Wenn der Papst den vernünftigen christlichen Gott aus dem Talar zaubert

Mohssen Massarrat über den Krach der Religionen Der Nahostexperte Mohssen Massarrat über eine Rede in Regensburg und den Schlagabtausch der Kulturen und Konfessionen

FREITAG: Worin besteht aus Ihrer Sicht die Kernbotschaft des Regensburger Vortrages, den Benedikt XVI. jüngst gehalten hat?
MOHSSEN MASSARRAT: Im Klartext sind zwei wesentliche Dinge erkennbar: Erstens, der Prophet Mohammed hat den Islam durch das Schwert verbreitet, während im Umkehrschluss nahegelegt wird - ohne dass es der Papst explizit sagt -, das Christentum habe sich ohne Gewalt ausgebreitet. Zweitens preist der christliche Gott, der dem von Benedikt zitierten christlichen Kaiser Manuel II. Palaeologos vorschwebt, das vernunftgemäße Handeln der Christen, weil dieser Gott kein Gefallen an Blut habe, während der islamische Gott seinen Gesandten mit dem Schwert ausgerüstet durch die Welt ziehen ließ.

Und darüber ist die islamische Welt zu Recht echauffiert?
Zumindest haben viele islamische Gelehrte dies als Kampfansage wahrgenommen. Und es ist in der Tat so, dass man die päpstliche Botschaft von Regensburg als eine durch den Vatikan abgesegnete Neuauflage von Huntingtons "Kampf der Kulturen" verstehen kann. Es mag sein, dass der Papst gar nicht gemerkt hat, was er da von sich gab - das aber wäre für den gesamten Katholizismus um so schlimmer. Nähme man seinen Rückzieher ernst, es sei ja ein mittelalterlicher Text gewesen, den er zitiert habe, käme das dem Eingeständnis gleich, dass er geschludert hat.

Erleben wir nicht vom Muster her einen Vorgang wie beim Streit um die Mohammed-Karikaturen Anfang des Jahres? Islamische Fundamentalisten reagieren prompt und unversöhnlich - man hat den Eindruck, der Anlass ist ihnen nicht unwillkommen.
Augenblicklich ist die Stimmung in der islamischen Welt sehr gereizt, seit sich Präsident Bush und zunehmend auch der israelische Premier Olmert berufen fühlen, durch tägliche verbale Attacken die Moslems zu demütigen. Bush spricht seit dem israelischen Feldzug gegen den Libanon und die Hisbollah immer öfter vom Kampf der Demokratie gegen islamische Faschisten. Wenn nun der Papst den friedliebenden und vernünftigen christlichen Gott aus dem Talar zaubert und ihm den blutrünstigen islamischen Gott gegenüberstellt, dann sieht das für die sich gedemütigt fühlenden Moslems so aus, als gäbe es eine konzertierte Aktion des Westens.

Wo könnte das Motiv des Papstes liegen, derart Öl ins Feuer zu gießen?
Offenbar hat sich Benedikt XVI. mit seiner Regensburger Vorlesung - ob unbemerkt oder nicht, sei einmal dahin gestellt - auf ziemlich abenteuerliche Weise aufs Glatteis begeben. Zu sagen, die christliche Religion sei eine Symbiose aus Vernunft und Glaube, das wäre genauso aberwitzig, als würde ein Physiker behaupten, das Fallgesetz ergäbe sich aus Gefühlen und seelischen Beschaffenheiten des fallenden Objektes. Ich vermute, der Papst hat in der Regensburger Universität vergessen, dass er dort nicht als Professor referierte, sondern als Oberhaupt der Katholischen Kirche. Schließlich verteidigte er die Spiritualität als ein menschliches Bedürfnis, als etwas Positives und in der Tradition des Christentums Stehendes. Nur hat seine Heiligkeit dabei den waghalsigen Versuch unternommen, die eigene Religion in ihrer gesamten Geschichte als zutiefst vernunftgetragen hinzustellen, womit er nicht nur Geschichtsklitterung betrieben, sondern auch versucht hat, mit scheinwissenschaftlichen Redewendungen die blutige Geschichte des Christentums weg zu definieren. Das ist eines aufrichtigen Umgangs mit der eigenen Vergangenheit unwürdig und diskreditiert die Religion in einer Weise, zu der meines Erachtens Atheisten nie in der Lage gewesen sind.

Tatsächlich kommt dieses Schönreden bei einfachen Christen, die sich zu den Aufgeklärten und Vernünftigen zählen, gut an.
Auch das gehört offenbar zu den Motiven des Papstes, nach denen Sie gefragt haben. Nur schießt er mit der Aussage, Ihr Christen seid im Unterschied zu anderen immer vernünftig gewesen, ein Eigentor, legitimiert er doch damit unter anderem das opportunistische Verhalten der Kirche gegenüber den Nationalsozialisten als eine von Vernunft getragene Haltung. Er beleidigt so alle Christen, die sich vom Faschismus klar distanziert haben. Wer so geschichtsblind und unfähig ist, eigenes Fehlverhalten einzugestehen, der ist letztlich nicht zum Dialog mit anderen Religionen in der Lage. Nicht einmal zur Ökumene innerhalb des Christentums.

Wäre der Konflikt mit der islamischen Gemeinschaft entschärft, würde der Vatikan offiziell erklären, der Papst habe in Regensburg lediglich einen theologischen Diskurs vorgetragen und keine politische Rede gehalten?
Nein, das glaube ich nicht, das wäre eine glatte Lüge, denn Benedikt XVI. hat eine dezidiert politische Rede gehalten. Gerade deshalb werden ja seine Ausführungen in der Öffentlichkeit von Politikern so massiv verteidigt, die sich mit ihren Klischees über den Islam, über Kopftuch tragende Frauen und alle hässlichen Eigenschaften, die sie bei ihren Wahlkämpfen den Moslems oder den Fremden überhaupt unterstellen, bestätigt fühlen. Der Urheber der populistischen Floskel "Kinder statt Inder" legte im Landtag in Düsseldorf noch nach, indem er die Empörung der moslemischen Papstkritiker als Anmaßung gegen die Freiheit des Denkens zurückwies ...

Sie meinen den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Rüttgers ...
... genau den. Seine Äußerungen sind in dem Sinne zu verstehen: Seht, der Papst hat Recht, Moslems sind eben nicht in der Lage, die demokratischen Spielregeln zu kapieren.

Andererseits rudert der Papst gerade zurück.
Diese nachträglichen Beschwichtigungen sind fast genau so schlimm wie die Papst-Äußerungen selbst.

Warum?
Weil im Klartext gesagt wird, der Papst wollte die Moslems nicht beleidigen und ihre Gefühle nicht verletzen, er habe doch eigentlich nur die Wahrheit gesagt und nicht ahnen können, dass die Moslems darauf so unvernünftig reagieren. Dementsprechend hieß es auf der Bild-Titelseite Anfang der Woche, mit seiner Stellungnahme in Castel Gandolfo am Sonntag habe der Papst die Gemüter aufgebrachter Moslems beruhigt.

Wenn ich Sie richtig verstehe, empfinden Sie die Reaktionen deutscher Politiker - etwa der Kanzlerin, die den Papst ausdrücklich in Schutz nimmt - kaum als konfliktentschärfend. Doch was sollten sie sonst tun?
Aus meiner Sicht wäre die Politik gut beraten, sich aus dieser Auseinandersetzung herauszuhalten, weil sie andernfalls zwangsläufig zur Partei wird und dazu beiträgt, dass sich die Fronten weiter verhärten.

Wird durch die christliche Botschaft aus dem Munde des Oberhauptes der Katholischen Kirche zum geistigen Kreuzzug gegen den Islam gerufen oder ist diese Deutung übertrieben?
So etwas kann die Folge sein, muss aber nicht. Hier müssten die Intellektuellen und vor allem die verantwortungsbewussten Medien einspringen und ganz anders reagieren, als das bisher der Fall ist. Noch haben Intellektuelle, die etwas von sich halten, augenscheinlich nicht bemerkt, dass der Heilige Vater sie alle beleidigt hat. Sie müssten sich doch regelrecht dazu gedrängt fühlen, die päpstliche Lüge über die christliche Friedfertigkeit zu entlarven, indem sie daran erinnern, dass alle Gewaltorgien des 20. Jahrhunderts - nicht zuletzt die beiden Weltkriege - von christlichen Ländern ausgingen. Sie sollten sich vor Augen halten: Es ist das christliche Amerika, das derzeit in zwei islamischen Ländern Krieg führt und einen weiteren Feldzug gegen ein islamisches Land, den Iran nämlich, vorbereitet.

Vielleicht fällt eine solche Argumentation vielen nicht leicht, weil ihnen das unter Umständen als Verteidigung autoritärer Regimes im Nahen Osten ausgelegt wird.
Sicher, viele islamische Staaten haben in Sachen Demokratie und Freiheit viel aufzuholen. Sie sind in dieser Hinsicht um ein halbes Jahrhundert oder mehr zurückgeblieben. Ich könnte zum Beispiel die islamische Geistlichkeit in Teheran nicht in dieser Schärfe kritisieren, wie ich es gegenüber dem Papst tue, ohne dabei vor Angst zu zittern. Andererseits haben die westlichen Demokratien in Sachen Frieden jede Menge nachzuholen, denn die mittelalterliche Barbarei scheint hier immer noch zutiefst verwurzelt zu sein. Nach meinem Eindruck brauchen die westlichen Demokratien so etwas wie eine zweite Aufklärung in Sachen Frieden.

Wie bewerten Sie die Reaktionen etwa der türkischen Regierung oder des pakistanischen Parlaments, das den Papst-Vortrag einstimmig verurteilt hat?
Ich empfinde diese Reaktionen - das muss ich offen sagen - als unüberlegt und teilweise auch unglaubwürdig. Mit der Forderung, der Papst möge sich persönlich entschuldigen, gibt man ihm doch Recht, wenn er einräumt, die Gefühle der Moslems verletzt zu haben. Das wirkliche päpstliche Fehlverhalten besteht aber darin, dass er die Unwahrheit gesagt hat und - unter dem Vorwand, im Sinne der Vernunft einen Dialog der Kulturen führen zu wollen - den Alleinvertretungsanspruch des Katholizismus für das Gute und Vernünftige herausstellen wollte. Die Moslems und ihre Repräsentanten müssten, statt in dieser naiven Form zu protestieren, in die Offensive gehen und dem Vatikan eine gemeinsame Kommission vorschlagen, die sich mit dem Verständnis und dem Verhältnis aller Religionen zur Gewalt befasst und die Ergebnisse kontinuierlich der Öffentlichkeit präsentiert. Diese Art von Dialog kann beiden Seiten helfen, sich selbst sowie andere aufzuklären - und sich in zeitgemäßer Weise weiter zu entwickeln.

Erwarten Sie direkte Auswirkungen des Konflikts um die Papst-Rede auf die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten - zum Beispiel die Haltung des Iran im Atomstreit?
Leider ja, der Kampf der Kulturen war immer Wegbereiter von Konflikten, die von den USA in den vergangenen zehn Jahren geschürt und nach dem 11. September 2001 intensiviert wurden. Der deutsche Papst sollte aufpassen, nicht als ein Papst, der Kriege schürt, in die Geschichte einzugehen. Der polnische Papst hat immerhin - und er tat dies ausdrücklich vor der Irak-Invasion - jeden Krieg verdammt.

Gewinnt der Schlagabtausch der Kulturen vor unser aller Augen noch an Schärfe?
Ich bleibe Optimist und glaube weiter daran, dass es möglich ist, sich mit Vernunft gegen Scheinheiligkeit zur Wehr zu setzen und den Kampf der Kulturen aufzuhalten. Dabei hätten allerdings die Intellektuellen auf christlicher und islamischer Seite eine vermittelnde und aufklärerische Aufgabe. Sollten die Führer beider Religionen nicht in der Lage sein, die vorgeschlagene Kommission zu bilden, müssten halt die Intellektuellen diese Rolle übernehmen.

Das Gespräch führte Lutz Herden

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00:00 22.09.2006

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