Wenn Bush den "Krieg" umdefiniert

Vom ungleichen Gewicht der Toten Die einen beklagen und von den anderen schweigen?

Zur scheinbaren Rechtfertigung seiner Angriffskriege auf Afghanistan und den Irak hat sich George W. Bush unter anderem eines semantischen Tricks bedient, und zahlreiche Politiker und Journalisten der westlichen Welt sind darauf hereingefallen oder haben sich den Trick bewusst zu eigen gemacht. Er hat den Begriff "Krieg" neu definiert. Nun sind terminologische Bestimmungen bekanntlich willkürlich. Sie beruhen auf Konventionen, die von mehr oder weniger Mitgliedern einer Kommunikationsgemeinschaft akzeptiert werden und der Verständigung dienen. Wir glauben, zu wissen, was jemand meint, wenn er von "Brot", "Sehnsucht" oder "Europa" spricht, und wenn jemand beschlösse, mit "Brot" jedes essbare Produkt aus gebackenem Teig, mit "Sehnsucht" jedes schmerzliche Gefühl oder mit "Europa" das europäische Festland zu meinen (wie es in Großbritannien gelegentlich geschieht), dann ließe sich diese Entscheidung nicht als "falsch", sondern nur als unpraktikabel qualifizieren: sie führte zu Missverständnissen. Jedenfalls so lange, wie die Kommunikationsgemeinschaft sich nicht auf diese neuen Definitionen geeinigt hat. Das kann explizit oder allmählich, durch Gewöhnung passieren. Wir haben uns damit abgefunden, dass nicht nur ein Mensch, sondern auch Kachelmanns Wetter "genial" sein kann.

Wenn Bush freilich den "Krieg" umdefiniert, so ist das kein harmloses Sprachspiel - es hat massive ideologische Implikationen. Die zumindest von Scrabble-Spielern anerkannte Instanz des Dudens definiert "Krieg" so: "Mit Waffengewalt ausgetragener Konflikt zwischen Staaten, Völkern". Von einem Konflikt zwischen Staaten oder Völkern kann bei den Anschlägen der Terroristen, die Bush einen "Krieg gegen die Zivilisation" nennt, offenbar nicht die Rede sein. Und so problematisch der Begriff des "Terrors" erscheint: bis zum 11. 9. 2001 ist noch niemand auf die Idee gekommen, die Aktionen derer, die als Terroristen bezeichnet wurden, "Krieg" zu nennen. Deshalb wurde auf Terror oder was man dafür hielt mit anderen Maßnahmen als mit Krieg reagiert. Wenn aber Anschläge wie die vom 11. September oder von Istanbul als Krieg kategorisiert werden, dann erscheint ein Krieg im konventionellen Sinne als adäquate Reaktion, mehr noch: als Folge einer gleichwertigen Ursache. Und selbst wenn man sich auf diese Sprachregelung einlässt: wer hätte jeweils den Krieg begonnen? Die tschetschenischen, die palästinensischen "Terroristen" oder die mordenden Armeen militärisch weit überlegener Staaten, die deren Gebiete besetzt haben?

Mit der gleichen Berechtigung, mit der man die Massenmorde von terroristischen Vereinigungen oder Einzeltätern als Krieg definiert, könnte man verkünden: Krieg herrscht, wo Staaten oder Völker den vermeidbaren Tod von Hunderttausenden Menschen zulassen. Nach dieser Definition hätten die reichen Völker schon lange einen Krieg begonnen, auf den der Terror weniger subtil, aber mit gleicher Wirkung antwortet.

Nun wird häufig eingewandt, es gebe keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Ausbeutung der Dritten Welt und dem aktuellen Terror. Die Urheber des Terrors seien ja gerade nicht die Leidtragenden des "Krieges" der Reichen gegen die Armen. Schon wahr. Aber das ist zu kurz gedacht. Die Terroristen hätten keinen Erfolg, wenn sie nicht mit der Zustimmung derer rechnen könnten, die in Terroranschlägen einen Akt des Ausgleichs für erlittenes Unrecht sehen. Für sie ist noch der brutalste Mörder eine Art Robin Hood. Zwar werden sie durch die Anschläge gegen die (Mit-)Verursacher ihrer Not nicht satter. Aber zumindest ein Rachegefühl, das auf einem elementaren Gerechtigkeitsbedürfnis beruht, wird befriedigt. Auch die russischen Anarchisten und die Narodniki, die - gelegentlich mit terroristischen Mitteln - gegen den Zarismus und für die Ärmsten der Armen kämpften, gehörten der Aristokratie und dem Großbürgertum an. Die Bauern, gerade erst aus der Leibeigenschaft entlassen, waren dazu nicht in der Lage.

Was Terroranschläge wie jene in Istanbul oder in Manhattan wiederum für Menschen in den reichen Ländern so dramatisch erscheinen lässt, was zu einem Gefühl von Bedrohung beiträgt, ist ihre Willkür bei der Wahl der Opfer. Es kann jeden treffen. Die Floskel lautet: "Unschuldige Opfer". Wie schuldig sind eigentlich Wehrpflichtige, die als Soldaten in einen Krieg - im ganz traditionellen Verständnis - geschickt werden? Wie schuldig muss man sein, um die Todesstrafe zu verdienen? Wie schuldig sind die Zivilisten, deren Tod im angeblichen Kampf gegen den Terror "in Kauf genommen" wird, wie die merkantile Redewendung so verräterisch beteuert?

Wie schuldig sind die Afrikaner, die an AIDS sterben, weil ihnen Medikamente vorenthalten werden? Nein, hier wird nicht für ein schlechtes Gewissen beim Frühstücksbrot plädiert. Was Not tut, ist eine grundsätzliche Umorientierung der reichen Länder, Hilfe für die Dritte Welt, die diesen Namen verdient, die Rückbesinnung auf eine zentrale Tugend der verabschiedeten Arbeiterbewegung: die internationale Solidarität. Ein wenig von jenem Geist, der sich zeigt, wenn es mal im eigenen Land Hochwasser gibt.

Jeder Ermordete in Istanbul oder New York ist ein Toter zuviel. Nichts kann Mord rechtfertigen. Aber auch jedes verhungerte Kind ist ein Opfer in einem Krieg, der - wenn er denn einer ist - nicht erst am 11. September 2001 begonnen hat. Wer die einen Toten beklagt und von den anderen schweigt, macht sich der Komplizenschaft verdächtig.


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00:00 28.11.2003

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