Herbert Schui
22.01.2012 | 08:00

Wenn die Druckmaschinen rattern

Inflation Die Geschichte lehrt die Deutschen das Fürchten vor der Geldentwertung in der Euro-Krise – zu Unrecht, meint Herbert Schui

In der Euro-Krise mit ihren Milliarden-Hilfen und Milliarden-Krediten grassiert eine Angst: Inflation. Die Stereotypen sind einprägsam. Wann immer die Europäische Zentralbank Staatsanleihen aufkauft, zeigt das Fernsehen Bilder der ratternden Gelddruckmaschine. Wer da ein paar tausend Euro Ersparnis hat, dem muss es kalt über den Rücken laufen. Wenn das Zeug so einfach vermehrt werden kann, dann muss es bald nichts mehr wert sein. Doch lenkt diese Furcht ab von einer viel größeren Bedrohung: Eine lang anhaltende Stagnation mit steigender Arbeitslosigkeit und als Folge eine tiefe politische Krise.

Sicherlich gibt es einen Grund, warum gerade die Deutschen sich von der Inflationsangst einnehmen lassen. Es sind die historischen Erfahrungen der Hyperinflation von 1923 und der Währungsreform 1948. Beides hat die Ersparnisse radikal entwertet. Wird sich das wiederholen? Die Antwort lässt sich finden, wenn Klarheit herrscht über die Ursache dieser beiden Inflationen – und wenn wir wissen, ob unsere gegenwärtige Lage den damaligen Verhältnissen ähnlich ist.

Die deutschen Regierungen haben die beiden Weltkriege im Wesentlichen über Anleihen finanziert und nicht über höhere Steuern. Dies auch wegen der überaus optimistischen Vorstellung, dass die Feldzüge schnell siegreich beendet werden könnten und dass für die Kriegskosten die unterlegenen Nationen aufkommen müssten. Je länger der Krieg aber dauerte, desto mehr Geld wurde gebraucht und desto weniger Anleihen des Reiches waren beim Publikum unterzubringen. Die Differenz übernahm die Reichsbank.

Zu beachten ist dabei: Kreditvergabe durch die Zentralbank ist nicht die Ausnahme, etwa in Kriegszeiten. Sie ist vielmehr ihr alltägliches Geschäft. Und es ist völlig gleichgültig, ob die Zentralbank den Staat oder private Unternehmen mit Kredit versorgt. Für den Geldwert entscheidend ist vielmehr, wie viel zusätzliche Nachfrage dieser Kredit finanziert und ob das Angebot – die Produktion – in diesem Umfang erhöht werden kann.

Kriege übersteigen im Allgemeinen die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Der Bedarf an Rüstungsgütern ist hoch, wegen der Einberufung zum Kriegsdienst fehlen Arbeitskräfte. Den Ausgleich zwischen hoher Nachfrage und begrenztem Angebot schaffen Preiserhöhungen. Dies senkt die realen Einkommen. Damit nimmt der Konsum ab. So werden Produktionsmöglichkeiten frei für die Herstellung von Rüstungsgütern. Dieser Mechanik folgend stiegen im Ersten Weltkrieg die Preise um das Zweieinhalbfache.

Die Produktion reicht nicht

Diese Inflation setzte sich nach Kriegsende fort. Wegen der inneren Unruhen der Weimarer Republik konnte die Produktion nicht rasch genug hochgefahren werden. Entscheidend für die Hyperinflation war schließlich die Ruhrbesetzung im Januar 1923. Hier rückten belgische und französische Truppen ein, um die deutschen Reparationszahlungen sicherzustellen. Die Reichsregierung rief zum passiven Widerstand auf, also zum Streik, wobei sie die Lohnzahlung übernahm. Finanziert wurde das durch Reichsbankkredite. Im Ergebnis sank die Produktion, die Nachfrage überstieg das Angebot, die Geldentwertung beschleunigte sich. Geldvermögen – in Form von Spareinlagen oder Kriegsanleihen – wurde vernichtet.

Profiteure der Inflation waren die verschuldeten ostelbischen Großgrundbesitzer, die ihre Kredite für den Wert einer Briefmarke zurückzahlen konnten, und die Industriellen. Der Zins der Reichsbank (der Diskontsatz) betrug von 1915 bis Juli 1922 fünf Prozent, danach wurde er schrittweise auf 18 Prozent angehoben. Er war damit durchweg niedriger als die Inflationsrate. Viele Großindustrielle, so etwa Hugo Stinnes, nutzten diese Kredite zur Übernahme anderer Unternehmen – in der Gewissheit, dass sich die Schulden wegen der Inflation rasch entwerteten. Gleichzeitig senkte die Inflation den Reallohn, was die Gewinne kräftig steigerte. So konnten riesige Vermögen entstehen, nicht durch Produktion, sondern durch eine Quasi-Enteignung der Arbeiterschaft und der Mittelschicht.

Die Währungsreform im November 1923 hat der Inflation ein Ende gesetzt. Mit dem Zweiten Weltkrieg aber begann sie aufs Neue. Auch dieser Krieg wurde im Wesentlichen durch Reichsbankkredite finanziert, wieder überstieg die Nachfrage das höchstmögliche Angebot. Preiserhöhungen wurden durch straffe Bewirtschaftung verhindert. Letztlich entstand ein Geldüberhang der sich nach Kriegsende auf dem Schwarzmarkt Luft machte. Um diesen Überhang zu vernichten, war eine erneute Währungsreform unvermeidlich. Die amerikanische Dodge-Kommission erarbeitete dafür den sogenannten Colm-Dodge-Goldsmith-Plan. Gedruckt wurde das neue Geld in den USA, die auch den Transport der Münzen und Noten nach Westdeutschland übernahmen. Ludwig Erhard war an all dem nicht beteiligt. Dass er dennoch als „Vater der Deutschen Mark“ gilt, gehört zum westdeutschen Gründungsmythos.

Geraubte Ersparnisse

Die beiden Inflationen waren also verursacht durch übermäßige Nachfrage. Das aber ist gegenwärtig nicht das Problem der EU. Ihre Wirtschaftsleistung geht vielmehr derzeit wegen fehlender Nachfrage zurück.

Neben dieser irrationalen Aneignung unserer Wirtschaftsgeschichte verstärkt auch die monetaristische Inflationserklärung die Angst vor Geldentwertung. Sie hat sich seit Ende der sechziger Jahre zunehmend durchgesetzt. Sie geht von der – zutreffenden – Beobachtung aus, dass mit der Inflation die Geldmenge zunimmt. Aber: Löst die steigende Geldmenge die Inflation aus oder schaffen nicht umgekehrt die Preiserhöhungen diejenige Geldmenge, die nötig ist, damit bei höheren Preisen die Käufe und Verkäufe weiter gehen können? Warum soll, selbst wenn eine steigende Geldmenge zu steigenden Ausgaben führt, das Preissteigerungen nach sich ziehen?

Wahrscheinlich ist doch, dass die Preise solange nicht zum Steigen kommen, wie die zusätzliche Nachfrage mehr Produktion auslösen kann. Mehr Produktion aber gibt’s für die Monetaristen bei gegebener Produktionstechnik nur dann, wenn die Löhne sinken. Damit wird der politische Gehalt der monetaristischen Theorie klar: Soll der Geldwert stabilisiert werden, dann ist das Wachstum der Geldmenge zu drosseln, also höhere Zinsen, teure Kredite, als Folge verlangsamtes Wachstum und mehr Arbeitslosigkeit, Druck auf die Löhne. Vermeiden lässt sich das dieser Lesart zufolge, wenn das Angebot steigt. Das kann aber – so der Monetarismus – bei gegebener Produktionstechnik nur dann steigen, wenn der Lohn sinkt.

Damit stellt die monetaristische, vom Parlament unabhängige Zentralbank die Lohnarbeiter vor folgende Wahl: entweder hohe Zinsen, gedämpftes Wachstum und steigende Arbeitslosigkeit, um die Inflation zu bekämpfen – oder niedrigere Löhne, damit das Angebot steigt und nun nicht mehr zu viel Geld hinter zu wenig Waren her rennt. In der Regierungszeit der britischen Premierministerin Margaret Thatcher (1979-1990) und des US-Präsidenten Ronald Reagan (1981-1989) wurde die politische Parole ausgegeben, dass „die Inflation der hart arbeitenden Mittelschicht ihre Ersparnisse raubt“. Diese Losung hat sich eingeprägt. Wer Inflationsneurosen belächelt, ist demnach wahrscheinlich ein armer Schlucker oder ein Lebemann.

Was wir brauchen, ist eine Geldpolitik, die Ausgangspunkt sein kann für die Beherrschung der Finanzkrise. Die Politik muss ein „Durchgriffsrecht“ haben auf den Finanzmarkt. Für den Anfang kann man sich am Pragmatismus der USA und Großbritanniens orientieren. Das monetaristische Inflationsargument haben sie in die hintere Reihe verbannt. Es hat seinen Zweck erfüllt: Der Lohnanteil am Volkseinkommen sinkt überall. Die Geldpolitik wird nun ganz vorurteilsfrei eingesetzt zur Rettung von Finanzunternehmen. Anders in Deutschland, das ja in der Euro-Zone den Ton angibt. Hier werden die wissenschaftlichen Moden von gestern im ideologischen Hinterhof aufgetragen.

Damit noch einmal zurück zum Sparer, der sich um seinen Notgroschen sorgt: Inflation wird es nicht geben, auch dann nicht, wenn die Europäische Zentralbank ihrer Aufgabe als Kreditgeber der letzten Instanz nicht nur für den privaten Sektor – wie kürzlich mit 500 Milliarden Euro an die Banken –, sondern auch für Staaten nachkommt. Der Notgroschen ist aus anderen Gründen in Gefahr, nämlich wenn sich Europa unter Anleitung Deutschlands in eine langanhaltende Depression hineinspart. Da wäre es besser, wenn die EZB sogar zusätzliche Konjunkturprogramme finanziert, um die Depression zu verhindern. Doch ist das nur eine vorläufige Lösung. Ihr muss eine Nachfragepolitik folgen: höhere Löhne und Gewinnsteuern, mehr Ausgaben der Lohnbezieher und des Staates.

Herbert Schui ist emeritierter Professor der Volkswirtschaft und war Bundestagsabgeordneter der Linkspartei. Sein Text ist Teil eins einer Freitag-Serie, in der wir historische Parallelen bei der Diskussion der Finanzkrise beleuchten: Einige Vergleiche können weiterführen, andere leiten in die Irre.