Wenn der Ausweis zum Fetisch wird

Angst In Deutschland fühlt man sich unwohl, wenn sich kulturelle Identitäten vermischen – das ist absurd, findet der Autor und Orientalist Navid Kermani

Wir nehmen den Fundamentalismus und überhaupt die Rückkehr der Religionen in der Regel nur dann wahr, wenn sie mit politischen Forderungen auftreten oder gar mit physischer Gewalt. In der Breite ist der Fundamentalismus seit seinen Anfängen im frühen 20. Jahrhundert bis heute überall – sei es im Nahen Osten, in Südasien oder den Vereinigten Staaten – eine Bewegung, die den Einzelnen einbindet in die klar umrissene Ordnung eines Kollektivs, das streng unterschieden ist von anderen Kollektiven. Das muss keine aggressive Unterscheidung sein. Fundamentalistische Lebensentwürfe sind attraktiv, weil sie die Menschen mit dem versorgen, was ihnen in der modernen, globalisierten Welt am meisten fehlt: Eindeutigkeit, verbindliche Regeln, feste Zugehörigkeiten – eine Identität.

Sie sind ja gar nicht echt!

Identität ist per se etwas Vereinfachendes, etwas Einschränkendes, wie jede Art von Definition. Es ist eine Festlegung dessen, was in der Wirklichkeit vielfältiger, ambivalenter, durchlässiger ist. Das ist zunächst nicht schlimm, sondern ein ganz normaler Vorgang. Ich sage von mir: Ich bin Muslim. Der Satz ist wahr, und zugleich blende ich damit tausend andere Dinge aus, die ich auch bin und die meiner Religionszugehörigkeit widersprechen können – ich schreibe zum Beispiel freizügige Bücher über die körperliche Liebe oder bejahe die Freiheit zur Homosexualität. Das ist ein Widerspruch. Der Islam lehnt die Homosexualität ab, und Erzählungen über Sex legt der Koran auch nicht eben nahe. Wahrscheinlich ließe sich eine Interpretation konstruieren, welche die Homosexualität oder die Schilderung sexueller Handlungen islamisch legitimiert. Aber das beschäftigt mich nicht.

Nicht alles, was ich tue, steht in Bezug zu meiner Religion. Für mich selbst bin ich durch solche Handlungen und Bekenntnisse in meinem Muslimsein überhaupt nicht eingeschränkt. Das mag sich paradox anhören, aber mit dieser Religiosität bin ich aufgewachsen, mit all diesen Ambivalenzen, Brüchen, Widersprüchen. Gut, keiner meiner Vorfahren hat, soweit ich weiß, Erzählungen über Sex geschrieben, aber dafür hatten sie andere Angewohnheiten, die nun auch nicht sämtlich im Einklang mit der reinen Lehre standen. Manche meiner älteren Verwandten hielten zum Beispiel streng ihr Ritualgebet ein, verzichteten deswegen aber nicht auf den abendlichen Wodka. Niemand wäre auf die Idee gekommen, einem Muslim, der auch Alkohol trinkt, die Zugehörigkeit zum Islam streitig zu machen. Genausowenig hätte jemand den Alkoholkonsum islamisch begründet. Wenn etwas fehlte, war es Eindeutigkeit.

Der Fundamentalist würde sagen: Das darf nicht sein, der Muslim ist so oder so, alle anderen sind keine Muslime. Und der deutsche Fernseh-Experte sagt mir: Sie sind ja gar kein „echter“, sondern zum Glück nur ein „gemäßigter“ Muslim, denn ein echter Muslim lehnt die Demokratie ab, will die Einheit von Staat und Religion und nimmt den Koran als Gottes unverrückbares Gesetz. Dem würde ich erstens entgegnen, dass ich meinen Glauben sehr wohl als „echt“ empfinde. Zweitens würde ich den Fundamentalisten und seinen deutschen Experten bitten, sich einmal in einem islamischen Land umzuschauen (es muss nicht gerade Saudi-Arabien sein). Man könnte die islamische Kultur, die Poesie, die Architektur, die Mystik gerade durch den Widerspruch definieren, den sie zur so genannten reinen Lehre darstellt – aber auch dadurch, dass dieser Widerspruch möglich ist und ausgehalten wird, genau wie in allen anderen Kulturen, nicht zuletzt die abendländische: Man muss sich nur einmal in der Sixtinischen Kapelle umsehen, um staunend zu bewundern, welche scheinbar unchristliche Sinnenfreude und pralle Lüsternheit der Katholizismus nicht nur hinnimmt, sondern in sein eigenes Zentrum rückt. Genauso wie der Islam ist das Christentum immer auch das Gegenteil von dem, was diese oder jene Gelehrten als christlich definieren.

Ich bin Muslim, ja – aber ich bin auch vieles anderes. Der Satz, „Ich bin Muslim“, wird also in dem Augenblick falsch, ja geradezu ideologisch, wenn ich mich ausschließlich als Muslim definiere – oder definiert werde. Deshalb stört es mich auch, dass die gesamte Integrationsdebatte sich häufig auf ein Für und Wider des Islams reduziert – als ob die Einwanderer nichts anderes seien als Muslime. Damit werden alle anderen Eigenschaften und Faktoren ausgeblendet, die ebenfalls wichtig sind: Woher sie stammen, wo sie aufgewachsen sind, wie sie erzogen wurden, was sie gelernt haben.

Natürlich neigen wir zu Bestimmungen, Einordnungen, also: Identifikationen. Jemand anders identifiziert mich mit dem Islam oder im Gegenteil dadurch, dass ich aus seiner Sicht doch gar kein echter Muslim bin, da ich dieses oder jenes tue, was aus seiner Sicht dem Islam widerspricht. Den Widerspruch leugne ich auch gar nicht. Ich sage nur: So widersprüchlich sind wir alle. Jede Persönlichkeit setzt sich aus vielen, unterschiedlichen und veränderlichen Identitäten zusammen. Man stelle sich nur einmal vor, man würde in allem, was man tut, denkt, fühlt, Deutscher sein, nur als Deutscher agieren, essen, lieben – das wäre doch ziemlich grauenhaft.

Sich mit diesem oder jenem zu identifizieren, ist also ein normaler Vorgang. Gefährlich wird es, sobald eine einzige Identität bestimmend wird, sobald man nur noch Muslim ist oder Christ oder Deutscher, Iraner oder meinetwegen Anhänger eines bestimmten Fußballclubs oder eines Popstars. Dann wird aus der pragmatischen Einschränkung, die jede Art von Identifizierung bedeutet, eine reale Verstümmelung der Persönlichkeit. Bedenklicher noch: Identitätsfindung funktioniert grundsätzlich über die Abgrenzung von anderen Identitäten. Es gibt das Eigene nur, wo es etwas anderes gibt. Auch das ist zunächst ein normaler Vorgang. Und doch liegt eben hier, in der Konstruktion dessen, was man selbst ist, und der Abgrenzung von dem, was andere sind, ein Gewaltpotenzial.

Dialog mit sich selbst

Wie oft höre ich in Deutschland, dass „Wir“ nichts gegen Muslime hätten. Oder alle möglichen Talksendungen zum Islam: Wie können „Wir“ mit den Islam umgehen, müssen „Wir“ Angst haben vor den Muslimen? Dass zu diesem „Wir“ auch Muslime gehören könnten, scheint den Talkgästen beinahe undenkbar zu sein. Es ist gar nicht einmal böse gemeint, jedenfalls nicht immer. „Wir“ Deutsche müssen den Dialog mit den Muslimen führen, sagen die Gutwilligen. Das ist löblich, nur bedeutet das für etwa drei Millionen Menschen in diesem Land, dass sie den Dialog mit sich selbst führen müssten.

Anders als die Vereinigten Staaten von Amerika haben sich die meisten europäischen Nationalstaaten auf der Grundlage von Homogenisierungen entwickelt; historisch liegt ihnen das Ideal einer Einheit von Blut, Kultur, Sprache und Religion zugrunde. Dieser Drang zur Vereinheitlichung war kaum irgendwo stärker als in Deutschland, eben weil es sich erst spät zu einer Nation herausgebildet hat, und das Deutsche niemals ein so natürlicher oder unumstrittener Bezugspunkt war wie England für die Engländer oder Frankreich für die Franzosen. Diese hatten als Kolonialmächte zudem längst den eigenen Nationalbegriff erweitert, etwa in der Definition dessen, was ein Staatsbürger ist.

Das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht hingegen war bis zu seiner Reform durch die rot-grüne Koalition im Jahr 2000 in wesentlichen Teilen noch identisch mit dem Gesetz von 1914, das allein auf dem Abstammungsprinzip beruhte. Und noch immer ist der Enkel von Russlanddeutschen, der nie in Deutschland gelebt hat und kein Wort Deutsch spricht, deutscher als der Enkel türkischer Einwanderer, der keine andere Sprache spricht als Deutsch. Es dürfte kein anderes Land auf der Welt geben, das eine solche Fetischisierung des eigenen Ausweisdokumentes betreibt. Die Hysterie, mit der manche Politiker bis heute auf die Möglichkeit der doppelten Staatsbürgerschaft reagieren, ist andernorts kaum nachvollziehbar. Schließlich muss das Argument, dass jemand mit zwei Pässen einen Identitätskonflikt hat, jedem abstrakt, wenn nicht absurd erscheinen, der tatsächlich mit zwei oder noch mehr Kulturen aufgewachsen ist.

Navid Kermaniist Schriftsteller und Orientalist. Am 23. Februar erscheint sein Buch Wer ist wir. Deutschland und seine Muslime. Verlag C.H. Beck 2009

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01:00 19.02.2009

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