Wenn der Nebel sich lichtet

VOLKSBÜHNENVERSÖHNUNG Den Wirbel um eine glücklose Castorf-Spielzeit beruhigt Dimiter Gottscheff mit einer berührenden "Iwanow"-Bearbeitung am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz

Jedes Theater hat seine Legende, und weil Berlin so viele große Theater hat, sind die Legenden dementsprechend. Am Deutschen Theater heißt die Legende Max Reinhardt, am Berliner Ensemble Bertolt Brecht, an der Schaubühne Peter Stein. Dass das alles so lange her ist, lässt die Legenden nur legendärer strahlen, während die jeweilige Gegenwart im Licht des Vorübergehenden erscheint. Anders gesagt: Zum Legendären gehört mehr als Besucherschlangen, gute Kritiken und eine Einladung zum Theatertreffen, wie das DT sie in der aktuellen Spielzeit unter Bernd Wilms vorweisen kann.

An der Volksbühne heißt die Legende Frank Castorf und sie lebt, wie in der Umgangssprache gesagt wird. 1992 hat Castorf das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz übernommen mit dem gerade in diesen Tagen häufig zitierten Auftrag, am Beginn des dritten Jahres berühmt oder tot zu sein. Die Volksbühne wurde zum Theater der neunziger Jahre, und dass sie in einem noch heute einfällt, wenn man darüber nachdenkt, was zu den prägenden Spielformen der deutschsprachigen Bühne gehört, hat auch damit zu tun, dass sich bislang niemand gefunden hat, der die Stelle des Theatererneuerers übernehmen wollte. Beziehungsweise: Dass etwa der formradikale Serienverfertiger René Pollesch als Leiter des Praters zum Teil der Volksbühne geworden ist und nicht zu ihrem Gegenpart. An Pollesch, der bereits an einem Dutzend anderer Theater bekannt war, als er 2001 nach Berlin kam, kann man die Qualität von Castorfs Volksbühne erkennen, ästhetisch prägende Theaterauffassungen in das eigene Konzept einer dauerhaften Spitzenposition im Feld der deutschen Bühnen zu integrieren. An Stefan Bachmann, der unlängst seine Volksbühnen-Arbeit an Botho Straußens Groß und Klein abbrach (Freitag 10), wird der Mangel von Castorfs Intendanz sichtbar, die nie auf die Ermöglichung von Vielfalt aus war. Man kann sich ausmalen, wie andere Bühnen die erste Inszenierung des angesehenen vormaligen Basler Spielleiters nach längerer Auszeit zur Selbstbeweihräucherung benutzt hätten. Dass Castorfs Volksbühne darauf nichts gibt und den Regisseur gar zur Aufgabe drängt, mag menschlich bedenklich sein. Grundsätzlich spricht daraus jene Verachtung des Betriebs, die Castorf für denselben immer attraktiv gemacht hat. Insofern wäre das Abenteuer Bachmann ein Vitalitätsnachweis des gewaltigen Hauses, das von seinen Regisseuren ein riesenhaftes Maß an künstlerischer Selbständigkeit verlangt hat. Deshalb haben es unter Castorf nur Schlingensief, Kresnik, Marthaler und eben Pollesch geschafft, längerfristig hier zu arbeiten. Das Scheitern des hoch gelobten Johan Simons am Beginn dieser Spielzeit mit der Dostojewskij-Bearbeitung "Zocker" reiht sich ein in das Heer der Mal-Dagewesenen wie Stefan Pucher oder Thomas Bischoff, Michael Simon oder Sebastian Hartmann.

"So eine Spielzeit, wie sie die Volksbühne augenblicklich durchleidet, wünscht man nicht seinem ärgsten Feind", hat der Berliner Tagesspiegel nach der Demission von Stefan Bachmann geschrieben, was menschlich wiederum richtig ist. Grundsätzlich aber zeigt sich an der aktuellen Saison, in der Castorf kurz hintereinander für Marthaler und Bachmann Inszenierungen zu Ende bringt, in der Simons scheitert und Gottscheff mit Josef Bierbichler eine unausgegorene Heiner-Müller-Variation präsentiert, grundsätzlich zeigt sich in der extremen Verengung auf die Castorfsche Monokultur nur das Programm der Volksbühne. Der eigentliche Skandal dieser Volksbühnen-Spielzeit ist neben der Absetzung von Jan Ritsemas Folge von Polleschs Prater-Saga allenfalls Castorfs einzige Eigenproduktion Meine Schneekönigin, ein läppischer Ausflug in die Märchenwelt von Hans-Christian Andersens. Die große Krise, von der zur Zeit an manchem Ort zu lesen ist, steht dem Haus dagegen erst bevor, wenn Castorf einmal nicht mehr Intendant sein wird, also 2007 oder - wenn er seinen Vertrag verlängert - ein paar Jahre später.

In der angespannten Situation konnte der Volksbühne vermutlich kaum etwas Besseres passieren, als die Premiere von Tschechows Iwanow in der Regie von Dimiter Gottscheff. Das Stück heißt Komödie im Untertitel, was ein Witz ist, denn dem Iwanow fehlt die Leichtigkeit, die Tschechows Schwermut in den späteren Werken erträglich macht. "Über mein Gejammer sollte man sich eigentlich kaputt lachen", sagt Samuel Finzi als Titelheld, aber da ist einem das Lachen lange vergangen. Finzi, der grandiose Vielgesichtige, ist von Beginn ein Bild der Trauer; man hat ihm einen Bart angeklebt, halb Rasputin, halb Ivan Rebroff, der ihn von allen Sorgen am meisten bedrückt. Finzi erscheint am Beginn von unten am hinteren Rand des leergeräumten Volksbühnen-Bühnenrunds, dessen Riesenhaftigkeit man daran ermessen, wie klein das Menschlein hier doch ist. Dann schlurft er nach vorn und setzt per Fernbedienung den künstlichen Nebel in Gang, der den ganzen Abend die Spieler an die Rampe drücken oder sie verschwinden lassen wird - ein gleichmäßig waberndes, milchiges Nichts, das die Bühne füllt und damit den Platz einnimmt, wo bei Tschechow das Leben sowieso nicht ist. Ein einfaches und zugleich wirkungsvolles Bühnenbild (Katrin Brack) für ein handlungsarmes, gleich bleibend höhepunktloses Stück.

Gottscheff konzentriert sich auf das Schicksal des armen Großgrundbesitzers Iwanow, der mit der Frau Anna, die er nicht mehr liebt (Almut Zilcher) verheiratet ist, und mit der jungen Frau Sascha, die ihn aufopferungsvoll begehrt (Birgit Minichmayr), ein Techtelmechtel hat, aber keine Zukunft. Die Hochzeit mit Sascha findet in Gottscheffs Version schon nicht mehr statt, Birgit Minichmayr im Brautkleid ist ein Gespenst am Horizont des am Leben leidenden Iwanow. Er will seine Ruhe haben vor den finanziellen Stänkereien seines Verwalters, des skrupellosen jungen Geldmachers Borkin (Milan Peschel) und vor den moralischen Stänkereien des jungen idealistischen Arztes Lwow (Alexander Simon), der Iwanow die Schuld an der todbringenden Krankheit der Frau Anna gibt. Dabei wartet Iwanow selbst auf den Tod, seit er eingesehen hat, dass sein Entwurf eines gelingenden Lebens nicht aufgegangen ist. Dass ihm das nicht vergönnt ist, zeigt die Musik (Sir Henry) an, die Motive des heroischsten Liebespopsongs (My heart will go on) und des pathetischsten Abschiedspopsongs (Time to say goodbye) so ineinander verhakt, das keiner zu seinem Recht kommt.

Gottscheff erweist sich mit Iwanow als kluger Moderator, dem das Kunststück gelingt, das Laute, eben: das Volksbühnenhafte, in den Strom einer leisen, berührenden und an manchen Stellen todtraurigen Aufführung einzubetten, der man höchstens einwenden kann, dass sie ihren Abschied von dieser Welt zu lange zelebriert. Im Ensemble vereint sind die Chargendarsteller der frühen Castorf-Jahre (Hendrik Arnst, Michael Klobe) mit den Volksbühnen-Prototypen der Jetztzeit (unübertroffen nölig: Milan Peschel, entwaffnend naiv: Birgit Minichmayr) sowie Gottscheffs großartigen Charakterkörper-Feinzeichnern Samuel Finzi und Wolfram Koch (als schwacher Mann Lebedev). Einen diplomatischeren Kommentar zur Aufregung um den vom Ensemble "weggebissenen" Bachmann kann man sich nicht vorstellen. Am Ende von Iwanow hat sich Nebel wieder aufgelöst.


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00:00 25.03.2005

Ausgabe 38/2020

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