Wenn der Topf aber einen Sprung hat

Im Zwielicht Die Akte Hedwig Bollhagen aus der NS-Zeit ist kein Persilschein

Ihre Kunst ist europaweit bekannt, und ihre Büste im deutschen Pavillon auf der Hannoveraner Weltausstellung war die größte von allen. Hedwig Bollhagen, die 2001 verstorbene Keramikerin aus dem brandenburgischen Marwitz, wurde nach der Wende zur ältesten "jungen Unternehmerin" in Deutschland. Unübertroffen die Bescheidenheit, mit der sie von ihren "Töppen" sprach. Mustergültig, wie sie in verblichener Arbeitsschürze und mit preußischem Arbeitsethos noch in hohem Alter Gebrauchsgeschirr schuf, das schon lange nicht mehr jeder bezahlen kann. Was durch ihre Hände ging, firmiert inzwischen als "bewegliches Denkmal". Versagt blieb ihr die Achtung nie: Eine Bollhagen-Vase erhielt 1937 auf der Pariser Weltausstellung eine Goldmedaille. Zu DDR-Zeiten bezog die Unermüdliche eine Ehrenrente. 1997 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz umgehängt.

Der Philosoph Ernst Bloch meinte einst zu dieser Auszeichnung, sie sei unannehmbar angesichts der vielen "Schandpersonen", die sich mit diesem Kreuz schmücken dürften. Seit einiger Zeit nun kursiert der Verdacht, auch die sakrosankte Inhaberin der HB-Werkstätten könnte in Blochs Schema passen. Zum Auslöser wurde ausgerechnet ein Plan der Stadt Potsdam, der Künstlerin ein Museum zu widmen.

Natürlich ist oberflächliche Selbstgerechtigkeit der Nachgeborenen deplaziert. Der Autor dieses Textes ist mit Hedwig Bollhagen nicht verwand, aber erdverbunden. Wo der ortsansässige Ton gefördert wurde, aus dem sie ihre Töpfe brannte, lag der Kleingarten seiner Eltern, auf dem Adlerstonberg in Velten. Den Sommer über "brennt" hier die Sonne den Ton so fest, dass Pflanzen kaum die harte Erdkruste durchbrechen können. Ton war der Rohstoff für Bollhagens "Töppe", aber auch für Ofenkacheln, die in Velten produziert wurden. Die Kleinstadt avancierte in den dreißiger Jahren mit ihren 35 Kachelbetrieben zu Europas größter Ofenstadt.

Antijüdisches Netzwerk

Um diese Zeit geht es auch mit dem am 22. Juli in Potsdam vorgelegten Gutachten, das die Haltung Bollhagens während der NS-Diktatur untersucht. Im Auftrag des Zentrums für Zeithistorische Forschungen hat die Historikerin Simone Ladwig-Winters dazu eine fast 100 Seiten starke Studie präsentiert. Ein separates Resümee ist mit dem Satz überschrieben Hedwig Bollhagen war weder Anhängerin noch Förderin des Nationalsozialismus. Nur auf einen ersten Blick scheint das Urteil zutreffend, denn für ein "klares Bild" - wie angekündigt - sorgt das detailreiche Gutachten von Ladewig-Winters keineswegs, werden in der Zusammenfassung doch Bewertungen vereint, die tatsächlich unvereinbar sind. Die damals 25-jährige Bollhagen hat demnach "von der Politik des NS-Regimes profitiert, ohne das Regime willentlich gezielt unterstützt" zu haben. Es bleibt ein Rätsel, warum die Keramikerin nach Ansicht der Gutachterin die antijüdischen Rahmenbedingungen der Jahre 1933/34 "nicht gezielt" zu ihrem Vorteil genutzt haben soll, als sie gemeinsam mit ihrem damaligen Geliebten, dem einflussreichen Nazi Heinrich Schild, der bedrängten Jüdin Margarete Heymann-Loebenstein deren Marwitzer Keramikbetrieb überaus vorteilhaft abkaufte. Letztere hatte laut Gutachten "bis in das Frühjahr 1933 hinein größte Anstrengungen unternommen, ihr Unternehmen zu retten".

Ladwig-Winters spricht von einem antijüdischen "Netzwerk" aus lokalen NSDAP-Größen, Gemeindevorstand und Landrat, das Frau Heymann-Loebenstein denunziatorisch unter Druck setzte und von dem Hedwig Bollhagen gewusst haben müsste. Ihr kann die verzweifelte Lage der Alleinstehenden, die im März 1933 bei einem Wohnungsbrand einen Sohn verlor und danach kurz im Gefängnis saß, nicht verborgen geblieben sein.

Von den künstlerischen Entwürfen Heymann-Loebensteins habe Bollhagen "lediglich einige" weiter produziert, heißt es im Gutachten. Ein Vorwurf des Plagiats ergebe sich daraus nicht, wenn auch nicht belegbar sei, dass die vereinbarte Vergütung an die Urheberin je gezahlt wurde.

Näpfe und Schüsseln für die SS

Wenn 1935 das NS-Blatt Der Angriff unter der Überschrift Jüdische Keramik in der Schreckenskammer vermeldete, wie "entartete" Keramik mit der neuen Besitzerin Bollhagen durch "gesunde" ersetzt worden sei, kann dies ohne deren Einwilligung geschehen sein. Offenbar hatte sie aber nichts dagegen, dass abrundende Fotos in ihrer Werkstatt aufgenommen wurden. Wenn Bollhagens Keramikbetrieb später für die SS Geschirr fertigte, waren dafür laut Studie eher wirtschaftliche Gesichtspunkte maßgebend. Zu diesem Auftrag - 10.000 Essnäpfe und 15.000 Schüsseln - sei die Firma "durch Beziehungen Schilds" gekommen.

Insgesamt gäbe es für Bollhagen - so Autorin Ladewig-Winters - eine Verstrickung in das NS-Regime, "wie sie für Millionen anderer Deutscher auch galt". Auf Nachfrage, warum die Überschrift zum Gutachten Entlastung suggeriert, die sich aus den Fakten nicht ohne weiteres ableite, sagt Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschungen, es läge hier "ein sehr deutsches Schicksal" vor. Der Umstand, dass Frau Bollhagen von der antijüdischen NS-Politik profitiert habe, sei "doch eigentlich keine Nachricht". Schließlich - wie der Historiker Götz Aly herausfand - stahl auch Heinrich Böll als Wehrmachtssoldat Eier und andere Lebensmittel. Ein gewisses Maß an Schuld habe eben alle erfasst, er führe das auf die "Eigenartigkeit der deutschen Geschichte" zurück. Folglich werden Rassenverfolgung und eine antisemitische Arisierungspolitik mit Eierdiebstahl in einen Topf geworfen.

Natürlich geht es bei alldem nicht so sehr darum, ob Hedwig Bollhagen in ihrem tiefsten Inneren "Anhängerin" des NS-Regimes war oder nicht, sondern vielmehr um die Frage, was sie nach der Machtübergabe an die NSDAP tat. Und da bleiben nach der Lektüre der vorhandenen Studie zwiespältige Eindrücke und Unsicherheiten.

Feiert auch in diesem Fall wieder einmal das schon von Karl Kraus gegeißelte deutsche "Zurechtlegertum" seine Triumphe? Bollhagens einstiger Freund und Geschäftspartner Heinrich Schild stieg unter Hitler rasch zum Geschäftsführer des Reichsstandes des deutschen Handwerks auf. Er setzte sich nach 1946 in die britisch besetzte Zone ab und überstand dort erfolgreich ein Entnazifizierungsverfahren. Seine Karriere endete - man ahnte es schon - in der Bundestagsfraktion von CDU/CSU.

Es gibt auch eine andere Seite der Hedwig Bollhagen, die sie nicht ohne weiteres wie ein Pionier der faschistischen Arisierung aussehen lässt. Sie half bedrängten Künstlern, gab ihnen Arbeit, hielt noch Jahre eine Freundschaft mit einer jüdischen Bildhauerin aufrecht. Als sich 1937 einer ihrer Arbeiter weigerte, eine Arbeit (eine Büste) dieser Künstlerin auszuführen und der Chefin vorwarf, "nicht genügend deutsch" zu sein, entließ ihn Bollhagen auf der Stelle.

Nach 1945 wehrte sie eine Beschlagnahme der Firma ab. Und als 1972 die DDR den Werkstätten in Marwitz eine halbstaatliche Leitung verordnete, konnte die Chefin ihre Position behaupten. Sie äußerte sich nach 1990 eher zustimmend zu diesem Vorgang und meinte in einem Hörfunk-Interview, durch diese Maßnahme habe sie sich "endlich auf ihre Entwürfe konzentrieren" können und mit dieser Betriebsform auch "zum ersten Mal richtig Geld verdient". Bei der Reprivatisierung Anfang der neunziger Jahre konkurrierte der Anspruch Bollhagens auf die Werkstätten mit dem der einstigen Inhaberin, doch kam es zur gütlichen Einigung mit der Jewish Claim Conference, woraufhin Bollhagen dem Fonds 5.000 DM überwies.

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