Wenn die Guerilla vom Campus schießt

Kolumbien Der Bürgerkrieg erreicht die »Universidad Nacional de Colombia« in Bogotá

Seit in Kolumbien vor einem Jahr die Regierung des damaligen Staatschefs Andrés Pastrana die Friedensgespräche mit der Guerilla der FARC abgebrochen hat, ist der Bürgerkrieg bis in die Metropolen hinein spürbar - verschärft durch eine verdeckte Invasion von US-Militärs im Zeichen des Plans Colombia. Mit der Übernahme der Präsidentschaft durch den Rechtspopulisten Álvaro Uríbe - er kam im August 2002 ins Amt - gilt wieder einmal die militärische Lösung des Konflikts als Königsweg. Eine so provozierte Kriegsdynamik wird durch den vor neun Monaten verhängten Ausnahmezustand zusätzlich stimuliert.

Meist tauchen sie aus dem Nichts auf, schwarz gekleidet und bis zur Unkenntlichkeit vermummt, auf den stets wiederkehrenden Ablauf ihrer Aktionen konzentriert: Zunächst detonieren Sprengsätze, die Gruppe verteilt sich im Gelände, es folgen politische Parolen wie »Nieder mit dem Staatsterrorismus!«, »Wir werden siegen. Es lebe die Revolution!« - zum Schluss hängt irgendwo ein überdimensionales Plakat im Gelände, das den Geist des Aufruhrs in bildhafter Form verehrt.

Dieses Szenario ist weder frühen Erzählungen des Nikaraguaners Sergio Ramírez entnommen, noch handelt es sich um die Schilderung zeitgenössischer Widerstandsformen der mexikanischen Zapatisten. Das beschriebene Ritual gehört zum Alltag einer Universität, deren Existenz seit jeher den drangvollen Ausdruck von Emanzipationswillen und Rebellion erlaubt - der Universidad Nacional de Colombia in Bogotá, größte Filiale der überregionalen staatlichen Universität Kolumbiens.

Der im Zentrum der Kapitale gelegene Campus befand sich nie an der Peripherie des Zeitgeschehens. Hier rekrutierte sich in den frühen sechziger Jahren die Volksbewegung Frente Unido del Pueblo, deren Symbolfigur - der Soziologe und Universitätspfarrer Camilo Torres - 1965 im bewaffneten Kampf für die ELN-Guerilla den Tod fand. Hier wurde im September 1999 der linksgerichtete Professor Jesús Bejarano von paramilitärischen Attentätern ermordet. Und im Sommer 2000 stürmte eine Polizei-Armada das Gelände, als es heftige Demonstrationen gegen einen Besuch Bill Clintons in Kolumbien gab.

Bis heute sorgen linke Studentengruppen von den Antiimperialistischen Brigaden, über die Jungkommunisten und Maoisten bis zu den Kommunistischen Kollektiven auf dem Campus für ein Milieu, das teilweise mit der kolumbianischen Guerilla - den FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) oder dem ELN (Ejército de Liberación Nacional) - sympathisiert. Insofern bleibt die Universidad Nacional ein politisch schwer umkämpftes Terrain. Es zu verlieren, würde den städtischen Unterschichten die einzige Möglichkeit bezahlbarer Hochschulbildung rauben - vom Ausfall eines Zentrums linker Gegenkultur ganz zu schweigen.

Blutspuren und ein Gefecht

Auf die Übernahme der Präsidentschaft durch den neokonservativen Hardliner Alvaro Uríbe im August 2002 haben die FARC mit einem Strategiewechsel reagiert. Die Guerilla greift, aus dem südkolumbianischen Maquis kommend, nach den städtischen Armenregionen und kreist mit ihrem Aktionsradius inzwischen Metropolen wie Medellín, Bogotá und Calí ein. Monat für Monat explodieren in der Hauptstadt Autobomben. Eine Raketenangriff gilt dem Palacio de Nariño, als Staatschef Uríbe dort am 7. August 2002 seinen Amtseid ablegen will. Am 7. Februar trifft es gar den exklusiven Club Nogal.

Auch die Nationaluniversität bleibt von dieser Entwicklung nicht unberührt. Am 22. November 2002 gegen 14.00 Uhr heulen jäh die Sirenen auf dem Campus. Das Wachpersonal stürmt mit dem Ruf »Verlassen Sie sofort dieses Gebäude« durch Bibliotheken und Seminarräume. Die Universität wird evakuiert. Ein Heer von Polizisten, geführt von amerikanischen Anti-Terrorspezialisten, wartet bereits am Hintereingang auf seinen Einsatz. Blutspuren zeugen von einem Gefecht, das gerade erst stattgefunden haben muss. Den Studenten wird schnell klar, dass es sich bei den üblichen Explosionen zur Morgenstunde offenbar nicht um eine Fortsetzung des anfangs skizzierten Rituals gehandelt hat. Diesmal werden vier Raketen direkt vom Universitätsgelände abgeschossen, die in der Nähe des Obersten Gerichts einschlagen. Ohne etwas von diesen Geschehnissen zu wissen, versuchen einige Studenten zunächst, die Universität gegen die vorrückenden Polizeistaffeln zu verteidigen.

Noch am gleichen Abend wird eine kleine Abschussrampe in der Nähe des Gebäudes der Veterinärmedizin entdeckt. Das Echo auf diesen Fund ist verheerend. Regierung und Medien bezeichnen den Campus als »Hort des Terrorismus«, der Ruf nach »harten Maßnahmen« wird lauter, eine Option spricht von einer möglichen »Militarisierung« der Hochschule, was auf eine Kontrolle durch die Armee hinauslaufen kann. Unstrittige Beweise, dass tatsächlich Studenten am Anschlag auf das Gerichtsgebäude beteiligt waren, liegen bis heute nicht vor.

Das Rektorat - eine weitere, zuweilen hilflose Konfliktpartei im universitären Mikrokosmos - lässt nach dem 22. November den Campus zunächst für eine Woche schließen, was erwartungsgemäß Proteste der Studenten auslöst. Die reagieren mit einer spontanen Demonstration, der kurzfristigen Blockade der nahe gelegenen Hauptverkehrsstraße 26 und skandieren »Kritisches Denken ist kein Terrorismus!«. In der Nacht zum 29. November wird das Gelände ein zweites Mal von Polizisten und Antiterror-Einheiten gestürmt. Sie heben ein Waffenlager mit 108 Sprengsätzen und fünf Granaten aus und stoßen auf Propagandamaterial der Guerilla. Bei der Razzia wird wahllos Mobiliar der Universität zertrümmert - von diesen Streifzügen des Vandalismus bleibt allerdings das Institut für Recht und Politikwissenschaft verschont, seine ansonsten von Graffitis bedeckten Wände erstrahlen nach der Aktion in einem makellosen, sämtliche Spuren tilgenden Weiß. Eine Militärparade auf der Plaza Che rundet die Landnahme auf dem Campus ab.

Alles Terroristen

Danach überschlagen sich Zeitungen und Fernsehkanäle erst recht, der auflagenstarke El Tiempo veröffentlicht eine repräsentative Erhebung zur Frage »Halten Sie eine Umwandlung der ›Universidad Nacional‹ in einen öffentlichen Park für gerechtfertigt?« und vermerkt eine etwa fünfzigprozentige Zustimmung. Im Gegenzug beginnen die Studenten T-Shirts mit dem Slogan »Ich verteidige die Universidad Nacional« zu drucken und halten ein Forum zum Thema mit über 4.000 Teilnehmern ab. Wirksamer Widerstand kann jedoch nicht mehr geleistet werden, das Semester nähert sich dem Ende und die Abschlussklausuren verlangen ihr Recht. Studienzeit zu verlieren, wäre für viele ein Desaster. Die Jahre einer Ausbildung an der Universidad Nacional kosten viel Geld, zwar weniger als im Vergleich zu dem, was die Privatuniversitäten verlangen, dennoch müssen sich einige Kommilitonen die Studiengebühren teilweise durch Betteln verdienen.

Mitte März 2003 ist die Zukunft der Lehranstalt weiter ungewiss, feststeht nur, dass die öffentliche Meinung noch stärker, als es ohnehin schon der Fall war, zum »Feindbild Hochschule« tendiert. Dazu ein kleine Episode aus eigener Erfahrung: Als ich während einer Reise durch den Süden des Landes auf die neugierige Frage eines etwa zwölf Jahre alten Mädchens, warum ich denn in Kolumbien sei, erwidere, ich würde an der Universidad Nacional in Bogotá studieren, wird mir entgegnet: »Ich glaube, das ist eine sehr gute Universität. Aber die Studenten dort - das sind alle Terroristen«.


Die Verhandlungsperiode

Juli 1998 - Präsident Andrés Pastrana trifft sich im Urwald mit dem FARC-Kommandanten Manuel Marulanda, um einen »Dialog der Versöhnung« zu eröffnen.

November 1998 - die Armee zieht sich aus einem 42.000 Quadratkilometer großen Gebiet im Süden Kolumbiens zurück, das damit als Einflusszone der FARC anerkannt wird.

April 1999 - nach erneuten Gesprächen kündigen Pastranas Unterhändler weitere »Enklaven ohne Militärpräsenz« an.

September 1999 - die USA sagen Kolumbien Hilfsgelder für den Kampf gegen die Drogenmafia zu, erstmals wird vom »Plan Colombia« gesprochen.

September 2000 - beim Besuch von US-Präsident Clinton in Cartagena wird der »Plan Colombia« vereinbart, der ein Gesamtvolumen von 7,5 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern sowie die Entsendung von US-Militärs vorsieht.

Januar/Februar 2001 - Verhandlungen zwischen der Regierung und den FARC über eine Erweiterung der entmilitarisierten Zone und einen Waffenstillstand kommen nicht vom Fleck.

Januar 2002 - trotz Vermittlung durch den UN-Emissär James Lemoyne erklärt Präsident Pastrana die Gespräche für endgültig gescheitert.

00:00 21.03.2003

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