Lennart Laberenz
Ausgabe 1216 | 28.03.2016 | 06:00 2

Weltweisheiten vom Dorf

Gesellschaft Juli Zehs neuer 
Roman „Unterleuten“ spielt in Brandenburg auf dem Land – wo ein ermüdender Fatalismus herrscht

Weltweisheiten vom Dorf

Natürlich hat der Nachbar auch gute Gründe für sein Feuer

Foto: Südraumfoto/Imago

„Das Tier hat uns in der Hand.“ Erster Satz, wörtliche Rede, darin sind nicht alle, aber viele Dinge enthalten, die sich über 600 Seiten durch Juli Zehs neuen Roman strecken werden. „Das Tier“ ist Nachbar und Urteil, es spricht eine, die aus der Stadt kommt, jetzt im Dorf wohnt, der Nachbar macht ihr, ihrem Mann und dem Neugeborenen das Leben unmöglich, er benimmt sich, meint sie, wie sich Menschen eben nicht benähmen. Denn „das Tier“ lässt an der Grundstücksgrenze fortlaufend Reifen brennen, der giftige Rauch vermiest Jule und Gerhard den heißen Sommertag, sie verrammeln die Fenster, schwitzen, das Kleinkind schreit, die Nerven liegen blank. Die Feuer selbst deuten auf Macht und Ohnmacht, auf die komplexen Verhältnisse im Dorf und die schwere Bürde, die Nachbarschaft in einem kleinen Ort bedeuten mag. Sie deuten aber auch auf die festen Meinungen, die man über das richtige Leben haben kann, denn natürlich hat auch der Nachbar gute Gründe für seine Feuer.

Unterleuten ist ein Gesellschaftsroman, ein selten gewordenes Genre. Immer häufiger wanderten diese, nachdem sie ursprünglich die Enge der traditionellen Welt durchmessen hatten, im 20. Jahrhundert mit dem Anspruch, die ganze Gesellschaft ihrer Zeit modellhaft abzubilden, in die Städte. Jetzt kehren sie zurück ins Dorf und aufs postindustrielle Land, bleiben aber im Blick der Metropolen.

Juli Zeh hat Unterleuten in Brandenburg angesiedelt. Die Gesellschaft, in die wir hier eintauchen, hat drei wesentliche Probleme: Erstens hat die Geschichte die Region besonders häufig mit Verheerungen bedacht (Raubritter, jahrzehntelange Kriege, Preußentum), sie dafür mit kargen Böden und wenigen Bildungsinstitutionen kaum entschädigt; außerdem liegt Brandenburg wie ein Ring um Berlin, was einem dauernden Ertragen-Müssen gleichkommt. Daraus ergibt sich eine unmoderierte Nähe verschiedener Formen von Kleingeist und Starrsinn, denn hier wie dort glaubt man ganz gern an die eigene Wahrheit.

Eine Art Anti-Habermas

Früh im Geschehen postuliert der Berlin-Flüchtling Gerhard mit Blick auf den verqualmten Garten, dass die „heilige Aufgabe dieser hektischen Epoche“ genau darin liege, „das Bestehende gegen die psychotischen Kräfte eines überdrehten Fortschritts zu verteidigen“, und man ahnt, wie dämlich so etwas im Dorf ankommt. Dennoch kann man noch kurz darüber nachdenken, ob sich in Deutschland die oft bornierte Stadt-Land-Differenz mit weniger bürgerlichen Umgangsformen denn besser als in Brandenburg verorten ließe. Aber da sind wir schon über die ersten Kapitel des Romans hinaus, die interessante Setzung verblasst bereits.

Der Roman folgt den losen Regeln des Genres und lässt subjektive Blicke aufeinanderprallen. Der alte Dorfhäuptling Gombrowski und sein Widersacher Kron sind durch langen Hass fest aneinandergekettet, es gibt einen Bürgermeister, ein paar Unterleutlinge und Familienverästelungen, natürlich siedeln sich Menschen neu an, als Jungfamilien oder Pärchen. Im Ort liest man keine Zeitung, sieht kaum fern und regelt die Dinge unter sich. Juli Zeh zeichnet das Bild eines Fatalismus, wie es ihn wohl wirklich auf dem Land gibt, samt anti-intellektueller Grundstimmung und ermüdendem Postwende-Staatsmisstrauen.

Man muss nur den Ortsnamen auftrennen und kann so etwas wie ein Programm feststellen: Unter Leuten zu sein, zumal unter denen, die den Roman bewohnen, ist eine Katastrophe. Ziemlich weit hinten im Erzählstrang findet sich ein passender Merksatz zu Umständen, die sehr früh sehr klar werden: „Ständig glaubten alle alles zu wissen“, denkt Gerhard, „während in Wahrheit niemand im Bilde war. Statt miteinander zu reden, erfanden die Leute Geschichten, die sich weitererzählen ließen.“ Das Panoptikum des Schreckens, kann man meinen, funktioniert vor allem deshalb so wasserdicht, weil sich alle in die Schützengräben ihrer Meinung zurückgezogen haben und allenfalls Klatsch austauschen.

Das ist erst einmal faszinierend, aber wie es in Unterleuten an Personal wimmelt, wimmelt es auch von Merksätzen: Fast alle Bewohner haben eine feste Meinung, gehen grundsätzlich davon aus, dass die ihrige die richtige ist, und halten sich damit den anderen und darüber hinaus das halbe Universum, die Jugend, das Alter, die Geschichte oder die Moderne oder die Rollen von Frauen oder Männern vom Leib. Juli Zehs Unterleuten ist eine Art anti-habermassche Hypothese.

Dann gibt es Plot. Und zwar die Notwendigkeit, ein paar Windräder in die Landschaft zu stellen. Dadurch kippt die mühsame Balance vollends zu einer Feindseligkeit. Gombrowski und Kron wähnen sich in Konflikten, in denen sie schon den dumpfen DDR-Sozialismus oder den Hurra-Kapitalismus nach 1989 als Möglichkeiten persönlicher Bereicherung gegeneinander verwendet hatten; eine einfach gebaute Frau mit Pferd und kryptofaschistischem Selbstoptimierungsratgeber als Quell ihrer Handlungsmaximen versucht, alle gegeneinander auszuspielen, der gescheiterte Schein-Intellektuelle Gerhard will mit einer Schnepfenart und der Umweltschutzbehörde in der Hand seinen freien Blick aus dem Fenster bewahren. Dazu kommt noch ein am Kleingedruckten der überspannten Dorfsituation desinteressierter Investor aus Ingolstadt; Kinder, die mal verschwinden und wieder auftauchen, entfremdete Freundschaften, erkaltete Ehen, vermutete Liebschaften.

Juli Zeh lotet die wachsende Frontalstellung der einzelnen Charaktere aus, die Motive ihrer Abneigung bleiben subjektiv verständlich – vor allem wenn man die Aufteilung der Welt in Freund und Feind favorisiert. Indem die Windanlagen näherrücken, indem Profit vom Horizont winkt, spitzt sich das Panorama des radikalen Utilitarismus zu. Zeh überführt die Anti-Habermas-Grundlage in ein fortlaufendes AfD-Klima. Jeder folgt seinen eigenen Interessen. Schließlich dämmert Kron das 21. Jahrhundert als „Zeitalter bedingungsloser Egozentrik. Wenn der Glaube an das Gute versagte, musste er durch den Glauben an das Eigene ersetzt werden.“

Allerdings ermüden die vielen Klischees zwischen den hübschen Beschreibungen; wenn man sich an die kunstlose Sprache gewöhnt hat, folgt man dem Treiben in Unterleuten bald mit ähnlichem Interesse, mit dem man vielleicht das Fernsehprogramm der Privatkanäle begleitet: mit der distanzierten Lust an der Katastrophe der anderen. Das trifft nicht im gleichen Maß auf alle Bewohner von Unterleuten zu. Im stabilen Streit zwischen Gombrowski und Kron steckt eine dunkle Faszination, in der Juli Zeh die historischen Verläufe von der Junkerzeit bis durch die DDR schimmern lässt. Dafür fallen ihr zu jüngerem Personal nicht mehr als Strickmuster ein. Oder was soll man von einem „turnschuhweichen“ Computerspiele-Entwickler halten, der den bläulichen Glanz der Monitore schätzt und plötzlich über die Duisburger Loveparade-Toten schluchzt? Was von einer Figur wie Linda Franzen, die ihre coolen Gesten mit heißer Pferdeliebe motiviert und sich ansonsten Mental-Coaching-Müll widmet?

Und weil die Autorin dem Personal ständig banale Weltweisheiten und klischierte Meinungen mitgibt, wächst beim Lesen Langeweile. Der Fleiß, mit dem sich alle „den Umständen“ hingeben und sie weitertreiben, schraubt die Fallhöhe des Gesellschaftsromans sehr weit nach unten. Immer wieder meint man zwischen den Zeilen leise den Gesang von Herrn und Frau Peachum aus Brechts Dreigroschenoper zu hören: „Wir wären gut – anstatt so roh / Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“

Dann muss alles in eine Katastrophe münden, und weil das noch nicht genügt, sucht Juli Zeh auch noch eine Meta-Ebene, verkleidet alles per Epilog zur journalistische Langreportage einer fiktiven Journalistin. Eine seltsam leere Geste, die vom Gesellschaftsroman kaum mehr als ein paar hübsche Beobachtungen und etwas Unbehagen übrig lässt.

Info

Unterleuten Juli Zeh Luchterhand Literaturverlag 2016, 640 S., 24,99 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 12/16.

Kommentare (2)