Wenn man einmal angefangen hat

Blutrausch In seiner akribischen Arbeit "Krieg ohne Fronten" untersucht der Historiker Bernd Greiner das Wesen des Vietnamkrieges und fragt nach der Fähigkeit der Amerikaner zur Selbstkorrektur

Friedlich liegt es da, das Dorf, inmitten von Feldern und Hainen. Gebogen wie ein übergroßer Bohnensamen sieht man die Häuser angeordnet zwischen Bäumen stehen, inmitten der das Dorf umgebenden Felder. Ohne Zweifel könnte das Schwarz-Weiß-Bild mit dem lapidaren Untertitel "Photo Nr. 23" eine Siedlung mitten in Deutschland, Polen oder Frankreich zeigen. Doch die Stille auf dem Bild täuscht. Das Foto zeigt eine Luftaufnahme des vietnamesischen Dorfes Son My, besser bekannt unter dem Namen My Lai, der zum Inbegriff amerikanischer Grausamkeit wurde. My Lai steht für das sinnlose, hemmungslose und grenzenlose Morden der Amerikaner, zu der es im Vietnamkrieg immer wieder gekommen ist. Hier verübten amerikanische Truppen im März 1968 ein Massaker, dem nahezu alle der über 500 Dorfbewohner zum Opfer fielen.

Niemals zuvor hat ein Ereignis die amerikanische Gesellschaft so stark gespalten wie der Vietnam-Krieg. Insofern kann er als das amerikanische Urtrauma angesehen werden. Angesichts der Bedeutung dieser Erfahrungen für ihre Nation ist es verwunderlich, dass die amerikanischen Historiker die militärischen Dokumente zum Vietnamkrieg bisher nahezu unberührt gelassen haben. Mit Bernd Greiners Krieg ohne Fronten liegt nun erstmals eine akribische Analyse der existierenden Dokumentbestände vor. Der deutsche Historiker hat sich als Erster durch die gesamten Akten der Arbeitsgruppe Kriegsverbrechen in Vietnam (Vietnam War Crimes Working Group - VWCWG) sowie der so genannten Peers-Kommission, die den Fall My Lai untersuchte, gearbeitet.

Die Dokumente der Peers-Kommission füllen weit mehr als 100 Archivboxen, die VWCGW-Bestände umfassen nochmals mindestens 10.000 Blatt. Gestützt auf diese bisher nicht systematisierten und nicht ausgewerteten historischen Belege geht Greiner in seinem Buch den Befehlsstrukturen und dem Vorgehen des amerikanischen Militärs in Vietnam auf den Grund. Darüber hinaus versucht er, den Kriegsalltag der Soldaten sowie deren Einstellungen zu rekonstruieren. Seine zentrale Frage dabei ist stets die nach der nationalen Ignoranz der Grenze, nach den Gründen für die Politik des "Nicht-Aufhören-Könnens" in einem Krieg, der längst verloren war.

Ein "totaler Krieg" - nichts anderes sei Vietnam gewesen, so Greiners Resümee. Und er hat Recht. Das Kriegsrecht wurde in Vietnam auf fatale Weise ignoriert, indem die Unterscheidung zwischen Soldaten und Zivilpersonen aufgehoben wurde. Die zivilen Opfer, zumindest zu Beginn des Krieges, würden heute wohl makaber unter dem Begriff "Kollateralschaden" versammelt und abgehakt werden, doch Greiner gelingt es, einen kausalen Zusammenhang zwischen militärischer Order und dem systematischen Ansteigen willkürlichen Mordens nachzuweisen. Mit der Ausrufung der Politik des "Suchens und Zerstörens" (search and destroy) und der "Todesopferzählung" (body count) - zwei Strategien, um die tödliche Effizienz der eigenen Truppen im Kampf gegen den vietnamesischen Feind zu steigern - provozierte die Militärführung einen wilden Wettkampf zwischen den einzelnen Einheiten um die höchste getöteter Gegner. Das führte dazu, dass die Soldaten in den Adrenalinschübe auslösenden Kampfsituationen die letzten Reste von Menschlichkeit und Humanität ablegten und "umstandslos auf alles, was sich bewegte [schossen], ohne Sichtkontakt, ohne Identifizierung und ohne Rücksicht auf die Folgen."

Als der Politologe und Kriegsexperte Herfried Münkler vor nunmehr sechs Jahren seine These Die neuen Kriege (Freitag 15/2003) veröffentlichte, welche unter anderem von asymmetrischen Kämpfen geprägt sind, dachten alle sofort an den Anti-Terror-Kampf der USA in Afghanistan oder die angezettelten Kämpfe um Ressourcen afrikanischer Warlords. Doch kaum jemand dachte an den Krieg in Vietnam, in dem sich die amerikanischen Soldaten an einem unsichtbaren Feind aufrieben. Das wahllose "Geballere beim Betreten von Siedlungen", so Greiner, das Abdrängen und Überfahren von Vietnamesen, das Vergiften von Essensrationen, das Niederbrennen ganzer Siedlungen sowie die massenhaften Vergewaltigungen vietnamesischer Frauen stellten letztlich nur eine symbolische Inszenierung von Soldaten dar, die sich, in Ermangelung tatsächlicher Kämpfe, Kampfzonen imaginierten und in ihrem Wahn alles und jeden zum Feind erklärten. My Lai war ein solch eingebildetes Kampfgebiet, das die amerikanischen Soldaten, das Sturmgewehr auf Automatikfeuer gestellt, binnen weniger Stunde in ein wahres Leichenfeld verwandelten.

Die Vietnamesen wurden zum Versuchsobjekt des von der Leine gelassenen amerikanischen Militärs und somit zum individuellen Prüfstein, wie weit jeder Einzelne gehen konnte. "Wenn Du einmal angefangen hast, fällt es sehr leicht, weiterzumachen. Wenn Du erst einmal angefangen hast", schildert ein Soldat den individuellen Kontrollverlust, der den Truppenalltag bestimmte. Greiners Analyse der menschenfeindlichen Logik des Vietnamkrieges mutet daher zuweilen wie eine erschütternde Sammlung von Horrorszenarien an, wie sie dem Leser bisher von anderen Kriegsschauplätzen des 20. Jahrhunderts im Gedächtnis sind. Die Fotos gefangen genommener vietnamesischer Kämpfer, gleichen den unrühmlichen Aufnahmen aus dem Irak oder dem Sicherheitsgefängnis Guantánamo bis ins Detail. Die dokumentierten Foltermeldungen, die Belege vom Urinieren auf Gefangene oder dem Misshandeln mit elektronischen Stromstößen lassen stark an die Ereignisse in dem irakischen Gefängnis Abu Ghuraib denken. Das Herausbrechen von Zahngold, das von den deutschen Nationalsozialisten praktiziert wurde, stellt wohl den unrühmlichen Höhepunkt der Schändungen durch amerikanische Soldaten in Vietnam dar.

Bei aller Grausamkeit, die Greiner aus den Akten und Belegen entgegenströmt, geht es ihm nicht um eine einfache Anklage amerikanischer Soldaten. Er will wissen, ob die militärische und politische Führung der USA diese Grausamkeiten toleriert oder gar gefördert und gefordert hat. Da zivile Prozesse hinsichtlich der Verbrechen in Vietnam von der Regierung verhindert wurden, wertete Greiner für diesen Zweck zumindest die Akten der militärischen Kriminaluntersuchungsdivision (Criminal Investigation Division - CID) aus. Hier kommt er zu dem Schluss, dass viele Ermittlungen im Sande verliefen, da der interne Druck in den Streitkräften zu Lüge und Sabotage anregte. Beschuldigenden Aussagen und Hinweisen wurde oft nicht nachgegangen, überlebende Zeugen wurden nicht angehört und weiterführenden Angaben nicht nachgegangen, Akten wurden vernichtet oder nachlässig sortiert, so dass es in vielen Fällen erst gar nicht zur Anklage kam. Vieles spricht dafür, den militärischen Blutrausch in Vietnam, wenn schon nicht als von oben gewollt, so doch zumindest als von der Regierung akzeptiert und gedeckt einzustufen.

Ausgerechnet die einzige tatsächliche Strafverfolgung in Vietnam verübter Kriegsverbrechen (der von My Lai) sorgte für eine landesweite Empörungswelle. Der in My Lai kommandierende Oberleutnant William Calley wurde 1971 von einem Militärtribunal wegen vorsätzlichem Mord in 22 Fällen und eines Übergriffs mit Tötungsabsicht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Andere, zum Teil auch höherrangige Militärs wurden vom Mordverdacht freigesprochen. Der Ärger der Bevölkerung drehte sich im Fall Calley vor allem um die Frage, wer sich für die Entmenschlichung der Soldaten in Vietnam zu verantworten hatte: Das Individuum oder der Staat? Ist also der militärische Oberbefehlshaber in der Pflicht, die Kontrolle über die Situation zu wahren, oder kann der einzelne Soldat als logisch denkendes und für sein Handeln verantwortliches Wesen zur Rechenschaft gezogen werden? Für die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung war völlig klar, dass der amerikanische Truppenterror staatlich gewollt war und der Staat seine Soldaten nun vor juristischer Verfolgung zu schützen habe. Calleys Begnadigung durch Präsident Nixon im Jahr 1974 empfanden viele Amerikaner als überfälligen Rechtsakt.

Diese nationale Ablehnung jeglicher Verantwortung lässt eine unangenehme Parallele zum Irakkrieg aufkommen. An Vietnam wie auch an den Irak schließt sich eine zentrale Fragestellung an: Kann die amerikanische Nation ihre Lehren aus Vietnam ziehen? Skepsis ist hier angebracht, betrachtet man die im Irak verübten Gräuel, denn auch hier geht es schließlich um die Frage des "Aufhören-Könnens" oder "Durchhalten-Müssens". Der Krieg des 20. Jahrhunderts in seiner exzessivsten Form wurde offensichtlich in Vietnam erstmals zur absoluten Norm, die alle anderen Maßstäbe außer Kraft setzte. Und diese Norm scheint bis heute nicht gerade gerückt.

Was Bernd Greiner in Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam detailgenau schildert, lässt den Leser im wahrsten Sinne des Wortes erschauern und an der menschlichen Vernunft zweifeln. Greiner schreibt schonungslos offen und direkt, er analysiert die dargelegten Fakten scharfsinnig und es gelingt ihm auf intelligente Weise, die tiefgründige Aktualität des Vietnamkrieges zum Vorschein zu bringen. Greiner beweist: Man kann aus der Geschichte lernen. Allerdings erfordert dies eine solch genaue Untersuchung, wie sie nun mit seinem Buch vorliegt. Leset und lernet! Das will er wohl sagen.

Bernd Greiner Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam. Hamburger Edition, Hamburg 2007, 595 S.; 35 EUR

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