Weniger werden wollen wir

Demografie Seit dem 19. Jahrhundert hat Politik das Wachstum der Bevölkerung gefördert. Umdenken tut jetzt not

Das Schicksal der Erde hängt vom ökonomischen und demografischen Wachstum ab. Nur wenn beides eingedämmt wird, lässt sich die ökologische Katastrophe noch abwenden. Wenn aber die Weltbevölkerung und die Industrieproduktion weiter zunehmen, wird es zu einem globalen Drama kommen, das die meisten nicht überleben werden.

Diese Einsicht hat sich spätestens mit dem ersten Bericht des Club of Rome von 1972 durchgesetzt. Der Bericht basiert auf einem Weltmodell, bei dem alle verfügbaren Daten zur Entwicklung der Menschheit hochgerechnet wurden. Bei allen Szenarien ist der Zusammenhang von Demografie und Ökonomie zentral. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie die Ernährung der Weltbevölkerung sichergestellt werden kann. Über die Grundbedürfnisse hinaus steht die Steigerung des Lebensniveaus auf dem Spiel, auf die alle ein Anrecht haben sollten. Die prophezeiten Wachstumsgrenzen beziehen sich so immer zugleich auf die demografische und die industrielle Steigerung, die zumindest in den letzten beiden Jahrhunderten stets eng gekoppelt waren.

Seinen Ursprung hat dieser Zusammenhang im 19. Jahrhundert. Im Jahrhundert des Pauperismus und der sozialen Frage ließ er sich nicht mehr übersehen. Die Zahl der Europäer verdoppelte sich in nur wenigen Jahrzehnten. Die deutsche Bevölkerung verdreifachte sich. Periodisch wiederkehrende Hungersnöte und Auswanderungswellen waren die Folge. Ohne die drastische Zunahme der europäischen Bevölkerung hätte es keine Vereinigten Staaten von Amerika gegeben. Auch der Zwang zur europäischen Staatenbildung wäre geringer ausgefallen. Der moderne Imperialismus hätte kaum Chancen auf Erfolg gehabt. Moderne Massenkriege, bei denen sich ganze Bevölkerungen gegenüberstanden, hätte es vermutlich nicht gegeben.

Seit dem 19. Jahrhundert hängt das Schicksal der Politik im besonderen Maß vom demografischen Schicksal ab. Da es sich um ein exponentielles Wachstum handelte, war nur noch offen, in welchen zeitlichen Abständen sich die Menschheit verdoppeln würde und ob auch für die Zukunft mit einer derart starken Entwicklung zu rechnen wäre. Vielleicht wird das 19. Jahrhundert einmal als Zeitalter der Vermehrung in die Geschichte eingehen. Seitdem ist die Welt deutlich voller geworden.

Masse hieß Fortschritt

Die Vorgeschichte dieser Vermehrung reicht weit zurück. Sie ist nicht nur der Verbesserung der hygienischen Verhältnisse und dem medizinischen Fortschritt geschuldet. Sie beginnt mit einer gezielten Bewirtschaftung der Bevölkerung. Bereits im 17. Jahrhundert verfestigte sich die Ansicht, nur ein bevölkerungsreiches Land könne prosperieren und militärisch stark sein. Die staatlichen Anreize zur Erhöhung wirtschaftlicher Tätigkeiten gingen früh mit bevölkerungspolitischen Maßnahmen einher. Es sollten deutlich mehr Kinder geboren werden und am Leben bleiben, als alte Menschen starben. Bevölkerungswachstum wurde zum Staatsziel.

Hatten in früheren Jahrhunderten vor allem Seuchen und Kriege dafür gesorgt, dass auf Phasen der Zunahme der Menschenzahl stets auch solche der Abnahme folgten, kam es nun zu einem ständigen Überschuss. Dieser bildete die Quelle für alle anderen Arten von Wachstum, insbesondere des Reichtums. Die Aufklärung sah in der Verdichtung des Lebens die Voraussetzung für den Fortschritt. Nur in den Städten, wo viele Menschen zusammenlebten, konnte die Wissenschaft erfolgreich sein. Ohne das demografische Wachstum wäre die Entstehung der modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft unwahrscheinlich gewesen.

Zugleich wurde die Zunahme der Menschenzahl schon früh als eigenständige Quelle von Konflikten wahrgenommen, die mit den Mitteln des modernen Rechts kaum zu lösen waren. Immer mehr Menschen mussten sich den begrenzten Raum der Erde teilen. So tauchte bald die bedrohliche Frage nach einer natürlichen Obergrenze der Menschenzahl auf. Die Neuzeit war die Epoche einer sich über den gesamten Planeten ausbreitenden Menschheit.

Bereits vor den großen demografischen Schüben wurden die Vorteile und Nachteile des allgemeinen Fortschritts der Lebensumstände in einer bösen Dialektik festgehalten. Einerseits sorgte die medizinische und hygienische Bewirtschaftung der Bevölkerung dafür, dass das Potenzial humaner Fortpflanzung besser ausgeschöpft werden konnte. Andererseits zehrte eine wachsende Menschenmenge genau diese Verbesserungen wieder auf, weil sie zu Hungersnöten und einer massenhaften Verarmung führte. So brachte die Beseitigung des Elends nur neues Elend hervor. Der Überschuss an Menschen, die nichts besaßen außer Arbeitskraft, aber war die Bedingung einer neuen Produktionsweise.

Für die Entstehung der großen Industrie war die Masse der Mittellosen der ideale Nährboden. Sie dienten zunächst als Arbeitskräfte, später als Konsumenten. Ohne die große Zahl an besitzlosen Menschen hätte sich die Fabrik nicht als Modell der Produktion durchsetzen können. Das gilt sowohl für Europa im 19. Jahrhundert als auch für die spätere Globalisierung. Die Produktionsstätten wurden stets dorthin verlagert, wo die Anzahl billiger Arbeitskräfte besonders groß war. Der moderne Kapitalismus ist ohne die stetige Zunahme der Weltbevölkerung nicht denkbar.

Allerdings gab es auch Gegenmaßnahmen aus sehr unterschiedlichen politischen Lagern. Ehegesetze wurden erlassen, moralischer Druck auf Arme ausgeübt, um deren Fortpflanzung einzudämmen. Oder sie wurden sich selbst überlassen. Als abschreckendes Beispiel. Die meisten staatlichen Versuche einer Geburtenkontrolle scheiterten aber. Sie hätten einen umfangreichen Apparat zur Überwachung vorausgesetzt.

Ein Beispiel gelungener Geburtenkontrolle ist die spätere Volksrepublik China, die über diesen Apparat verfügte. Der unglaubliche ökonomische Erfolg der neuen Großmacht ist nicht zuletzt einer restriktiven Bevölkerungspolitik geschuldet, die ein weiteres Anwachsen strikt begrenzte und so die demografische Dialektik von Fortschritt und Rückschritt früh durchbrach.

Auch bei den politischen Gegenbewegungen im 19. Jahrhundert spielten demografische Aspekte eine wichtige Rolle. Liberale Vereinigungen setzten sich für die Verbreitung von Verhütungswissen ein, was zu dieser Zeit noch mit hohen Strafen geahndet wurde. Sozialisten forderten die Möglichkeit einer sogenannten ehelichen Umarmung ohne Folgen, um das Elend unerwünschter Kinder vor allem bei armen Familien verhindern zu können. Selbst der Geburtenstreik gehörte zeitweise zu den politischen Mitteln im gewerkschaftlichen Kampf. Von pazifistischer Seite gab es den Vorschlag, der Völkerbund solle alle Staaten darauf verpflichten, die Geburtenrate so einzuschränken, dass jedes Volk bequem in seinem Herrschaftsgebiet leben könne. Ansprüche auf Gebietserweiterungen und weitere Kolonialisierungen sollten so vermieden werden. Der Vorschlag fand keine Mehrheit. Auch sozialistische Führer glaubten an den Zusammenhang von starkem Bevölkerungswachstum und Industrie.

Frauenbefreiung hilft

Mit der Zahl der Menschen nahm auch die der Nutzpflanzen und -tiere zu, was den Lebensraum anderer Pflanzen und Tiere immer weiter einschränkte. Schon im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde die Überfischung der Meere festgestellt. Erste Gutachten der preußischen Regierung warfen die Frage auf, ob sich der natürliche Bestand je wieder erholen würde. Im Zuge der Entstehung der wissenschaftlichen Ökologie entstand eine politische Ökologie, die erstmals Ziele des Naturschutzes formulierte. Schon hier stand der Zusammenhang demografischer und industrieller Steigerung im Zentrum, der die ökologischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts tief geprägt hat.

Derzeit wächst die Weltbevölkerung zwar noch, aber nicht mehr exponentiell. In vielen Ländern ist sie rückläufig. Vielleicht wird uns erst im Nachhinein deutlich werden, wie stark die historischen Ereignisse der letzten Jahrhunderte durch immenses demografisches Wachstum bedingt waren. Die Moderne ist unmittelbar mit dem Auftritt großer Menschenmassen verknüpft, der alle Lebensbereiche betraf.

Vor diesem historischen Hintergrund lässt sich ahnen, wie sehr sich die Welt verändern wird, sollte die Weltbevölkerung tatsächlich einmal schrumpfen. Entscheidend wird sein, ob die Länder, für die zurzeit noch ein hohes Bevölkerungswachstum vorhergesagt wird, den gleichen Pfad beschreiten wie Europa im 19. Jahrhundert. Heute sind die Bedingungen für die Verbreitung von Verhütungswissen weitaus günstiger als im Zeitalter der Industrialisierung. Vor allem wird es darauf ankommen, ob die Selbstbestimmung der Frauen global zunimmt. Deren Emanzipation hat enorm zur Abschwächung des demografischen Wachstums beigetragen.

In Europa lassen sich die Vorboten des demografischen Wandels deutlich beobachten. Mit der alternden Gesellschaft geht die Erhöhung der Sparrate einher. Steigende Geldvorräte führen zu einem dauerhaft niedrigen Zinsniveau, das den ökonomischen Status von Schulden und Investitionen tiefgreifend verändern wird. Wirtschaftlich ist dieser Wandel kaum zu unterschätzen. Die Arbeitsmärkte haben sich bereits grundsätzlich gewandelt. Die Quelle des Reichtums werden nicht mehr überzählige Arbeitskräfte sein. Die meisten unserer politischen und ökonomischen Auffassungen sind durch den demografischen Schub im 19. Jahrhundert geprägt. Vor der Industriellen Revolution galt die Natur als maßgebliche Quelle des Reichtums, nicht allein die menschliche Arbeitskraft. Vielleicht wird das unter veränderten ökologischen und technologischen Bedingungen einmal wieder der Fall sein.

Info

Leander Scholz ist Philosoph und Schriftsteller. Zuletzt veröffentlichte er Zusammenleben. Über Kinder und Politik (Hanser Berlin). Die Menge der Menschen. Eine Figur der politischen Ökologie erscheint dieser Tage bei Kadmos

06:00 30.09.2019
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