Wenn das Wasser brennt

Fracking Unkonventionelles Erdgas gilt als Energie der Zukunft. Noch! Unter Experten lassen sich immer weniger Befürworter finden

"Nicht trinken" steht auf dem handgeschriebenen Zettel, der über dem Waschbecken klebt. Ein Mann dreht den Hahn auf und hält ein Feuerzeug daneben – eine riesige Flamme sticht empor. Der Grund: Im Wasser ist eine Chemikalie enthalten, die sich schnell entzündet.

Die Szene stammt aus dem US-Dokumentarfilm Gasland. Der Streifen spürt den Folgen der Förderung von sogenanntem unkonventionellen Erdgas nach. Gas, das nicht in großen Reservoirs lagert, sondern im Gestein eingeschlossen ist. Seine Gewinnung ist daher besonders aufwendig, breitet sich aber wegen der steigenden Preise und des absehbaren Bedarfs an Gas im Zuge der Energiewende immer weiter aus. Doch Kritiker warnen vor Gefahren für Umwelt und Gesundheit.

Schon seit den siebziger Jahren fördert der US-Konzern Exxon unkonventionelles Erdgas in Niedersachsen. Bisher hat das fast niemanden gestört. Seit aber bekannt ist, dass in Nordrhein-Westfalen deutschen, kanadischen und US-Firmen gestattet wurde, mögliche Lagerstätten zu erkunden, erhält das Thema immer mehr Aufmerksamkeit. Die erteilten Genehmigungen decken die Hälfte der Fläche Nordrhein-Westfalens ab. Probebohrungen sind der nächste Schritt.

Die Internationale Energieagentur schätzt die weltweiten Vorkommen unkonventionellen Erdgases fünfmal so groß ein wie die herkömmlichen Gasreserven. Am weitesten verbreitet ist Erdgas aus Schiefergestein. Es sammelt sich nicht wie konventionelles Gas in großen Hohlräumen, sondern sitzt in porösen Gesteinsschichten fest. Um es zu gewinnen, muss das Gestein mithilfe großen Wasserdrucks aufgebrochen werden, dabei werden auch Sand und bis zu 200 verschiedene Chemikalien in den Untergrund gepumpt. Diese Technik nennt man Fracking.

Bis zu 200 Chemikalien

Unter den Chemikalien, die für die Bohrungen genutzt werden, soll nach Angaben von Umweltschützern das krebserregende Benzol sein. Auch wie sich die Chemikalien unter der Erde verhalten, ist weithin unbekannt. Möglicherweise verunreinigen sie auch das Grundwasser – mit Folgen, wie sie der Film Gasland eindrucksvoll vorführt.

Zwar streitet die Gasindustrie in den USA ihre Verantwortung ab. Aber viele Familien, die in der Nähe von Förderstätten wohnen, berichten, dass sie ihr Leitungswasser anzünden können. Im Bundesstaat New York wurde Fracking an Trinkwasserquellen und in Grundwassernähe verboten. Frankreichs Regierung zog in diesem Jahr mit einer ähnlichen Regelung nach.

In Deutschland zögert die Politik noch: Die rot-grüne Landesregierung von Nordrhein-Westfalen will die unkonventionelle Gasförderung erschweren und hat deshalb im Bundesrat beantragt, das Bergrecht zu ändern. Umweltverträglichkeitsprüfungen sollen somit für alle Probebohrungen nach Schiefergas zur Pflicht werden. Bislang sind die Prüfungen erst Pflicht, wenn täglich mehr als 500.000 Kubikmeter Gas aus der Erde geholt werden. Bei Schiefergas liegen die Fördermengen aber in der Regel unter dieser Grenze.

Sollte das Bergrecht tatsächlich verschärft werden, könnte das für die Förderung von unkonventionellem Erdgas das Ende bedeuten. Carsten Grawunder von der Bürgerinitiative „Gegen Gasbohren“ aus Drensteinfurt hofft, dass dadurch die Technik unwirtschaftlich wird. Für ihn ist klar: „Schiefergas ist kein umweltfreundlicher Energieträger.“

Anhörung im Bundestag

Die Düsseldorfer Landesregierung hat Anfang August ein Gutachten ausgeschrieben, das die Folgen von Schiefergasbohrungen für die Wasserwirtschaft analysiert. Die Ergebnisse sollen bis Ende des Jahres vorliegen, bis dahin will die rot-grüne Regierung keine Genehmigungen erteilen. Unterstützung gibt es neuerdings vom CDU-Bundesumweltminister: Auch Norbert Röttgen will die Risiken der Förderung durch eine Studie untersuchen lassen. Weitere Bohrungen werde es erst geben, wenn sicher sei, dass die Technologie ungefährlich ist. Die Bundes-SPD hat für den Herbst eine Anhörung im Bundestag geplant.

In Niedersachsen geht FDP-Wirtschaftsminister Jörg Bode einen anderen Weg: Gerade wurden dort Abgabenerleichterungen für die Erdgasindustrie unter anderem beim Einsatz der umstrittenen Fracking-Methode durchgesetzt. So will das Land neue Projekte erleichtern und, wie der Liberale erklärt, Arbeitsplätze sichern. Man nehme zwar die Sorgen der Bevölkerung ernst. Doch seien bisher im Zusammenhang mit der Technik in Niedersachsen keinerlei Beeinträchtigungen bekanntgeworden, versichert der Minister. Das sehen die Anwohner im emsländischen Lünne anders. Auch hier wächst der Protest gegen ein geplantes Fracking-Projekt.

Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz hat nun ein bundesweites Verbot der Gewinnung von Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten gefordert. Die etablierten Umweltverbände hingegen haben sich lange Zeit schwer mit dem Thema getan. Kaum einer hatte die Probleme des unkonventionellen Erdgases auf der Agenda. Bei einem Fachgespräch, zu dem die Bundestagsfraktion der Linkspartei im April eingeladen hatte, erschien lediglich ein Vertreter von Robin Wood. Immerhin: Der BUND hat mittlerweile Expertise eingeholt und plädiert ebenfalls für eine Reform des Bergrechts. „Gefährdungen für Mensch und Umwelt durch die Förderung unkonventionellen Erdgases müssen definitiv ausgeschlossen werden.“

Das sehen inzwischen immer mehr Experten so. Nach Ansicht des Umweltbundesamtes birgt Fracking „erhebliche Risiken“. Präsident Jochen Flasbarth hat erklärt, von einigen der eingesetzten Stoffe wisse man bereits, „dass sie krebserregend sein können. Insbesondere ist eine Gefährdung des Grundwassers nicht auszuschließen“.

Dreckiger als Kohlestrom?

Was die Klimabilanz der Fracking-Methode angeht, liegen bereits Studien vor – und die lassen eher vermuten, dass die Elektrizitätsgewinnung aus Gas bald klimaschädlicher sein könnte als dreckiger Kohlestrom, wie es Robert Howarth, Professor an der New Yorker Cornell University vermutet. Das Abfackeln von herkömmlichem Erdgas verursacht zwar weniger Treibhausgase als die Verbrennung von Öl oder Kohle. Die konventionellen Gasreserven sind jedoch endlich. Nur deshalb lohnt sich mittlerweile überhaupt die kostspielige Ausbeutung von Schiefergas. Und dessen Klimabilanz ist weit schlechter, unter anderem wegen des höheren Energieeinsatzes.

In Deutschland mag Schiefergas für den gesamten Treibhausgas-Ausstoß bisher keine Rolle spielen. Wenn die nordrhein-westfälische Landesregierung aber Probebohrungen zulässt, könnte sich das ändern: Die Vorkommen alleine im nordrhein-westfälischen Gestein werden auf rund 2,1 Billionen Kubikmeter geschätzt. Deutschland verbraucht pro Jahr etwa 92 Milliarden Kubikmeter Erdgas.

Johanna Treblin ist freie Journalistin und hat zuletzt im Freitag 37/2010 über die Zukunft der Proteste in Gorleben geschrieben

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10:40 11.10.2011

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