Wenn die Wut Feuer fängt

Brasilien Zwischen Wahlfieber, Währungsverfall und Warlords im Tunnel - unterwegs durch den ganz alltäglichen Irrsinn der Metropole am Zuckerhut

In Santa Teresa zu wohnen, ist der Himmel auf Erden - und die Hölle. Das malerischste Stadtviertel von Rio liegt 200 Meter über dem Meer und wird umlagert von 16 Favelas, den Elendsquartieren, die wie Geschwüre an den Bergstöcken wuchern. Eines heißt Morro dos Prazeres - Berg der Vergnügten. Trotz schöner Aussicht und der Nähe zum Maracana-Stadion ist das Quartier alles andere als ein vergnüglicher Ort, die Arbeitslosigkeit liegt bei 70 Prozent und die Kriminalität um das Zehnfache über dem Landesdurchschnitt. Die Zufahrten zum Morro dos Prazeres werden von Militärpolizisten kontrolliert, die regelmäßig Razzien veranstalten, um Drogengeld zu erbeuten und zum Ausgleich für das schlechte Gehalt unter sich aufzuteilen.

Am Tag sind die Straßen von Santa Teresa für Cariocas, die Einheimischen, sicher, bei Einbruch der Dunkelheit verbarrikadiert sich jeder hinter vergitterten Fenstern und dreifach gesicherten Türen. Späte Ausfahrten finden per Auto oder Tram statt, auch wenn es nur um die Ecke geht. Trotzdem lieben die Cariocas ihr düsteres Wolkenkuckucksheim und würden es nie eintauschen gegen Leblon oder Copacabana. Dort wohnen die Reichen und Schönen, hier die Besitzfreien und Glücklichen, dazu ein paar betuchte Exzentriker, die hinter hohen Mauern in kunterbunten Villen hausen. Deren eklektische Pracht ist steinreichen Europäern zu danken, die sich in Santa Teresa einst niederließen.

Damit nicht genug der Nostalgie, in diesem Viertel fährt auch das vielleicht älteste öffentliche Verkehrsmittel der Welt, eine Tram mit offenem Wagen und Trittbrett zum Draußenhängen. Seit 106 Jahren unterwegs, wurde sie seither weder modernisiert, noch präpariert, nur halbwegs instand gehalten. Die Bonde rollt im Halbstunden-Takt vom Zentrum bergauf und wieder hinunter. Manchmal schafft sie den Anstieg nicht, dann müssen die Fahrgäste anschieben. Oft fällt der Strom aus, dann steigt man in den Bus oder geht zu Fuß.

Wie in Lissabon ist Electrico-Fahren auch in Rio ein Zeitreisen in die Vergangenheit. Die Chauffeure halten an jeder gewünschten Stelle, leisten sich ein Palaver mit den Passanten und stoppen für Touristen an Aussichtspunkten mit Blick auf die Bucht. Die Bonde lehrt, dass Fortbewegung nicht Eile heißt. Für umgerechnet 20 Cent ist man Akteur eines Kindheitstraumes, der in die schnöde Realität führt, nicht ins Disneyland. Allerdings haben die Tramfahrer kaum Grund zur Freude. Sie verdienen weniger als 200 Reais (65 Euro) im Monat und müssen nebenbei auch noch selbst für den Erhalt ihrer Vehikel sorgen. Die Transportgesellschaft verwaltet das antike Spielzeug mit Hunderten von Angestellten, die mit ihrem mageren Salär etwas von der dramatischen Talfahrt spüren, auf die der zehntgrößte Industriestaat der Erde geraten ist. Wer hier Mitte der Neunziger noch 3.000 Reais Monatslohn sah, muss jetzt mit 800 (250 Euro) zufrieden sein und gehört zu den Besserverdienenden.


Oscar Niemeyer - Absage an New York

Vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen am vergangenen Wochenende kam es fast täglich zu Demonstrationen und Kundgebungen auf der Praca Floriana von Rio. Marxisten, Grüne und Gewerkschafter rührten die Samba-Trommeln gegen die drohende Katastrophe. Ganz Brasilien soll nach dem Willen des IWF zur Freihandelszone erklärt werden. Polizisten in mausgrauen Uniformen sahen untätig zu, wie junge Linke die Fahne der Revolution schwenkten, während Banker und Börsianer in den Straßencafés gute Miene zum für sie bösen Spiel machten. Sie alle wussten, die neuen IWF-Kredite werden auf keinen Fall ausreichen, um die gerade erst abgewertete Währung zu stützen. Dem Land droht wie Argentinien ein fulminanter Staatsbankrott. "Brasilien hat keine Chance", meinte ein schwarzer Orpheus, der vor dem Teatro Municipal den Abgesang auf die Demokratie anstimmte. "Die Demokratie ist die stärkste Waffe des Imperialismus, unter der Militärdiktatur gab es keinen Ausverkauf an die Amerikaner. Obwohl die Generäle korrupt und lausige Ökonomen waren, ging es den Armen besser als heute."

Brasilien besitzt die viertgrößten Öl- und Gasvorkommen der Welt, trotzdem grassiert eine dramatische Energiekrise. Inlandsflüge sind inzwischen ebenso teuer wie Flugreisen ins "Mutterland" Portugal. Und das in einem Land von der Größe Europas, wo es kein nennenswertes Straßen- und Eisenbahnnetz gibt. Am letzten Wochenende im August kaufte das staatliche Energieunternehmen Petrobras für mehr als eine viertel Million Dollar alle 100.000 Tickets für ein Fußballspiel im Maracana-Stadion auf, um damit die etwa 2.000 Gäste einer Öl-Konferenz zu beglücken. Aus Wut darüber legten die fußballbesessenen Cariocas 30 Brände in der Stadt. Die Feuerwehr hatte Mühe. Ohne Asbestanzüge und Atemmasken glitten die Bombeiros an Seilen die Steilhänge der Favelas von Santa Teresa herab und löschten todesmutig die haushohen Flammen.

"Das war der Anfang der Apokalypse", glaubt meine Nachbarin Sofia. Sie hat in den USA Architektur bei Steven Holl und Richard Meyer studiert, weigert sich aber, an der Verschandelung von Rio mitzuwirken und macht daher in Kunst. In der Tat wird die am schönsten gelegene Stadt der Welt immer mehr zur gesichtslosen Betonwüste. Da hilft es auch nicht, dass Oscar Niemeyer gegenüber der Bucht von Niteroi ein spektakuläres Museum in Form eines UFOs gebaut hat. Der 96-jährige Schöpfer von Brasilia arbeitet noch immer als Architekt und hat sich als bekennender Kommunist gerade für den Wahlkampf der linkssozialdemokratischen Frente Trabalhista engagiert, einem Zusammenschluss um die Arbeiterpartei (PT) des Sozialisten Luiz Inacio "Lula" da Silva, der im vierten Anlauf nun endlich erfolgreich nach der Präsidentschaft zu greifen scheint.

Als einziger Südamerikaner wurde Niemeyer übrigens zum Wettbewerb um das neue World Trade Center (WTC) nach New York geladen, lehnte aber dankend ab und warnt stattdessen jeden Abend im Kanal Tele Globo vor Bushs Kreuzzügen gegen die Dritte Welt.

Ernesto, der als Pilot jahrelang die saudische Königsfamilie um den Globus flog und heute den Privat-Jet der Bosse von Tele Globo steuert, glaubt nicht, dass blutige Amateure die Passagiermaschinen ins WTC manövrieren konnten. Und wenn man den Flugverkehr auf dem City-Airport Santos Dumont beobachtet, der zu den schwierigsten der Welt gehört, scheinen die Zweifel berechtigt. Die für ihr fliegerisches Können berühmten brasilianischen Piloten haben alle Mühe, die viel zu kurze Rollbahn zu treffen und nicht den 400 Meter hohen Zuckerhut, der die Einflugschneise verstellt. Der Pao Acúcar zieht jetzt im Oktober Nebelwolken förmlich an, die ihn wie ein Elfenreigen umgarnen.

In nur einer Woche sehe ich drei Ermordete in Rios Straßen und einen durch Messerstiche verletzten Touristen. Der junge Franzose hatte mit der Videokamera die Tram von Santa Teresa bei Sonnenuntergang filmen wollen. Jeden Monat gibt es im Zentrum durchschnittlich 400 Überfälle - zumeist auf Touristen, die sich wie Touristen verhalten. Früher gab man ein paar Dollar her, wenn nötig, Kamera und Schmuck, und das Leben war nicht in Gefahr, solange man sich ruhig verhielt. Heute schießen oder stechen die Diebe, bevor sie zur Kasse bitten. Wie im Fall des amerikanischen Geschäftsmannes, der am Steuer seines Mercedes vor dem Hotel Copacabana Palace angeschossen wird, bevor er die Brieftasche zücken kann. Die Tat erregt Aufsehen, weil das Opfer ein Gringo ist und querschnittsgelähmt überlebt.

Jeden Abend präsentiert die Reality-Soap Cidade Alerte die aktuellen Morde im Land. Fast immer sind die Täter Jugendliche aus den Favelas oder aus rivalisierenden Drogen-Gangs. Manchmal blockieren kriminelle Banden einen der vielen Autotunnel von Rio, provozieren einen Unfall und rauben in aller Ruhe die im Stau Wartenden aus. Doch irgendwie gewöhnt man sich an den Irrsinn, weil die Cariocas die Ruhe selbst sind.

In Santa Teresa halten die Bewohner fest zusammen. Die Stadtverwaltung tut ihrerseits alles, um den Ruf des Viertels der schrägen Vögel und buntkarierten Intellektuellen für den Tourismus zu schädigen. Obwohl es "nur" 40 Überfälle pro Monat gibt, wird das Viertel offiziell als "eines der gefährlichsten von Rio" stigmatisiert. Dahinter verbirgt sich der Wunsch, es möge weiter bergab gehen "oben auf dem Berg", bis die Bewohner ihr verlottertes Bellevue aufgeben. Schon kaufen anonyme Investoren aus Bahia und Sao Paulo leerstehende Luxusvillen zum Spottpreis, ohne darin zu wohnen oder sie zu sanieren.


Ronald Biggs - der Gefangene von Rio

Roberta Alencastro hat den Spekulanten den Kampf angesagt - die Samba-Queen von Santa Teresa organisiert Ausstellungen für Künstler, hilft den Straßenbahnern bei ihren Tarifkämpfen und leitet einen Bed Breakfast-Service. Obwohl Senhora Alencastro von Rio schwärmt, will sie dennoch irgendwann aufs Land und "Cowgirl" werden. Ihre Eltern besitzen Weideflächen von der Größe Berlins. "Die meisten Leute sind dankbar, dass ich mich engagiere, doch manche meinen, ich müsste nur für sie da sein und nicht für alle", seufzt die Kuratorin. Früher war sie vor allem für Ronny Biggs - den englischen Gentleman-Postzug-Räuber - da. Als der einen Schlaganfall hatte, fütterte sie Blitz, Ronnys Rottweiler, und erledigte die Post. Als der meistgesuchte Gangster Englands freiwillig sein Exil in Rio aufgab, verlor Santa Teresa eine lukrative Touristenattraktion - und Roberta einen Freund.

Längst sind die von Biggs handsignierten T-Shirts im Restaurant Mineiro ausverkauft, doch vergessen ist der nette Cockney-Typ aus dem Londoner East-End nicht. Alfredo, ein zwar nicht erfolgreicher, aber stadtbekannter Erzähler, der schon am Morgen Cachaca trinkt, will ein Buch über Biggs schreiben. Roberto Mann, der Drehbuchautor des Films Prisoner of Rio, der Ronald Biggs´ Leben auf der Flucht und in Rio schildert, lebt ebenfalls in Santa Teresa. Weil im brasilianischen Kino durch Rezession und Fernsehshows die Lichter ausgingen, gründete er eine Internet-Firma. Von der Terrasse seines Büros im Zentrum sieht er auf den Stadtteil Cinelandia, wo einst mehr Kinopaläste flimmerten als in Hollywood.

Wie Rio in der Stummfilmzeit aussah und wie es durch Bauspekulanten ruiniert wurde, kann man in der U-Bahnstation Carioca sehen. "Memoría da destruicáo" heißt die Fotoschau und führt vor Augen, dass Fortschritt immer auch Zerstörung bedeutet. 1902 wollten Rios Stadtväter gar den Zuckerhut wegsprengen, weil er einen Schatten auf den Stadtteil Botafogo warf. Zu diesem Zeitpunkt waren die Wagen der legendären Tram schon unterwegs. Allerdings noch nicht auf Zeitreise wie 100 Jahre später, wenn die Bonde von Downtown in den Dschungel fährt und wieder zurück oder - wo gibt es das sonst noch - von der Moderne Rios in die Belle Epoque von Santa Teresa.

00:00 11.10.2002
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