Wenig soziales Kapital

Jenseits des Bella-Italia-Mythos Der 29-jährige Fausto Paravidino will als Dramatiker die Politik zurück auf die Bühne holen, in Berlusconis Italien macht ihn das zum Rebellen

"An der Scala arbeiten tausend Personen, während doch vierhundert völlig ausreichen würden." Dass Berlusconi sich mit seinen Kürzungsplänen an Mailands Allerheiligstes ranwagen würde, an das Symbol europäischer Operngeschichte, hätte wohl keiner geglaubt. Auch für andere Institutionen wie Theater, Kinos, Museen und Schlösser bedeuten die von der italienischen Regierung geplanten Einschnitte im Kulturbereich von 40 Prozent eine kaum zu verkraftende Einschränkung: verkürzte Öffnungszeiten, Entlassungen und ein enormer künstlerischer Niveauverlust. Wenn selbst renommierte Opernhäuser um ihre Existenz bangen und Museen wie die Uffizien in Florenz privatisiert werden sollen, müssen sich die italienischen Künstler wohl bald woanders nach ihrem Lebensunterhalt und Orten für ihre Kunst umsehen.

Der 29-jährige Dramatiker Fausto Paravidino definiert seine Position als Stückeschreiber schon immer aus dieser Situation heraus. Obwohl er einer der bekanntesten Gegenwartsdramatiker Italiens ist, werden seine Stücke in England und Deutschland häufiger aufgeführt als in seiner Heimat. Die Ursachen dafür liegen zum Einen in der fehlenden Stadttheaterstruktur Italiens, die Theaterschaffenden kein kontinuierliches, professionelles Arbeiten ermöglicht, als auch in jüngsten kulturpolitischen Entwicklungen, von denen Berlusconis Sparbeschlüsse nur die Spitze des Eisberges bilden.

Neben der Zensur von Fernsehnachrichten und Satiresendungen wie zum Beispiel die Verbannung von Sabina Guzzantis Politparodie-Sendung auf Rai 3 im letzten Jahr, werden auch Theaterinszenierungen von staatlicher Seite beschnitten. Schon 2002 wurde Luca Ronconi, Italiens bekanntester Regisseur, bei den Proben zu seiner Inszenierung von Aristophanes´ Fröschen in Syrakus vom Vizepräfekten dazu aufgefordert, die Fotografien von Silvio Berlusconi, Umberto Bossi und Gianfranco Fini von der Bühne zu entfernen, was Ronconi schließlich auch tat. Dario Fo bekam 2004 Probleme mit seiner Inszenierung L´ anomalo bicefalo (Der abnormale Doppelgehirnige), die den Aufstieg Berlusconis zum Medienmogul erzählt. Marcello Dell´Utri, ein sizilianischer Senator aus Berlusconis Partei Forza Italia klagte gegen Dario Fo und Franca Rame, weil die Anschuldigung mafiöser Verstrickungen seinem politischen Image schade. In einigen mitte-rechts regierten Städten wurde die Inszenierung gar nicht erst zugelassen.

Auch Fausto Paravidinos politische Stücke Genua 01 und Peanuts, die beide die Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizisten auf dem G8-Gipfel in Genua im Sommer 2001 thematisieren, sind an italienischen Stadttheatern bislang nicht aufgeführt worden. Paravidino lässt in Genua 01 in dokumentarischem Stil verschiedene Stimmen den "wahren" Tathergang nachvollziehen. Das heißt, verschiedene Sprecher widerlegen italienische Medienberichte, indem sie Teile der italienischen Polizei als Mitglieder des Black Block entlarven oder den Hergang von Carlo Giulianis Tötung rekonstruieren. Dabei wird die Entschuldigung der italienischen Polizei, bei dem von Marco Placanica abgefeuerten Schuss habe es sich um Notwehr gehandelt, durch Zeugenaussagen und Nennung von dokumentarischem Material als vorgeschoben dementiert. Die beiden letzten Akte schildern die verbalen Beleidigungen und körperliche Brutalität, mit der die Polizisten die Demonstranten in der Diazschule und später in der Kaserne von Bolzaneo schikaniert haben. Dabei werden Parallelen zu Pinochets Chile hergestellt. Tatsächlich stellt sich angesichts der Vorgänge in Genua die Frage, welche Richtung Italiens Rechtsstaat einschlägt. Haben schon die Medien durch Berlusconis Fast-Monopolisierung ihre Funktion als vierte Gewalt nahezu eingebüßt, scheint sich auch die gegenseitige Kontrolle von Legislative und Exekutive zunehmend aufzulösen.

In seinem zweiten Stück zu Genua, mit dem Titel Peanuts beleuchtet Paravidino nicht nur das brutale Vorgehen der Polizei, sondern stellt in einer comicästhetisch angelegten Dramaturgie seine eigene Generation als Chips und Cola konsumierende Jugendliche dar, die sich über Verantwortung und Zukunftspläne unterhalten, ohne diese zu leben. Das Stück, in zwei Teile geteilt, paraphrasiert die Welt gelangweilter Jugendlicher, die unmotiviert die Wohnung ihres Freundes zerstören, mit Szenen auf einer Polizeistation. Zehn Jahre später nämlich haben sich die Figuren aufgeteilt in Täter und Opfer - prügelnde Polizisten und wehrlose Gefangene, von denen man nicht weiß, was sie eigentlich getan haben. Angesichts von Guantanamo und Abu Ghraib aktualisieren sich Teile des Stücks somit von alleine. Paravidinos Fokus auf brutale Gewaltexzesse, die als Ausnahmesituationen kategorisiert rechtlich nicht verurteilt werden, eröffnet Assoziationsräume über Genua hinaus.

Die Gegenüberstellung von konsumorientierten Jugendlichen und prügelnden Polizisten wirkt etwas gewollt, ist aber im italienischen Kontext gesellschaftspolitisch deutbar. In den italienischen Sozialwissenschaften wird für die Analyse einer für die italienische Gesellschaft typischen Entwicklung der Begriff des "sozialen Kapitals" bemüht, das einen Zusammenhang zwischen Kooperationsformen in Mikrobeziehungen und Strukturen in Institutionen, Wirtschaft und Politik herstellt. Viel soziales Kapital existiert dort, wo die Bereitschaft besteht, sich für Unbekannte, nicht dem Verwandten- oder Freundeskreis zugehörige Personen einzusetzen. Übertragen auf eine institutionelle oder politische Ebene meint ein hoher Grad an sozialem Kapital Regierungs- und Verwaltungsformen, die sich nicht über Korruption und Klientelismus definieren. Italien ist für sein geringes soziales Kapital bekannt. Sichtbar wird die geringe Bereitschaft für Kooperation zum Beispiel im Straßenverkehr, der Horror jedes deutschen Touristen. Auf politischer Ebene sind besonders im Süden die Auswirkungen von mafiösen Strukturen an verwahrlosten Landschaften, schlecht ausgeschilderten Straßen und Häuserskeletten studierbar. Vor diesem Hintergrund liest sich Paravidinos Drama als Analyse eines italienischen Zeitgeistes, der Genua nicht zwangsläufig hervorgebracht, es aber zumindest nicht verhindert hat.

Paravidino zeichnet seine unpolitischen Peanuts als aktualisierte Beckettfiguren: Ihre Diskussionen um Werte entpuppen sich als Endlosschleifen, die keine Lösung bieten. Der Autor lässt sie Banalitäten zitieren, die sich in paradoxen Sprachkonstruktionen selber auflösen. Er betont in einem Gespräch, dass sich seine Zeitgenossen von der italienischen Politik nicht ernst genommen fühlen. Gleichzeitig stellt er einen Mangel an Projekten von Seiten der Jugendlichen fest. Paravidino spricht damit ein Thema an, das immer wieder vom Bella-Italia-Mythos verdeckt wird: Der Verfall einer demokratischen Kultur, der auf allen Ebenen des öffentlichen und privaten Lebens sichtbar wird. Ihr Ausmaß nehmen wir erst dann wahr, wenn etwa ein Politiker auf offener Straße erschossen wird, wie jüngst in Kalabrien Francesco Fortugno, Mitglied des Parteienbündnis Margherita kurz nach der Vorwahl für die Parlamentswahl im kommenden Jahr.

Paravidinos Anspruch, die Politik zurück auf die Bühne zu holen, löst sich für Italien leider nicht ein: die Aufführung von Peanuts in Rom wurde nach drei Veranstaltungen abgesetzt, eine geplante Rundfunklesung von Genua 01 fand ebenfalls nicht statt.


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00:00 11.11.2005

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