Wem wünscht man das schon ...?

Sportplatz Eine Idee: Stellen wir uns für einen Moment mal vor, wir wären die Welt. Also nicht die Welt, aber doch solch mächtige Menschen, die entscheiden, was ...

Eine Idee: Stellen wir uns für einen Moment mal vor, wir wären die Welt. Also nicht die Welt, aber doch solch mächtige Menschen, die entscheiden, was auf der Welt so los ist. Also nicht ganz, aber doch zumindest in einem Sektor der Welt, von dem wir glauben, er sei noch übersichtlich.

Also der Sport. Unsere Vorgänger haben entschieden, dass die Olympischen Sommerspiele des Jahres 2004 in Europa stattfinden, obwohl Asien mit China durchaus an der Reihe gewesen wäre. Außerdem haben unsere Vorgänger entschieden, dass die nächste Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2006 in Deutschland stattfindet, obwohl für dieses Jahr Südafrika eine starke Bewerbung abgegeben hatte. Weil sich die Ansprüche von Asien und Afrika aber nicht länger wegdrücken lassen, bekam, da waren wir Weltenlenker schon am Drücker, China für die Olympischen Spiele 2008 den Zuschlag und Südafrika für die Fußball-WM 2010.

Wir glauben fest daran, dass die Planung, Vergabe und Organisation des größten Medienspektakels, das die bürgerliche Welt zu bieten hat, irgendetwas mit Gerechtigkeit und Anstand zu tun hat. Daher können wir, also die Gewaltigen im Weltsport, uns jetzt auf die Schulter klopfen und feststellen, dass die größten Spektakel, die das junge Jahrhundert bislang zu bieten hat, historisch-geographisch einigermaßen gerecht verteilt wurden.

Als nächster schwieriger Tagesordnungspunkt für uns Weltenlenker stünde die Vergabe der Olympischen Sommerspiele des Jahres 2012 an. Da stünden, so denken wir uns das in unserem Gedankenspiel, ganz viele verschiedene Städte auf der Bewerberliste. Sagen wir Paris, London, Madrid, Moskau, New York, Rio de Janeiro, Istanbul und Havanna. Und tun wir noch eine deutsche Stadt dazu. Nicht so groß wie Berlin oder Hamburg, aber auch keine Kleinstadt, und wenn sie im Osten läge, wär´s auch schön. Nehmen wir zum Beispiel Leipzig.

Das wird schwer für überzeugte und der Gerechtigkeit verpflichtete Weltenlenker, wie wir es sein wollen. Gegen Paris, London, Madrid, Moskau und Istanbul spricht, dass sie in Europa liegen. Aber das spricht auch gegen Leipzig. Gegen Havanna und Rio de Janeiro spricht, dass sie infrastrukturell nicht das Level erreicht haben, das man bräuchte, um ein Ereignis dieses Ausmaßes auszurichten. Aber spricht das nicht auch gegen Leipzig?

Auch selbsternannte Weltenlenker lernen ja dazu. Olympische Spiele, das haben wir in unserer kurzen Amtszeit herausgefunden, sind riesige Ereignisse: Von ihrer medialen und politischen Bedeutung nehmen sie es locker mit Irakkrieg und spanischer Prinzenhochzeit auf. Spätestens nach den Protesten gegen die Vergabe der Olympischen Spiele 2004 nach Athen und denen gegen die Fußball-WM 2006 nach Deutschland haben wir lernen müssen, dass der Job, wenigstens einen Teil der Welt gerecht lenken zu wollen, nicht so leicht ist.

Die Infrastruktur, die es für ein Ereignis braucht, das in eine Stadt für einen Zeitraum von zwei Wochen mehrere Millionen Besucher führt, für ein Spektakel, dessen Eröffnung in der Regel von über drei Milliarden Menschen auf der Erde live geschaut wird, übersteigt die Potenz so mancher Kommune. Ein solches Ereignis, das haben wir uns, als wir in Gedanken den schönen Job, bei dem wir nur an schöne sportliche Menschen und an große Leidenschaft dachten, annahmen, gar nicht so recht ausgemalt, zeitigt enorme Folgen: Auf dem begrenzten Platz einer Stadt, auch wenn sie so groß wie New York oder Rio de Janeiro ist, wird gebaut, was das Zeug hält. Alte Stadtviertel mit so wirklich nicht in diese neue Zeit passenden Relikten wie Mietpreisbindung werden platt gemacht. Temporäre Jobs auf dem Bau entstehen, die bis zur Fertigstellung eines Stadions hoffentlich einigermaßen gut bezahlt sind, nur nach den Spielen die sichere Arbeitslosigkeit bedeuten. Während der Spiele gibt es lukrative Parkplatzwächter- und Aushilfskellnerjobs, die bloß den Nachteil haben, so rein gar nichts Nachhaltiges zu besitzen.

Tja, denken wir uns, die wir doch mit der flächendeckenden Verteilung von sportlichen Großereignissen ein wenig mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt schaffen wollten, tja, wem wünschen wir denn so etwas nun an den Hals? Es ist ein bisschen so, wie man dem ungeliebten Nachbarn wünscht, dass er vor seinem Schlafzimmerfenster jeden Morgen ab morgens sechs Uhr Straßenbauarbeiten erleiden muss. Wem schicken wir, die selbsternannten Weltenlenker in Sachen Sport, also die Maurer ins Haus: Havanna, Istanbul, Leipzig, London, Madrid, Moskau, New York oder Paris?

Es gibt Jobs, die einem über den Kopf wachsen, und die Vorstellung, wir wären die Welt, hätten also zu entscheiden, was auf der Welt zu passieren hat, und sei es nur in der Welt des Sports, gehört dazu. Es war also nur eine olympische Idee.


00:00 28.05.2004

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