Wenn Faschisten nicht "Faschisten" genannt werden

Kein Streit um Worte Über die Wiederbelebung eines umstrittenen Begriffs

Die jüngste Entgleisung von Silvio Berlusconi, der Italiens einstigen Diktator Mussolini mit den Worten lobte, er sei immerhin guten Willens gewesen und habe "die Opposition nur in die Ferien an die Grenze geschickt", hat wieder einmal die Frage nach "qualitativen Unterschieden" zwischen dem deutschen und italienischen Faschismus laut werden lassen. Eine seriöse Debatte erscheint jedoch nur dann denkbar, kann dabei auch auf den "Faschismus" als Begriff zurückgegriffen werden, ohne dass ein williger Zeitgeist dies als anachronistisch denunziert.

In seiner Rezension von Sven Reichardts Buch Faschistische Kampfbünde, das dem Vergleich des italienischen Squadrismus mit der SA gewidmet ist, spricht der Berliner Historiker Moritz Föllmer von einer "Revitalisierung des Faschismusbegriffs". Auch andere Kritiker des dickleibigen Werkes sehen den Beweis dafür erbracht, dass auf einen "generalisierenden" oder "idealtypischen" Faschismusbegriff nicht verzichtet werden könne. In dem sehr viel schmaleren, aber nicht weniger lesenswerten Buch "Faschismus" kontrovers, herausgegeben von Werner Loh und Wolfgang Wippermann (*), wird diese Debatte offen geführt: mit Leidenschaft und nicht ohne Polemik.

Dimitroffs klassische Formel

Wer nach 1990 den Begriff Faschismus in einem übergreifenden Sinne gebrauchte, geriet schnell in Verdacht: Konservativen gilt "Faschismus" als "Schlagwort aus der Mottenkiste kommunistischer Propaganda". In dem 1994 erschienenen neu-rechten Bekenntnisbuch Die selbstbewusste Nation wurde offen gewarnt, Antifaschisten wollten mit ihren Parolen den "antitotalitären Konsens" der alten Bundesrepublik zerstören. Von links kam dagegen der Einwand: Es sei verharmlosend, den in seiner völkermörderischen Gewalt einzigartigen Nationalsozialismus als Faschismus zu bezeichnen, weil er so mit der vergleichsweise "gemäßigten" Mussolini-Diktatur auf eine Stufe gestellt werde.

Ob von Faschismus oder von Totalitarismus zu reden sei, war seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts immer wieder Gegenstand heftiger wissenschaftlicher, vor allem politischer Kontroversen. Auf frühe Analysen des italienischen Faschismus an der Macht folgten wenig später die ersten Versuche, Faschismus und Kommunismus als zwei Seiten der selben Sache darzustellen. Beides war von politischem Interesse geleitet. Die Faschismusanalysen aus den Reihen der Kommunistischen Internationale (Komintern) sollten den Kampf gegen die schlimmsten Feinde der Arbeiterklasse - die als "Sozialfaschisten" bezeichneten Sozialdemokraten - voranbringen und die proletarische Revolution beschleunigen. Die von Sozialdemokraten selbst betriebene Gleichsetzung von Faschismus und Bolschewismus diente der Abgrenzung von der Sowjetunion, war aber auch eine Replik auf die Sozialfaschismusthese der Komintern.

Bezogen auf den weiteren Verlauf dieser Debatte sind bis heute oft nur die Namen Georgi Dimitroff (Arbeiterklasse gegen Faschismus) und Hannah Arendt (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft) im Gedächtnis geblieben. Die "klassische" und zu Beginn des Kalten Krieges hegemoniale Totalitarismustheorie von Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski etwa ist dagegen weitgehend vergessen - anders als Dimitroffs ebenso "klassische" Formel: Der Faschismus sei "die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals" - so hatte der bulgarische Kommunist 1935 die Doktrin der Komintern auf den Punkt gebracht.

Heute gilt diese Definition durchweg als Musterbeispiel ökonomistischer Engstirnigkeit. Vielen Kritikern dient sie auch als Beleg für die Untauglichkeit sämtlicher marxistisch orientierter Faschismusanalysen, ja des Faschismusbegriffs überhaupt. Dabei mag eine inflationäre Verwendung dieses Begriffs durch die Linke ebenfalls zu seiner Diskreditierung beigetragen haben.

Nun ist allerdings der politisch motivierte Gebrauch eines Begriffs kein zwingender Grund, darauf ganz zu verzichten. Der ausgewiesene Faschismus-Experte Wolfgang Wippermann gesteht das grundsätzliche Problem der Instrumentalisierung zwar zu, hält aber an einem "generischen" Faschismusbegriff fest und führt dafür sowohl politische wie wissenschaftliche Argumente ins Feld. Zusammen mit Werner Loh hat er namhafte Wissenschaftler zu einer kontroversen Debatte in der Zeitschrift Erwägen Wissen Ethik eingeladen, deren Ergebnisse nun in Buchform vorliegen.

Theorie mittlerer Reichweite

Am Anfang steht Wippermanns Frage: "Hat es Faschismus überhaupt gegeben?" Gemeint ist Faschismus als internationales Phänomen, dessen unterschiedliche Ausprägungen sich mit ein und demselben Begriff belegen lassen. Wippermann bejaht diese Frage, weil er im Erscheinungsbild, im politischen Stil und in der Ideologie aller faschistischen Bewegungen, Parteien und Regimes wesentliche Gemeinsamkeiten sieht: das Führerprinzip, uniformierte und bewaffnete Sturmtrupps, einen Kult der Männlichkeit und Gewalt, antisozialistische, antikapitalistische, antimodernistische und antifeministische Momente. Als Kern der faschistischen Ideologie betrachtet er den Rassismus. In dieser Hinsicht habe es zwischen den einzelnen Faschismen "graduelle und quantitative, aber keine qualitativen Unterschiede" gegeben. Vom faschistischen "Realtypus" Italiens sei der deutsche "Radikalfaschismus" abzugrenzen. Diesen als Nationalsozialismus zu bezeichnen, ist aus Wippermanns Sicht "schon deshalb abzulehnen, weil das faschistische Regime in Deutschland rassistisch und nicht ›national‹ und schon gar nicht ›sozialistisch‹ war."

Während Wippermann für Erhalt und Rehabilitierung eines generischen Faschismusbegriffs wirbt, räumt er zugleich ein, dass er eine Faschismustheorie weder bieten könne noch wolle. Da die bestehenden "Globaltheorien" des Faschismus sich - ebenso wie die Totalitarismustheorien - als untauglich erwiesen hätten, plädiert er für die Kombination verschiedener "Theorien mittlerer Reichweite" und legt besonderes Gewicht auf die "Bonapartismus"-Theorie August Thalheimers (**), die den Machtantritt des Faschismus aus einem Gleichgewicht der Klassen erklärt.

Die Mehrheit der von Wippermann zur Diskussion seiner Thesen gebetenen Wissenschaftler hält einen generischen Faschismusbegriff gleichfalls für richtig. Nur wenige Anhänger von Totalitarismuskonzeptionen - etwa Friedrich Pohlmann aus Freiburg und Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung - grenzen sich scharf davon ab. Erhellend sind vor allem die Beiträge aus dem anglo-amerikanischen Raum. Namentlich Roger Griffin (Oxford) und Stanley G. Payne (Wisconsin) weisen darauf hin, dass in Großbritannien und den USA vergleichende Faschismusforschung, die auf einem generischen Faschismusbegriff aufbaut, recht etabliert sei. Zum speziellen Fall des deutschen Faschismus erinnert Griffin an Ian Kershaws Formulierung, der Nazismus sei "sowohl einzigartig als faschistisch". Gegen Wippermanns These von der ideologischen Zentralität des Rassismus setzt Griffin sein Konzept der "nationalen Wiedergeburt", die sich alle Faschisten zum Ziel gesetzt hätten: Ihr "palingenetischer Ultra-Nationalismus" (***) richtete sich gegen Verweichlichung und Dekadenz und wollte die "Reinigung des Volkskörpers" von Feinden und "Schmarotzern".

Auch die marxistisch orientierten Diskutanten Reinhard Kühnl, Werner Röhr und Karin Priester tragen mit ihren Beiträgen zum Erkenntnisgewinn bei, indem sie vorrangig die soziale Funktion des Faschismus betonen. Alle drei widersprechen der These, Kern der faschistischen Ideologie sei der Rassismus. Vielmehr, so Karin Priester, sei der kleinste gemeinsame Nenner "der Antimarxismus und der Kampf gegen die sozialdemokratische Arbeiterbewegung. Nicht umsonst gründeten die sog. Achsenmächte einen ›Antikominternpakt‹ und nicht einen ›Antizionismuspakt‹ oder ähnliches."

Die in Wippermanns Buch dokumentierten Texte zeigen, von einem verbindlichen Zwischenergebnis der Debatte kann keine Rede sein. Zu viele Fragen bleiben umstritten. Ihre Lösung sollte nicht allein der Wissenschaft vorbehalten bleiben. Denn in Sachen Geschichtspolitik - und darum handelt es sich hier - kann die öffentliche, auch polemische Debatte durchaus erkenntnisfördernd sein, man denke an den "Historikerstreit" von 1986/87, der überwiegend in der Presse geführt wurde.

Von Italien 1922 bis Chile 1973

Aufschlussreich ist auch der Vergleich zwischen den faschistischen Regimes in Deutschland und Italien. Deren gravierende Unterschiede wurden in der breiten Öffentlichkeit mit einiger Verspätung wahrgenommen, dann aber oftmals zu Gegensätzen vergrößert. Dabei geraten die Gemeinsamkeiten zunehmend aus dem Blick, besonders was ihre soziale Funktion betrifft. Hier scheint mir Reinhard Kühnl die Sache auf den Punkt zu bringen: "Die Klasse der abhängig Arbeitenden stumm zu machen - das war (und ist) überall die soziale Substanz des Faschismus - von Italien 1922 bis Chile 1973." Zutreffend ist seine Beobachtung, dass der Faschismus an der Macht auf einem "Bündnis zwischen der faschistischen Partei und den Machteliten aus Ökonomie, Militär und Bürokratie" beruht.

Auch die verbreitete Behauptung, dem italienischen Faschismus seien - im Unterschied zum deutschen - Rassismus und mehr noch Antisemitismus fremd gewesen, erweist sich als haltlos. Gegen eine politisch motivierte verharmlosende Darstellung der Mussolini-Diktatur haben italienische Historiker wie Enzo Collotti, Michele Sarfatti oder Nicola Tranfaglia die rassistische Dimension der faschistischen Ideologie und Herrschaftspraxis, vor allem in den afrikanischen Kolonien, nachgewiesen. Sarfatti zeigt auch anschaulich, wie die italienischen Juden schon 1923 durch die Schulreform zu Bürgern zweiter Klasse wurden. Die Verkündung der antisemitischen Rassengesetze folgte zwar erst 1938, aber nicht, wie vielfach behauptet, auf deutschen Druck hin. Beim Vollzug des Völkermordes leisteten die italienischen Faschisten Hilfsdienste, während Teile der italienischen Armee in den von ihr besetzten Ländern sogar Juden retteten.

Allerdings gibt es unter Mussolini keine Entsprechung zum nazistischen "Erlösungsantisemitismus" (Saul Friedländer). Hier liegt nicht nur die größte ideologische Differenz zwischen deutschem und italienischem Faschismus, wenn man Yehuda Bauers Ansicht teilt, "dass die rassenantisemitische Ideologie der Nazis den zentralen Faktor darstellte, der zur Shoah führte." Dass sich die historische Singularität der Shoah mit einer allgemeinen Faschismustheorie nicht erklären lässt, ist eine Banalität, aber kein überzeugender Einwand gegen eine solche Theorie.

Einstweilen geht es lediglich um den Begriff. Dieser rechtfertigt sich nicht nur aus den genannten Gemeinsamkeiten der faschistischen Bewegungen und Regimes. Er ist auch nicht nur für die Geschichtsschreibung von Wert, sondern ebenso für die Analyse von Bewegungen, die derzeit unter dem schwammigen Sammelbegriff Rechtspopulismus gefasst werden. Vieles von dem, was einschlägige Neuerscheinungen als "Merkmale des Rechtspopulismus" auflisten, ließe sich mit einigem Recht auch als faschistisch bezeichnen - kein Plädoyer für alarmistische Rhetorik, sondern für begriffliche Genauigkeit. "Dass die Faschisten nicht ›Faschisten‹ genannt werden, kommt zunächst einmal ihnen zugute", schrieb der Historiker Kurt Pätzold schon 1999.

So muss Wippermann und seinen Gesprächspartnern für ihre Bemühungen um eine "Revitalisierung" des Faschismusbegriffs ebenso gedankt werden wie für manchen Lesehinweis. Zu kurz kommen dabei frühe marxistische Faschismusanalysen, von denen manche - namentlich die von Clara Zetkin, Antonio Gramsci und Palmiro Togliatti - besser sind als ihr Ruf. Auf Ernst Noltes frühe Arbeiten, die Wippermann zur erneuten Lektüre empfiehlt, sollte man dagegen verzichten. Nolte schrieb 1989 - also nach dem "Historikerstreit" - zu Recht, seine "Grundauffassungen" hätten sich seit Jahrzehnten "nicht verändert, auch nicht im Hinblick auf die ›Endlösung der Judenfrage‹". Der Nationalsozialismus als "Faszinosum" (Ex-Bundestagspräsident Jenninger/CDU) geistert ebenso durch Noltes 1963 erschienenes Hauptwerk Der Faschismus in seiner Epoche wie die These aus dem Historikerstreit, der Völkermord an den Juden erkläre sich aus der Angst Hitlers wie auch der Masse der Deutschen vor dem "jüdischen" Bolschewismus.

(*) Werner Loh und Wolfgang Wippermann (Hrsg.): "Faschismus" kontrovers, Lucius und Lucius (Stuttgart) 2003, 253 Seiten, 29 EUR

(**) 1884 - 1948 / kommunistischer Politiker, Mitbegründer der KPD 1919, 1930 erschien sein Aufsatz "Über den Faschismus" im Organ der KPD-Opposition Gegen den Strom

(***) Palingenesis - Wiedergeburt

00:00 26.09.2003

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