Wenn die Worte stumm bleiben

Dyslexie Dank der Forschung kann Kindern mit ­Legasthenie geholfen werden. Im Alltag wird diese Option aber zunehmend ins Gegenteil verkehrt

Bis in die achtziger Jahre wurden sie von den Lehrern als geistig zurückgeblieben eingestuft und von ihren Klassenkameraden als „behindert“ verspottet: die Legastheniker. Dabei geht Legasthenie, auch „Lese-Rechtschreib-Störung“ (LRS) oder Dyslexie genannt, nicht selten mit besonderen Leistungen, etwa in naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern, einher. Nicht das logische Denken oder der sprachliche Ausdruck an sich bereitet Legas­thenikern Schwierigkeiten, sondern die Umsetzung der gesprochenen in die geschriebene Sprache und umgekehrt. Sie vertauschen oder vergessen einzelne Worte und Wortteile, verlieren häufig die Textzeile aus dem Blick, weshalb ihre Lesegeschwindigkeit unter dem Durchschnitt liegt, und können geschriebene Texte nicht flüssig vortragen. Außerdem fällt es ihnen schwer, Gelesenes zusammenzufassen, Schlüsse daraus zu ziehen oder es argumentativ zu bearbeiten.

Für sich genommen scheinen diese Schwächen keine besondere Symptomatik zu begründen. Vielmehr handelt es sich um Probleme, mit denen in der frühen Schulzeit viele Kinder zu kämpfen haben und die durch ungünstige Lebensverhältnisse verstärkt werden können. Doch in den etwa 30 Jahren, seit die Legasthenie als eine Form der Spracherwerbsstörung erforscht wird, konnten zahlreiche Besonderheiten diagnostiziert werden, die Eingang in die Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gefunden haben. So gibt es bei Lese- und Schreibfehlern von Legasthenikern im Gegensatz zu anderen Lernschwächen keine erkennbare Systematik und kaum eine Fehlerkonstanz, ein und dasselbe Wort wird etwa auf immer neue Weise falsch geschrieben. Außerdem lassen sich keine organischen Störungen wie Schwerhörigkeit oder Sehbehinderung als Ursache identifizieren, auch mit sozialen Einflüssen wie Fernsehkonsum oder Schulangst lässt LRS sich nicht hinreichend erklären.

Keine Pathologisierung ...

Mittlerweile wird als Ursache eine Kombination aus genetischer Disposition und kognitiver Störung angenommen (siehe Kasten). Von Legasthenie sind nach Einschätzung des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie in Deutschland vier Prozent aller Schüler betroffen, in den USA sollen es fünfmal so viele sein. Hierzulande ist die Schwäche mehrheitlich in Familien verbreitet, in denen sie schon früher auftrat. Die Dyslexieforschung konnte überdies nachweisen, dass Legastheniker beim Lesen sogenannte Sakkaden vollziehen, Sprünge in der Blickführung, die ihnen die lineare Lektüre erschweren.

Dass es inzwischen eine anerkannte Symptomatologie für die Diagnose von Legasthenie gibt, sollte allerdings nicht als Pathologisierung verstanden werden. Im Gegenteil konnte erst dadurch, dass Legasthenie nicht mehr als Unfähigkeit, Leistungsverweigerung oder Elternversagen eingestuft wird, die Stigmatisierung der Betroffenen abgebaut werden. Seit Mitte der achtziger Jahre steht Legasthenikern in Deutschland – unterstützt vom Bundesverband Legasthenie, aber auch von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie – nicht nur ärztliche und pädagogische Hilfe, sondern auch ein juristischer Sonderstatus zu. Es gibt für sie computergestützte Lese- und Schreibprogramme sowie besondere Schulbücher, die sie im Unterricht benutzen können. Juristisch und schulpolitisch am gewichtigsten ist ihr Recht auf Befreiung vom Notendruck. Bis zur zehnten Klasse fließen ihre Rechtschreibleistungen nicht in die Bewertung ein, danach dürfen sie Hilfsmittel wie Duden oder Laptop verwenden. Über den konkreten Umgang mit Legasthenie entscheiden in Deutschland jedoch die Bundesländer. So erklärt sich, dass etwa in Bayern für eine amtlich attestierte Legasthenie die Gutachten eines Kinder- und Jugendpsychiaters sowie des Schulpsychologen vorliegen und regelmäßig erneuert werden müssen, während in Brandenburg die Hinzuziehung eines Schulpsychologen von der Jahrgangsstufe 5 an vorgeschrieben und die Feststellung von LRS bis dahin der zuständigen Lehrkraft in Zusammenarbeit mit der Schulleitung und den Eltern überlassen ist.

Dass der Fortschritt bei der Diagnose von Legasthenie sich durch diesen Föderalismus unter der Hand in einen Rückschritt verwandeln kann, muss derzeit Schleswig-Holstein erfahren, wo die Schulen selbstständig Legasthenikerscheine ausstellen können. Dessen sogenannter Legasthenieerlass von 1985 gehört zu den frühesten und liberalsten Erlassen zur Förderung von Schülern mit LRS, er gewährt Legasthenikern als „Nachteilsausgleich“ Zeitzuschläge von bis zu 50 Prozent sowie die Befreiung von der Benotung schriftlicher Arbeiten. Den vom Kultusministerium des Landes erhobenen Zahlen zufolge liegt die Legasthenikerquote in Schleswig-Holstein inzwischen um 13 Prozent, ist also dreimal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. In manchen Gymnasialklassen sind fast ein Drittel der Schüler diagnostizierte Legastheniker. Die Möglichkeit, außerschulische Fachärzte aus dem Entscheidungsverfahren über die Feststellung von Legasthenie herauszuhalten, hat offenbar dazu geführt, dass die bundesweit zunehmenden Schwierigkeiten vieler Schüler mit dem Schriftspracherwerb nicht als gesellschaftliches Problem erkannt, sondern als diagnostizierbares Defizit rationalisiert werden.

... aber inflationierte Diagnose

Der Fortschritt, den die Möglichkeit der ärztlichen Diagnose von Legasthenie bedeutet hat, wird so ins Gegenteil verkehrt. Die Diagnose der Legasthenie dient nicht mehr der individuellen Förderung der Betroffenen, sondern der Festschreibung einer sozialen Misere, die allein als „medizinisches“ Problem behandelt wird. Die Empörung darüber bleibt gering, weil scheinbar alle Beteiligten profitieren: Lehrer und Eltern müssen die Verantwortung für ein etwaiges schulisches Scheitern nicht mehr bei sich suchen, die Schüler wiederum brauchen sich, ist ihre „Lernschwäche“ einmal bescheinigt, nicht mehr zu fragen, ob sie es besser können. Die tatsächlichen Legastheniker haben das Nachsehen, weil sie immer weniger an ihren eigenen Möglichkeiten gemessen werden.

In gewisser Weise spiegelt die Inflationierung der Legastheniediagnose einen Trend wider, der sich auch am sogenannten Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom (ADS) oder an der Diagnose von „Burnout“ als Depression studieren lässt. Hier wie dort werden gesellschaftlich erzeugte Pathologien einer etablierten medizinischen Symptomatik zugeordnet und damit als soziale Krisenerscheinungen gar nicht mehr wahrgenommen. Den Betroffenen, die den gesellschaftlichen Widerspruch, den sie an sich selbst erfahren, auf diese Weise als leistungsminderndes Symptom verharmlosen können, ist damit nur scheinbar geholfen. Im Fall der Legasthenie kommt hinzu, dass die Schreib- und Lesekompetenz, wie sie die bürgerliche Erziehung fordert, ökonomisch immer weniger nachgefragt wird. Trainingsprogramme wie das nicht nur bei Managern, sondern längst auch bei Akademikern beliebte „Speed Reading“, die ein diskontinuierliches Schnelllesen lehren, setzen sich geradezu zum Ziel, den Individuen ihre überkommene Lesekompetenz wieder auszutreiben. Die Legastheniker, die durch die Verwischung der Grenze zwischen medizinisch diagnostizierbarer und „sozialer“ Legasthenie erneut benachteiligt werden, dürften bei diesem Abgewöhnungstraining allerdings erst recht erfolglos sein.

Magnus Klaue befasst sich im Freitag vor allem mit Bildung und Literatur. Zuletzt schrieb er über Uschi Obermaier

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Über die Ursache der Lese-Schreib-Schwäche (Dyslexie, Legasthenie) ist mehr spekuliert denn geforscht worden, was neben dem Stigma auch daran liegt, dass international keine einheitliche Definition für das Phänomen existiert.


Fest steht, dass sie in bis zu 75 Prozent der Fälle familiär auftritt und dass dieser Effekt besonders deutlich in bildungsstarken Zusammenhängen erkennbar wird. Sprich: In Umfeldern mit weniger Lesestoff und weniger gemeinsamem Lesen wird die erbliche, also mutmaßlich genetische Komponente von den Folgen des fehlenden Angebots überlagert.


Dabei kommt zum Tragen, dass legasthenische Kinder vor allem Laute von vorneherein schwer einordnen können und daher oft schwer mit Worten zu assoziieren lernen, die sie beim Lesen dann nicht innerlich hören und entsprechend als Laut formen können.


Ein Legasthenie-Gen, das alle Symptome erklärt, wurde bislang jedenfalls nicht gefunden, auch wenn Forscher vor zwei Jahren mithilfe einer genome wide association- Studie eine Genvariante fanden, die in betroffenen Kindern häufig ist und den Zuckerstoffwechsel im Gehirn beeinflusst.

(zint)

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16:55 11.10.2011

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