Sparen

A–Z Oscar Wilde sagte einst, es falle ihm täglich schwerer, seinen Lebensstil aufrechtzuerhalten – man denke nur an all das teure Porzellan. Das Lexikon zur Sparsamkeit

A

Austerität Sparsamkeit ist ein wirkmächtiges Dogma unserer Zeit. Doch es irrt, wer glaubt, seine Befürworter seien alle aus dem Holz Wolfgang Schäubles geschnitzt. Verzicht predigen auch Wachstumskritiker, um die fortlaufende Ausbeutung des Planeten zu beenden. Der Unterschied: Schäuble und Kollegen wollen die Staatsausgaben beschneiden, um Wachstum zu fördern und eine Umverteilung zugunsten der Armen zu verhindern.

Wachstumskritiker dagegen appellieren an den Einzelnen, dem Überfluss abzuschwören und das gute Leben jenseits von Materiellem (➝ Verzicht) zu finden. Was beide eint: Sie argumentieren meist vom privilegierten Standpunkt aus und leben fernab der Armut. Damit stehen die heutigen Protagonisten der Austerität, deren etymologische Wurzel im altgriechischen Ausdruck für „Trockenheit der Zunge“ liegt, in der Tradition des ersten prominenten Wachstumskritikers: Aristoteles. Dessen Vater war Leibarzt des Königs von Makedonien. Sebastian Puschner

B

Brille Selbst beim Sparen darf der Look nicht zu kurz kommen, kann dieser doch die Glaubwürdigkeit der eigenen Sparkraft unterstreichen. Und Glaubwürdigkeit, man denke an Ratingagenturen, ist heutzutage eine harte Währung. Hier hilft die Brille. Denn die dient nicht nur zum Rechnungenlesen, sondern dank ihr kann man sich auch auf den ersten Blick als Sparfuchs outen.

Wer jetzt an „Brille: Fielmann“ denkt, sollte noch an seiner Knauserigkeit arbeiten. Der wahre Geizhals (➝ Mentalität) findet das passende Modell heute an der Supermarktkasse. Die gestelllosen, grauen Dinger warten dort fertig geschliffen für weniger als zwei Euro. Und sie erfüllen nicht nur ihren Zweck, sondern zeigen auch Haltung: Wer unterm inneren Spardiktat steht, hält sich mit modischen Details nicht auf. Übergroße Kastenbrillen mögen zwar hip sein, aber allein die Materialkosten sind im Vergleich zu ihren Pendants an der Kasse eindeutig zu hoch. Das weiß jeder Sparkassenfilialleiter – oft der wohl glaubwürdigste Anhänger der Supermarktbrille. Pia Rauschenberger

D

Dagobert Duck In Entenhausen, einem verschlafenen Kaff, das anscheinend noch nie vom Klassenkampf gehört hat, lebt Großbourgeois und Fantastilliär Dagobert. Auf dem höchsten Hügel der Stadt, eingemauert in seinen riesigen Geldspeicher und bewacht von Daniel Düsentriebs Sicherheitssystem, hat Dagobert ein ganz neues Level des Sparens erreicht: Drei Kubikhektar Taler sollen sich angeblich in seinem Speicher befinden. In denen schläft, duscht und schwimmt der knauserige Erpel, und zwar nicht nur im sprichwörtlichen Sinne. Würde er nicht zum Donald-Duck-Universum gehören, wäre Dagobert Duck ein sicherer Fall für den Psychiater. So aber lebt er in ständiger Angst – vor den Panzerknackern, seinem Rivalen Mac Moneysac, der Hexe Gundel Gaukeley und seinem notorisch klammen Neffen Donald.

Der Zeichner Carl Barks erfand Dagobert (im Englischen: Scrooge McDuck) 1947 als Entenhausener Pendant zu Ebenezer Scrooge, dem Geizhals aus Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte (➝ Köder). Wie im Original entdeckt auch Dagobert im Laufe der Zeit sein Herz. In Duck Tales zieht er seine Großneffen Tick, Trick und Track groß. Solange niemand an seinen Glückszehner geht. Simon Schaffhöfer

Dispo Der Dispo, er ist Fluch und Fluch zugleich. Ein scheinbarer Sicherheitsgurt, der schnell zum fatalen Strick werden kann, ein Ort, an dem sich Leichtsinn und Reue begegnen. In seiner heute üblichen Form wurde er erstmals im Jahr 1968 von der Kreissparkasse Köln (➝ Brille) eingeführt, und sorgt bis heute bei Privatpersonen für Schwindel und hektische Flecken, wenn sie irgendwann merken, wie viel Geld genau nicht mehr ihres ist. Denn in den Sphären des Dispositionskredites herrscht eine weitaus größere Gravitation als in jedem schwarzen Loch. Um aus ihm herauszukommen, muss man schon ordentlich strampeln – oder um genauer zu sein: gerade beim alltäglichen Konsum die Füße unangenehm still halten. Das Perfide der Angelegenheit ist, dass man im Dispo Geld ausgeben kann, das man nicht hat, bis man wieder aus dem Dispo raus will. Dann muss man nämlich Geld sparen, das man am Ende dann auch nicht mehr hat. Felix-Emeric Tota

K

Köder Wer in den 80ern in den beiden Banken meiner Heimatstadt den Inhalt seiner Spardose (➝ Schwein) in die Geldzählmaschine leerte, erhielt ein Spiel aus Plastik (rot bei der einen Bank, blau bei der anderen), das den nächsten Weltspartag nie überlebte. Besser war der Gutschein, den es obendrauf gab und der Zugang zum Keller des Geldinstituts gewährte. Dort liefen einen Samstag lang Walt-Disney-Filme. „Bernard und Bianca“, „Aschenputtel“ und „Bambi“ kenne ich nicht aus dem Kino, sondern aus der Bank. Dickens’ Christmas Carol las ich erst im Studium, ich kannte ja dank meiner Anlageberater Disneys Version (➝ Dagobert Duck). Verschwörungstheoretiker dürfte es kaum wundern, dass ich gegen jede Form von Antiamerikanismus immun bin. Christine Käppeler

M

Mentalität Glaubt man den Klischees, dann ist Sparsamkeit auch Ausdruck regionaler Mentalitäten. Schwaben gelten etwa als besonders sparsam, gar geizig. Eine Region voller Bausparverträge (➝ Zins) und wiederverwendeter Teebeutel. Auch Schotten drehen angeblich jeden Penny um. Und die sparsame Mentalität der Niederländer hat ihnen eine eigene englische Redewendung eingebracht: „Going Dutch“ sagt man dort, wenn jeder seinen Teil der Rechnung bezahlt.

Nun übertreiben Klischees per Definition. Einen wahren Kern haben sie in der Regel trotzdem. Schwaben und Schotten hatten früher etwa mit bitterer Armut zu kämpfen und darum keine andere Wahl, als sparsam zu haushalten. Bei den Niederländern mag es mit der calvinistischen Prägung zusammenhängen. Egal wie viel von der sparsamen Mentalität heute noch übrig ist, zur Markenbildung dient sie auf alle Fälle. Das Schwaben-Image etwa wäre ohne die Sparsamkeit irgendwie unvollständig. Benjamin Knödler

N

Nudeln Sie sind die Nummer sicher auf der Speisekarte von Küchenmeister Schmalhans. Jeder kennt sie, jeder mag sie, und jeder hält sie für lange Zeit aus, wenn es aufgrund finanzieller Einschränkungen (➝ Austerität) zur Eintönigkeit am Gaumen kommt. Nudeln machen halt glücklich, schon allein weil sie wenig Aufwand bei der Zubereitung bedeuten, gründlich sättigen – aber vor allem, weil sie sehr, sehr günstig sein können, wenn man nicht gerade zu fußgeplätteten Trüffel-Blattgold-Ravioli aus einer tibetischen Pastamanufaktur greift.

Gerade für Studenten ein Klassiker: Nudeln mit Pesto. Normalerweise gibt es eine 500-Gramm-Packung Nudeln und ein Glas Pesto für zwei Euro. Das reicht bei sättigender Rationierung zwei Tage lang, für eine Einzelperson. Da nimmt man es doch gerne in Kauf, kulinarisch im Kreis zu rennen. Vor allem wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Bon appétit. Felix-Emeric Tota

P

Paradoxon Dass massenhafte individuelle Konsumeinsparungen negative Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft haben können, beschreibt das Sparparadoxon. Der Einzelne mag aus nachvollziehbaren Gründen sparen, volkswirtschaftlich führt zurückhaltender Konsum aber zu nachlassender Produktion, ergo: sinkenden Einkommen. Dann müssen individuelle Ersparnisse aufgezehrt werden, um das geschrumpfte Einkommen zu kompensieren. Das Paradoxon wurde als Argument gegen die ➝ Austeritätspolitik in Griechenland verwendet. Kritiker erklären das Modell aber für unplausibel, weil die Ersparnisse nicht dem Wirtschaftskreislauf entzogen würden, sondern sich beispielsweise durch Aktienanlagen nur die Kaufkraft verschiebe. Tobias Prüwer

S

Schwein In der Grundschule bekam ich wie jedes Kind vom Spar-Onkel ein Sparschwein der Sparkasse geschenkt. Tanten und Omas stopften Spenden nur noch in das Schwein, damit der Junge den richtigen Umgang mit Geld (➝ Dispo) lernt. Zum Schwein hatte nur die Sparkasse den Schlüssel, weil ich aber oft an mein Geld musste (Naschwerk, Yps-Hefte und so weiter), begann ich schon früh mit dem Erwerb halbseidener Fähigkeiten, indem ich mittels Tafelmessern versuchte, die Münzen aus dem Schwein zu pfriemeln. Entdeckte ein Erziehungsberechtigter die Kratzspuren, bekam ich geschimpft.

Ich lernte also schon früh die kapitalistische Sicht auf Privatvermögen: Es gehört einem eigentlich nicht, und am besten haut man es deshalb sofort auf den Kopf, bevor irgendwer Kenntnis von seiner Existenz hat. Daran hat sich bis heute nichts geändert, aber ein erfolgreicher Safe-Knacker ist trotzdem nicht aus mir geworden. Uwe Buckesfeld

V

Verzicht Mit etwas Verzicht kommt man mit Hartz IV gut über die Runden. Solches suggeriert ein zynischer Leitfaden für ALG-II-Bezieher, 2013 herausgegeben vom Jobcenter Pinneberg. In einer poppigen Geschichte in Wort und Bild durchlebt eine vierköpfige Familie von der Kündigung bis zur Neueinstellung den angeblich normalen Hartz-IV-Zyklus.

Findige Spartipps sollen die Haushaltskasse zusammenhalten. Die Sippe nimmt den Alltag gelassen, trinkt nicht nur selbstverständlich Leitungswasser, sondern jubelt sogar, weil der Verzicht auf schwere Wasserkästen den Rücken schont. Als man sich kein Fleisch leisten kann, ist Tochter Lara „bester Laune“: „Ich will sowieso Vegetarier werden“ (➝ Nudeln). Im Spülkasten versenkte Ziegelsteine sparen Wasser. Der Zwangsumzug in eine kleinere Wohnung gedeiht zum Glücksfall, denn die neue Bleibe ist „perfekt“. Im angeschlossenen Garten kann man Gemüse ziehen und Papa wollte schon immer den grünen Daumen trainieren: arbeitslos und Spaß dabei. Tobias Prüwer

Z

Zins Die Fragilität unserer heutigen Wirtschaftsordnung lässt sich an nichts so gut ablesen wie am „Preis für die zeitweilige Überlassung von Geld- oder Finanzvermögen“, wie die lexikalische Definition für den Zins lautet. Nur 0,05 Prozent, so wenig wie nie zuvor, bezahlen Geschäftsbanken derzeit, wenn sie sich bei der Europäischen Zentralbank (EZB) Geld leihen. Das wird absehbar so bleiben; den Strafzins von aktuell minus 0,2 Prozent für Banken, die ihr Geld bei der EZB bunkern, werden Europas Währungshüter im Dezember wohl sogar noch weiter senken.

Das ist bedrohlich spektakulär, nicht einfach weil ein Sparbuch nichts mehr abwirft und das in Immobilien und Aktien wandernde Kapital Blasen provoziert. Sondern vor allem, weil der erwünschte Effekt dieser Niedrigzinspolitik ausbleibt: Mit dem massenweise von der EZB ausgeschütteten Geld entstehen keine Investitionen und Arbeitsplätze in der Realwirtschaft (➝ Paradoxon). Die alte Überzeugung, mit Geldpolitik noch jede Krise in den Griff zu kriegen, ist am Ende. So ist die heutige, extravagante Zins- und Geldpolitik für den finanzialisierten Kapitalismus nichts anderes als Beatmung und künstliche Ernährung für einen Sterbenskranken: lebensverlängernde Maßnahmen ohne Aussicht auf Besserung. Sebastian Puschner

06:00 11.11.2015
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare