Wenn die Mythen Trauer tragen

Marokko Die Stadt Tanger wäre gern mehr als ein Vorposten Europas, mehr als ein Stück Dritte Welt

Als ich in der Schweiz erzählte, ich ginge für ein paar Wochen nach Tanger, um zu schreiben, wurde ich gefragt: Tanger? Wo liegt das? Dabei scheint noch nicht so unendlich viel Zeit vergangen zu sein, seit diese arabische Stadt vor Europa in den fünfziger Jahren von den amerikanischen Beatniks entdeckt wurde - den intellektuellen Vorläufern der Hippies und Achtundsechziger, die den Status der internationalen Stadt, die von den Franzosen als Freihandelshafen verwaltet wurde und in der Französisch und Spanisch Amtssprachen waren, für ihre Zwecke nutzten.

Globetrotter und Outlaws gerieten nicht nach Tanger, weil sie sich an arabischer Kultur oder "interkulturellem Dialog" erbauten - so etwas geisterte damals noch nicht durch die "Diskurse". Man strandete in dieser Gegend, um einer Nischenexistenz frönen zu können, in der Haschisch-Konsum und Homosexualität, ganz im Unterschied zu den USA, geduldet oder übersehen wurden. Der Urvater dieser Aussteiger war Paul Bowles, der bis zu seinem Tod in den neunziger Jahren in Tanger blieb, als die anderen längst wieder in alle Richtungen verstreut waren. Bis dahin war William S. Burroughs hier gelandet, der Autor von The Naked Lunch, der seine Frau umgebracht hatte, oder Jack Kerouac, der Erfinder des literarischen On-the-Road-Gefühls, oder der Dichter Gregory Corso. Irgendwann war da ein Netzwerk und zog die etablierten Outcasts nach, wie Truman Capote, Jean Genet, Pier Paolo Pasolini. Es kamen auch Francis Bacon, Samuel Beckett und Roland Barthes*. Nicht zu vergessen die Woolworth-Erbin Barbara Hutton mit ihrem Haus in der Medina, in dessen Umgebung sie die engen Gassen für ihren Rolls Royce verbreitern ließ. Sie gab diesem Milieu den Glamour, der einen Ort endgültig in die Klatschspalten und aufs internationale Kulturparkett hievt.

Noch weit früher, im 19. Jahrhundert, war auch Eugène Delacroix im Fieber der damaligen französischen Orient-Begeisterung in Tanger wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Impressionist Henri Matisse. Wie gesagt, Tanger ist ein vergessener Mythos.

Das schöne Haus in der Kasbah mit einer hohen weißen Mauer

Alles Legende und längst verblichen. Die heute als Ausländer in Tanger leben, hat es irgendwann im Schatten des Mythos hierher verschlagen. Oder sie wurden vom Immobilien-Boom angelockt, der mittlerweile auch diese Gegend entdeckt hat.

Vor zwei, drei Jahren noch waren Häuser in der Kasbah und Medina, der rastlosen Altstadt, für 20.000 bis 40.000 Euro zu haben. "Das schöne Haus am Platz der Kasbah" - sagt mein Nachbar und Vermieter, ein Schweizer Filmemacher - "mit der hohen weißen Mauer, dem Garten mit den prächtigen Bäumen und der Dachterrasse hat der jetzige Eigentümer seinerzeit für umgerechnet 30.000 Euro erstanden. Jetzt will er 100.000 dafür haben. Die reine Immobilienspekulation." Inzwischen wollen allerdings die meisten Marokkaner der Altstadt den Rücken kehren und ihre engen Häuser, die zum Teil nicht einmal über fließendes Wasser verfügen, in Richtung Mietskasernen und südliche Vorstadt verlassen. Europäer und Amerikaner, die über die Mittel verfügen, die aufgegebenen Quartiere zusammenzulegen, zu sanieren und herzurichten, nehmen ihren Platz ein.

Eine kulturelle Renaissance will die Neue Zürcher Zeitung in ihrem Feuilleton vom 15. März ausgemacht haben und führt zum Beweis die "Internationale Tanger-Konferenz" an, die in diesem Jahr zum zweiten Mal mit dem Ziel stattfand, zur "kulturellen Revitalisierung" einer Stadtlandschaft beizutragen. Das scheint mir Wunschdenken zu sein und nach Gefälligkeitsjournalismus zu klingen. Wer mit der Schnellfähre aus Algeciras nach anderthalb Stunden oder mit jener aus Tarifa nach 50 Minuten hier ankommt, befindet sich, je nach Standort und Blickwinkel, in einer heruntergekommenen südlichen Hafenstadt oder einfach in der Dritten Welt. Die Unterschiede zum gegenüberliegenden, einst selbst mausarmen Andalusien könnten größer kaum sein. Die "Festung Europa" in Gestalt der spanischen Küste ist an klaren Tagen deutlich zu sehen. Aber die Migrantenströme haben sich, erst recht nach den jüngsten Vorfällen in den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla, längst nach Süden verlagert und führen aus Mauretanien und aus dem Senegal über die Kanarischen Inseln aufs spanische Festland.

Die Bevölkerung der Stadt ist in den vergangenen 25 Jahren stetig gestiegen, nur weiß niemand so genau, ob sie nun eine halbe Million, 700.000 oder gar 800.000 Einwohner zählt. Doch geschah dies nicht wegen eines Sprungs in der Lebensqualität oder weil der Tourismus boomt - es ist vielmehr gewaschenes Geld in Industrieansiedlungen geflossen und hat Menschen aus dem nahen Rif-Gebirge oder dem armen Süden angezogen. Die Frau in einem der ganz wenigen annehmbaren Geschäfte der Medina, das gleich neben dem stets geschlossenen Kasbah-Museum liegt, resümiert ernüchtert, Tanger sei nicht ihr Fall. "Die Leute hier im Norden sind unfreundlich, ganz anders als im Süden. Im Tourismus funktioniert ohnehin nichts. Es stranden hier bestenfalls Tagestouristen." Die dann die immer gleiche Strecke von der Kasbah durch die Medina zum Hafen geführt werden, unterwegs zwischen wohlfeilem Kitsch oder aus Indien importiertem "Kunsthandwerk".

Richtig ist, dass sich der seit 1999 regierende König Mohammed VI., der den Sommerpalast über dem Meer im Gegensatz zu seinem Vater Hassan II. regelmäßig bewohnt, für die vom verstorbenen Monarchen vernachlässigte Stadt engagiert. Die Marokkaner würden wohl gern vom florierenden Tourismus an der gegenüber liegenden Costa del Sol profitieren und einen Teil der Urlauber zu sich herüber ziehen. Wenn man die städtische Infrastruktur betrachtet, wird dazu jedoch eine Menge nötig sein. 2007 soll weiter östlich - unweit von Tetouan und Ceuta - der eine Milliarde Dollar teure Hafen MedPort eröffnet werden. Für die hässlichen Hafenanlagen, die das darüber liegende legendäre Hotel Continental zu einer freudlosen Touristenabsteige haben verkommen lassen, dürften dann die Tage gezählt sein. Die Fassaden der Kolonialbauten an der ehemaligen Avenida de España sind bereits eher schlecht als recht renoviert. Doch wer hier promeniert und sich in einem der billigen Cafés und verlotterten Restaurants niederlässt, blickt meerwärts noch immer auf Lagerhallen und Verwaltungsgebäude.

Ein Teufelskreis, der Europa und Nordafrika verlässlich verbindet

Über 4.000 neue Hotelbetten sollen in der Bucht von Tanger entstehen. Nur fragt man sich, wer derweil und dereinst in den bereits existierenden Hotelburgen an der Strandpromenade logieren wird, die von Brachland und heruntergekommenen Straßen umgeben sind. Hier quartieren sich nicht einmal Pauschaltouristen ein. Doch die Bars auf der Strandseite werden ebenso renoviert wie weiter oben, an der Nahtstelle zwischen Medina und Nouvelle Ville, die Plätze am Grand Socco, dem großen Suk, der aus größtenteils überdachten Marktständen besteht.

Man verlegt Kopfsteinpflaster, Parkplätze entstehen, die dahinter stehende Moschee wird durch eine durchbrochene pseudoarabische Portalwand "aufgewertet". "Dieses Pflaster können sie dann gerade noch einmal verlegen. Dass es nicht beim ersten Mal klappt, ist üblich in Marokko", meint der Nachbar. Kosmetik statt substanzieller Erneuerung. Eine behutsame Sanierung etwa, die auch Abfallberge und Müllkippen dauerhaft verbannen würde, bekäme der Medina gut.

Mit den Migranten sind andere konfrontiert, vorzugsweise gilt das für Spanien, das mit Hilfe der EU gegen die Einwanderung aus Afrika eine millionenteure Abwehrschlacht führt. Die Region Tanger beschäftigt dagegen etwas anderes: Die Produktion von Haschisch und dessen Ausfuhr über Spanien nach ganz Europa. Ein Drittel dieses weltweit konsumierten Rauschgifts wird zwischen Tetouan im Osten, Larache im Westen und dem Rif-Gebirge im Zentrum südlich von Tanger produziert. Knapp elf Milliarden Euro sollen allein im Jahr 2004 in dieser Gegend damit verdient worden sein. Der Anbau wird von Gouverneuren und Behörden, die gern mitverdienen, geduldet, zumal im Rif, wo diese Pflanzkulturen seit dem 16. Jahrhundert Tradition haben. Nur als nach den Anschlägen von Casablanca im Jahr 2003 Verbindungen zwischen Islamisten und den Haschisch-Baronen ruchbar wurden und Marokkos Ruf auf dem Spiel stand, griff das Königshaus einmal durch und ließ in den meernahen Ebenen großräumig Felder unterpflügen.

Die spanische Polizei führt gleichfalls gegen den Haschisch-Schmuggel mit nächtlichen Razzien an den Stränden, an denen die schnellen Boote der Schmuggler landen, mit Verfolgungsjagden und personellem Großaufgebot einen aufwendigen und teuren Kampf. Sie kann durchaus Erfolge verbuchen, denn die geschmuggelte Menge ist in den vergangenen Jahren um etwa 2.000 Tonnen zurückgegangen - verhindern können die Spanier den Transfer freilich nicht.

Würde man Vertrieb und Konsum von Haschisch legalisieren, wäre das Problem mit einem Schlag gelöst. Doch scheint es in dieser Hinsicht kulturelle Reflexe zu geben. Drogen werden von indigenen Völkern angebaut und konsumiert (das scheint psychologische Barrieren zu befördern), während Alkohol, das Rauschmittel des weißen Mannes, wenn nicht als ungefährlich eingestuft, so doch akzeptiert und einigermaßen vorbehaltlos bejaht wird. Nicht nur ein ökonomischer Widersinn.

Doch dürfte auch in Marokko niemand an der Legalisierung interessiert sein. Weder diejenigen, die in der Produktions- und Vertriebskette ihren Lebensunterhalt verdienen, erst recht nicht die Drogenbarone, die ihr Geld in Tanger und Umgebung re-investieren. Mithin nicht die Wirtschaftskreise der Region, letztlich nicht einmal die Behörden und in letzter Instanz auch nicht das Königshaus, die alle ansonsten soziale Verwerfungen und Unruhen befürchten müssten. Ein Teufelskreis, dem es gegeben ist, Europa und Nordafrika verlässlich zu verbinden.

(* ) Ihre und die Texte weiterer Autoren über Tanger sind nachzulesen in: Boris Kerenski, Florian Vetsch (Hrsg.): Tanger - Telegramm, Verlag Rico Bilger, Zürich 2004.


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00:00 30.06.2006

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