Wenn die Eulen schlafen gehen

Alltag Ein Tag im verrückten Büro der Rehabilitationseinrichtung für Alkoholkranke Eulenhof

Von Hamburg aus über Glückstadt kommend liegt Wewelsfleth drei Kilometer vor Brokdorf an der Elbmündung. Brokdorf ist deutschlandweit durch Protest, Atom und Barschels harten Kurs bekannt. Wewelsfleth steht für Günter Grass, der hier 14 Jahre verbracht und den Butt verfasst hat. In der Villa Grassimo halten sich Schriftsteller als Stipendiaten der Berliner Akademie der Künste auf. Zwei Edeka-Kaufläden, Weinstube, Sparkasse, Schuster, Blumenladen, Eckkneipe und Bäckerei bilden das Zentrum, das erst mit dem "Eulenhof" komplett ist. Die Reha-Einrichtung für Alkoholkranke existiert mitten im Ort. Keiner kommt am Eulenhof vorbei, niemand kann ihn ignorieren.

Frühnebel hüllt den Ort. Aus ihm hervor taucht ein schwankendes Licht auf. "Das sind Otto und Ottos Drahtesel", erklärt Dr. Gerd Gedig, Leiter des Eulenhofs, und versucht, mit dem falschen Schlüssel die Bürotür zu öffnen. "Otto ist unser Fahrrad bestückter Schimmelreiter. Fährt er nicht zehn vor sechs Uhr an unserer Einrichtung vorbei", sagt der Doktor, betätigt den Lichtschalter, "wäre Otto tot."

Kaum ist das Büro erhellt, schlurft ein anderer notorischer Frühaufsteher in den Raum. "Jochen hat als ehemaliger Bergmann von Natur aus ein anderes Verhältnis zu Helligkeit, Finsternis, Frühe und der Unendlichkeit." Bergmann a. D. Jochen zaubert duftenden Maschinenkaffee quasi aus dem Hemdsärmel. Gleichzeitig huscht Karl-Heinz hinzu. "Stehe jeden Tag um Halbfünfe auf", erklärt der Mann mit seiner, jeden Morgenmuffel verstörenden, vom Vogtländer-Dialekt geformten Stimme. Auf dem Kopf eine ausgewaschene Sportmütze von Energie Cottbus. "Da kannste nichts machen. Das ist nun mal halt so", kommentiert er die Leidenschaft, schnappt sich die Autoschlüssel, um "immer zwischen Halbsiebene bis Umneune" arbeitsfähige Bewohner der Einrichtung zur Arbeit zu chauffieren, denn "Arbeit ist für Unsereins die höchste Lebensform. Wer arbeitet, bleibt innerlich stabil."

Im Normalfall würde um die Stunde Heiko im Büro erscheinen. Aber es bleibt nichts, wie es war, alles ist in ständiger Bewegung begriffen, es ändert sich laufend etwas in solch einem Betrieb. "Heiko hat es, wie man sagt, ohne Fremdbeteiligung vom Moped gerissen. Ist gegen den Bordstein geraten, mit dem Gefährt gestrauchelt, hat sich das Bein gebrochen. Kann den Job nicht weiter ausführen, weil da wohl auch Alkohol im Spiel gewesen sein soll", erläutert der Eulenhof-Chef das Fehlen seines Fahrers Nummer 2.

Patienten sind Bewohner, das Personal besteht aus Betreuern. Für Bewohner Heiko nimmt der hoch aufgeschossene Andreas den Zweitwagenschlüssel vom Schlüsselbrett. Der 40-jährige Mann mit dem sympathischen Kindskopf erwähnt in ausgesuchter Höflichkeit, dass wir Kollegen sind. "Du schreibst an deinem Artikel, ich an einem Roman. 250 Seiten binnen eines halben Jahres einfach so von der Seele geschrieben, weil das raus musste, mich nicht auffressen darf."

Die nächste halbe Stunde bin ich mit dem Eulen-Chef allein. Alltägliche Pflichtaufgaben sind zu verrichten. Safe öffnen, Gelder entnehmen, Beträge sortieren. Listen abhaken, Barschaft für Verwaltung, Lieferanten, Einkauf bereitstellen. Den Morgenkaffee bewältigt der Doktor nebenher. Einen Schluck am Kühlschrank, einen am Faxgerät, synchron zum nächsten die Lohnbescheinigung ausfüllen, in die Schreibmaschine Twen T 180 einen Antrag betreffs irgendeiner Kostenverlängerung hauen, sich Überblick im Ereignisbuch schaffen. Restkaffee nippen und ein Schreiben kopieren, am Telefon bündige Formeln wie Jasicher, Keinproblem, Wirdgemacht reden. Erst dann überfliegt er die Zeitung, schneidet einen Artikel aus, studiert den Tagesplan, was wann wo anliegt.

Es ist sechs Uhr 48. Bei Edeka gehen die Rollos empor. Wäschemann Heinz beginnt seinen Waschküchentag. Die Baseballmütze der Bewohnerin Inge heißt "Speed". Inge ist aus dem Osten und stolz drauf, "weil die Ossis menschlicher sind", sagt sie, redet von einem Muskelkater, zugezogen bei der Gartenschufterei für den feinen Dorfarzt.

Betreuerin Kristina erscheint schön und auch ein wenig übernächtigt im Büro. Begnügt sich mit einem kurzen Morgengruß, kontrolliert am Schreibtisch die ausgebreiteten Gelder, kritzelt in ein Buch, bekommt einen mobilen Weckanruf, der nicht mehr von Nöten ist. Ihrem Kind daheim fällt ein, dass es gar nicht zur ersten Stunde in die Schule muss. Fragt an, womit es sich beschäftigen soll. "Lass dir was einfallen, Kind" sagt die Mutter, legt auf.

Der Morgen graut. Nachteulen dürfen jetzt schlafen gehen.

Im Eulenhof-Büro läuft der Tag bereits Volltour. Lore R. schaut vorbei. Bedankt sich für die tatkräftige Hilfe durch den Bewohner Sören, der beim Ausmisten ihres Schafstalles ordentlich zugepackt und nur Kaffee getrunken hat. Ihr Mann Max ist erfolgreich operiert worden. Eine Menge Zusatzaufgaben kommen auf Lore zu. Anträge, Umbauten, dass ihr der Kopf schwirrt. "Wenn Max da wäre", klagt Lore, "würde das der Max erledigen." Seit der Max aber krank ist, kann sie nicht im Döblin-Haus gegenüber putzen. "Keine Zeit mehr für". Sagt sie, steigt aufs Rad, hat den Stuhl für den Herrn Priebe freigemacht. Der 70-Jährige entspringt seinem Jeep Munga, kriegt Kaffee gereicht, darf sich über die Grassimo-Haushälterin aufregen, derweil Apothekenfrau Elsa mit Medikamenten in Überraschungstüten gleichsehenden Papierpacks erscheint, Kreislaufstabilisatoren, Schmerztabletten, Beruhigungsmittel übergibt und nebenher vor allem an Veränderungen im Zwischenmenschlichen interessiert ist. Wer hat es mit wem, wie geht es der Frau mit dem französischen Outlook, wann findet das nächste Hausfest statt?

Die Post langt an. Der Poststapel wird durchgeschaut. Ein Brief geht zurück. Bewohner Walter hat die Einrichtung vor Wochenfrist verlassen, in Glückstadt eine Art Ich-AG mit Schwerpunkt Hausarbeitshilfe gegründet, die der Doktor "Chaos" nennt. Ex-Bewohner Walter nennt er einen "Taxi fahrenden Studenten im 87. Semester Germanistik/Philosophie, tickende Zeitbombe", weil der psychisch angeknackste Walter die Behandlung verweigert, und alles nur eine Frage der Zeit ist. Entlassen ist entlassen. Freiwillig "von der Eule" gehen bedeutet, die schützende Hand verlieren, sich selbst überlassen sein, ins Milieu, die Ära "vor der Eule" fallen. Der Doktor tut den sinnlosen Vorgang mit dem Begriff Drehtür-Psychiatrie ab.

Gut drauf in seinem dritten Lebens-Frühling betritt Robert K., mit Krückstock und Arbeitshandschuhen versehen, das verrückte Büro. Die Handschuhe sind Roberts letztes Relikt seiner Werftarbeiter-Jahre. Wollte dreimal sterben. Hat sich die Haare und einen Jesus-Bart wachsen lassen. Ist nicht in den Himmel gekommen. Setzt sich auf den Stuhl neben der Tür. Wirft mit Komplimenten, Schmachtblicken um sich. Sagt zum Doktor "Die du da jetzt hast, heiratest du nie, passt nicht zu dir." Sitzt wie Heesters, begafft das Jung-Gemüse, schmunzelt allwissend in sich, lässt offen, woran er denkt.

Radwerkstatt-Meister Micha soll zur allgemeinen Verwunderung einen Anruf vom Standesamt Glückstadt entgegennehmen. Das Amt kann dem Eulenhof zwei Fahrräder von Heiratslustigen vermachen, die darauf zur Eheschließung kamen und im Mercedes ins Glück gerauscht sind.

Als nächstes erbittet eine aus Bad Segeberg angereiste Frau auf der Stelle ein Ersatzteil für die im Haus vor Gedenken gefertigte Gartenwindmühle à la Looft. Der Krösus in Sachen Mühlenbau lebt im wiederaufgebauten Eulenhof Nummer 2. Der Doktor bringt mich und die Dame zum Haus, das auf dem Boden des alten, mit Reet bedeckten Eulenhofs steht. Abgebrannt am 23. Mai 2001, einen Tag vorm Vatertag, unmittelbar nach Wiederanpfiff eines Championspiels mit Bayern München. Innerhalb Kurzem bis auf die Grundmauern zerstört. Verursacht durch den taubstummen, sonst überkorrekten Bewohner S., durch versehentlich austretendes Gas beim Feuerzeug-Nachfüllen. Dokumentiert vom anwesenden Starfotografen Günther Zint, der sich eben bei seinem Ex-AKW-Kämpfer Ali Reimers die monatliche Landbutterdosis abholen wollte. Hat vom Ereignis Bilder geschossen, die den Ausruf des Feuerwehrmanns Uwe: "Geiler Brand" voll bestätigen.

Mit dem Eulenhof brannten zwölf Jahre dokumentiertes Leben nieder. "Der Bewohner aus Angola hat Klamotten und Schubfächer ins Bettlaken gekippt, die Lakenecken verknotet als erster dagestanden, zugesehen, wie die anderen Hühnern gleich durcheinander liefen", weiß der Doktor vom rabenschwarzen Mittwoch zu berichten.

Ich besehe mir den neuen Bau, finde gut, schick, konsequent. Ich sitze wieder im Büro. Leute kommen und gehen. Bis hierher dürfte der Tagesbeginn in dem Büro denen anderer Institutionen gleichzusetzen sein, tauchte da nicht Pflegerin Sybille mit einem Promilleprüfgerät auf, das sie mir mit "Möchten der Herr vielleicht der Erste sein?" feilbietet. Ich nutze die Gelegenheit, blase bereitwillig ins Pusteding, bekomme die von mir vorhergesagten Null Komma Null bestätigt und wäre in dieser Einrichtung ein vorbildlicher Patient, lobt Sybille.

Peter Wawerzinek, 1954 in Rostock geboren und geprägt vom "lustvollen Lebensstil Mecklenburgs", ist seit 1990 hauptamtlich als Performancekünstler und Schriftsteller, vor allem am Prenzlauer Berg unterwegs. Von ihm erschien unter anderem: Das Kind das ich war. Mein Babylon und Sperrzone reines Deutschland.

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00:00 27.05.2005

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