Weniger Sekt als Selters

15 Jahre nach der Wende Im Unstruttal sind auf engstem Raum Beispiele ostdeutscher Auf- und Zusammenbrüche versammelt

Das Auge reagiert irritiert und beleidigt. Eben noch das sanfte Tal der Unstrut, gesäumt von vielversprechenden Weinhängen und gekrönt von Burgen, die dem Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt seinen Namen gaben. Wo sich das Tal flussaufwärts weitet, nach dem Wendelstein, ragt plötzlich hellbraun bis weißlich getönter toter Boden, aufgetürmt zu gestaltlosen Halden. Die Abraumberge sind ebenso Zeugen der Geschichte wie die benachbarte ehemalige Kaiserpfalz in Memleben, wo die ersten beiden deutschen Könige Heinrich und Otto verstarben, oder wie die in kaum 15 Kilometern Entfernung gefundene Himmelsscheibe von Nebra. Vor 14 Jahren endete im Raum Roßleben der Kalibergbau.

Peter Wesenberg war der erste und letzte Betriebsratsvorsitzende der Kali Südharz AG, saß sogar im Aufsichtsrat der übergeordneten Mitteldeutschen Kali AG. In Roßleben muss man nicht nach seiner Adresse, sondern nur nach seinem Namen fragen, um zu seinem Haus dirigiert zu werden. Wesenberg hat einen Tonbandmitschnitt seiner Abschiedsrede vor der Belegschaft nach dem Stilllegungsbeschluss vom 29. November 1991 vorbereitet. Mit bebender Stimme warnte er damals, "dass mit diesem Beschluss der Niedergang einer ganzen Region vorprogrammiert ist". Er beschwor die Chancengleichheit in ganz Deutschland und fragte rhetorisch: "Versagt nach der staatlichen Kommandowirtschaft nun auch die soziale Marktwirtschaft?"

Das waren erstaunliche Ketzereien für einen, der eigentlich gar kein Linker war. Seiner Stasi-Akte nach durfte sich der gelernte Schweißer getrost als Staatsfeind fühlen. Schon im September 1989 stürmte er in eine Sitzung der Parteileitung und verlangte eine Konzentration auf originäre Unternehmensaufgaben und ein marktgerechtes Management. Ein paar Monate später war es dann eine Volkskammersitzung, die er mit der Forderung nach angemessener Abfindung für die von Entlassung bedrohten Kumpel unterbrach.

Einbruch einer Kultur

Der heute 64-Jährige wirkt mit seinem schmalen grauen Bärtchen eher freundlich, und seine Augen lassen auf eine gütige Wesensart schließen. Wenn er sich aber in Rage redet und in Akten der Jahre 90 und 91 wühlt, ahnt man den Bolzer und Dickschädel. Peter Wesenberg rief im gewerkschaftlichen Vakuum einen Gewerkschaftsrat ins Leben, entließ alte Funktionäre, wirkte an der Gründung der IG Bau Steine Erden in Halle mit. Und wurde mit einem nahezu hundertprozentigen Ergebnis zum Betriebsratschef von 2.500 Beschäftigten gewählt.

Den Zusammenbruch des Kali-Bergbaus im Beitrittsgebiet hat er dennoch nicht verhindern können. "Der Markt war nicht mehr nachweisbar", musste auch er einräumen. Man arbeitete uneffektiv und produzierte nicht das international gefragte Dünger-Granulat. Eine eigene Unternehmenskonzeption, die zumindest 950 Arbeitsplätze erhalten hätte, fand keine Beachtung. 100 Millionen Mark in ein modernes Kaliwerk zu investieren sei besser, als auf Dauer Arbeitslosigkeit zu finanzieren, so das bis heute vergeblich wiederholte Argument des Betriebsratschefs. Schließlich ging es nur noch um Abfindungen und erträgliche Entlassungsbedingungen für die Belegschaft, die schon monatelang auf die berüchtigte "Kurzarbeit Null" gesetzt war und fürs Nichtstun ein respektables Ersatzgehalt bekam. Wesenberg, der die Kollegen geschlossen hinter sich wusste, drohte mit Hungerstreik und Aktionen an der Legalitätsgrenze wie Stromabschaltungen. "Der Südharz brennt!" hieß es 1991.

Zumindest dieses Pokern gegenüber der Treuhand lohnte sich. "Wir haben 180 Millionen Mark Kaufkraft in der Region erhalten", dementiert der agile Fast-Rentner damalige Ohnmachtsgefühle. Region, das meinte allein für das Roßlebener Werk ein Einzugsgebiet von 28 Orten. Manche Mitarbeiter gingen schon mit 50 Jahren in Rente, die bei den guten Bergarbeitereinkommen immerhin bis zu 2.000 Euro ausmacht. Aber um diese Privilegien entbrannte auch unter der bis dahin solidarischen "Bergarbeitergemeinde" ein Hauen und Stechen. Der erste Einbruch einer Kultur, deren Verlust den im Grunde sensiblen Mann besonders schmerzt. Sein Versuch, die ehemaligen Kollegen in einem Bergarbeiterverein zusammenzuhalten, ist trotz eines Vereinszimmers und ehrgeiziger Pläne für Chor und Orchester praktisch gescheitert.

Neben den kulturellen sind vor allem die materiellen Folgen im Unstruttal spürbar. Die Arbeitslosigkeit im thüringischen Kyffhäuserkreis, zu dem Roßleben gerade noch gehört, ist mit fast 24 Prozent die höchste in Deutschland. Im benachbarten Burgenlandkreis liegt sie mit rund 22 Prozent im Durchschnitt Sachsen-Anhalts. Vom Kali blieben nicht mehr als die Halden und ein leeres Verwaltungsgebäude. Die riesigen und weitverzweigten Stollen sind aber so gesichert, dass sie jederzeit wieder aufgefahren werden könnten. Der Roßlebener Bürgermeister hat solche Überlegungen ins Gespräch gebracht. Die Werksreste sind leider nicht die einzigen Fabrikruinen zwischen Freyburg und Roßleben. Nur das Zementwerk Karsdorf vermittelt noch den Eindruck von Betriebsamkeit. "Die Region blutet aus", sagt Wesenberg, und es klingt wie eine oft gehörte Formel im Osten. Nicht anders die Feststellung, dass auch hier die Jugend weggehe.

Bei der Bundestagswahl gewann die Linke in beiden Wahlkreisen etwa zwölf Prozent hinzu und landete mit 26,6 Prozent der Stimmen nur knapp hinter der SPD. In Rossleben sei sie sogar stärkste Kraft, berichtet der frühere Staatsfeind mit sichtlicher Genugtuung. Die wenigsten haben geschafft, was Peter Wesenberg mit Fleiß, geschickten Händen und einem guten Ruf gelang. Trotz Unkündbarkeit beanspruchte er damals im Kaliwerk nicht mehr Privilegien als seine Kollegen und ging freiwillig. "Ich habe einen Traum verwirklicht", überrascht er. Wesenberg gründete eine eigene Heizungs- und Sanitärfirma. Obschon es in Thüringen davon nach der Wende bald mehr als doppelt so viel gab wie der Markt verkraften konnte, gingen in der Umstellungszeit auf moderne Installationen reichlich Aufträge ein.

Glück mit Trauben

Mancher frühere Kalikumpel versuchte als Gastwirt sein Glück oder entdeckte den Weinbau für sich. Der hat im Saale-Unstrut-Gebiet in der Tat einen Aufschwung erlebt. Wie überall beförderte die private Konkurrenz zur Winzergenossenschaft die Qualität. Neben den Elbtalweinen erzielen die von der Unstrut mit die höchsten Preise in Deutschland und räumen bei Prämierungen ab. Die Familie Reifert aus Freyburg ist nicht aus wirtschaftlicher Not zum Weinbau gekommen. Aus der Hobbywinzerei wuchsen zwei Großprojekte, die die Söhne Lars und Jan übernommen haben. Von der Fachwelt und den regionalen Medien viel beachtet wird die Aufrebung einer ehemaligen Abraumhalde am Geiseltalsee, einem gefluteten Braunkohletagebau. Keine Schnaps-, sondern eine Weinidee von Vater Rolf Reifert. 36 Hektar Land hat die Familie günstig gekauft. Ideale Südlage, verlängerte Sonnenscheindauer, Reflexionen vom See und ausgeglicheneres Klima. Kritisch sind Bewässerung und die extreme Hangneigung. Weinbau und Naturschutz sollen bei diesem Pionierprojekt eine Symbiose eingehen. Vom "Goldenen Steiger", einem gelungenen Müller-Thurgau, ist jetzt der vierte Jahrgang abgefüllt.

Das andere Projekt ist eine Art deutsch-deutsches Joint Venture im fünf Kilometer entfernten Dörfchen Weischütz. Der betagte westdeutsche Forscher und Veterinärmediziner Rudolf Wissel und seine inzwischen verstorbene Frau erhielten über ein Restitutionsverfahren das ehemalige Rittergut zurück. Wissel ließ Teile des Herrenhauses sanieren. Mit der Bewirtschaftung der aufgerebten Weinhänge aber war der freundliche Herr überfordert und arrangierte sich mit den Reiferts. So richtete Sohn Jan in den Gebäuden des ehemals volkseigenen Agrargutes ein Weingut samt Kelterei ein. Im Souterrain des Herrenhauses, einem zwischenzeitlichen Frauengefängnis, probieren Gäste nun die Reifert-Weine. Gäste, die vielleicht auf dem Unstrut-Radweg oder mit dem Paddelboot vorbeikommen. Gastgewerbe und Tourismus - die üblichen ostdeutschen Rettungsanker. "Ohne Wein wäre es hier so tot wie anderswo", meint Sohn Lars lakonisch.

Marke im Aufschwung

Tot ist das herrlich gelegene Weinstädtchen Freyburg mit seiner imposanten Neuenburg und der historischen Altstadt nun wirklich nicht. Es sei denn, man sucht an einem Sonntagabend um halb zehn noch ein Quartier. Pensionen sind längst dunkel und verlassen. Nein, ein Rüdesheim ist Freyburg noch nicht - leider und gottseidank. Am nächsten Morgen zieht spätestens zehn Uhr Leben in die Rotkäppchen-Sektkellerei ein. Vor dem Besuchereingang warten ein Dutzend Leute auf den Einlass zum Verkauf oder zu einer Führung. 125.000 Besucher sind es jährlich, und empfangen werden sie meist von Ilona Kaiser. Aus einer Winzerfamilie stammend, weiß sie sowohl zum Kulinarischen wie zur Firmengeschichte seit 1856 eine Menge zu sagen, vor allem natürlich zum Rotkäppchen-Spitzenprodukt, einem flaschengegorenen einheimischen Weißburgunder-Sekt. Von Gärtanks oder Abfülllinien bekommt der Besucher gar nicht viel zu sehen. Das Stammhaus ist eher eine Ansammlung von Feier- und Verkostungsräumen, vom überdachten Innenhof, wo schon Glenn Miller oder Justus Franz konzertierten bis hin zum "Domkeller" mit dem 160.000 Flaschen fassenden größten holzgeschnitzten Cuveefass Deutschlands.

"Rotkäppchen" ist nicht nur Tradition, sondern auch eine Nachwende-Erfolgsgeschichte. Nach dem Einbruch von 1990 stieg der Absatz von zehn Millionen Flaschen auf 106 Millionen im Jahr 2004. Schlagzeilen machte 2002 die Ost-West-Übernahme von Mumm und ein Jahr später der Spitzenmarke Geldermann durch Rotkäppchen. Das Erfolgsgeheimnis? Ilona Kaiser zählt Tradition, Kundenbindung, Geschmack, hochqualifiziertes Personal und eine noch in den letzten DDR-Jahren erneuerte technische Ausrüstung auf. Vor allem aber stiegen die früheren Betriebsleiter 1993 per Management-buy-out als Gesellschafter ein und sorgten für Kontinuität. "Die wussten, was sie machen", meint Ilona Kaiser. Die Treuhand konnte also nicht viel verpfuschen. Beschäftigungswirksam ist jedoch auch die erfolgreiche Sektkellerei kaum. An den vier Standorten in ganz Deutschland arbeiten gerade einmal 304 Menschen.

Vielleicht bringt nun ein anderes, 30 Zentimeter großes und zweieinhalb Kilo schweres Objekt den Aufschwung ins Unstruttal. Ein Himmelsgeschenk sozusagen, obschon in tiefer Erde gefunden: Die Himmelsscheibe von Nebra. Raubgräber buddelten sie 1999 auf dem Mittelberg bei Wangen aus, bevor sie über mehrere Stationen endlich in öffentliche Hände und ins Hallesche Landesmuseum für Vorgeschichte geriet. Soeben hat das Landgericht Halle die Strafen gegen die beiden Hehler und damit indirekt die Echtheit der Scheibe bestätigt, um die es auch einen Wissenschaftlerstreit gab. Nach den Beigaben in der gefundenen Steinkiste auf 3.600 Jahre geschätzt, gilt die Bronzescheibe als die älteste astronomische Darstellung der Welt und als ein Schlüsselfund in der archäologisch ohnehin sehr interessanten Region. Der Rummel war entsprechend groß.

Hat er den Nebraern etwas gebracht? "Ja, viel Aufmerksamkeit", meint die ehemalige Bürgermeisterin Sabina Reich, jetzt Vorsitzende des Himmelsscheibenvereins. Doch die Eingeborenen von Nebra winken eher ab. Auch die Wirtin des Gartenlokals Erholung, der einzigen an einem Montag geöffneten Kneipe des 2.600-Seelen-Städtchens, hat von einem Touristenmekka nichts bemerkt. Überall stehen zwar Wegweiser auf den Mittelberg. Folgt man ihnen jedoch, hoppelt man in Kleinwangen über die schlimmsten Katzenköpfe, hat dann einen Kilometer schmalen Asphalt und zwei Kilometer Fußweg vor sich. Der knallrote Museumscontainer am Weg mit Schautafeln soll von einem Erlebniscenter auf halber Höhe abgelöst werden, für das am 3. Oktober feierlich der Grundstein gelegt wird. Am Fundort auf der Bergkuppe ist vorerst nicht mehr als ein Toilettenhäuschen, eine hölzerne Sitzgruppe und ein belanglos scheinendes Grabungsviereck zu erleben.

Hoffnungsträger Himmelsscheibe! Zusammenbruch und Aufbruch im Unstruttal. Nur die Hoffnung nicht verlieren! Am Tag der deutschen Einheit wird zwar auch in Freyburg gefeiert. Mit eingeschränktem Jubel. Auf dem Programm steht unter anderem der Gefangenenchor aus Verdis Nabucco.


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