Wenn den Helden die Arbeit ausgeht

Anstatt eines Nachrufs oder: Vom Unterlassen des Nichtstuns

Mit der Arbeit ist es wie mit der Vaterlandsliebe "Es gibt kein Recht auf Faulheit", sagte der Bundeskanzler - stimmt. Es gibt aber auch kein Recht darauf, Bundeskanzler zu sein. Und er macht es trotzdem.
Der Bundeskanzler ist der Spitzenkörper, aus dessen Mund bestimmende Staatsberedsamkeit dringt und quillt. Auch die Opposition verfügt über Lautsprecher. Und wir sind die Gehörgeschädigten dessen, was man Diskurs nennt, der die Marktschreierei des Politischen ausmacht. Wer Macht will oder hat, muss sie begründen und grölt in alter Brüder Wettgesang den Chorus von "Leitkultur, Werte, Erziehung, Tugend und Fleiß". In diesem Lärm tobt auch eine Debatte mit über die Zukunft der Arbeit, der Arbeitslosen und der Nichtmehrarbeitenden, der Rentner also, und es geht darum, wer bestimmt, was wir alle für GUT oder BÖSE halten sollen.
Die Diskussion um Arbeit ist im Herzen eine über Moral, und wenn es um Moral im öffentlichen Leben geht, dann wird´s allemal gefährlich. Über Arbeit wird immer gern geredet; wenn man welche hat, ist sie zu anstrengend, wenn man keine hat, ist dieser Mangel zu anstrengend. Mit der Arbeit ist es wie mit der Liebe. Es klappt nur selten mit den glücklichen Momenten.
Ich denke, es gilt, sich vor zwei Fanatismen zu hüten, dem Fanatismus der Arbeitsvergötzung und dem Fanatismus der Arbeitsverweigerung. Und einen Mittelweg gibt´s auch nicht.
Fragen gibt es viele: Geht der Gesellschaft die Arbeit aus, gibt es den Klassengegensatz von Arbeitsplatzbesitzenden und Arbeitslosen, ist Arbeit die einzige Sinnstiftung im globalen Kapitalismus? Gibt es Ausbeutung nur noch in der Dritten Welt?
Ich halte mich nicht für qualifiziert, einen Entwurf für eine bessere Gesellschaft vorzutragen. Ich könnte ja noch nicht einmal eine einfache Gastwirtschaft leiten, ohne dort nichts anderes als Chaos anzurichten. Um so mehr habe ich keine Ahnung, wie Arbeit gesellschaftlich zu organisieren ist.
Übrig bleibt Kritik, und dabei bevorzuge ich die kabarettistische Methode und stelle meine Gedanken unter das Motto eines bedeutenden Juristen aus dem 19. Jahrhundert, nämlich Rudolf von Ihering, der gesagt hat: "Das Ziel des Rechts ist der Friede, das Mittel dazu der Kampf!" Vergessen wir den Dreiklang nicht: Recht, Friede, Kampf!
Viele Fragen quälen uns.
Wogegen soll ich sein, wenn ich nicht weiß, wer die Macht hat? Die Feinde unserer Feinde sind auch unsere Feinde, hat Albert Oehlen gesagt und nicht Rainald Goetz. Die Schlacht um die Macht findet nicht mit Pflastersteinen oder Molotowcocktails statt, es geht auch nur um den Zugang zur Macht, die heute niemand so recht zu verorten weiß. Bekannt ist allerdings, dass um Deutungshoheiten gerungen wird.
"Wer die Bilder arrangiert, besitzt die Macht", hieß es am 30. Juni 1987 in der FAZ. Michael Stürmer hatte zum Historikerstreit in den achtziger Jahren die Erkenntnis beigetragen, "... dass in geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet". (FAZ vom 25. April 1986)
Denn Deutsch sein heißt deuten. Deutsche wollen sehen, glauben und nichts verstehen müssen.
Was aber ist Geschichte? Die Geschichte ist ein Museum, in dem täglich die Bilder hin und her gehängt werden. Und wenn die Bilder verblassen, müssen sie restauriert werden - das nennt man die Restaurationsphase.
Ein Beispiel: Am 13. August 1933, während des Mauerbaus an der Reichskanzlei, marschierte der Russe nach der Halbzeit an den Tschernobylen in Böhmen ein, um dort rumzumähren, und veranlasste so den dreißigjährigen Krieg, der zum Prager Fenstersturz an der Konstabler Wache führte und letztendlich die Verantwortung trägt für humanitäre kosovoalbanische Hütchenspieler, für serbokroatisch Geschnetzeltes und die Heiligsprechung der NATO.
Dafür brauchen wir Geschichte, damit wie sie denen, die wir nicht leiden können, um die Ohren hauen können. Die Geschichte ist eine Schlagwaffe, für die es keinen Waffenschein braucht. Gleichzeitig prägt sie die
Gesichtszüge durch Einschläge oder durch Einbildung. Geschichtslos ist also gesichtslos. Ohne historische Blamage gibt´s keine individuelle Visage, hat Möllemann mal gesagt. Wer also keine Geschichte hat, hat kein Gesicht und wird auf der Straße nicht wieder erkannt. Denn man schaut den Menschen ins Gesicht und nicht auf den Arsch, auch wenn der schöner ist.
Wer keine Geschichte hat, die ihm bedeutend erscheint, bedient sich bei der Nation und guckt stolz. Der Stolz auf Deutschland ist eine nicht-chirurgische Gesichtsoperation. Hier sind wir beim Nationalgefühl, "und Nationalgefühl wird daran gemessen, wie oft kann der Staat dem Staatsbürger in die Fresse hauen, bis er zurückschlägt". (Heinrich Pachl, 1988)
Aber seit die Mauer weg ist in Berlin, zieht es nicht nur in dieser Stadt, Durchzug ist angesagt, denn die deutsche Geschichte ist auch noch obdachlos. Das Haus der Deutschen Geschichte braucht also erst einmal ein Dach. Wer aber soll der Dachdecker sein?
Der Historiker. Denn er hat die Aufgabe, ein nicht vorhandenes positives Selbstwertgefühl zu erschaffen, sonst geht das Selbstbewusstsein kaputt, und aus mangelndem Selbstbewusstsein der Volksmassen entstehen die großen Verbrechen.
Also lautet der nächste Schritt in der am Marktfrieden orientierten Informationsgesellschaft: Wo das nationale ES ist, soll das globale ICH werden.
Kleiner Versuch gegen die Klarheit: Mit der Arbeit ist es wie mit der Vaterlandsliebe, wegen der wir die Patrioten als Idioten beschimpfen und ein entspanntes Weltbürgertum feiern.
Peter Nadàs hält dagegen: "Wenn jemand zum Beispiel sagt, warum er sein Vaterland nicht liebt, dann umschreibt er unfreiwillig seine Liebe und seinen Tatendrang mit diesem Geständnis, während ein noch so ernsthaftes und leidenschaftliches Bekenntnis zum Vaterland eher davon zeugt, welchen Abscheu und Kummer, welchen Schmerz, welche Sorge, Verzweiflung und lähmende Ohnmacht dieses Vaterland bereitet, weshalb sich der gelähmte Tatendrang notgedrungen in wortreichen, schwärmerischen Beteuerungen erschöpfen muss".
Mein Einwand:
Statt dem Leben Sinn zu stiften,
Heißt´s, die Sinne zu entgiften.
Heißt es lieben, heißt es hassen
Und vor allem: Essen fassen.
Denn es ist der Sinn der Welt,
Dass sie nichts zusammenhält.

text aus : "Recht auf Faulheit - Zukunft der Nichtarbeit", Edition Freitag, 2001

00:00 05.04.2002

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