Wem gehören die Melodien des Balkans?

Im Gespräch Shantel, der "König des Balkan Pop", über den Glam am Provinziellen, technische Feinheiten beim Remixen und falsche Vorstellungen von Weltmusik

Wenn man es weiß, erübrigt sich jede Frage nach Bedeutung: Shantel heißt eigentlich Stefan Hantel. 1968 in Frankfurt am Main geboren, gründete er als DJ Mitte der neunziger Jahre zusammen mit Daniel Haaksman das Label Essay Recordings. Eine Reise in die Heimat seiner Großeltern im Jahr 2000 beeinflusste Shantels Schaffen nachhaltig: Zurück aus Czernowitz in der Bukowina wendet er sich der poptauglichen Bearbeitung von Roma-Blasmusik zu. Er etabliert eine Veranstaltungsreihe namens "Bucovina Club", seine Remixe tauchten in dem Film Borat auf. Kürzlich erschien das Album Disko Partizani.

FREITAG: Shantel, als DJ und Produzent verbinden Sie Balkan-Traditionals mit Elektro-Beats. Wie sind Sie darauf gekommen?
SHANTEL: Eher durch Zufall. Um mein Grafik-Design-Studium zu finanzieren, habe ich in Frankfurt im Rotlichtviertel Partys gemacht. Irgendwann ist mir das Repertoire ausgegangen. Deshalb habe ich angefangen, im Schlafzimmer eines Freundes Tracks zu produzieren, um sie aufzulegen.

Ein großer Teil des Erfolg Ihrer Bucovina-Club-Sampler geht ja auf die Verpackung zurück: Sie haben Stücke von traditionellen Romabands in einen neuen Kontext gestellt und sie damit erst einem neuen Publikum zugänglich gemacht. Wie haben Sie das gemacht?
Ich war öfters bei Konzerten, wenn etwa ein traditionelles Orchester aus Mazedonien aufgetreten ist. Dabei hatte ich nicht selten den Eindruck, als wäre ich in einem Museum gelandet, und dachte mir: Das kann´s nicht sein. Die Wurzeln dieser Musik sind doch populär. Das ist Musik für Hochzeiten, man kann sagen Dienstleistungsmusik, die ständig durch Moden verändert wurde. Deshalb habe ich versucht, diese Musik vom Musealen zu befreien, sie zu öffnen und wegzukommen von dem verbreiteten Klischee der lustigen Balkan-Bauernhochzeiten à la Kusturica.

Was ist schlecht an Kusturica?
Ich finde Kusturica nicht schlecht. Aber mir geht es um etwas anderes: um das Crossover von Tradition und Moderne, die Verbindung von etwas Provinziellem mit etwas Großzügigem und Glamourösem. Bei der Liveshow des Bucovina Club habe ich viel experimentiert. Zum Beispiel habe ich einen Maschinenfuhrpark auf die Bühne gestellt, die Band spielte zum vorgegebenen Beat. Aber das war es auch nicht. Denn die Musik muss dynamisch sein, da macht der Sequencer einfach nicht mit. So bin ich, Schritt für Schritt, darauf gekommen, dass ich den Ausdruck des Spielens mit der Band zusammen erarbeiten muss, ohne dass es wie eine Folkloreband klingt. Andererseits soll es auch nicht die stumpfe Four-to-the-Floor-Nummer sein, wo nach dem 16. Takt das obligatorische Violinensolo kommt. Es muss eine organische, frische Konstellation sein.

Sie haben in der Tat der Balkan-Musik neuen Glamour verliehen. Aber so viel machen Sie ja gar nicht anders: etwas mehr Beat, ein anderes Outfit. Was fehlte denn vorher?
Ich habe die Aufnahmetechnik verändert. Die klassische Weltmusik-Aufnahme beruht quasi auf ein paar guten Stereo-Mikrophonen - das klingt auf einer großen Anlage einfach nicht gut: zu mittig, zu hart. Wenn wir Stücke remixt haben, dann ging es nicht darum, sie vordergründig diskothekentauglich zu machen. Wir wollten den Charakter des Stückes beibehalten, aber es konzentrieren, damit es in diesen verrückten Nächten à la Bucovina Club funktioniert und eine organische und erotische Stimmung entsteht. Die kriegst du nur mit satten, warmen Bässen und einer ausgetüftelten Rhythmik hin. Dafür musste man praktisch alle Stücke editieren und neu zusammen setzen, um das Feeling und die Metrik noch zu spüren, also die byzantinisch-orientalische Tonalität und die verschiedenen Rhythmen und Einflüsse. Sonst bügelt man es einfach platt.

Der Musiker Goran Bregovic, der mit seinen Soundtracks für die Kusturica-Filme viel zur Popularisierung der Balkan-Musik beigetragen hat, ist dafür hart kritisiert worden: Er würde die Tradition ausbeuten und sich daran bereichern, lauteten die Vorwürfe.
Da wird es fast schon religiös. Diese Kritiker reden wie die katholische Kirche, die ihre Dogmen vertritt und beharrt, dass nichts verändert wird.

Es ging dabei auch um Fragen des Copyrights. Wem gehören die traditionellen Melodien des Balkans?
Das ist ein interessanter Punkt. Ich erlebe es manchmal, dass ein türkischer Komponist sagt: Das ist mein Lied, das habe ich 1953 geschrieben. Und jemand anderes aus Serbien sagt: Nein, das ist doch viel älter. Tatsache ist, dass es die meisten Melodien, die in diesem Genre Hits sind, schon seit 200 oder 300 Jahren gibt und sie immer wieder neu arrangiert oder ergänzt wurden. Ein anderer Vorwurf lautet, diese Musik könne oder dürfe nur von Roma gespielt werden. Das ist merkwürdig, denn diese Musik ist immer von unterschiedlichsten Musikern gespielt, interpretiert und weiter entwickelt worden - manche waren Roma, andere nicht. Bei meinen Begegnungen mit Musikern wie Boban Markovic hat es solche Diskussion nie gegeben. Und im Spektakel, im Konzert, auf dem Fest, wenn diese Musik lebendig wird, sind solche Fragen ohnehin sekundär.

Also gibt es kein Original?
Mozart hat sich bei ungarischen Sinti und Roma bedient, Béla Bartók auch. Beethoven hat wiederum bei Mozart geklaut. Es ist ein ständiges Tauschgeschäft. Es ist absurd, auf ein Original zu pochen. Das funktioniert einfach nicht.

Warum nicht?
Kontinentaleuropa ist musikalisch ein Hybrid, ein Bastard, ein Cocktail aus verschiedensten Einflüssen. Man kann die Musik vom Balkan auch nach Nationalitäten sortieren: Dann gibt´s da die serbische Musik, die rumänische Musik, und dann gibt´s das Paradoxum par excellence, die Romamusik. Bis heute konnte mir niemand erklären, was das sein soll. Ich glaube, dass die traditionelle Musik in Südosteuropa in Tausenden lokalen Sounds und Varianten existiert. Die Idee, dass ein reines Original existiert, vertreten nur selbst ernannte Gralshüter. Ich halte das für eine Sackgasse. Bucovina Club will Vermischung. Wenn einige unseren Sound für Verrat am Schönen, Wahren, Guten halten - okay, dann sollen sie das halt.

Auf Ihrer neuen CD "Disko Partizani" wird viel Englisch gesungen. Warum?
Ich lebe in Deutschland, in Westeuropa. Ich will keine Originalmusik vom Balkan kreieren. Ich bin hier, meine Sprache ist Deutsch, und auf Tour oder im Ausland reden wir meistens Englisch. Warum also nicht Englisch singen?

Schielen Sie auf den britischen und amerikanischen Markt?
Die Richtung der meisten Musiktrends war bisher von Westen nach Osten: Die Musikmoden schwappten von New York oder London zu uns herüber. Das ist mit den Balkan-Beats jetzt auf den Kopf gestellt. Also: Warum nicht Englisch singen? Englisch ist kosmopolitisch, es ist die Sprache des internationalen Pop- und Rockgeschäfts. Das ist ja nichts Schlechtes, im Gegenteil. Auch bei früher brasilianischer Musik oder bei den Anfängen des Bossa Nova gab´s ja immer englische Songs.

In den USA muss man Englisch singen, um zu bestehen - siehe Shakira. Warum nicht deutsch?
Deutsch klingt meiner Meinung nach nicht gut. Obwohl es Ausnahmen gibt: Zum Beispiel Muhabett, der auf Deutsch diese byzantinischen Skalen singt. Das finde ich sehr interessant.

Gibt es eine Grenze, wo Sie sagen: Das ist zu viel Pop, zu wenig Balkan?
Es gibt im Zuge der Balkan-Welle ein paar seltsame Blüten, die für mich fast einen Etikettenschwindel darstellen. Also wo keine byzantinisch-orientalischen Melodien und Rhythmen mehr vorkommen, sondern Rock oder Punk im Vordergrund stehen. Der Balkan ist da nur noch reine Behauptung.

"Disko Partizani" ist auch sehr poppig geraten. Haben Sie da an Radiotauglichkeit gedacht?
Ja, wir wollen diesen doch sehr eingleisigen Radio-Mainstream aufmischen. Pop ist halt klar dominiert von angloamerikanischen Produktionen. Das ist nicht schlecht. Aber wenn es nur so ist, bekommt man Skorbut. Auf Festivals etwa in Rio, haben wir zwischen Daft Punk und den Beastie Boys gespielt. Das war eine Herausforderung. Aber der stelle ich mich. Dazu mache ich das ja.

In Ländern wie Griechenland, der Türkei oder auf dem Balkan gibt es bereits eine sehr kommerzielle Popmusik, die Elemente aus der traditionellen Folklore aufnimmt. Wie stehen Sie dazu?
Ja, in Rumänien nennt sich das Manele, in der Türkei gibt es die Arabesk-Musik und in Serbien den Turbo-Folk. Das ist daily consumer music, die viel mit Synthesizern, Drum-Machines und Keyboards arbeitet. Sie spielen nicht mehr auf akustischen Instrumenten - da zerbricht dann schnell das heile Bild vom Weltmusiker. Viele finden es ja auch furchtbar, dass es afrikanische Musiker gibt, die E-Gitarre spielen. Ich habe da keine Berührungsängste. Ich denke, das Gros dieser Schlager-Folklore ist Schrott. Aber es gibt immer ein paar Titel, die super sind: zeitlose, szeneübergreifende Stücke, die funktionieren.

Zeigt dieser Folklore-Schlager nicht auch, dass die traditionelle Musik verschwindet?
Ja, aus ökonomischen Gründen. Es ist leider so, dass die Hochzeitsbands, etwa in der Türkei oder auf dem Balkan, mit einem Keyboard und einem Solo-Musiker viel effektiver und billiger sind: Sie haben ein großes Spektrum drauf und klingen groß. Das Orchester mit einem Dutzend Musiker dagegen ist viel teurer, deshalb ist es vom Aussterben bedroht. Die Trash-Schlagerkultur ist auch eine Antwort auf ein klares ökonomisches Defizit - auf die Armut, die in Südosteuropa nach 1990 gewachsen ist.

Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihres "Bucovina Clubs"?
Egal, ob wir in Istanbul oder Zürich spielen: die Emotionalität ist immer da. In Griechenland sind gleich Bierdosen geflogen, als wir da aufgetreten sind, es war wie ein Punkkonzert. Aber hinterher wurden die Jungs dann von ihren Müttern abgeholt. Es gibt bei uns keine Geschmacksvorgaben: Man muss nicht cool sein, und es gibt keine Regel, wie man zu tanzen oder was man anzuziehen hat. Deshalb können sich so viele verschiedene Szenen und Gruppen auf diese Musik einigen.

Hat der Erfolg dieser Musik auch etwas mit den Migranten in Europa zu tun? Haben die ein besonderes Gespür für diese Musik?
Schon bei unseren ersten Partys war es so, dass immer ein paar Migrantenkids aus Serbien, Griechenland oder Rumänien da waren. Viele haben gesagt: Wir fanden diese Art von Musik immer fürchterlich, das war der Sound unserer Großeltern. Oder: Das war der Klang dieses miefigen Tito-Jugoslawiens. Manche haben sich über den Bucovina Club diese Musik wieder angeeignet. Das ist für mich auch ein Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins nach dem Motto: Wir sind nicht die Hinterwäldler und die Ostblock-Flüchtlinge, für die ihr uns haltet. Wir sind kulturell genau so stark wie ihr und können auch mit der aktuellen HipHop-Produktion auf MTV oder der britische Gitarren-Melody-Band mithalten. Vielleicht haben wir sogar noch mehr Dampf im Kessel als die.

Das Gespräch führten Daniel Bax und Stefan Reinecke


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