Wer anderen eine Grube gräbt

Bilderbanken Eine Kunstreise von der Kunstmesse in Madrid zum Guggenheim Museum in Bilbao

Muss man in die Einöde reisen, um wieder an die inneren Bilder zu kommen? In seinem gerade erschienenen Roman lässt der deutsche Schriftsteller Peter Handke eine Bankerin in die Sierra de Gredos, eine unwirtliche Steinwüste westlich von Madrid, ziehen. Der Bild-Verlust heißt das Werk (Freitag 6/2002) und ist schwer symbolisch gemeint. Die orientierungslose Frau ist sozusagen von allen guten Bildern verlassen. Der letzte Schatz der Menschheit, klagt sie, ist aufgebraucht. Statt an den eigenen, so die Bauchrednerin des Medienkritikers Peter Handke, hängt der Mensch an den gelenkten, serienmäßig fabrizierten Bildern. So viel Weltverlust war nie. Kein Wunder, dass die arme Frau im Farnwald unter den Gipfeln der Sierra in eine Grube fällt.
Bei Handke stehen bis auf die inneren tendenziell alle Bilder unter dem Generalverdacht, die Menschen zu manipulieren. Deswegen nimmt sich seine bilderverlassene Protagonistin vor: "Vielleicht werde ich eine Bilderbank gründen, eine andere neue Weltbank, auf den Grundlagen der Bild-Wissenschaft ... die eine Süße schaffen und Früchte tragen wird wie kaum eine Wissenschaft". Ja geht denn Peter Handke nie ins Museum? Oder auf den Kunstmarkt? Muss er denn immer nur durch menschenverlassene Gegenden ziehen, um auf eigene Bilder zu kommen? Bilderbanken gibt es längst. Aus was anderem besteht Kunst als aus materialisierten inneren Bildern? Hätte der hispanophile Autor die arme Frau doch direkt nach Madrid statt in die unwirtliche Wüste geschickt! Seit genau 21 Jahren wird dort jeden Februar die spanische Kunstmesse ARCO geöffnet - eine Bildergrube aller erster Ordnung. Auch in Spanien scheint der Bilderhunger unersättlich zu sein. All zu viel Menschen sieht man auf dem explodierenden Bildermarkt zwar nicht so gern. Seine Direktorin Rosina Jimenez-Baeza möchte dort "no excessive mob" sehen, wie sie sich bei der Eröffnung in der letzten Woche auszudrücken beliebte. Eher einen Exzess der Bilderverkäufe. Aber als Bankerin wäre Handkes namen- und bilderlose Heldin sicher sofort hinein gelassen worden.
Auf dem Weg nach Madrid hätte sie der These ihres Meisters zwar zugestimmt. Schon im Flugzeug bemühen sich die Linien nach Kräften, keinen eigenen Bild-Gedanken aufkommen zu lassen. Kaum sitzt man in den engen Polstern, klappen Bildschirme herunter und versprechen ein süßes Leben auf "bahias e pueblos pittorescos". Die Autobahn zwischen dem Zentrum und dem neuen Messegelände ist gesäumt von den universellen Plakatbildern, die jede zwanglose Weltwahrnehmung unmöglich machen. Auf ihnen locken die üblichen leeren Versprechen auf Luxus, Sauberkeit und friedliche Vorstädte mit bunten Häusern im grünen Park. Auf halber Strecke passiert man an der Avenida America den in allen Almodovar-Filmen wiederkehrenden Straßenstrich wie eine Leinwandszene. Und auf Madrids Broadway, dem Gran Via, hängen dichte Menschentrauben an den riesigen stuckbewehrten Gründerzeitkinos im Stil des spanischen Art Deco, um mit Tom Cruise in den amerikanischen Erinnerungsverlust unter Vanilla Sky zu fallen. Währenddessen verblasst in den kleinen Sandwich-Bars nebenan das Bild des wirklichen Lebens in Gestalt eines saftigen Schinkenbrötchens zu schlecht erleuchteten Lebensmittelfotografien.
Hätte Handkes Heldin durchgehalten und sich durch diese aggressive Bilderwüste des Konsumalltags gekämpft, wäre sie reich entlohnt worden. Die Madrider Messe ist zwar nicht so gnadenlos jung, hip und experimental wie die Berliner Kunstmesse. Aber mindestens so lebendig. Sie ist nicht nur wegen der vielen lateinamerikanischen Galerien internationaler. 261 Galerien aus 31 Ländern zeigen ihre Werke. Sie ist auch kaufkräftiger. Und zwar so viel mehr als die legendäre Kölner Kunstmesse, dass selbst die zahlreichen deutschen Galerien, die jedes Jahr nach Madrid kommen, das einstige Flaggschiff des Kunstbetriebs West rechtsrheinisch liegen zu lassen beginnen. Hier hätte sich Handkes bilderlose Heldin an der Dialektik des Bildverlustes satt sehen können. In einer one-man-show erinnerte die Florentiner Galerie Spaziotempo noch einmal an Mimmo Rotella, den italienischen Altmeister der Decollage. Seine von den Stellwänden der Werbung abgerissenen und zerfetzten Filmplakate begründeten in den sechziger Jahren die Ästhetik des nouveau realisme. In Victoria Campillos Fotografien von 2001 vollendet sich dieses Verschwinden des Bildes: Die großen Namen der Kunst sind zu bloßen Markenzeichen geworden. Statt ihrer Oeuvres zeigt sie neben dem Namen Mapplethorpe nur noch sein Erkennungszeichen - die Lederhose. Über den Bildverlust klagt zwar auch der 1967 geborene spanische Künstler Pedro Alvarez. Auf seinem Ölgemälde versinkt unter einer Brücke, auf der ein Bus nach Miami fährt, ein abstraktes Ölgemälde in den Fluten der Karibik. Aber das Bild der unterschlagenen Vorbilder der europäischen Avantgarde gehört zu den interessantesten Werken der jungen kubanischen Kunst.
In Madrid erregt übrigens auch kein Aufsehen, was in Deutschland über Jahre hinweg zu erbitterten Rechtsstreitigkeiten geführt hatte. Gut zehn Galerien zeigen Kunst der australischen Ureinwohner. Die hat längst nichts mehr mit dem Klischee der naiven Volkskunst zu tun. Der australische Künstler Brook Andrew macht sich am Stand der Galerie Pizzi aus Melbourne, die seit 1983 gegen heftige Widerstände Kunst der Ureinwohner promotet, über das Zerrbild des pittoresken Wilden lustig. Auf die Digitalfotografie eines mit chinesischen Buchstaben tätowierten Aborigin hat er "Sexy and dangerous" geschrieben. Der Mestize ist längst das frivol schillernde Vorbild der globalen Hybridkultur.
In Kunst-Spanien hätte Handkes blinde Bilderfrau also nicht nur ein ganz anderes als das mitteleuropäisch gefärbte Weltbild erahnen können. Sondern auch sinnfällig erfahren, wie die Kunst das Bild der Welt verändert. Nicht nur dehnt sich Territorium Artis, das Gelände der Kunst, ständig aus. Mit Malaga, Vitoria, Vigo und Valladolid werden der neuen Zivilreligion Kunst in diesem Jahr auf der iberischen Halbinsel vier neue Weihestätten eröffnet. Das legendärste Projekt steht erst seit fünf Jahren. Das 1997 eröffnete Kunstmuseum in Bilbao ist nicht nur eines der überwältigendsten Museen der Welt. Es ist auch ein Beispiel für das visuelle Redesign einer Stadt. Manche Metropole könnte sich daran ein Beispiel nehmen, wie Bilbao am Ende der achtziger Jahre ihre rezessionsgebeutelte Stadt dezidiert mit einem "kulturellen Projekt" aus dem Sumpf der Deindustralisierung zu ziehen beschloss. Der kalifornische Architekt Frank Gehry hat mehrere tausend Titaniumplatten wie Fischschuppen übereinandergelegt und Schwindel erregend um die aufeinandergetürmten Raumwürfel auf dem 32.000 qm großen Gelände geschlungen. Sie erinnern an den Stahl, der der kleinen Handelsstadt am Ufer des Nervion einst zu Wohlstand verhalf. Ihr mattes Silbergrau nimmt die Farbe des in der Stadt ewig rinnenden Regens auf. Je nach Wind und Wetter spiegeln sie alle Farben der Natur von blau, orange bis violett. Geschichte und Alltag werden von dieser beeindruckenden Skulptur reflektiert. Mit dieser kunstgestützen Identitätsarbeit entsteht ein neues, immaterielles Bild der Stadt.
Zwar hat das imposante Haus seine Schattenseiten. Die Architektur ist so eigenwertig, dass es mehr als gleichberechtigt neben der Kunst steht, die es beherbergt. Und dieser gewaltige Verschiebebahnhof der unübersehbaren Bestände des New Yorker Stammhauses fungiert als weiteres Relais im globalisierten Bilderzirkus der Museumsmultis. Der macht die immer gleichen Bilder und Modelle der Westkunst von Jenny Holzer bis Gerhard Richter zum weltweiten Maßstab. Wie ein strahlender Ritter überschattet die silberne Burg das kleine, aber exquisite Kunstmuseum der Stadt Bilbao einen Steinwurf weiter mit seiner Sammlung spanischer und baskischer Künstler. Wem unter den schimmernden Schindeln des Guggenheim zu viel globale Weltkunst langweilt, kann sich aber in das wenige Kilometer entfernte Refugium des spanischen Bildhauers Eduardo Chillida nach Gipuzcoa (Hernani) zurückziehen. Gleich am Anfang des Weges zu seinem abgeschiedenen Atelier in einem alten Bauernhaus zehn Kilometer entfernt von San Sebastian steht ein roter Granit. Der kunstvoll durchschnittene Stein sieht aus, als ob er aus zwei Teilen bestünde. Sein rechter Teil scheint nach oben davon zu schweben. Doch meist sehen nur Kinder sofort, dass hier in Wahrheit nur ein Stein steht. Die Kunst zeigt, wie die Bilder täuschen.
Wem die Kunst solche inneren Bilder evoziert, braucht nicht zum Bilderstürmer werden, wie es der baskische Künstler Txuspo Poya im alten Kunstmuseum in Bilbao ausprobiert hat. Herrorismo 2000 heißt sein doppeldeutiges Werk. Man kann es mit dem Terror der oder gegen die Bilder übersetzen. In dem Kurz-Video geht der legendäre Vorspann aller MGM-Streifen mit dem brüllenden Löwen durch Überbelichtung langsam in Flammen auf. Wir vertrauen auf die Heilkraft eines alten Sprichworts, mit dem der Herr der gelenkten Bilder Leo Kirch derzeit Bekanntschaft macht. Das kommt davon, wenn man vor lauter dunklen Kanälen die Bilder nicht mehr sieht. Der Mann, der von der Bewusstlosigkeit der großen Masse lebt, erfährt gerade: Wer anderen eine Bilderverlust-Grube gräbt, fällt irgendwann mal selbst hinein.

www.arco-online.ua.es
www.museobilbao.com
www.guggenheim-bilbao.es
www.eduardo-chillida.com

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