Wem gehört der Wald?

Ökologie Wer ihn militarisiert, nationalisiert, ökonomisiert, erstrebt schlussendlich die Unterwerfung des Menschen
Wem gehört der Wald?
Da sind die Räuber! Und allerhand andere widerspenstige Gestalten

Fotos: Justin Farelly / PA

Was ist ein Wald? Eines ist sicher: Es ist mehr als ein Ansammlung von Bäumen verschiedener Art und verschiedenen Alters (um einen Wald schon einmal von einer „Baumschule“ oder einer Weihnachtsbaum-Plantage zu unterscheiden). Ein Wald ist zuerst einmal ein Zusammenhang von Lebensweisen bestimmter Pflanzen, Tiere und vielleicht sogar Menschen, man könnte es schlicht ein lebendes System nennen. Als solches unterliegt es dem Gesetz der Entropie. Es interagiert mit anderen Systemen, es birgt in sich, wie man unmathematisch sagt, das „Maß der Unordnung“. Was unter anderem bedeutet, dass ein Wald gar nicht anders kann: Er ist immer auf eine ganz spezielle Weise lebendig, er ist immer auch auf eine ganz spezielle Weise schön.

Asterix’ magische Quelle

Die Zeiten, in denen Menschen sozusagen natürliche Teile des Waldes sein konnten, Waldbewohner unter Waldbewohnern, sind weitgehend vorbei. Stattdessen steht der Mensch nun dem Wald gegenüber, vor allem, darin wären sich Tarzan, Peter Handke und der Avenger Hawkeye einig, als Störenfried. Denn einerseits wird in diesem Wald etwas gesucht, die Beute, der Bodenschatz, das Material, was aus dem lebenden System Wald eine Ansammlung toter Dinge macht, die entweder Profit und Macht bedeuten, oder nur im Weg sind. Andrerseits aber wird derselbe Wald, den man, wie man so sagt: gnadenlos auszubeuten bereit ist, ästhetisch und ideologisch überhöht, also noch einmal getötet.

Diese doppelte Inbesitznahme hat eine lange Geschichte; in unserem historischen Gedächtnis beginnt sie vermutlich mit dem Feudalismus. Der Fürst machte den Wald zu seinem höchsteigenen Jagdparadies; seinen Untertanen, die nicht zum Vergnügen, sondern aus Hunger jagen oder sammeln würden, drohte er mit dem Schlimmsten. Aber ein Wald ist nicht so einfach zu beherrschen wie ein „kultiviertes“ Terrain, deshalb sammelte sich schon immer in ihm, was an Dissidenz und Blasphemie möglich war, Robin Hood, Little John und Bruder Tuck als Archetypen, und je bürgerlicher, das heißt kapitalistischer die Welt wurde, desto dringlicher wurde die Warnung: Im Wald, da sind die Räuber. Nach Jagdparadies und Nutzraum wurde der Wald zum Rückzugsort, ein Raum mal fröhlicher, mal düsterer Freiheit. Der Ort von Zivilisationsflucht und -kritik.

Und Etliches von dem, was unter der rationalen Oberfläche des Bürgers brodelte, konnte nur dem „dunklen“, dem „undurchdringlichen“ Wald zugeschrieben werden: Hexen, Wölfe, Kobolde, einsame Großmütter und nicht minder einsame Jäger, die es nicht übers Herz bringen, die Königskinder zu töten. Im Wald gehen die Kinder verloren, oder sie finden sich erst, wie man es nimmt. Die Geheimnisse der Welt, die überall gelöst werden, ziehen sich in den Wald zurück. Kurzum: Das Bürgertum übernimmt vom Adel den Besitzanspruch, neben den feudalen Besitz treten in unterschiedlichen Verhältnissen Staatsbesitz und Privatbesitz, Landwirtschaft und Forstwirtschaft sollen vernünftig miteinander verknüpft werden, die Jagdpacht soll städtische Eliten mit dem Land verbinden (und Wildern wird zum vitalistischen Widerstandsakt). Aber zugleich spaltet es von ihm den magischen, den mythischen und schließlich den therapeutischen Raum ab. So wird schließlich aus der romantischen Projektion das „natürliche“ Angebot für körperliche und geistige Gesundheit. Was ist nicht alles bei Waldspaziergängen schon gedacht, gesagt und geklärt worden, oder auch nicht. Ach, herrlich, diese Luft!

Kompliziert wie die Geschichte nun mal eben ist, gingen die materiellen und die ideellen Besitznahmen des Waldes niemals ineinander auf. Das System blieb fundamental widersprüchlich: das Glück und die Gefahr, der Reichtum und das Elend, die Schönheit und ihre Vernichtung, die Ausbeutung und die nationale Metaphorik (als müsse auch noch ein Wald „deutsch“ werden, bevor man ihn respektiert). Mehr noch als an anderen Kriegsschauplätzen, der Wüste, dem Berg, dem Meer, blieben dem Wald die Wunden erhalten, das Verbrennen, Entlauben (der furchtbarste Waldkrieg von Vietnam) und Schussfeld-Schaffen, sodass uns umgekehrt stets beim Anblick zerstörten Waldes die Assoziation Krieg erfasst.

Man könnte theoretisch dieses System 1. Sich selber überlassen, 2. Es „schützen“ (vor der Interaktion mit anderen Systemen), 3. Es bewahren, indem man „Verschmutzungen“ und Entropie entgegenwirkt, 4. Es nutzbar machen, indem man dem System entnimmt (Holz zum Beispiel), auf destruktive Weise (Abholzen, Roden) oder (mehr oder weniger) konstruktive Weise, indem man exakt das, was man entnimmt, auch wieder zurückgibt. 5. Es einfach vernichten (zum Beispiel weil ein Golfplatz mehr einbringt oder ein Grenzwall Baumaterial und Schussfeld braucht), 6. Es musealisieren (zum „Park“ wie in „Nationalpark“ erklären, ein Widerspruch in sich).

Für Asterix und Obelix gibt es, neben der Drohung, der Himmel könne ihnen auf den Kopf fallen, nur eine wirkliche Gefahr: Die Römer könnten ihren Wald zerstören. Denn dieser Wald war ihnen alles: Nahrungslieferant, Schutzzone, magische Quelle (der Zaubertrank bekommt hier seine Zutaten), und was das Körperliche anbelangt, genügt der Hinweis auf den Hund Idefix, der eine ganz spezielle Beziehung zu Bäumen unterhält. (Glücklicherweise rammt Obelix die Bäume schneller wieder in den Boden, als die Römer sie fällen können.) Mit Asterix jedenfalls können wir begreifen, dass die Frage „Wem gehört der Wald?“ nicht nur eine ökonomische und eine politische, sondern auch eine kulturelle Dimension hat. Und nun kommt eine vierte Dimension hinzu: die ökologische.

Mit der Moderne nämlich kommen drei weitere Aspekte hinzu. Erstens wird erkannt, dass der Wald nicht nur ein System für sich ist, sondern auch Teil eines größeren Systems, das mit allerlei lebensnotwendigen Dingen zu tun hat: Klima, Luftqualität, Wasserhaushalt, Bodenerosion usw. Da zweitens erkannt wird, dass der Wald immer mehr ein gefährdetes System ist und die meisten Eingriffe, wie zum Beispiel Monokulturen der Aufforstung, fatale Folgen zeitigen, Brand, Krankheit, Verkümmerung, wird die Frage „Wem gehört der Wald?“ nun auf eine neue Art dringlich. Jetzt wird nämlich drittens klar, dass man das, was man einem einzelnen Wald antut, der ganzen Welt antut. Daraus kann nur eine Kette der Beziehungen entstehen: Um die Welt zu retten, muss man den Wald retten, um aber den Wald zu retten, muss man die Besitz- und Machtverhältnisse ändern.

So beginnt also die Ahnung, dass der Wald niemand anderem gehören dürfte als allen Menschen gemeinsam und dass umgekehrt die Idee, den Wald zu retten, Menschen aus den verschiedensten Erdteilen, Kulturen und Klassen miteinander in Verbindung setzt. Wie das Wasser, wie die Luft, wie die Fantasie ist auch der Wald ein Naturrecht des Menschen und bündelt die Energien gegen die endgültige, fundamentale und totale Kapitalisierung und Militarisierung der Welt.

Kapitalismus ohne Maske

Genau dies ist der Punkt, an dem diese Verhältnisse von Macht und Besitz eine neue (alte) Waffe einsetzen. Man nennt sie verharmlosend „Rechtspopulismus“, und was immer ihre Vertreter mit Ideen, Menschen und Kulturen anstellen, dies gehört dazu: die Leugnung von Umweltproblemen und Klimaveränderungen. Donald Trump, Jair Bolsonaro, die AfD und die italienische Lega sind sich darin einig, dass man Wälder vernichten muss, um Boden zu erzeugen, den man profitabel oder militärisch nutzen kann. Natürlich stehen sie damit in den Diensten eines Kapitalismus, der seine allerletzten konservativen Hemmungen verloren hat. Aber die Verleugnung jeglicher Verantwortung gegenüber dem lebenden und schönen System Wald betrifft dann bei der Frage „Wem gehört der Wald?“ auch hier am Ende die kulturelle Dimension. Wir haben den Wald in unserer Kulturgeschichte als polyphonen, ambiguen und fantastischen Ort bewahrt, Idylle und Utopie, Neugier und Furcht, Eros und Philosophie. Es ist nicht Rücksichtslosigkeit, Kapitalisierung und Militarisierung allein, was die Rechten so zur Vernichtung des Waldes drängt; es ist wohl auch der Widerwille gegen das Undisziplinierte, Wilde, Gemischte und Metaphorische, das im Wald verborgen ist. Indem die Rechten den Wald nationalisieren, ökonomisieren und militarisieren, erhoffen sie sich in der Unterwerfung der Natur auch die Unterwerfung des Menschen. Im Wald erwarten die Faschisten Widerstand. Zu Recht.

06:00 08.09.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 68

Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt