Wem gehört die Fabrik? Uns!

Arbeitskampf Die Streiks bei Bahn und Kik waren richtig. Doch sie offenbaren, wie sehr Arbeitnehmer am Stockholm-Syndrom leiden. Dabei ist Lohnarbeit alles andere als naturgegeben
Patrick Spät | Ausgabe 48/2014 25

Wir streiken / Maschinen Stopp / Streik bis zum Sieg / Wir werden kämpfen / und uns gehört die Fabrik!“ Diese Zeilen gaben Ton Steine Scherben den protestierenden Menschen 1970 mit auf den Weg. Dagegen sind die jüngsten Streiks bei der Bahn und im Zentrallager des Textil-Discounters Kik eine Kleinigkeit. An der Eigentumsfrage rüttelt niemand mehr: Die Streikenden kämpfen zwar völlig zu Recht, aber zunächst nur für ihre Existenzberechtigung als Lohnarbeiter. Sie fordern bessere Tarifverträge und etwas mehr Macht für ihre Gewerkschaft statt einer Beteiligung an den Produktionsmitteln. Sie wollen ein paar Krümel, nicht den ganzen Kuchen. Doch schon die Krümel gönnt ihnen kaum jemand. Der öffentliche Bannstrahl trifft den Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, weil der angeblich vermessene Forderungen stellt.

Arbeitgeber trichtern uns ständig die Mär von Wachstum, Wettbewerb und Standortsicherheit ein. Nur enger geschnallte Gürtel ermöglichten sichere Arbeitsplätze. All das sei: alternativlos.

Die Arbeitnehmer glauben diesen Mumpitz. Das ähnelt dem Stockholm-Syndrom, bei dem die Opfer von Geiselnahmen nach und nach ein positives Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Warum kuscheln wir mit unseren Kidnappern? Seit Antonio Gramsci wissen wir es: Es liegt an der Hegemonie. Politik und Wirtschaft setzen ihre Interessen durch und bringen ständig zustimmungsfähige Ideen in Umlauf; die Menschen glauben irgendwann, alles geschehe im Allgemeininteresse.

Hegemonie und Stockholm-Syndrom sind so wirkmächtig, dass wir sogar freiwillig auf mehr Freizeit verzichten: 2012 votierten zwei Drittel der Schweizer gegen eine Anhebung des gesetzlichen Mindesturlaubs von vier auf sechs Wochen. Du willst mehr Müßiggang? Faule Socke! Arbeitsplatzgefährder! Sozialschmarotzer!

„Für jeden Dollar, den der Boss hat, ohne dafür zu arbeiten, hat einer von uns gearbeitet, ohne einen Dollar dafür zu erhalten“, sagte der 1928 gestorbene „Big Bill“ Haywood, Mitbegründer und Leiter der Gewerkschaft Industrial Workers of the World. Bahnchef Rüdiger Grube verdiente 2012 rund 221.000 Euro monatlich; dafür muss ein Lokführer sechs Jahre lang schuften. Wir verdingen uns Woche für Woche, um den Profit von Unternehmen zu mehren. Erinnern wir uns: Die Wurzeln der Lohnarbeit sind blutig. Seit dem 16. Jahrhundert entrissen die Herrschenden der Bevölkerung die Allmende. Fortan gab es keine freien Wälder, Weideflächen und Brunnen. Menschen hungerten, wurden proletarisiert und mussten ihre Arbeitskraft in städtischen Fabriken verkaufen.

Die ersten Lohnarbeiter sträubten sich noch vehement, für einen profitorientierten Unternehmer tätig zu werden. Es gab Aufstände. Und wer genügend Geld verdient hatte, um über die Runden zu kommen, ließ buchstäblich bis zum Monatsende den Hammer fallen. Lohnarbeit galt den Menschen als unehrenhaft und entwürdigend. Heute jedoch akzeptieren wir sie als naturgegeben wie den Sonnenaufgang.

Keine Angst vor Utopien

Streiks sind der notwendige Protest gegen die Zumutungen des Kapitalismus. Ja, Lohnerhöhungen, Frührente, Arbeitszeitverkürzung und Gewerkschaftsprivilegien sind wichtig. Aber doch nur Schönheitsreparaturen in den Ruinen des Kapitalismus. Für eine Kernsanierung müssen wir zuerst das Schmusen mit unseren Kidnappern beenden. Schon an die Forderung nach einer 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich wagt sich heute aber keine große Gewerkschaft.

Dabei muss es heute darum gehen, Utopien wieder Wirklichkeit werden zu lassen. Darum, dass die Allgemeinheit wieder stärker an der Allmende und an den Unternehmen beteiligt wird. Nur so kann verhindert werden, dass andere Menschen ein Leben als Lohnsklaven fristen müssen.

Die Lohnarbeit wurde den Menschen ans Bein gekettet – aber diese Fessel lässt sich abwerfen. Man muss es nur wollen. Streiks wie die der Bahn- oder der Kik-Beschäftigten können dabei nur der Anfang sein. Erst wenn die Streikenden endlich wieder die alles entscheidende Eigentumsfrage stellen, dann wird uns wieder die Fabrik gehören.

Patrick Spät ist Autor und veröffentlichte im Juli das Buch Und, was machst du so? Fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch

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