Wenn man Alina Schmidt heißt

Spätaussiedler Eleonora Hummels bewegender Roman über eine russlanddeutsche Familie

Als Zarin Katharina die Große in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts deutsche Einwanderer an der Wolga ansiedelte, soll sie, so erzählt eine Legende, in der Schweiz ein Goldrubelkonto eingerichtet haben, um den Deutschen die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen, sollten sie einmal genug vom Leben in Russland haben. Die genaue Summe sei zwar nicht bekannt, aber mitsamt der Zinsen und Zinseszinsen aus mehr als zwei Jahrhunderten dürfte es sich um einen stattlichen Betrag handeln. Und noch immer soll es Leute geben, die Briefe in die Schweiz schreiben, um ihren Anspruch geltend zu machen.

Alinas Großvater erzählt seiner Enkelin diese Geschichte, als die beiden in einem kleinen Dorf unter dem Katharinentor stehen. Einmal soll die Zarin den Ort passiert haben, deshalb wurde ihr zu Ehren dieses Monument errichtet, das mittlerweile im Morast zu versinken droht. Ohne Katharina, sagt der Großvater, würden sie nicht hier stehen, und Alina fragt sich, ob es so eine Ehre sei, im Schlamm zu stehen.

Überhaupt ist es überhaupt nicht einfach für ein kleines Mädchen, das Alina Schmidt heißt, in der Sowjetunion zurechtzukommen. Sie gilt als Deutsche, obwohl sie nur Russisch spricht, und dies bedeutet für ihre Klassenkameradinnen vor allem, dass sie, wenn mal wieder Krieg gespielt wird, die Faschistin geben muss. Alina hat keine rechte Ahnung, was eine Faschistin ist, und doch weigert sie sich irgendwann, die Rolle zu übernehmen. Ihre Freundin Natascha willigt ein; von nun an darf Alina die Amerikaner spielen. Aber dass sie den Krieg verlieren wird, ist von vorneherein klar.

Nataschas Großvater ist ein Kriegsheld. Stolz trägt er seine Tapferkeitsmedaillen aus dem Großen Vaterländischen Krieg, wenn er Brot kaufen geht, denn dann wird er bevorzugt bedient. Alinas Großvater hat keine Orden. Überhaupt ist unklar, was er im Krieg gemacht hat. Aber Alina ist neugierig und beginnt ihn auszufragen.

Alina Schmidt ist die Ich-Erzählerin des Debüt-Romans der 1970 in Kasachstan geborenen und heute in Dresden lebenden Autorin Eleonora Hummel, der den Titel Die Fische von Berlin trägt. Ihre Geschichte bildet den einen Strang der Handlung, die Erzählung des Großvaters den zweiten. Beiden gemeinsam ist die Erfahrung der Ohnmacht. Während die Biographie des alten Mannes beinahe stellvertretend für die Leidensgeschichte der Russlanddeutschen während des Stalinismus steht, erfährt die Elfjährige vor allem, was es heißt, immer wieder die Rolle der Außenseiterin aufgedrängt zu bekommen.

Der Roman beginnt in Kasachstan. Dort lebt Alina mit ihren Eltern und zwei älteren Geschwistern. Unermüdlich stellt der Vater, ein eifriger Hörer der Stimme Amerikas Ausreiseanträge nach Deutschland, aber immer wieder werden diese abgelehnt. Im Haus herrscht ein beinahe konspirativer Ton, den sich Alina nicht erklären kann. "Es ging um ein fernes Land, von dem als Deitschland die Rede war. Nur fand ich damals in meinem Schulatlas kein Land dieses Namens, so lange ich auch suchte. Vielleicht benutzten sie einen Geheimcode vor uns Kindern? Eltern konnten rätselhafte Dinge tun. Ihre Rede war so durchsetzt von ›Sch-sch!‹ und ›Psst!‹, dass ich zeitweise glaubte, sie litten an einem kollektiven Sprachfehler." Was die jüngste Tochter als komisch empfindet, ist für ihre achtzehnjährige Schwester Irma vor allem peinlich. Sie fühlt sich als Russin, lässt sich von ihren Freundinnen als Irina anreden und wartet nur darauf, endlich zu heiraten, um den ungeliebten deutschen Namen loszuwerden.

Regelmäßig besucht Alina ihre Großeltern, die in der Nachbarschaft wohnen. Im Haus findet sie ein Foto, dass den Großvater in einer Gruppe von fünf Männern zeigt. Igarka, 1956 steht auf der Rückseite. Auch das alte Taschenmesser, das im Bett unter dem Kopfkissen liegt und angeblich den Großvater vor Krankheiten schützt, weckt ihre Interesse. Sie nimmt das Messer an sich und beschließt, beim nächsten Besuch ihre Neugier zu stillen. Bis es endlich so weit ist, muss der Leser einige Kapitel warten. Eleonora Hummel versteht, Spannung aufzubauen. Bei einem gemeinsamen Angelausflug ist es endlich so weit. Alina fragt und der Großvater beginnt zu erzählen. Allerdings nicht die ganze Geschichte auf einmal. Doch was sie erfährt - von einem Winter, der elf Jahre dauerte und einer Braut in Berlin - das macht Alina nur noch neugieriger. Doch sie muss wieder warten. Die Familie zieht von Kasachstan in den Kaukasus. Als die Großeltern nachkommen, geht es auch mit der Geschichte weiter. Das heißt, zunächst einmal geht es zurück in die dreißiger Jahre, die Zeit der sogenannten Großen Säuberungen. Der Großvater erzählt von dem Dorf, in dem er aufwuchs, und von der Angst, die durch die willkürliche Verhaftung von "Volksfeinden" um sich griff. Eines Tages trifft es auch seine Familie, der Brief eines in die USA ausgewanderten Bruders zeigt verhängnisvolle Wirkung. Und das ist nur der Anfang. Am Ende weiß Alina, was es mit einem Fischteich in Berlin auf sich hatte, wie ihr Großvater nach Igarka in Sibirien geriet und welche Rolle das Taschenmesser unter dem Kopfkissen spielte. Darüber nachdenken wird sie erst in ihrer neuen Heimat, denn der Roman endet mit der lang ersehnten Ausreise der Familie nach Deutschland. Allerdings nicht nach Hannover, in den Westen, sondern nach Berlin Ost.

Eleonora Hummel ist das Kunststück gelungen, eine bewegende Geschichte auf leichte, beinahe lakonische Weise zu erzählen, ohne sie zu banalisieren. Dabei erweist sich die oft eher problematische Kinderperspektive als eine gute Wahl. Die wissbegierige Alina ist nicht nur eine hartnäckige Fragerin, sondern auch eine intelligente Beobachterin, so dass nie das Gefühl künstlicher Naivität aufkommt. Geschickt gewählte Szenen verdeutlichen immer wieder die absurde Situation des Mädchens. Eine Auszeichnung für hervorragende Leistungen im Russischunterricht wird ihr mit den Worten überreicht, dies sei um so bemerkenswerter, als Russisch ja nicht ihre Muttersprache sei. "Genauso gut hätte sie sagen können, ich solle mich vor der Klasse ausziehen", lautet der sarkastische Kommentar der Erzählerin.

Die Kinderperspektive erlaubt es auch, offen zu lassen, was Alina mit dem neu erworbenen Wissen über die Vergangenheit ihrer Familie anfangen wird. Für die Leser allerdings öffnet sich der Blick auf ein tragisches Kapitel deutsch-russischer Geschichte, das selbst dann höchstens am Rande erwähnt wird, wenn von den sogenannten Spätaussiedler die Rede ist. Eleonora Hummels wunderbarer Roman kommt zur rechten Zeit.

Eleonora Hummel: Die Fische von Berlin. Roman. Steidl, Göttingen 2005, 224 S.,
18 EUR


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00:00 16.12.2005

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