Wenn Buchstaben zu Waffen werden

Biologische Waffenführung Ethnobomben gibt es noch nicht - doch die Entwicklung von genetischen Waffen ist möglich

Bereits heute gibt es Techniken, die Gene mit einer spezifischen Sequenz hemmen können. Sie zielen auf die so genannte mRNA, das Molekül, das die genetische Information von der DNA zum Ort der Proteinsynthese innerhalb der Zelle vermittelt. Eine dieser neuen Techniken, die RNA, basiert auf dem zelleigenen Mechanismus, durch den spezifische RNA-Sequenzen abgebaut werden, wenn ein externes RNA-Molekül der gleichen Sequenz in die Zelle eintritt. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die antisense Technologie, bei der die zelleigene mRNA dadurch gehemmt wird, dass von außen ein DNA-Molekül mit spiegelverkehrter (antisense) Sequenz zugeführt wird. Diese Technik wird bereits in der Entwicklung von pharmakologischen Wirkstoffen eingesetzt, unter anderem von der US-Firma Therapeutics.
Mit beiden Techniken lassen sich Gene mit einer spezifischen Sequenz hemmen. Um diese Techniken für die Entwicklung von Ethnowaffen nutzen zu können, müssten populations- oder ethnospezifische Sequenzen in Genen identifiziert werden, die eine aktive und lebenswichtige Funktion im menschlichen Körper haben. Aus der Sicht der Waffenentwickler sind jene Technologien optimal, die eine beliebige genetische Sequenz in einen beliebigen biologischen oder Waffeneffekt umsetzen könnten, das heißt wenn die Art des Effektes völlig unabhängig von der jeweiligen Funktion der Gensequenz wäre. Dann könnten sogar Sequenzen in ›ruhenden‹ Abschnitten der DNA für einen Waffeneffekt genutzt werden.

Biologische Waffen, die im Stande sind, ausschließlich Menschen einer bestimmten Hautfarbe oder Volkszugehörigkeit zu treffen, stehen seit langem ganz oben auf der Wunschliste rassistischer Regime. Aus dem Südafrika der Apartheid ist bekannt, dass dort nach Viren gesucht wurde, die ausschließlich Schwarze infizieren und unfruchtbar machen sollten. Es ist wenig wahrscheinlich, dass die südafrikanischen Biologen damit Erfolg hatten, denn seinerzeit waren die technischen Voraussetzungen für solche Waffen noch nicht annähernd gegeben. Das allerdings ändert sich jetzt: Im Zeitalter immer neuer genetischer Techniken und genomischer Informationen rückt die Entwicklung ethnisch spezifischer Waffen in den Bereich des Möglichen.

Theoretisch und praktisch galt die Entwicklung von Ethnowaffen bislang als unmöglich und wurde in der Regel als Science Fiction abgetan. Vor allem Genetiker argumentierten, dass ethnisch spezifische Gene, die für entsprechende biologische Waffen nutzbar wären, überhaupt nicht existierten. Menschen innerhalb einer Population, so hieß es, seien untereinander viel unterschiedlicher als Menschen verschiedener Populationen. Und selbst, wenn eine genetische Variabilität unterstellt werden könnte, schien es praktisch äußerst unwahrscheinlich, diese als Waffe zu nutzen.

Genmarker - eine neue Generation biologischer Waffenführung

Mittlerweile gibt es allerdings neue Technologien, um spezifische Gensequenzen als Marker oder als Auslöser für eine biologische Aktivität zu verwenden. Eine Analyse aktueller Daten des Human Genom Projektes zeigt, dass Hundert und Tausende von Gensequenzen im menschlichen Genom vorliegen, die als Zielsequenzen für populationsspezifische Waffen dienen könnten. Ethnische Waffen müssen dabei nicht unbedingt eine tödliche Wirkung haben. Sie könnten einen Gegner auch nur vorübergehend außer Gefecht setzen bzw. eine dauerhafte körperliche Schwächung verursachen oder sterilisierend wirken. Ihr Einsatz wäre auch nicht auf klassische Kriege begrenzt, sondern kann im Rahmen von verdeckten Operationen in lang anhaltenden Konflikten erfolgen, um eine gegnerische Gesellschaft auf Dauer sozial oder ökonomisch zu schwächen.

Die Frage ist, ob überhaupt Gene existieren, die nur in einer Population vorhanden sind, nicht jedoch in anderen Populationen. Viele Humangenetiker betonen, dass bei zwei Menschen 99,9 Prozent der genetischen Bausteine identisch sind. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass die verbleibenden 0,1 Prozent immerhin noch drei Millionen ›Buchstaben‹ im genetischen Alphabet entsprechen. Da es nur einige zehntausend Gene im menschlichen Genom gibt, kann selbst bei einer 99,9-prozentigen Übereinstimmung der Gensequenz von zwei Individuen jedes einzelne Gen einen mehr oder weniger großen Unterschied aufweisen. Ein Teil dieser enormen genetischen Diversität spiegelt sich auch in Unterschieden zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen wider. Diese ›genetischen‹ Populationen korrespondieren oft auch mit kulturell determinierten ethnischen Gruppen.

In den meisten Fällen wird es sich bei diesen genetischen Unterschieden wohl eher um statistische Variationen handeln: in bestimmten Populationen treten einzelne Genekombinationen häufiger bzw. seltener auf als in anderen. Für eine Entwicklung ethnischer Waffen werden sich solche graduellen Unterschiede jedoch kaum nutzen lassen, denn hier geht es gerade darum, eine andere Population zu treffen, ohne die eigene Bevölkerung zu gefährden. Es ist zwar durchaus vorstellbar, dass Diktaturen einen gewissen ›Kollateralschaden‹ in der eigenen Bevölkerung in Kauf nehmen würden, aber eine wirklich ethnisch spezifische Waffe beruht auf Gensequenzen, die gar nicht oder nur zu einem sehr geringen Teil in der Population des Aggressors vorkommen. In der angegriffenen Population müssten wohl mindestens 20 Prozent der Bevölkerung die entsprechenden Gensequenzen tragen, um eine militärische Wirkung zu entfalten.

Snips - kein Fingerschnipsen

Die einfachste Form von varianten Gensequenzen sind die so genannten SNPs (gesprochen: snips). SNPs steht für single nucleotide polymorphisms, das heißt für Variationen in einzelnen Buchstaben der DNA-Sequenz. In den vergangen Jahren wurden mehrere Millionen SNPs durch verschiedene industrielle oder öffentlich finanzierte Institutionen identifiziert. In einigen Gen-Datenbanken finden sich auch Angaben zur Häufigkeit der SNPs in verschiedenen Bevölkerungen. Eine systematische Analyse dieser Datenbanken zeigt, dass tatsächlich eine unerwartet hohe Zahl von SNPs existiert, die in einer Population gar nicht, in anderen jedoch mit einer Häufigkeit von über 20 Prozent vorliegen. Eine vorsichtige Hochrechnung ergibt, dass bis zu 15.000 mögliche genetische Zielsequenzen für künftige Ethnowaffen existieren.

Dementsprechend muss die humangenetische Lehrmeinung, dass Ethnowaffen schon theoretisch nicht machbar sind, als überholt gelten. Zwar kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgegangen werden, dass ethnische Waffen noch nicht existieren, es ist aber nur noch eine Frage der Zeit, bis die entsprechenden Techniken zur Verfügung stehen - und es spricht heute nichts, gar nichts dagegen, dass sie dann auch eingesetzt würden.

Für klassische Einwanderungsländer wie die USA sind solche Waffen sicherlich weniger attraktiv, denn dort würde immer auch ein Teil der eigenen multi-ethnischen Bevölkerung Opfer einer Ethnobombe werden. Auch wird es in vielen Fällen keine klare genetische Trennlinie geben, die entlang eines schwelenden Konfliktes verläuft. So wurde Ende der neunziger Jahre von Versuchen Israels berichtet, eine biologische Waffe gezielt gegen Araber zu entwickeln. Derartige Meldungen waren jedoch vor allem Propaganda. Denn anders als in Südafrika sind im Nahen Osten die Einwohner der verschiedenen Staatsgebiete auf das engste miteinander verwandt. Es ist kaum vorstellbar, dass signifikante genetische Unterschiede zwischen ›Arabern‹ auf der einen Seite und ›Israelis‹ auf der anderen Seite existieren.

Potenzieller Einsatz bei ethnischen Dauerkonflikten

Es gibt jedoch andere Beispiele für Dauerkonflikte, in denen zwei Staaten oder Bevölkerungsgruppen über Jahrzehnte hinweg miteinander in einer bewaffneten Auseinandersetzung stehen und die entlang ethnischer Grenzen verlaufen. Dazu gehört beispielsweise der Konflikt zwischen Indien und Pakistan oder die Bürgerkriege in Sri Lanka und den Philippinen. Wenn eine der beiden Seiten dann auch noch über die entsprechende Technologiebasis verfügt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ethnisch spezifische Waffen entwickelt und erstmals auch eingesetzt werden.

Eine effektive Kontrolle biologischer Waffen existiert derzeit praktisch nicht. Die internationale Biowaffen-Konvention verbietet zwar die Entwicklung und Produktion jeglicher Biowaffen, die Einhaltung der Konvention wird jedoch vor Ort nicht durch Inspektionen überprüft. Nachdem die jahrelangen Verhandlungen für entsprechende Kontrollmaßnahmen im Jahre 2001 am Widerstand der USA gescheitert sind (vgl. Freitag, 26. 10. 2001), wird die Biowaffen-Konvention auch weiterhin ein zahnloser Tiger bleiben.

Andererseits, das hat die Milzbrand-Affäre im Jahre 2001 vorgeführt, gerät die biomedizinische Grundlagenforschung zunehmend unter Druck, einen militärischen Missbrauch ihrer Erkenntnisse zu verhindern. Sowohl die Akademie der Wissenschaften in den USA als auch die britische Royal Society haben in den vergangenen Monaten Vorschläge vorgelegt, die im Kern auf eine Selbstregulierung der Wissenschaft hinauslaufen: Brisant erscheinende Experimente sollen vorab von einem Wissenschaftlerzirkel auf mögliche Missbrauchsmöglichkeiten abgeklopft werden. Für den Bereich der Ethnowaffen könnte dies bedeuten, die Erhebung ethnisch spezifischer genetischer Daten auf ein absolutes Minimum zu begrenzen.

Waffeneffekte aus der Zivilforschung

Tatsächlich sind wir heute jedoch mit einer gegenläufigen Entwicklung konfrontiert. In verschiedenen Bereichen werden aktuell umfangreiche genetische Daten verschiedener Bevölkerungsgruppen analysiert und gesammelt. So gibt es in der forensischen Genetik zunehmend den Versuch, anhand einer genetischen Tatort-Probe die ethnische Zugehörigkeit des Täters zu ermitteln.

Vor allem die so genannte Pharmakogenetik könnte sich als Fundgrube für künftige Biowaffen-Konstrukteure erweisen: Zunehmend werden klinische Studien an Genen durchgeführt, die möglicherweise einen Einfluss auf die (Neben-)Wirkung von Medikamenten haben. Da Medikamente in der Regel auf eine weltweite Vermarktung abzielen, werden bei vielen dieser Studien in großem Maßstab ethnisch spezifische genetische Daten erhoben. Die Pharmakogenetik ist insofern ein besonders heikles Feld, als hier vor allem solche Gene untersucht werden, die eine Rolle im Stoffwechel von Medikamenten - und anderen Giftstoffen - spielen und deshalb möglicherweise besonders leicht als Auslöser für einen biologischen (Waffen-)Effekt benutzt werden könnten.

Auch in der sogenannten Grundlagenforschung fallen umfangreiche ethnisch spezifische Gendaten an. So wurde im Oktober 2002 ein internationales Projekt zur Kartierung von so genannten Haplotypen im menschlichen Genom initiiert. Das 100 Millionen US-Dollar umfassende HapMap Projekt wird von öffentlichen und privatwirtschaftlichen Institutionen getragen. Im Rahmen des Projektes wird die genetische Variation von vier Populationen untersucht: Han-Chinesen, Japanern, Yorubas in Nigeria und US-Bürgern europäischer Abstammung. Es kann davon ausgegangen werden, dass das HapMap Projekt umfangreiche genetische Marker generieren wird, die für jede der vier Populationen spezifisch sind.

Für den möglichen militärischen Missbrauch solcher Projekte gibt es bislang praktisch kein Bewusstsein unter den beteiligten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Dabei stehen Gentechnik, Genomik und Biotechnologie heute noch ganz am Anfang einer Entwicklung, deren Zukunft wir uns heute kaum ausmalen können. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten werden immer neue Techniken mit immer neuen militärischen Missbrauchspotenzialen entwickelt werden und die klassischen Biowaffen-Erreger wahrscheinlich nur noch eine marginale Rolle spielen. Bedrohlicher werden spezifisch auf die diversen Konfliktformen zugeschnittene Ethnobomben, psychoaktive Drogen und andere neuartige Waffensysteme sein.

Jan van Aken ist Mikrobiologe und arbeitet im Hamburger Büro des deutsch-amerikanischen Sunshine-Projects



00:00 09.07.2004

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