Wenn alles gut läuft, werden wir Airbnb los

Mieten Die Corona-Krise stellt das Geschäftsmodell des Plattform-Riesen radikal in Frage. Allein in Dublin kamen zuletzt 64 Prozent mehr Mietwohnungen auf den Markt
Wenn alles gut läuft, werden wir Airbnb los
Keine Angst, die Touristen finden immer ein Plätzchen zum Übernachten

Foto: Imago Images/Marius Schwarz

Ja, die aktuelle Situation gibt wenig Anlass zur Freude. Einen habe ich allerdings doch gefunden: Wenn alles gut läuft, werden wir Airbnb los. Meine mitunter schwarze Seele labt sich schon seit Wochen an weinenden Vermieter*innen im Netz, die ihr asoziales Geschäftsmodell in Zeiten von Corona nicht mehr weiterbetreiben können und den Konzern verantwortlich machen. Der weiß auch nicht weiter.

Anfang des Jahres sah das noch ganz anders und die weltweit agierende Zimmer- und Wohnungsvermietungsplattform nahezu unbesiegbar aus: Airbnb hatte gerade einen vorsichtigen Schritt an die Börse gewagt, war zwei Jahre lang – im Gegensatz zu so manchem Mitbewerber – profitabel gewesen. Die Tourismusindustrie boomte weltweit, das Unternehmen erschloss sich neue Märkte, individualisierte Stadtführungen zum Beispiel.

All das ist jetzt erst mal vorbei und das Geschäftsmodell von Airbnb passé. Vor ungefähr vier Wochen haben die letzten Reisenden die Airbnb-Wohnungen verlassen. Im Voraus gebuchte Zimmer wurden storniert. Seitdem passiert das, was Airbnb und seine Lobbyisten immer geleugnet hatten: Die Wohnungen tauchen wieder auf dem Wohnungsmarkt auf, bei Mietportalen etwa. Wie viele Wohnungen Airbnb dem Wohnungsmarkt entzogen hat, darüber lässt sich nur spekulieren. Dass es viele waren, lässt das Beispiel Dublin erahnen: Einer Visualisierung von Mitte März nach standen dem Mietmarkt in der irischen Hauptstadt schon da 64 Prozent mehr Wohnungen zur Verfügung als vor dem Einbruch. Parallel dazu sind auf der Airbnb-Seite derzeit fast alle Angebote ungebucht. Wenn wir Glück haben, erleben wir das Ende von Airbnb und damit eines Geschäftsmodells, das die Mieten in den Städten noch mehr in die Höhe getrieben, zu krasser Wohnungsnot und Wohnungsknappheit beigetragen und viele Innenstädte mittels Fast-Food-Tourismus zu Erlebnisparks gemacht hat.

Zwischen Februar und März war der Umsatz bereits um die Hälfte eingebrochen, zuletzt meldete das Wall Street Journal, Airbnb habe eine Milliarde US-Dollar an Kredit von Investoren eingesammelt, die Konditionen sind nicht bekannt. Allzu gut sollten sie nicht sein, ist schließlich nicht absehbar, ob und wann wir wieder so reisen werden, wie es für Airbnb Sinn macht. Noch ist das Ende des Unternehmens nicht da. Aber es wäre schön, hätte diese für viele so schwierige Krise zumindest zur Folge, dass die Wohnungen wieder denen zur Verfügung stehen, die sie brauchen.

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06:00 28.04.2020

Ausgabe 33/2020

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