Wenn die Titanen streiten und stürzen

Immer neue Tiefststände an den Börsen Auch ein Krieg würde die weltweite Krise nicht stoppen - eher wäre das Gegenteil der Fall

Jüngst konnte man bei Spiegel-Online die Überschrift lesen: "Das ist der Crash..." Der DAX hatte die 2.800-Punkte-Linie unterschritten und auch an der New Yorker Börse wurde, wie schon in den Tagen zuvor, nur noch rückwärts gezählt. Seit den Wonnetagen der New Economy, die im März 2000 ihren Höhepunkt erreichten, fahren die Börsen Schlitten - von lichten Höhen abwärts ins Tal der Tränen. Tausende von Milliarden Dollar Vermögenswerte, die stolze Anleger in ihren Büchern führten, sind dahingeschmolzen. Der DAX hat seit Anfang dieses Jahres 44 Prozent der Marktkapitalisierung eingebüßt.

Der neue Markt mit den Aktien der Unternehmen aus der New Economy ist an der Frankfurter Börse von 9.300 Punkten im Jahre 2000 auf 300 zwei Jahre später abgestürzt. Mehr als 95 Prozent Verlust - das ist so desaströs, dass die Börse kleinlaut entschieden hat, den neuen Markt zu schließen. Kein Wunder, dass die Pleitegeier auf den Märkten der globalisierten Welt viel Aas untergegangener Unternehmen vorfinden.


Innovative "Enronomics" und einfache Leute

Pleiten sind keine Folge verfehlter Mittelstandspolitik, wie die Konservativen im Wahlkampf weis zu machen versuchten, sondern ein systemisches Problem. Der Börsencrash ist der sichtbare Ausdruck einer veritablen Krise. Viele meinen, sie trage sich im abgehobenen Finanzhimmel zu. Doch aus der griechischen Mythologie wissen wir, dass die Titanenkämpfe auf hohem Olymp die Menschen hier auf Erden schwer in Mitleidenschaft gezogen haben. So ist es auch im modernen Kapitalismus. Wenn die Börsenkurse absacken und der Unternehmenswert sinkt, müssen Manager der großen börsennotierten Unternehmen gegensteuern.

Einige haben sich zu diesem höheren Zweck betrügerische Bilanztricks einfallen lassen. Beispiele der innovativen "Enronomics" sind sogar aus Tageslicht gekommen, bei Enron selbst, bei Worldcom, Xerox, der Bankgesellschaft Berlin - um nur einige aus dieser erlauchten Gesellschaft "ehrbarer Kaufleute" zu nennen. Alle Unternehmen aber senken die Kosten, in erster Linie die Arbeitskosten. Um diese Strategie schnell durchziehen zu können, benötigen sie eine hohe Flexibilität von Löhnen und Arbeitsorganisation. Die wird ihnen politisch gegeben, zumal dann, wenn gewerkschaftliche Gegenwehr schwach ist. Alle großen Unternehmen, in welchem Teil der Welt auch immer, haben in den vergangenen Jahren Arbeitskräfte entlassen. Es wäre eine Illusion anzunehmen, die Hunderttausende, die den Job verloren haben, könnten beim nächsten Aufschwung wieder eingestellt werden.

Die Globalisierung hat auch zur Folge, dass immer mehr "einfache Leute", die früher nichts zu verkaufen hatten als ihre Arbeitskraft, am Kapitalmarkt engagiert sind, sei es weil sie selbst Aktien besitzen - das ist die breiter gewordene Klientel, an die sich der tägliche Börsenbericht der Tagesschau wendet - oder sei es, weil sie ihre Altersrente durch Beteiligung an Pensionsfonds aufzustocken versuchen. Die Kurseinbrüche gehen bei den Kleinaktionären oder Fondszeichnern ans Eingemachte. Sie haben weniger Geld für den Konsum zur Verfügung. In den USA ist dies offenbar geworden, als die Blase der New Economy vor zwei Jahren platzte. In Deutschland wird damit gerechnet, dass die Konsumnachfrage allein wegen des Kursverfalls um 0,8 Prozent zurückgeht. Das ist ein pro-zyklischer, die Krise verschärfender Faktor, dem nur mit mehr Staatsausgaben entgegen gewirkt werden könnte.

Die Regierungen der Europäischen Union aber haben sich die Hände mit dem "Stabilitätspakt" selbst gebunden. Sie sparen und sparen, obwohl kompensierende Mehrausgaben sinnvoll wären. Auch die Europäische Zentralbank folgt dem Schönheitsideal der Stabilität des Euro, obwohl die Rückseite dieser Schönheit ausgesprochen hässlich aussieht: gezeichnet von Stagnation, Arbeitslosigkeit und Pleitewelle. Die Zinsen in Euroland sind mit 3,25 Prozent immer noch sehr hoch, und hohe Zinsen bedeuten immer niedrige Kurse von Wertpapieren. In den USA liegen die Zinsen bei nur 1,25 Prozent, in Japan nahe bei Null. Und trotzdem dümpeln auch dort die Kurse vor sich hin.

Der Grund liegt wohl darin, dass die durchschnittlichen Gewinnaussichten noch unter den Zinsen liegen. Das Risiko, Aktien zu emittieren oder Anleihen aufzulegen, ist zu groß. In Japan hat die Financial Services Agency faule Kredite in der Größenordnung von acht Prozent des japanischen Bruttoinlandsprodukts errechnet. Das Finanzsystem steht auf der Kippe.


Fiktives Kapital und "irrationaler Überschwang"

Das von Marx so genannte "fiktive Kapital" der Aktienwerte ist also dabei, von der Fiktion ewig steigender Kurse zu lassen und die schmerzhafte Erfahrung zu machen, dass der beschränkte real produzierte Gewinn dem Börsenboom ein Ende bereitet. Nur "irrationaler Überschwang" kann das Kurs-Gewinn-Verhältnis - einen untrüglichen Börsenindikator - missachten.

Doch gibt es Sonderentwicklungen. Nicht alle Aktienwerte werden in gleicher Weise nach unten oder oben gezogen. "Vice funds", also "Laster-Fonds" mit Aktien aus der Tabak-, Alkohol- oder Glücksspielindustrie und vor allem aus der Rüstungsbranche boomen. Der Flugzeug- und Raketenbauer Lockheed Martin beispielsweise hat seit Anfang 2002 um mehr als 37 Prozent zugelegt. Das wird auch so bleiben, so lange der Krieg gegen den Irak und möglicherweise andere "Schurkenstaaten" vorbereitet und wohl geführt wird. Auch Ölaktien stehen hoch im Kurs. Der Ölpreis hat die Marke von 30 US-Dollar je Fass erreicht, und das stärkt die Gewinne der Energiemultis. Im deutschen Index DAX dagegen sind Energie- und Rüstungsfirmen weniger vertreten als in den USA - einer der Gründe für die steilere Talfahrt der deutschen Börse im Vergleich zur Wall Street.

In diesem Weltreich der abstürzenden Börsen gibt es ein gallisches beziehungsweise russisches Dorf, Moskau nämlich. Da ist die Welt der Börsianer noch in Ordnung. An der Moskauer Börse ist das Gewicht der Rohstoffwerte so groß, dass der Index im Jahr 2002 um fast 30 Prozent zugelegt hat. Und obendrein hält man es mit der Offenlegung der Bilanzdaten ähnlich genau wie Enron in den USA. Die kapitalistische Krise ist real, und sie ist aktuell, und Börsenkurse kann man offenbar mit Hilfe kreativer Buchführung beeinflussen. Und man kann die Kurse der Öl- und Rüstungsindustrie nach oben treiben, wenn ein Krieg droht. Nur sind fast alle anderen Branchen negativ betroffen. Ein Ausweg aus dem Crash ist dies also nicht, eher eine Fortsetzung in neuem Gewand.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 04.10.2002

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare