Wenn Angst regiert

Vorurteile Seit Jahren verbreiten sich in Deutschland islamfeindliche Einstellungsmuster. Wer daran etwas ändern will, braucht klare Antworten

Ressentiments gegenüber Muslimen sind heute nicht mehr nur Themen für Politikanalysen, Einstellungserhebungen und internationale Konferenzen, sondern auch für zwei in diesem Herbst gestartete Fernsehserien von Online-Streaming-Diensten. Die spanische Serie Élite zeigt, wie drei zugewanderte muslimische Außenseiter sich auf einer spanischen Privatschule durchbeißen. Das Format ging Anfang Oktober auf Netflix online. In der zeitgleich veröffentlichten ersten Folge der Romanoffs auf Amazon Prime wehrt sich eine Enkelin des letzten russischen Zaren mit zahlreichen Stereotypen über die Muslime und den Islam gegen den schließlich überlegenen Charme einer Kopftuch tragenden Pariser Pflegerin.

Dass Islamstereotype kein Randthema mehr sind und es jetzt auch in die Populärkultur geschafft haben, ist kein Zufall. In den vergangenen Jahren haben mehrere Umfragen gezeigt, wie verbreitet das Phänomen auch in der deutschen Gesellschaft ist. Rund 60 Prozent der Deutschen stimmen beispielsweise der Vorstellung zu, der Islam passe nicht in die westliche Welt. 38 Prozent finden, wer ein Kopftuch trage, könne nicht „deutsch“ sein. 2016 gab jede und jeder Zweite in Deutschland an, sich durch Muslime „wie ein Fremder im eigenen Land“ zu fühlen.

Populäre Medien thematisieren mit solchen Wahrnehmungen verbundene und aus ihnen resultierende Vorurteile gegen Muslime auf der Alltagsebene, während parallel europaweit ein rechter Populismus immer mehr Zulauf gewinnt, den neben der Elitenkritik eben gerade die explizite, ideologisch untermauerte Islamfeindlichkeit eint. Dabei besteht in der Wissenschaft keineswegs einmütige Übereinstimmung darüber, was islamfeindliche Einstellungen eigentlich sind oder wie diese bezeichnet werden sollten. Die unterschiedlichen Begriffspraktiken spiegeln verschiedene Erklärungsmuster. Sie ordnen die ebenfalls nicht einheitlich gefassten Phänomene jeweils ganz unterschiedlich ein.

Vom Stereotyp zur Gewalt

Dabei ergibt sich mittlerweile eine schwierige Gemengelage aus der Gleichzeitigkeit von antidemokratischen Auslegungen des Islams und antidemokratischen Formen des Sprechens über den Islam. Kaum lässt sich mehr mit Sicherheit sagen, wo die Grenze zwischen einer aus demokratischer Perspektive legitimen oder gar notwendigen Kritik bestimmter Auslegungen des Islams und einer ressentimentgeladenen Marginalisierung von Islam sowie Musliminnen und Muslimen verläuft. Wir beobachten aber seit nahezu zwei Jahrzehnten, dass die Extremismen einander Argumente liefern und sie verstärken.

Die politische Rechte setzt derzeit vielerorts in Europa und darüber hinaus auch in Australien, Indien und nicht zuletzt in den USA auf die Anschlussfähigkeit des Feindbilds Islam in der breiten Bevölkerung. Diese Modernisierungsstrategie, die „Ausländer raus“-Parolen und den in den vergangenen Jahren erfolgreich tabuisierten biologistischen Rassismus vielfach abgelöst hat, scheint aktuell fast in ganz Europa aufzugehen.

Problem der Mitte

1.075 Übergriffe auf Muslime und islamische Einrichtungen wurden 2017 in Deutschland registriert. Erstmals floss dieser Aspekt als eigener Tatbestand in die Statistik ein. Experten schätzen die Dunkelziffer auf das Acht- bis Zwölffache.

Die Behörden registrierten allein 60 Anschläge und Schändungen, etwa mit Schweineblut, bei Moscheen und anderen islamischen Einrichtungen. Zu den behördlich erfassten Straftaten zählen unter anderem Hetze gegen Muslime oder muslimische Flüchtlinge im Internet, Drohbriefe, Angriffe auf Kopftuch tragende Frauen oder muslimische Männer auf der Straße, aber auch Sachbeschädigung und Nazi-Schmierereien.

Bei Anschlägen auf Gebäude und körperlichen Attacken waren die Täter fast immer Rechtsextreme. Dennoch ist Islamfeindlichkeit in Deutschland längst ein Problem der sogenannten gesellschaftlichen Mitte. Im Jahr 2017 wurden 90 Kundgebungen gegen die angebliche Islamisierung Deutschlands gezählt. Die regelmäßigen Pegida-Aufmärsche in Sachsen sind hier nicht eingerechnet.

Der Bertelsmann-Religionsmonitor zeigt, dass im statistischen Durchschnitt – je nach Jahrgang – zwischen 50 und 60 Prozent der Bundesbürger den Islam generell für eine Bedrohung und insgesamt für gewaltsamer als andere Religionen halten.

In den 1990er Jahren thematisierten Forschende, Aktivisten und muslimische Vertreter verschiedene Formen von Feindseligkeiten gegen Islam und Muslime, darunter stereotype Darstellungen, abwertende Bilder, aber auch Gewalttaten und offene Diskriminierung aufgrund der Religionszugehörigkeit unter dem Begriff der Islamophobie.

Allerdings wurde der Begriff schnell kritisch reflektiert. Der niederländische Ethnologe Marcel Maussen benannte als Defizit des Begriffs, dass er unterschiedliche Formen des Diskurses und Gewalttaten zusammenfasse und damit unterstelle, dass sie alle einem gemeinsamen ideologischen Kern entsprängen, der auf Angst oder Phobie vor dem Islam zurückzuführen sei. Sowohl die Bandbreite der unter „Islamophobie“ gefassten Einstellungen und Handlungsweisen als auch die Konnotation als Angst wurde seitdem immer wieder als problematisch charakterisiert.

Andere Begriffe wie „antimuslimischer Rassismus“, „Islamfeindlichkeit“, „Muslimfeindlichkeit“, „Moral Panic“ oder „gestresste Gesellschaft“ versuchen die vielfältigen Ausdrucksformen islamfeindlicher Ressentiments konkreter zu adressieren. Dazu zählen strukturelle und staatliche Maßnahmen wie die Rasterfahndung, aber auch keineswegs böswillig intendierte Zuschreibungen muslimischer Identität aufgrund von Namen, Aussehen oder Akzent.

Auch geht es in den sprachlichen Deutungskämpfen um Straftaten wie Moscheeanschläge, verbale Beleidigungen, Körperverletzungen und Morde. Letztlich sollen verschiedene Phänomene sprachlich fassbar und deren jeweilige Ursachen, Akteure und Effekte klar benannt werden.

Anschlagsziel Moschee

Insbesondere durch ihr Kopftuch als Musliminnen erkennbare Frauen sind immer wieder, und akut nach Terroranschlägen oder besonders islamkritischen Fernsehdebatten, heftigen Beleidigungen und Angriffen auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in der Schule oder auf der Arbeit ausgesetzt. Eine Tagung im Jüdischen Museum Berlin diskutierte Anfang Oktober die Auswirkungen, die derartige Angriffe auf das Leben muslimischer Personen und solcher, die für Musliminnen und Muslime gehalten werden, es aber nicht sind, haben.

So manch eine Kopftuch tragende muslimische Frau geht nicht mehr allein aus dem Haus oder geht zu Gesprächen mit ihrem Philosophieprofessor nur noch in Begleitung. Moscheegemeinden diskutieren, ob sie mit einem Schild über dem Eingang als islamischer Gebetsort im Straßenbild erkennbar sein sollen oder sich damit zum Anschlagsziel machen.

Islamfeindliche Polarisierungen führen aber auch dazu, dass für religiöse Pluralität einstehende Menschen und Gemeinden zusammenrücken. So helfen etwa jüdische und islamische Gemeinden in Großbritannien einander bei der Entwicklung und Umsetzung von Sicherheitskonzepten. Muslime sammelten im vergangenen Jahr viele Spenden für die Instandsetzung eines dem Vandalismus zum Opfer gefallenen jüdischen Friedhofs der US-amerikanischen Stadt St. Louis in Missouri.

Als ihr Gebetsraum 2015 bei einem Brandanschlag ausbrannte, konnte die islamische Gemeinde im kanadischen Peterborough die Räume der jüdischen Nachbargemeinde für ihre Freitagsgebete nutzen. Islamfeindlichkeit – genauso wie Antisemitismus – stellt aber nicht nur die Lebensweise oder gar die Existenz der angegriffenen Personen oder Religionsgemeinschaften in Frage, sie wendet sich gegen die grundlegenden Prinzipien einer jeden demokratischen Gesellschaft, gegen Religionsfreiheit und in ihren schlimmsten Formen gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Wenn die offene Gesellschaft diese sich gegenseitig befeuernden extremistischen Angriffe nicht tolerieren will, dann müssen ihre Anhänger in Zukunft sehr viel deutlichere Antworten finden. Sie müssen sich dabei aber auch mit ihren eigenen, sicher gar nicht böse gemeinten Stereotypen auseinandersetzen – und das möglichst schnell.

Riem Spielhaus ist seit April 2016 Professorin für Islamwissenschaft mit dem Schwerpunkt Bildung und Wissenskulturen an der Georg-August-Universität Göttingen

06:00 22.01.2019
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