Wenn Golo mit der Hannah

Holocaust Martin Amis’ Roman „The Zone of Interest“ wird bei uns nicht verlegt. Das ist kein Skandal, sondern die richtige Entscheidung
Lukas Latz | Ausgabe 42/2014

In Großbritannien ist er ein etablierter Skandalautor. Kommerziellen Erfolg hatte Martin Amis auf dem deutschen Buchmarkt noch nicht. Nun hat es sein hiesiger Verlag Hanser abgelehnt, Amis’ in Großbritannien bereits erschienenen Holocaustroman The Zone of Interest in einer deutschen Übersetzung herauszubringen. Dies wurde damit begründet, der Text habe nicht ausreichend überzeugt. Das Urteil ist gerecht. Martin Amis kombiniert in diesem Buch den moralischen Kosmos des Bestsellers Der Vorleser mit unplausibel angebrachten Verfremdungseffekten der Avantgarde.

Drei Erzähler wechseln sich reihum ab: Golo Thomsen ist ziviler Mitarbeiter der Buna-Werke im Lager Auschwitz-Monowitz und außerdem der fiktive Neffe von Hitlers Privatsekretär Martin Bormann. Paul Doll heißt der Lagerkommandant in Auschwitz, seine Biografie gleicht weitgehend der des echten Befehlshabers Rudolf Höß. Die Figur Szmul ist Mitglied des jüdischen Sonderkommandos, das die Vergasung der in Auschwitz ankommenden Juden vornimmt. Der turnusmäßigen Exekution der Kommandoangehörigen fällt er lange nicht zum Opfer.

Der Roman verhandelt die Affäre zwischen Golo Thomsen und Hannah Doll, der Ehefrau des Lagerkommandanten. Inspiriert von der rebellischen Hannah, wird Golo vom Mitläufer zum Regimegegner. 1948 findet er, mittlerweile als Übersetzer für die US-amerikanische Besatzungsmacht tätig, Hannah wieder. Ihr Mann wurde 1947 in Polen gehängt. Hannah wünscht sich keinen Kontakt mit Golo, da sie bei ihm immer an den Geruch von Auschwitz zu denken gezwungen wäre.

Wenige Stärken bleiben dem Buch. Oft gelungen imitiert Amis die Sprachfärbung eines SS-Obersturmbannführers. Sie oszilliert zwischen Herrenwitzen, Klagen über die Mühsal seiner Arbeit, poetisierenden Adjektiven wie „elegisch“ und „galvanisch“ sowie Tolstoi-Zitaten. Indem er die Sprache deutscher Täter findet, gibt Amis auch einen gewinnbringenden Einblick in ihre Psychen. Eindrucksvoll vorgestellt sind die seelischen Auswirkungen Stalingrads. Nachdem seine Ehefrau Hannah Paul Doll damit konfrontiert, dass er wegen der absehbaren Kriegsniederlage für seine Taten kurz- oder mittelfristig gehängt werden wird, kann er das überraschend leicht bewältigen. Seine Gedanken, schreibt Amis, hätten sich etwas Interessanterem zugewandt. Die Rede ist von der Judenvernichtung, die Dolls Ansicht nach nicht in den Händen der SS liegt, sondern vom Sonderkommando jüdischer KZ-Insassen verantwortet wird.

Linker in Rosenheim

Golos Tante, im Roman die Frau von Martin Bormann, hat 1943 nicht etwa Angst um ihr eigenes Leben und um das ihres Mannes, sondern bespricht die Auswirkungen des Kriegsdesasters auf Bormanns Karriere. Es erscheint glaubwürdig, dass schon 1943 eine prototypische Unfähigkeit zu Trauern verbreitet war. Zudem stellt diese Tante fest, es sei eine „jüdische Lüge“, dass Stalin zwischen 1937 und 1938 50 bis 70 Prozent seiner Offiziere liquidieren ließ. Nur weil die Deutschen diese Lüge abgenommen hätten, lautet ihre These, hätten sie es überhaupt gewagt, Stalin zu überfallen. Ein mikrologisches Pendant zur Holocaustleugnung.

Was Amis aber als tragische Handlung anlegt – das Scheitern der Beziehung zwischen Golo und Hannah – lässt kein Moment von Tragik entstehen. Was interessiert vor dem Hintergrund des Holocaust das emotionale Leid von Deutschen, die eine ungeklärte Rolle zwischen Mitläufer und Mittäter spielen? Erschwerend kommt hinzu, dass die Figur der Hannah stark konstruiert wirkt. Als Studentin in Rosenheim hat sie sich in den Dozenten Dieter Kruger verliebt, einen Kommunisten. In Rosenheim aber gab es damals keine Hochschule, überhaupt hätte, und das wiegt schwerer, ein Linker zur Zwischenkriegszeit in der süddeutschen Provinz niemals eine Anstellung im geisteswissenschaftlichen Universitätsbetrieb erhalten. Der deutschnationale Akademikerverbund konnte höchstens an Universitäten in Frankfurt und Hamburg aufgebrochen werden, die private Mäzene mitfinanzierten.

Von Kruger wird Hannah verlassen, weil sie sich nicht genug für den Kommunismus begeistern kann. Kruger ist ein herzensbrechender Politfanatiker, sie die verletzliche schöne Seele. Paul Doll erscheint zufällig, um sie zu trösten, sie wird schwanger, und plötzlich ist sie unverschuldet die Ehefrau eines Lagerkommandanten. Hannahs fragwürdige Attraktivität erinnert an die der weiblichen Protagonistin des Romans Der Vorleser. Diese Parallele krönt Martin Amis, indem er Bernhard Schlink einige Reminiszenzen erweist. Schlinks Protagonistin heißt Hannah Schmitz und ist Analphabetin, Amis’ Hannah ist geborene Schmidt und leidet unter Dyslexie. Beide haben eine Affäre mit einem Juristen. Amis zielt nicht darauf ab, Schlinks Roman zu parodieren. Die Anklänge lesen sich als respektvolle Verbeugung vor einem Autor, der sich einmal am gleichen Thema abgearbeitet hat. Anstatt das Bild einer paralysierten Nachkriegsgesellschaft einzufangen, berichtet der Erzähler erleichtert, dass die Deutschen ihren Wirklichkeitssinn wiederfinden. Dem traurigen Ende der Beziehung steht auch noch die charakterliche Besserung des deutschen Volks gegenüber.

Falscher Sound

Die verfremdenden Gestaltungsmittel erzielen dabei keine andere Wirkung als die, dass das Buch dadurch „irgendwie postmodern“ wirkt. Das Wort Auschwitz fällt nicht, man liest stattdessen „Kat Zet“ oder „Zone of Interest“ (deutsch: Einzugsgebiet). Auch der Name Hitler wird nicht erwähnt. Diesen Manierismus – das legt auch der sprechende Name des Protagonisten nahe – hat Amis sich von Golo Manns Deutsche Geschichte des XIX. und XX. Jahrhunderts abgeschaut. In den eingesprengten deutschsprachigen Passagen werden keine Umlaute gekennzeichnet. Man spricht vom „Grofaz“ oder vom „Mitlaufer“. Warum? Versatzstücke in deutscher Sprache machen Amis’ Prosa umständlich. Zum Beispiel lässt er Doll von der „Uberwachungsstelle zur Bekampfung des Schleichhandels und der Preiswucherei im judischen Wohnbezirk sprechen“, im darauffolgenden Absatz übersetzt er den Namen dieses Büros ins Englische und ist gezwungen, wieder den deutschen Namen anzuführen, damit der englische Leser weiß, dass er gerade jenen Ausdruck von oben übersetzt hat. Er hätte die deutsche Bezeichnung einfach gleich weglassen können.

Sätze wörtlicher Rede vom SS-Mann Doll enden oft mit einem „…, nicht?“, dessen rhetorischer Zweck die Ermutigung zum Widerspruch wäre. Den Sound eines Gehorsam verlangenden Lagerkommandanten trifft das nicht. Amis’ Deutsch ist Ornament, das eine Nähe des Autors zur Shoah-Thematik vortäuschen soll. Wo die Anspielung an den deutschen Literaturkanon einmal Sinn ergeben würde, vermisst man sie: Ein deutscher Konservativer, den es zur Kritik am Nationalsozialismus drängt, würde Rainer Maria Rilke oder Stefan George zitieren, bestimmt nicht Verse von W. H. Auden. Genau das tut Golo in einem Brief an Hannah – ein nerviger Anachronismus.

Nachlässig erweist sich Amis auch in Ortsfragen. Wenn man mit dem Zug aus Berlin Richtung Polen fährt, passiert man nicht erst Friedrichshain und dann den Potsdamer Platz, sondern man wäre 1943 am Bahnhof Friedrichstraße gestartet und danach durch Friedrichshain gefahren. Von jemandem, der sich im Nachwort auf W.G. Sebald beruft, erwartet man mehr Achtung für das historische und geografische Detail. Die Passage, in der Doll zu Julius Streichers Zeitschrift Der Stürmer kommentiert, sie würde seriösem Antisemitismus schaden, ist ein gelungener Witz. Deswegen müsste er aber nicht zweimal gemacht werden. Und im Nachwort nennt Amis den Regisseur Claude Lanzmann „selbstgerecht“, ohne dieses Urteil zu begründen. So pflegt man das Image eines Skandalautors.

In Deutschland hat ein Nazimelodram Bestsellerpotenzial. Auch linguistische und narrative Experimente erfreuen sich eines Publikums. Beides in einem ist krude. The Zone of Interest wird niemand vermissen.

The Zone of Interest Martin Amis Jonathan Cape 2014, 310 S., 14,90 €

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