Wem gehört das Haus?

Das Künstlerhaus Bethanien Berlin Seit einigen Monaten teilweise besetzt, ist die Zukunft des Gebäudes ungewisser denn je. Die Stadt will es verkaufen, Kreuzberger wehren sich dagegen

"Besetzung zweiter Stock links!" Solche kopierten Hinweisschilder sorgten dafür, dass die Besucher sich nicht im Berliner Künstlerhaus Bethanien verirrten, als am 11. Juni das ehemalige Krankenhaus besetzt wurde. Die Bewohner der Yorckstraße 59, nach der Räumung ihres Hauses heimatlos geworden, zogen während eines Straßenfestes kurzerhand in den leerstehenden Seitenflügel des Gebäudes ein. Abgesehen von einigen an die Wände gesprühten Parolen, ging es bei dieser Besetzung recht gesittet zu. Gesitteter jedenfalls als vor 34 Jahren, als das Bethanien schon einmal besetzt wurde. Im Winter 1971 fand hier eine der ersten Hausbesetzungen der Bundesrepublik statt. Nach einem Konzert der Ton Steine Scherben wurde das ehemalige Krankenhaus von West-Berliner Linken zusammen mit obdachlosen Jugendlichen besetzt. Die Band verewigte die Aktion in ihrem berühmten Rauch-Haus-Song, dessen einprägsamer Refrain in den folgenden Jahrzehnten bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten geschmettert wurde: "Das ist unser Haus / schmeißt doch erstmal Schmidt und Preß und Mosch aus Kreuzberg raus!" So wurde das Bethanien ein politischer und popkultureller Mythos, auch wenn die aufgezählten Namen von Berliner Lokalpolitikern den meisten Mitsängern sicher völlig unbekannt waren.

Heute heißen die Lokalpolitiker Reinauer und Postler und gehören zur Linkspartei beziehungsweise SPD. Aber die Fronten zwischen der Stadtregierung und denen im Bethanien sind nicht mehr so eindeutig wie einst. Die Besetzer von heute gehören einer anderen Generation an, auch wenn sie sich auf die Tradition beziehen, die 1971 begann. Die Kreuzberger Yorckstraße 59 war seit 1988 Wohnprojekt, von einem Trägerverein gemietet. 60 Menschen, darunter zehn Kinder lebten hier, während andere Teile des Gebäudes von politischen Gruppen wie der Antirassistischen Initiative Berlin (ARI) für Treffen und Veranstaltungen genutzt wurden. Lange Zeit war die Yorckstraße 59 ein wichtiger Teil der linken Infrastruktur in der Hauptstadt, bis schließlich im Sommer dieses Jahres ein neuer Hausbesitzer die Räumung durchsetzte. Zuvor war der Versuch der Bewohner, das Gebäude zu kaufen, gescheitert.

Obwohl sich die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) eigentlich für den Erhalt des Projektes ausgesprochen hatte, kann ihr der Umzug von der Yorckstraße ins Bethanien-Gebäude nicht recht sein. Denn es geht nicht nur um 60 Berliner, die demnächst vielleicht ohne Bleibe sein könnten, sondern auch um die Zukunft des Bethanien-Komplexes, den sie gern loswerden möchte: Vor drei Jahren beschloss die BVV mit den Stimmen von PDS und SPD, das Gebäude zu verkaufen, allerdings nur unter der Maßgabe einer kulturellen Nutzung. Die jährlichen Unterhaltskosten von 600.000 Euro sind dem Bezirk zu hoch. Ein "internationales kulturelles Gründerzentrum" sollte anstelle des schmuddeligen "Gemischtwarenladens" entstehen, die sozialen Einrichtungen ausziehen. Nur die kulturellen Institutionen wie die Musikschule, die Druckwerkstatt, der "Kunstraum Kreuzberg" und die beiden Kunstinitiativen "Künstlerhaus Bethanien" dürfen dann bleiben.

So wie auf dem Sommerfest von "New Yorck", wie die Besetzer ihr neues Domizil nennen, könnte es in den siebziger Jahren auch ausgesehen haben: Kinder mit geschminkten Gesichtern tollen auf dem Rasen, Hunde rennen durch die Gegend, während Teilzeit-Gaukler bunte Bälle in die Luft werfen. Seit 1969 steht das 1847 erbaute neugotische Gebäude mit den spitzen Backsteintürmchen unter Denkmalschutz. "Schön ist es hier!", sagt Jens Weber, früher wohnhaft in der Yorckstraße, heute im Bethanien. Nach dem über einjährigen Kampf um ihr Hausprojekt hofften die Besetzer, hier bleiben zu können, bis ein Ausweichobjekt gefunden ist. Zeitlich lag die Besetzung günstig: mitten im Wahlkampf wollte keine Partei Sympathien bei den hart umkämpften Kreuzbergern verlieren. Zusammen mit dem "Mythos Bethanien" brachte das öffentliche Aufmerksamkeit, den die Besetzer für sich zu nutzen wussten.

Die meisten Sympathien genießen sie noch bei den Grünen. Finanzstadtrat Lorenz Postler (SPD) hätte das Gebäude eigentlich sofort von der Polizei räumen lassen; die Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer (Linkspartei) wollte die neuen Bewohner wenigstens bis zum nächsten Jahr dulden. Mittlerweile allerdings hält sie die Verhandlungen für gescheitert und erklärt öffentlich, es werde polizeilich geräumt, sollten die Besetzer nicht bis Ende Oktober verschwunden sein. Jens kann das nicht verstehen: "Nicht wir haben die Verhandlungen abgebrochen! Wir wollen nur vertraglich zu gesichert bekommen, bis Ende Mai 2006 hier bleiben zu können."

Geht es der Bezirksregierung beim Verkauf um die Aufwertung einer der ärmsten Gegenden Berlins? Sehr begehrt ist das Kaufobjekt jedenfalls nicht. Nur ein möglicher Käufer zeigte sich ernsthaft interessiert, die M+R Arendt GmbH aus Bad Homburg. Eigentlich sollte der das Gebäude zum Jahresanfang 2006 übergeben werden, aber die Verhandlungen zogen sich hin. Ein konkretes Nutzungskonzept legte Arendt nicht vor, auch über die Konditionen des Vertrags gab es unterschiedliche Vorstellungen.

Nun mischt sich auch eine Bürgerinitiative von Anwohnern unter dem Namen "Zukunft für Bethanien" ein. Sie will den Verkauf mit einem Bürgerbegehren stoppen, eine neue Möglichkeit im Berliner Landesrecht. Im Vergleich zu anderen Bundesländern liegen die Hürden dafür niedrig. Nur knapp 5.000 Unterschriften müsste die Initiative sammeln, um eine lokale Abstimmung über die Privatisierung zu erzwingen. Deren Ergebnis wäre dann rechtlich ebenso bindend wie ein Beschluss der Bezirksregierung.

Mittlerweile hat sich die Arendt GmbH zurückgezogen, wegen "der unklaren Verhältnisse im Bethanien". Bei den Anwohnern und den Nutzern allerdings gibt es ganz unterschiedliche Wünsche für die Zukunft. Während die Besetzung manchen Einrichtungen wie der Kindertagesstätte Kreuzberg Nord möglicherweise eine weitere Gnadenfrist verschafft, halten andere eine Privatisierung sogar für das geringere Übel. "Einige der Nutzer sind für den Verkauf, nur damit es endlich wieder bergauf geht", sagt Claudia Kessel von der Initiative. Jahrelang habe der Bezirk das Gebäude vernachlässigt. Sie ist für eine Zukunft, in der sowohl Kultur als auch Soziales einen Platz im Bethanien haben. Die Unterhaltskosten ließen sich senken, wenn das Gebäude nur wieder von mietezahlenden Initiativen bezogen werde, argumentiert sie.

"Die Usurpationsgelüste der Besetzer sind kulturlos", meint dagegen Christoph Tannert, Geschäftsführer des Künstlerhauses Bethanien. "Die künftige Nutzung kann nur im Bereich der professionellen Kunstproduktion liegen." Er leitet das bekannteste Projekt im Haus: Das Künstlerhaus fördert die zeitgenössische Kunst und beherbergt internationale Künstler. Einen politischen Hintergrund der Besetzung kann Tannert nicht erkennen: "Ich halte die Aktion der Besetzer weder für angemessen noch entschuldbar, weder für politisch motiviert noch für tolerierbar." Er sieht durch die Hausbesetzer die Arbeit des "Künstlerhauses" gefährdet. Aber nicht alle Nutzer des ehemaligen Krankenhauses wenden sich gegen die Besetzung. "Nachdem wir eingezogen waren, haben die Kinder der Tagesstätte mit den Erzieherinnen Schilder gemalt, auf denen stand ›Willkommen, Yorck!‹", erzählt Jens. Auch mit den anderen gebe es keinen Streit. "Tannert scheut das Gespräch mit uns und schickt gleichzeitig seine Hetzbotschaften über die Presse", beschwert er sich.

Die Initiative "Zukunft für Bethanien" lädt nun regelmäßig wieder zum "Kiezpalaver" in die alte Kantine - eine weitere Tradition der alten Neuen Linken in Kreuzberg ist wiederauferstanden. Christoph Tannert hält das für "sozialromatisch". In den siebziger Jahren stehengeblieben seien die, als das Haus ein Treffpunkt für "Aussteiger und Kiezrevolutionäre" statt für international renommierte Künstler war. Eine gemeinsame Vision für das Bethanien - davon sind seine Nutzer weit entfernt.


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