch männliche Schauspieler die es bis ins statuarisch Übergroße, Kategorie Marilyn, Jolie, Marlene,... schafften. Denken Sie an den notorischen Nuschler Marlon, an den Bogart oder, viel physischer, an Mel Gibson oder heimatnäher an Kinski.

Ich persönlich stehe ja auf so blutarme und fleischlose Schauspielerkörper, wie Ulrich Matthes, Oscar Werner oder den kineastischen Leidens- und Leidenschaftenköper einer Sylvie Testud.

Georg Seeßlen könnten wir z.B. fragen, und ich denke er wüsste auch ein paar belegbare Antworten, ob z.B. Russel Crowe, der auf dem Weg zum "Weltmännerkörper" war ("Gladiator"), nicht z.B. in "Master and Commander" und "LA Confidential" viel besser spielte?

Die eigentliche Frage: Müssen statuarische Schauspiel- Ikonen durch gute, gut durchgezeichnete Filme, die von ihnen nicht abhängen, irgendwie gerettet werden? Für wen lohnte sich die Rettung? Wer sollte lieber hauptberuflich UN,UNICEF oder WHO- Repräsentant oder Diplomat werden und nur als Statuette, ähnlich einer "Oscar"-Figur, nochmals im Film erscheinen?

Frage ich z.B. beim eigenen Nachwuchs, dann sagt der, Johnny Depp gehörte in die Kategorie "Weltmännerkörper", astral und real, der alte Sack. Ich kann und will nicht widersprechen.

Beste Grüße und gute WE

Christoph Leusch