Wem Deniz Yücel nützt

Pressefreiheit Deniz Yücel ist das Faustpfand von Recep Tayyip Erdogan. Doch seine Inhaftierung nützt auch anderen Akteuren. Zum Beispiel Angela Merkel
Das Springer-Haus in Berlin. Auch sein Verlag fordert die Freilassung von Deniz Yücel
Das Springer-Haus in Berlin. Auch sein Verlag fordert die Freilassung von Deniz Yücel

Foto: Sean Gallup/Getty Image

Sechzehn Quadratmeter. Das ist der Raum, auf dem der Journalist Deniz Yücel seit drei Monaten lebt, man müsste sagen: existiert. In der Einzelhaft im türkischen Silivri nimmt man ihm das Wertvollste – den Kontakt zu Menschen. Seine Angehörigen, seine Frau Dilek, darf er nur eine Stunde wöchentlich sehen, durch eine Trennscheibe. Auch Block und Stift sind verboten. Seinen jüngsten Appell musste er den Anwälten diktieren. Yücel, dem die Türkei Volksverhetzung und Terrorpropaganda vorwirft, stellte klar, dass er keine Auslieferung, sondern einen fairen Prozess verlange. Im Moment deutet nichts darauf hin, dass es bald überhaupt ein Verfahren geben könnte, geschweige denn ein faires. Die Staatsanwaltschaft hat nicht einmal Anklage erhoben. Yücel erklärte die Justizlogik so: „erst Knast, dann Prozess. Also erst jeden Kritiker in Untersuchungshaft stecken, ganz gleich, wie die Anschuldigung lautet und wie die Beweismittel aussehen.“ Da ist es gut, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Yücels Fall nun „vorrangig behandeln“ will.

Deniz Yücel ist das Faustpfand von Recep Tayyip Erdogan. Er ist dem Staatspräsidenten nützlich: Reporter in der Türkei denken nun, wenn sie schreiben, an Yücel, aber auch an die gebürtige Ulmer Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu, die seit einem Monat wegen des Vorwurfs der Terrorpropaganda einsitzt, und an die weiteren mehr als 160 in der Türkei eingesperrten Journalisten. Jene, die noch frei sind, werden sich überlegen, was sie zu Erdogans Säuberungen sagen. Denn: Wer sich einsetzt, sitzt ein. Erdogan hat erreicht, wovon ein Diktator träumt. Den Putsch: niedergeknüppelt; das Referendum: eingesackt.

Deniz Yücel nützt aber auch Angela Merkel. Das Flüchtlings-Abkommen mit der Türkei hat sie zuletzt viel moralisches Kapital gekostet. Jetzt kann sie Erdogan an demokratische Werte erinnern – wie zuletzt beim Nato-Treffen. Merkel hat in Brüssel noch etwas angesprochen: den Luftwaffenstützpunkt Incirlik. Das Besuchsverbot für deutsche Abgeordnete ist die türkische Ätsch-Reaktion dafür, dass die Bundesrepublik derzeit die Asylanträge türkischer Soldaten und Diplomaten prüft. Für Erdogan sind das alles Putschisten und Gülenisten. Die Bundesregierung wiederum droht, den Stützpunkt nach Jordanien zu verlegen, sollte die Türkei nicht einlenken. Es war geschickt, dass Merkel beide Themen miteinander verknüpft hat. Der Streit ums Militär bekommt so etwas Menschliches: Es geht ja auch um Asylbewerber und Journalisten. Merkel kann plötzlich wieder die Flüchtlingsmutti sein. Die Fackelträgerin der Pressefreiheit.

Deniz Yücel nützt auch seinem Verlag. Anfang 2016 vergab die türkische Regierung keine Akkreditierungen mehr; zahlreiche deutsche Korrespondenten verließen das Land. Yücel, der einen türkischen Pass besitzt, blieb. Dann war die Trauer groß. Und die Schlagzeilen erst: „Wir sind Deniz“, titelte Springer-Chef Mathias Döpfner, wie dazumal beim Papst. „Bitte lassen Sie ihn frei“, schrieb Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt an Erdogan. Das war richtig. Die Frage, warum die Zeitung ihn nicht früher in Sicherheit brachte, sie stellt sich dennoch.

In seinem Text, den Yücel anlässlich 100 Tagen Haft jüngst Anwälten diktierte, bat er seine Leser noch, unabhängige türkische Medien wie Cumhuriyet, Birgün oder Evrensel zu unterstützen. Damit „würden Sie mich glücklich machen“, schrieb Yücel, der deutschen Unternehmen empfahl, in diesen Blättern Anzeigen zu schalten, anstatt bloß Regierungsmedien zu bedienen. Beides würde der Pressefreiheit wirklich nützen.

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