Wenn Viren wandern

Im Gespräch Hände waschen und rechtzeitig zum Arzt. Rafael Mikolajczyk von der Deutschen Gesellschaft für Epidemologie über die Chancen, eine Schweinegrippe-Pandemie zu verhindern

Der Freitag: Herr Mikolajczyk, gibt es angesichts des Ausbruchs der Schweinegrippe Grund zur Panik?

Rafael Mikolajczyk:

Zurzeit gewiss nicht, aber auf jeden Fall zur Wachsamkeit. Die bisher vorliegenden Informationen sind einerseits positiv: Gegen das Virus helfen die Medikamente Tamiflu und Relenza, die Krankheit hat meistens einen milden Verlauf und die Zahl der gemeldeten Fälle in den USA ist mit zuletzt 20 relativ niedrig. Besorgniserregend sind hingegen die Informationen aus Mexiko: zuletzt etwa 1.600 vermutete Infektionen und 100 vermutete Todesfälle. Festzuhalten ist, dass es in Europa bisher nur vereinzelte Verdachtsfälle gibt, und wenn es ein epidemisches Geschehen ist, dann ist es angesichts der Größe der potenziell exponierten Bevölkerung in Mexiko noch relativ gering.

Bangemachen gilt doch – Freitag-Special zum Thema Schweinegrippe

Wie kommt es zur Entstehung solcher Grippewellen?

Grippeausbrüche sind nicht ungewöhnlich. Neben den nur leicht abgewandelten Grippe­viren, die jedes Jahr um die Welt „kreisen“, gab es in den letzten 200 Jahren etwa alle 40 Jahre größere Epidemien. Das passiert, wenn ein stark abgewandelter Virus der Immunabwehr großer Bevölkerungsgruppen entgeht. Die gängige Theorie zur Entstehung solcher modifizierter Viren ist, dass es zu einer Kombination von genetischem Material von Grippeviren, die Menschen befallen, und ähnlichen Viren, die in einigen Tierarten verbreitet sind, kommt. Die neue Virusart ist dann dem menschlichen Abwehrsystem unbekannt. Wenn sie gleichzeitig hoch ansteckend und zwischen Menschen übertragbar ist, kann es zu einer großen Epidemie kommen. Generell kann diese Vermengung überall stattfinden. Da aber die früheren großen Epidemien den Ursprung in Südostasien nahmen, vermutete man, dass es mit den dortigen Tierhaltebedingungen zu tun hatte.

Wie kann man sich vor einer Infektion schützen?

Zunächst sollte man Mund und Nase bedecken, wenn man selbst hustet. Aber auch Händewaschen ist wichtig. Das wird unterschätzt, aber tatsächlich infiziert man sich häufig über die Hände durch unbewusste Berührungen an Nase und Mund. Wichtig ist auch, dass Personen, die in den betroffenen Regionen waren und bei sich Erkältungssymptome merken, die Gefahr ernst nehmen. Sie sollten Ärzte kontaktieren und zu Hause bleiben, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Und wie schon erwähnt: Es gibt wirksame Medikamente.

Kann man Epidemien heute noch geografisch eindämmen?

Es ist schwierig, Infektionen örtlich einzuschränken. Schon 1918 verbreitete sich eine Grippeepidemie erstaunlich schnell, und in der nachfolgenden Epidemie in 1957-58 hat die Geschwindigkeit sogar noch zugenommen. Wenn man die Zunahme des Flugverkehrs seit den fünfziger Jahren bedenkt, sind für Grippeepidemien heute auch weite Entfernungen kein Hindernis mehr. Geografische Entfernung ist deshalb ein geringer Trost. Umso wichtiger, dass der Ausbruch da eingedämmt wird, wo er angefangen hat. Dafür gibt es Maßnahmen. Trotz der besorgniserregenden Situation in Mexiko und der tragischen Schicksale der bisher Gestorbenen hoffe ich, dass der Ausbruch sich nicht zu einer Pandemie entwickelt. Es ist beruhigend, dass es in den USA noch nicht zu einem großen Ausbruch gekommen ist. Das könnte heißen, dass die Virenvariante nicht sehr infektiös ist. In Mexiko könnte die Zahl der Verdachts­fälle überschätzt worden sein.

Können Sie schon etwas über die Ausbreitungs- und die Sterblichkeitsrate des Virus sagen?

Gerade darüber ist es sehr schwierig, eine Aussage am Anfang eines Ausbruchs zu machen. Beides kann nur dort bestimmt werden, wo alle notwendigen Informationen vorliegen – also in Mexiko. Die bisherigen Zahlen deuten eine Sterblichkeit von mehreren Prozent an. Diese Zahl kann klein sein, aber wenn große Bevölkerungsgruppen erkranken, kann es trotzdem viele Todesfälle geben. Durch eine angemessene Therapie könnte die Sterblichkeitsrate auch gesenkt werden. Wenn eine größere Klarheit über die Erkrankung besteht, können neue Patienten effektiver behandelt werden.

Was ist das Worst-Case-Szenario, das Sie sich bei diesem Ausbruch vorstellen können?

Das ist immer schwierig zu schätzen. Es wäre dann der Fall, wenn die Epidemie sich über Mexiko hinaus verbreiten und weite Teile der Welt erfasst. Bei SARS war die Sterblichkeitsrate hoch, aber in den meisten Fällen war die Infektion erst nach Auftreten der Symptome übertragbar. Das war ein Vorteil. So konnte man die Verdachtsfälle isolieren. Die üblichen Grippeviren werden aber schon vor dem Auftreten der Symptome übertragen. Es ist noch unklar, ob das hier auch so ist. In dem Tempo, wie wir zurzeit täglich neue Informationen erhalten, ist aber zu erwarten, dass wir schon bald eine genaue Einschätzung vornehmen können.

Das Interview führte Julian Heißler


Rafael Mikolajczyk ist Sprecher der Arbeitsgruppe Infektionsepidemiologie der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie

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11:00 28.04.2009

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