Wenn ein Blitz zweimal einschlägt

SÜD DAKOTA/USA Revolte im Reservat - für die Lakota-Indianer hat Clintons "New Economy" vor allem Fast Food und schnurlose Telefone zu bieten

Es sieht seltsam aus - das Regierungsgebäude ohne die offiziellen Flaggen. Nur der Fahnenmast steht noch, an dem das Banner der Vereinigten Staaten wehte und darunter noch für ein anderes Tuch Platz ließ. Es zeigte in einem blauen Rahmen acht weiße Tipis auf rotem Grund, die Fahne des Oglala Sioux Tribe (OST). Jetzt sind davon noch Fetzen um den Mast gewickelt, aber auch von der Fahne mit den heiligen Farben der Lakota Indianer Blau, Weiß, Rot und Gelb, dem Zeichen des American Indian Movement (AIM), ist wenig übrig geblieben. Die Erklärung für diesen Schwund findet sich im Red Cloud Building, dem Regierungsgebäude dahinter, in dem seit Wochen über die eigene indianische Regierung diskutiert wird, allerdings unter Ausschluss eben dieser Regierung.

Das Red Cloud Building liegt auf dem Gelände der Pine Ridge Indian Reservation im Südwesten des US-Bundesstaates Süd Dakota. Seit Januar hält eine Gruppe traditioneller Oglala Lakota Indianer, die sich Grassroots Oyate (Grasswurzel Nation) nennt, das Gebäude besetzt. Protest gegen einen korrupten Präsidenten, einen korrupten Finanzwart, einen korrupten Rat und ein korrumpierendes System. Der Präsident und seine Umgebung werden beschuldigt, ihr Volk bestohlen und sich überaus ineffektiv um das Wohl dieses Volkes bemüht zu haben. Deshalb hat die Grassroots Oyate einen Katalog mit neun Forderungen präsentiert: die erste verlangte eine unabhängige Buchprüfung durch das FBI und wurde schon am dritten Tag der Besetzung erfüllt. Als die Bundespolizei Kartons mit Akten aus dem Regierungsgebäude schleppte, ertönte draußen ein traditionelles Siegeslied. Die Besetzer waren von der Geschwindigkeit überwältigt, mit der die Behörden reagierten. Ihrer zweiten Forderung, der Entlassung des Finanzwartes, wurde Anfang Februar entsprochen. Alles weitere aber zielt auf ein anderes Regierungssystems und ist nun seit Wochen Thema im Red Cloud Building. Die Grassroots Oyate lädt dazu jeden ein, und viele nehmen dieses Angebot an, um endlich einmal über ihr Leben in der Reservation sprechen zu können, die unerlässliche Wende, die es nehmen sollte.

An manchem Tagen stehen Lautsprecher vor der Tür - die Debatte wird außerdem durch das Reservationsradio KILI in die Wohnzimmer der circa 20.000 Oglala Lakota Indianer übertragen.

Eine ältere Dame geht ans Mikrofon. Große Brillengläser verdecken ihr Gesicht, das von langen schwarzen Haaren umrahmt ist. "Lyuha cante wasteya nape ciyuzape", sie begrüßt das Auditorium im traditionellen Lakota-Dialekt. Aus Respekt senken die Zuhörer den Blick. Schweigen. Nur das Geräusch spielender Kinder mischt sich mit der Stimme der Rednerin. Die Zeit sei reif, etwas gegen das tägliche Elend zu unternehmen. Ihr Haus habe im Juni vergangenen Jahres ein Tornado zerstört. Wochen später erst lieh man ihr einen Wohnwagen, den sie sich seither mit drei Töchtern, zwei Stiefsöhnen und sieben Enkelkindern teilt. Sie habe den gewählten Vertreter ihres Bezirks mehrfach um Hilfe gebeten, doch vergebens.

Sie schluchzt, als sie von ihren Enkeln erzählt. Ein Enkelsohn schäme sich, die Schule zu besuchen, weil er keine Hose ohne Löcher mehr besitze.

Shannon und Bennett County gelten als absolut ärmster Distrikt in den USA mit der höchsten Arbeitslosenrate (85 Prozent), dem niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen, den miesesten Lebensbedingungen, der höchsten Säuglingssterblichkeit, einer niedrigen Lebenserwartung. Eine Studie belegt, zwei Drittel aller Kinder leben unterhalb der Armutsgrenze. Im Juni 1999 ließ der Tornado kein Haus im Ort Oglala unbeschädigt. Spenden flossen in Millionenhöhe. Doch Monate nach dem Sturm hausten viele Familien noch immer in Zelten und Wohnwagen, ohne Strom und Wasser. Als die Betroffenen den Präsidenten der Reservation aufforderten, über den Verbleib der Gelder Auskunft zu geben, wurden sie abgewiesen. Daraufhin beschuldigte der Indianer-Rat den Präsidenten der Unterschlagung, der beschuldigt den Finanzwart, und der wiederum den Präsidenten ...

Nachdem die ältere Dame ihre Schilderung beendet hat, geht Johnson Holy Rock nach vorn, der angesehenste Mann auf der Reservation. Der über 80jährige war einst Präsident des Oglala Sioux Tribe (OST) und wurde als Anerkennung für seine außerordentlichen Bemühungen um die Oglala Lakota Nation zum "traditionellen Häuptling" ernannt. Der hagere Mann nimmt seinen Cowboyhut ab, hält den Kopf leicht gebeugt. Eine tiefe, doch sanfte Stimme.

Holy Rock beschreibt das bestehende Regierungssystem, das er aus erster Hand kennt. Er erklärt, wie dieser Oglala Sioux Tribe 1934 durch den Indian Reorganization Act (IRA) geschaffen wurde. "Aber wie kann eine Nation von außen reorganisiert werden? Ist das nicht Kolonialismus?" Bis 1934 bestanden überlieferte Regierungsformen, die der Autorität von Familienräten und Ältestenräten vertrauten. Diese Art indianischer Selbstverwaltung besaß ihre eigene Würde und Souveränität.

Holy Rock beschreibt die Unterschiede zwischen dem heutigen IRA-System und der bis 1934 üblichen Praxis. "Heute halten wir Wahlen ab, die - wie ihr wisst - nur stattfinden können, wenn sich das Volk nicht einig ist, da es Gewinner und Verlierer geben muss." Früher habe man keine Wahlen gekannt, die Führer seien ernannt worden. Die Diskussion darüber habe eben so lange gedauert, bis jeder zustimmen konnte.

Holy Rock: "Wisst ihr, ich war voller Stolz, als ich jetzt von der Besetzung erfuhr. Ich habe diese Empfehlung schon viele Male gegeben - lasst uns durch einen Volksentscheid über die IRA-Regierung abstimmen. Wir können die Wurzel ziehen, die uns soviel Übel beschert. Es ist an der Zeit, denn es ist das erste Mal in der Geschichte des Oglala Sioux Tribe, dass ein Blitz zweimal an derselben Stelle einschlug."

Als der Blitz zum ersten Mal traf, hingen die Gewitterwolken tief über Wounded Knee, einem kleinen Ort auf der Reservation, den 1973 für 71 Tage Aktivisten vom American Indian Movement (AIM) besetzt hielten. Damals wurde die Stammesregierung beschuldigt, lediglich eine bestimmte Gruppe von Indianern auf der Reservation zu vertreten. Die Trennungslinie verlief zwischen den sogenannten Vollblut- und Halbblutindianern. Vollblutindianer waren weder im OST-Rat vertreten, noch hatten sie die geringste Chance, einen der wenigen Jobs zu bekommen. Da sich die Besetzer von der Regierung nicht präsentiert fühlten, riefen sie die Unabhängige Oglala Lakota Nation aus und beriefen sich auf Verträge, die einst von der US-Regierung mit den Oglala Lakota Indianern geschlossen wurden. Da aber die Bundesregierung in Washington diese Verträge einseitig gebrochen hatte, beanspruchte AIM einen souveränen Status als unabhängige Nation. Am Ende kostete dieser Mut mehrere Tote. Der Anblick von US-Panzern in Wounded Knee blieb für Jahrzehnte ein traumatisches Erlebnis. Niemand hat das Massaker vergessen, das im Prinzip fast an der gleichen Stelle stattfand, an der heute die Besetzer ausharren.

Ein Redner warnt alle, die das IRA-System zum Teufel schreien: "Unsere künstliche Wirtschaft wird zusammenbrechen. Mehr als 80 Prozent aller Gelder, die auf die Reservation fließen, kommen aus Washington. Wir alle wissen, es war noch nie ausreichend ... Doch wenn wir zu radikal vorgehen, wird die Bundesregierung erst recht alles blockieren. Der weiße Mann hat Angst vor uns, und wer Angst hat, handelt niemals klug."

Im Sommer hatte der "große weiße Vater" Bill Clinton die Reservation besucht, um eine wirtschaftliche Wiederbelebung einzuleiten. Eher ein misslungener Profilierungsversuch. Der Präsident schlug vor, ein supermodernes schnurloses Telefonsystem zu installieren, übersah allerdings, dass auf der Reservation, deren Telefonbuch ganze zwei Seiten braucht, sich niemand einen solchen Luxus leisten kann und will. Ohnehin würde der Profit in die Taschen weißer Unternehmer fließen. Schließlich wollte Clinton durch Steuergeschenke kleinere Unternehmen auf die Reservation locken. Es waren ausschließlich Fast Food-Ketten, die sein Werben erhörten. Doch auch in diesem Fall sind die Indianer nur als Konsumenten gefragt, auch in diesem Fall fließt der Gewinn in die Kassen der Betreiber und die Fonds des US-Steuersystems, von dem Indianer durch ihren besonderen Status ausgeklammert sind. Zugleich sehen all jene in der Reservation ihre Existenz gefährdet, die bei der Versorgung bisher auf den informellen Sektor angewiesen waren.

Demission der IRA-Regierung, die wie ein verlängerter Arm der Administration in Washington funktioniert, das ist die immer wiederkehrende Forderung seit die Besetzung anhält. Eine Volkswahl soll entscheiden, ob das IRA-System Bestand haben kann. Hunderte Oglala Lakota Indianer lassen keinen Zweifel an ihren Sympathien für die Besetzer, wenn sie im Red Cloud Building an den überlieferten Zeremonien teilnehmen. Eine ältere Frau meint, es gefalle ihr so gut, dass sie auch dann noch bleiben werde, wenn die Besetzung vorbei sei - bislang jedoch scheint kein Ende in Sicht. Die Buchprüfung dauert, und die ersten Köpfe rollen. Der Finanzreport soll nach Abschluss der Untersuchung veröffentlicht werden. Soviel weiß man aber schon, Mike Her Many Horses, der Abgeordnete des Bezirks, hat innerhalb von 13 Monaten 18.000 Dollar allein für Reparaturen seines Wagens abgezweigt. Darüber hinaus kassierte er großzügig Reisegeld und schrieb Schecks für seine Familie. Die Bewohner von Wounded Knee, von denen ganze Familien über kein Auto verfügen und nur eine Mahlzeit am Tag haben, waren darüber so empört, dass sie ihren Abgeordneten einfach abwählten. In anderen Bezirken wurde ebenso verfahren.

Im Unterschied zu den Ereignissen von 1973 in Wounded Knee lehnen die Besetzer jede Form von Gewalt ab - aber auch jede Form der Kapitulation. Nach Jahrzehnten des Elends wissen alle, es muss mehr geschehen als vor 27 Jahren. Seinerzeit wurden lediglich Köpfe ausgewechselt, es kamen zwar Vollblutindianer in den OST-Rat, doch das System verhinderte jeden Wandel, der über diese Rochade hinausging. Niemand kann garantieren, dass die Rebellion im März oder April 2000 soviel anders endet. Der Status quo wird vom OST-Rat wie auch von der US-Regierung nur äußerst ungern angetastet. Die Ratsabgeordneten fürchten um ihre Privilegien, und die US-Behörden um den fragilen Frieden im Reservat.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Verändern Sie mit guten Argumenten die Welt. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt kostenlos testen

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden