Weniger Affe, mehr Engel

Bühne Die Uraufführungen bei den diesjährigen Ruhrfestspielen in Recklinghausen sind prominent besetzt
Hans-Christoph Zimmermann | Ausgabe 23/2015

So viel heile Welt erlebt der DGB derzeit selten. Kein Streit um die Tarifeinheit, keine eitlen Spartenchefs, kein Mitgliederschwund – bei den gewerkschaftseigenen Ruhrfestspielen herrscht eitel Sonnenschein, seit Frank Hoffmann als Intendant in Recklinghausen die Geschicke bestimmt. Ein Besucherrekord jagt den nächsten. Die Kritik des Feuilletons am Programmmix aus Hochkultur, Glamour und Populismus ist weitgehend verstummt. Internationale Theaterproduktionen mit Michel Piccoli oder Isabella Rossellini wechseln sich mit Kabarett, Lesungen, Konzerten ab, dazu die Flaggschiffe des Stadttheaters. Das Deutsche Theater Berlin ist mit gleich zwei Produktionen vertreten, darunter die Uraufführung von Armin Petras’ neuem Stück Münchhausen in der Regie von Jan Bosse.

Dass Petras, Generalintendant in Stuttgart, diesmal nicht unter seinem Autorenpseudonym Fritz Kater schreibt, könnte daran liegen, dass es sich um einen Künstlermonolog handelt. Theater über Theater also. Ein Schauspieler wartet auf der Bühne auf einen Kollegen, mit dem er ein Münchhausenstück spielen soll, und gerät ins Monologisieren. Milan Peschel sieht im blauen Anzug mit Melone und Regenschirm vor blauem Wolkenvorhang allerdings weniger nach Bühne aus, eher nach Charlie Chaplin oder einem Bild von René Magritte. Eine Kunstfigur. „Nicht ich, sondern ich als Figur“, heißt es einmal.

Es ist ein Vexierspiel zwischen Rolle, Schauspieler-Ich und Zitaten aus Peschels Bühnenbiografie von Tolstoi bis Büchner, unterfüttert mit Material von Jean Genet und Friedrich Nietzsche. Doch Peschels schnoddriger Tonfall, seine komischen Silbenstolperer stehen in Kontrast zu seiner Sehnsucht, „einfach nicht aufhören“ zu wollen. Nicht spielen heißt sterben müssen. Peschel trinkt ein Bier, durchstreift die Hinterbühne, demonstriert seine Macht in Zuschaueranimationen. Das Plädoyer für die Hochstapelei ist nur die vordergründige Verbindung zum Lügenbaron, was beide eint, sind wilde Allmachtsfantasien. Es liegt etwas Abgründiges in dieser Kunstfigur. Am Ende hat der bullige Martin Otting im Münchhausenkostüm dann doch noch seinen Kollegenauftritt. Ein mittelmäßiger Text von Armin Petras, aber ein großer Abend dank Milan Peschel.

Elend als Komikreservoir

Uraufführungen gehören inzwischen fest zu den Ruhrfestspielen. Um im Programmwirrwarr nicht unterzugehen, werden sie in einem eigenen Unterfestival gebündelt, das mit Armin Petras, Dirk Laucke, Lukas Linder oder auch Christoph Nußbaumeder prominent besetzt ist. In Nußbaumeders Stück Von Affen und Engeln, eine Mischung aus Sozialdrama und Volksstück, ringen prekäre Existenzen auf einem Weihnachtsmarkt um ihr Auskommen. Als ein verkrachter Wissenschaftler eine Zukunftsvision entwirft, keimt für einen Moment der Traum von einem solidarischen Leben auf. Die Inszenierung von Bernarda Horres verfehlt Christoph Nußbaumeders Mischung aus Psychologie und zarter Ironie leider durch forcierte Überzeichnung. Die Figuren verkümmern zur Charge, das Wissenschaftsexperiment entpuppt sich als glühendes rosa Schweinchen, das Elend dient als Komikreservoir. Am Ende haben alle exakt das verloren, worum sie am meisten ringen: Würde. Dieses Stück hat eine zweite Chance verdient! Dann hoffentlich mit etwas anderen Akzenten: weniger Affe, mehr Engel.

Info

Ruhrfestspiele Recklinghausen, bis 14. Juni

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06:00 17.06.2015

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