Wenn die Zeit gekommen ist

Nahaufnahme Sie macht Menschen trocken, satt und sauber. Mehr ist in ihrem Beruf oft nicht drin. Unterwegs mit einer Pflegerin, die sich damit nicht abfinden will

Der Schlüssel dreht sich klackend im Schloss, dann stößt Ute Meißner (Name geändert) die Tür auf. „Nicht erschrecken, ich bin‘s nur! Guten Morgen!“, ruft sie. Stille. In der kleinen Erdgeschosswohnung ist es dunkel. Meißner knipst das Flurlicht an, geht auf das Zimmer am Ende des kurzen Korridors zu. Die Tür steht offen.

Uringeruch liegt in der Wohnung. Meißners Blick fällt auf einen Stapel säuberlich zusammengelegter weißer Leinentücher und einen Packen Windeln im Regal rechts neben der Tür. Dann wandert der Blick weiter zum Bett. Ein winziger Frauenkopf lugt unter der Bettdecke hervor, die grauen Haare zu einem Dutt gebunden, das Gesicht so weiß wie das Laken. „Guten Morgen, aufwachen!“, wiederholt Meißner etwas leiser, während sie sich langsam über das Kissen beugt.

Es ist zehn nach acht, das typische Aufweckprozedere für Frau W. beginnt: Gleich wird die 84-Jährige ein wenig grunzen und dann, langsam, die Augen aufschlagen. Aber sie wird liegen bleiben. Sie kann nicht anders.

Ans Bett gefesselt

Frau W. ist das, was die Pflegeversicherung „Pflegestufe 3“ nennt: ans Bett gefesselt und rund um die Uhr auf Pflege angewiesen. Sie ist nur eine von derzeit knapp 2,2 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland, deren Zahl rasant wächst: In seiner jüngsten Pflegestatistik rechnet das Statistische Bundesamt bis zum Jahr 2030 mit einem Anstieg der Pflegebedürftigen um etwa 58 Prozent. Parallel dazu wächst der Bedarf an Pflegepersonal – mehr als 450.000 Arbeitsplätze könnten in den kommenden 20 Jahren so entstehen.

Doch der Pflegebranche fehlt es an qualifiziertem Nachwuchs: Nach Angaben der Agentur für Arbeit gab es allein in Hamburg im Jahr 2009 rund 1.000 freie Ausbildungs- und Arbeitsplätze in der Pflege. Viele offene Stellen bleiben einfach unbesetzt.

Die Zahlen machen deutlich, welch schlechtes Image dem Pflegeberuf anhaftet: Die Arbeitsbedingungen gelten als hart und wenig attraktiv. Die ständige Konfrontation mit menschlichem Leid, der zeitliche Stress und die geringe Bezahlung – nur wenige sind heute bereit, das auf sich zu nehmen. Selten verdient eine Pflegefachkraft mehr als 2.000 Euro brutto im Monat. Doch noch mehr als der geringe Verdienst schreckt viele die permanente Dauerbelastung von Körper und Seele ab.

Ihre erste Sorge: ein Parkplatz

Auch Ute Meißner hat in ihrem Kollegenkreis schon den einen oder anderen Burnout miterlebt. Die examinierte Alten- und Krankenpflegerin ist Einsatzleiterin bei einem privaten ambulanten Pflegedienst in Hamburg. Normalerweise koordiniert sie vom Büro aus die Touren der einzelnen Pfleger. Aber in Zeiten, in denen das Pflegepersonal knapp ist, muss auch sie einige Schichten übernehmen.

An diesem Tag ist „Schwester Ute“, wie sie von ihren Kolleginnen genannt wird, für den Frühdienst im Stadtteil Eimsbüttel eingeteilt. Wie so oft ist die 48-Jährige um vier Uhr nachts aufgestanden, in den kleinen grasgrünen Firmenwagen gestiegen und in die Innenstadt gefahren. Und wie so häufig hat sie sich über das Parkplatzproblem in der Hansestadt geärgert, ehe sie mit ihrem großen, klappernden Schlüsselbund die erste von vielen Wohnungstüren aufgeschlossen hat. Das war um sechs Uhr in der Früh, als noch zehn Einsätze vor ihr lagen.

„Irgendwer muss es ja machen“, sagt sie, „die Menschen brauchen schließlich Frühstück, Medizin und müssen gewaschen werden!“. Weniger gewöhnt hat sie sich an die immer längeren Arbeitstage: Da in ihrem Betrieb gleich drei Vollzeitpfleger wegen Krankheit ausgefallen sind, muss Meißner heute auch den Spätdienst übernehmen und sich außerdem um die Planung der nächsten Woche kümmern. „Gegen 21 Uhr 30 werde ich dann endlich zuhause sein“, sagt sie. Ihren letzten Urlaub hatte die Pflegerin vor etwa drei Jahren, aber so genau weiß sie das nicht mehr. Vergangenes Wochenende hatte sie seit langem mal wieder frei. „Da habe ich erstmal alle Telefone abgeschaltet. Und prompt hatte ich ein schlechtes Gewissen“.

Meißners Chefin Maike Scheffler (Name geändert) weiß, was ihre Angestellten wegen des Personalmangels leisten. Ändern kann sie es trotzdem nicht: „In zwölf Monaten haben sich nur vier Leute auf unsere Stellenanzeige im Internet gemeldet“, sagt sie. Seit einiger Zeit beschäftigt Scheffler eine freie Mitarbeiterin, die sich ausschließlich mit der Personalsuche befasst – keine leichte Aufgabe: Schon seit Jahren hält sich beim zögerlichen Nachwuchs hartnäckig das Gerücht, die durchschnittliche Verweildauer in einem Pflegeberuf läge bei lediglich fünf bis sechs Jahren. Beweisen lässt sich das aber nicht. Meißner jedenfalls hat schon weitaus länger durchgehalten: 23 Jahre, fast ihr halbes Leben. Erst kümmerte sich die 49-Jährige auf einer Diakoniestation um Multiple-Sklerose-Patienten, dann war sie Einsatzleiterin bei einem privaten ambulanten Pflegedienst, der 2008 Insolvenz angemeldet hat. Seitdem arbeitet sie im Pflegebetrieb von Frau Scheffler, der sechsmal am Tag auch die bettlägerige Frau W. betreut. „Das ich helfen kann, gibt mir ein gutes Gefühl“, sagt Meißner.

Doch Frau W. will heute nicht, dass man ihr hilft. Sie will in Ruhe gelassen werden. „Nee! Nimm das weg!“. Die 84-Jährige presst den Mund zusammen, als die Pflegerin ihr zum vierten Mal ein Glas Birnensaft an die Lippen setzt. Die Anstrengung beim Schlucken ist einfach zu groß. „Sie trinken schon wieder viel zu wenig!“, ermahnt Meißner. Ihr Blick wandert auf den Katheterbeutel, der am Bett baumelt. Er ist nicht einmal zu einem Drittel gefüllt. Doch Frau W. bleibt beim „Nee!“. Meißner seufzt und stellt das Glas auf den Nachttisch.

Sie muss betteln, Wut steigt auf

Draußen, auf dem Weg zum Auto zündet sich Meißner eine Zigarette an und zieht dreimal fest daran, ehe sie einsteigt, die kaum abgebrannte Kippe aus dem Fenster schnippst und zum nächsten Termin rast. Sie denkt noch immer über Frau W. nach. „Wenn die Flüssigkeitszufuhr gar nicht mehr klappt, dann müssen wir ihr eine Infusion legen“, sagt sie. Doch dafür braucht der Pflegebetrieb eine ärztliche Genehmigung, sonst übernehmen die Krankenkassen die Kosten nicht. Meißner macht es wütend, ständig betteln zu müssen: „Es gibt so tolle Pflegemittel, die den Bedürftigen vieles erleichtern würden“, sagt sie, „aber hat man den Arzt endlich soweit, dass er ein Rezept ausstellt, stellt sich spätestens die Krankenkasse quer“. Die 49-Jährige würde jetzt gerne die Beherrschung verlieren, nur für einen klitzekleinen Augenblick. Doch noch ehe sie einmal tief durchatmen kann, klingelt ihr Mobiltelefon. Ob sie vielleicht eine Verordnung am Dammtor abholen könne, bittet eine Kollegin, der Arzt schließe in einer Viertelstunde seine Praxis. Meißner kann eigentlich nicht, sie ist schon sieben Minuten über der Zeit. Trotzdem presst sie ein „Okay!“ heraus und braust los. Tatsächlich schafft sie es noch rechtzeitig. Als sie wieder ins Auto steigt schwenkt sie triumphierend ein Stück Papier in der Hand. „Wundversorgung 2. Zeh rechts, 1x täglich, 7x wöchentlich bei ca. 1 cm breitem Ulcus (Geschwür)“ steht darauf.

Als Meißner einige Zeit später endlich aus dem Fahrstuhl in den sechsten Stock der weißen Hochhaussiedlung steigt, wartet Herr K. schon im Türrahmen. Seine Frau ist Diabetikerin – und dement. Eigentlich kommt Herr K. ganz gut zurecht, achtet darauf, dass sie regelmäßig ihre Tabletten nimmt und erledigt den Haushalt. Aber Frau K. hat eine schwache Blase und wird in letzter Zeit immer wunderlicher. „Neuerdings zieht sie die Windelhosen heimlich aus und versteckt sie“, erzählt ihr Mann. „Ich bin ja kein Kind mehr!“, grollt Frau K. von ihrem Sessel aus. Den hat sie gestern mit dem Klo verwechselt. Den Gestank hat Herr K. immer noch nicht aus dem Wohnzimmer bekommen. Aber er bleibt gelassen. „Das ist der Lauf des Lebens nicht wahr? Ich bin seit 1951 verheiratet, da gibt man seine Frau nicht gleich ins Heim“, sagt er. Frau K. nippt missmutig an ihrem Kaffee und rülpst. „Hand vor den Mund“, tadelt er. „Hab ich doch!“, knirscht sie böse. Hat sie nicht. Meißner misst den Blutdruck der 83-Jährigen. Sie trägt den Wert 158 in die Patientenmappe ein, die jeder Pfleger laut Gesetz führen muss. Ob Grundreinigung, Windelwechsel oder Wundversorgung, jede einzelne Pflegeleistung am Patienten wird darin genau dokumentiert.

25 Minuten für einen Körper

Wie lange ein Pfleger für einzelne Pflegeleistungen brauchen darf, ist seit Einführung der Pflegeversicherung genau festgelegt: Einem Pflegebedürftigen die Windeln zu wechseln etwa, darf nicht länger als zehn Minuten dauern. Eine sogenannte „Grundreinigung“ maximal 25. „25 Minuten für die komplette Körperpflege eines bettlägerigen Menschen, das ist im Grunde genommen ein Witz“, sagt Meißner, „wenn wir ein paar Minuten länger brauchen, zahlt das die Pflegekasse nicht mehr. Das tun wir dann praktisch ehrenamtlich“. Auch die Frühstücksbrötchen, das kleine Stück Kuchen oder die Bildzeitung, die Meißner ihren Patienten manchmal mitbringt, zahlt sie aus eigener Tasche. Auf diese Kleinigkeiten verzichten könnte sie trotzdem nicht: „Ich habe dieses Helfersyndrom. Entweder man stumpft ab, oder man bewahrt sich das“.

Auch das Katzenposter an der Wand neben dem Bett von Meißners nächsten Patientin, ist so eine Kleinigkeit. Die 76 Jahre alte Frau A. liebt Katzen, selbst auf ihrem Strickpullover prangt ein Exemplar. Frau A. ist bettlägerig und erzählt viel. Von ihrem Sohn, der jeden Samstag etwas vom Wochenmarkt mitbringt. Von ihrer Katze Susi, die sich manchmal zu der alten Dame ins Bett legt. Und von ihrem Papagei Jakob, dessen Käfig am Fußende ihres Bettes steht und der Pfleger, die er nicht leiden kann, in den Finger zwickt. Der Vogel ist ein Vermächtnis ihres Mannes, der 2005 an einem Herzinfarkt gestorben ist. Ab und zu krächzt Jakob „Papa!“, dann wird Frau A. ganz aufgeregt: „Er ruft meinen Mann“, erklärt sie in diesen Momenten. Frau A. liest gern Arztromane und manchmal fragt sie Meißner, was dieser oder jener medizinische Begriff zu bedeuten hat. Jeden Vormittag um Punkt elf Uhr bekommt Frau A. Hunger, dann wartet sie ungeduldig darauf, dass Meißner oder eine andere Pflegerin ihr das Mittagessen machen.

Intimhygiene vor dem Essen

Doch bevor es heute Spargelsuppe aus der Dose gibt, steht Intimwäsche auf dem Programm. „So, jetzt wird’s kalt“, sagt Meißner, schlägt die geblümte Bettdecke zurück und zieht Frau A. energisch die Windel herunter. „Ute, nein!“, fleht die 76-Jährige, doch zu spät, der Lappen hat sein Ziel gefunden. Fünf Minuten später ist alles vorbei, Frau A. trägt eine frische Windel und bedankt sich.

Eine Stunde, 55 Minuten, vier Hausbesuche und einen Abstecher zur Apotheke später, erreicht Meißner wieder das Wohnhaus von Frau W.. Auf dem Treppenabsatz vor der Haustür steht bereits das Mittagessen des Lieferservices: Es gibt Fisch mit Kartoffeln und Möhren in Senfsoße. Frau W. hasst Fisch. Doch drei Löffel isst sie. Die Pflegerin selbst hat bis jetzt noch nichts gegessen. „Meistens finde ich erst am frühen Nachmittag Zeit dazu“, sagt sie, „bis dahin überbrücke ich mit Kaffee.“ Wie schon am Morgen versucht sie die 84-Jährige zum Trinken zu bewegen. Doch für Frau W. bleibt jeder Schluck eine Qual. „Süße, komm schon“, sagt Meißner leise. Doch Frau W. laufen vor Anstrengung die Tränen herunter. Meißner wischt mit einem Taschentuch vorsichtig über die Wange. „Alles okay?“, fragt sie nach einer Weile. „Nee“, sagt Frau W. und schließt die Augen. Meißner sitzt noch eine Weile reglos am Bett der alten Frau, dann steht sie auf und greift zum Schlüsselbund. Für Frau W. ist die Zeit noch nicht gekommen, für die Pflegerin für heute schon.

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17:00 21.03.2010

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