Weltstadt oder alles Karneval

Berliner Abende Alles hat seine zwei Seiten, was nicht unweigerlich Licht und Schatten bedeuten muss. Was wäre ein Karnevalsumzug ohne Zuschauer? Wer sich ...

Alles hat seine zwei Seiten, was nicht unweigerlich Licht und Schatten bedeuten muss. Was wäre ein Karnevalsumzug ohne Zuschauer? Wer sich herausgeputzt hat, will bewundert werden. Daran ändern auch schlechte Wetterprognosen nichts, nicht mal dann, wenn sie wirklich eintreffen. So tänzelten und trommelten am Pfingstwochenende beim Karneval der Kulturen 4.200 Akteure quer durch Kreuzberg und rund 600.000 Umzugsgäste sahen und hörten ihnen dabei zu. Wobei es in punkto Phantasie zu Übergriffen kam. Und damit meine ich nicht nur die Kleiderordnung und die wohlterminierte gute Laune. Ich lockte zum Beispiel B. mit der Aussicht auf eine echte Thüringer Bratwurst weg vom häuslichen Herd, mitten hinein in die stürmische Stadt. Er wiederum hatte eine Eingebung, die es uns ermöglichte, das mitgeführte Auto für einige Zeit allein zu lassen. Zu Fuß gestaltete sich das Vorankommen zwar nicht leichter, aber wir hatten immerhin kein Parkproblem. Vier Füße finden Platz, auch auf engstem Raum. Mehringdamm/Ecke Yorkstraße erwischten wir den bunten Zug, und als hätten wir es geplant, zogen gerade die Trommler und Tänzer der Gruppe Afoxé Loni in ihren weiß-goldenen Kleidern vorbei. Die Leute aus Bahia, die Vasen mit frischen Blumen auf den Köpfen trugen, würden auch in diesem Jahr den Karnevalszug anführen, hatte ich im Vorfeld gelesen. Also dürften wir noch nichts verpasst haben, konnten aber auch nichts so richtig sehen. Eine dicke Menschenkruste hatte sich um die Yorkstraße gebildet. Viele männliche Passanten hielten sich an Bierbüchsen fest. Und wenn sie mit dieser in die vordere Reihe drängten, kam zusätzlich Stimmung auf. "Na, derf ick vielleicht mal zu meine Braut da vorne oder wollen wa uns heute Abend prügeln?" Frage und Angebot in einem. Der, dem die Rede galt, gibt nach und lässt den Büchsenträger passieren. Mein Nachbar versucht sich derweil per Handy als Lotse. "Mehring/EckeYork, da wo die Apotheke ist. Siehste nicht, Bestattungsladen, hä? Davor das Bierzelt. Genau! Jetzt noch drei Schritte. Guck mal hoch, vor mir son kleines Mädchen, oben auf der Schulter, hat so blonde Zöpfe. Und nen Luftballon, rotes Herz, da steht drauf, warte mal ... nee, Mist, jetzt nimmt sie es gerade runter. ..." Ich weiß nicht, ob sie sich noch gefunden haben. Wir ziehen mit dem Zug weiter, in der Hoffnung auf bessere Sicht und B. wahrscheinlich auf eine Bratwurst. Unsere Entscheidung hat Erfolg. Weiter vorn wird die Kruste bröckliger. Ich kann den Karnevalisten direkt ins Gesicht schauen. Manche erinnern mich an Marathonläufer, andere an die Kelly-Familie. Dabei sein ist alles, da können schon mal Rhythmus und selbst ein Lächeln auf der Strecke bleiben. Schließlich sind es noch einige hundert Meter bis zur Jury-Bühne und dort soll zwei Minuten lang schlichtweg alles gegeben werden. Karneval ist Lebensfreude. Karneval ist Selbstinszenierung. Eine Frau mittleren Alters im Freizeit-Artisten-Dress wirft abwechselnd zwei Kegel in die Luft und fängt sie irgendwie auf. Als Nummer drei ins Spiel kommt, gehen zwei der Kegel zu Boden. Haben Jury-Mitglieder einen Sinn für ungewollte Komik? Ich hoffe es und bewundere den Mut der Akteurin. Der Karneval der Kulturen ist für alle offen, und er ist Bestandteil einer urbanen, pluralen Kultur. Fast eine halbe Million Menschen aus über 180 Nationen leben in Berlin und hinterlassen Spuren, überall in der Stadt. Einer Weltstadt? An solch einem Wochenende scheint es fast so. Für einige Stunden ist die Straßenverkehrsordnung aus den Angeln gehoben, wildfremde Menschen lächeln einander an und die Helfer des Alltags werden zu Sitzmöbeln umfunktioniert. Auf Warte- und Telefonhäuschen, mobilen Toilettenboxen, ja, selbst auf Briefkästen haben es sich Menschen bequem gemacht - telefonieren, essen, trinken und winken dem Karnevalszug. Nach dem dritten, stürmischen Regenguss, bekomme ich auf dem Straßenfest am Blücherplatz zuerst einen orangefarbenen Schal und dann Heimweh. Das Auto steht noch dort, wo wir es verlassen hatten. Wir ziehen uns zurück, wechseln die Stadtbezirke. Auf dem Alexanderplatz, vor der Kongresshalle, entdecke ich erneut eine Menschentraube. Soweit ich es erkennen kann, nur Männer. Endlich sehe ich die Plakate: Erotik-Messe. Ach ja, alle drei Monate gibt es diese Sex-Messe am Alex. Das hätte sich die gute alte Kongresshalle zu DDR-Zeiten nicht träumen lassen. Und das alles mit dem Blick auf das einst gestrenge "Haus des Lehrers"! Wer wollte damals schon essbare Unterwäsche, wo wir doch froh waren, wenn wir überhaupt welche hatten. Und das Wort Recycling war auch noch nicht in aller Munde! Womit wir wieder bei den zwei Seiten wären.

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00:00 08.06.2001

Ausgabe 43/2021

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