Wer Angst hat, wählt rechts

Israelische Stimmungslagen Die Intellektuellen sind resigniert, die alten Leute verschüchtert, und die Unverzagten hoffen auf Vermittlung von außen

Das israelische Kulturleben findet unter anderen Bedingungen statt als das deutsche. Wer zum Beispiel das Tel Aviver Tanztheater-Festival besucht, muss am Eingang des Kulturzentrums und am Eingang des Saales seinen Rucksack öffnen, sich am ganzen Körper abtasten lassen und eine freundliche Frage beantworten: "Haben Sie eine Waffe?" In Konzertsälen, Jazz-Kneipen, Museen: dasselbe Bild. Irgendwo im Raum sitzen Sicherheitskräfte, hünenhafte Menschen mit Walkie-Talkie und Pistole, und entgegen der eigenen Gewohnheit muss man fast dankbar sein, dass es sie gibt.

Es ist eine Mischung aus Einschüchterung und Trotz, die sich in Israel breit macht; Niedergeschlagenheit nach den Selbstmordanschlägen und am nächsten Morgen das Gefühl, einfach weitermachen zu müssen. So beschreiben jedenfalls viele Intellektuelle ihren Zustand, Leute, die Kultureinrichtungen leiten, an der Universität lehren, einen sozialtherapeutischen Beruf ausüben oder weit oben in der Verwaltung sitzen. Schon der Flug nach Tel Aviv (ich hatte dieses Vergnügen am Tag nach den Anschlägen von Mombasa) ist eine Übung, die man jedem politischen Leitartikler empfehlen sollte.

Die von der zweiten Intifada geschaffene bittere Realität, nur unter Gefahr ein Theater, ein Kino oder ein Restaurant besuchen zu können, hat auch die meisten Linken in eine resignative Haltung getrieben. Vom Ausland aus wird das nur ungenügend wahrgenommen: Der Alltag in Israel ist vergiftet. Man fährt nicht Autobus. Bus fahren die Armen und die Schulkinder. Man meidet größere Menschenansammlungen. Man schaut, wer neben einem sitzt. Gerade die leftwinger und die jüngere Generation, die bislang auf den Dialog mit den Palästinensern gesetzt hatten, geraten nunmehr in die Isolation und können den Hardlinern kaum noch widersprechen.

Die Wahl Ende Januar mit dem linken Spitzenkandidaten Amram Mitzna geben die meisten jetzt schon verloren: Scharon werde gewinnen, man könne sich das ganze Spektakel sparen, sagt Rachel Grodjinowsky, die Kultur-Managerin des Suzanne-Dellal-Centers in Tel Aviv. Wer Angst habe, der wähle rechts. Amir Ofek, der im Außenministerium für kulturelle Angelegenheiten zuständig ist, ein Vertreter der weltoffenen jüngeren Generation, der selber lange im Ausland gelebt hat, bedauert die zunehmende innere Militarisierung - aber auch er sieht keine andere Möglichkeit. Man habe in Israel nicht die Wahl zwischen Gut und Böse, sondern zwischen dem Schlechten und dem noch Schlechteren, sagt er. Natürlich sehe es nicht schön aus, wenn man Krankenwagen aus den Palästinensergebieten stoppe und kontrolliere. Aber es sei vorgekommen, dass diese Krankenwagen Sprengstoff geladen hatten und Hamas-Aktivisten im Liegend-Transport zum nächsten Attentat brachten. Das müsse man unterbinden, und sei es nur, um israelischen Teenagern einen sicheren Disco-Besuch zu ermöglichen.

Das Gewaltbestimmte der israelischen Gesellschaft ist auch auf der Bühne sichtbar: Man ist des Kämpfens müde und befindet sich doch in einer Situation der permanenten Selbstverteidigung und Selbstrechtfertigung. Natürlich gibt es auf dem Tanztheater-Festival in Tel Aviv auch die üblichen, eher harmlosen Reflexionen über verlorene Kindheit, schwule Erotik und Frauenemanzipation. Aber gerade die avancierteste Gruppe des Landes, die Kibbutz Dance Company, zeigt mit ihrem Sreensaver die Verpestung des Privaten durch den Krieg. Mit Videoprojektoren und halb durchsichtigen Gaze-Netzen schafft der Choreograph Rami Be´er einen künstlichen Raum, in den immer wieder ein Gedicht von Yehuda Amichai geblendet wird: "An dem Ort, an dem wir Recht haben, werden niemals Blumen wachsen im Frühjahr. Der Ort, an dem wir Recht haben, ist zertrampelt und hart wie ein Hof."

Auf der Bühne stehen fünf Betten, auf denen Tänzer und Tänzerinnen in Unterwäsche wüste Liebesgeschichten aufführen, ständig begleitet von harter Rockmusik, Maschinengewehrsalven und dem Knattern von Hubschrauber-Rotoren. Die Bettkästen klappen hoch, die Bettroste werden zu Gefängnisgittern, und in einem Gang schleicht ein eher lächerlicher Space-Cowboy, ein Astronaut, ein Außerirdischer als ständige Bedrohung durch die Inszenierung. Sreensaver, das heißt "Bildschirmschoner", meint das Bedürfnis, auch mal wegzugucken, das Kriegsprogramm wegzuschalten. Aber das geht nicht richtig. Auch die getanzten Privatbeziehungen sind brachial und hart, es gibt kaum Ruhepunkte.

Yasmeen Godder, zweifellos die begabteste junge Choreographin Israels und zum Teil in New York lebend, ist noch radikaler: Sie stellt vier schwarzgewandete junge Frauen in eine gleißend weiße Fläche und zeigt Annäherungen und Abstoßungs-Reaktionen in einem verzweifelten Gruppenprozess, der keinerlei Schutz, keinerlei Geborgenheit bietet. Obwohl die ästhetische Kalkulation, die Aufteilung des Raumes und die tänzerische Finesse, mit der sich die Leiber da in- und auseinanderdrehen, grandios ist, sitzt man doch versteinert vor diesem einstündigen Selbstverletzungs-Exerzitium; diese jungen Frauen stoßen einander ständig weg, schlagen sich selbst und einander, manche haben Beine, die mit blauen Flecken übersät sind. Aggression und Autoaggression auch bei anderen Gruppen: die Vertigo Dance Company schleift ständig jungfräulich weiß gewandete Mädchen über den Boden, und Ido Tadmor flüchtet in eine Art archaisches Theater. Wer sich - als Gesellschaft - ständig verteidigen muss, mag sich irgendwann selbst nicht mehr leiden.

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Premierminister Sharon ist bei der jungen Generation nicht sehr beliebt. In einer Inszenierung wurde er als Befehle brüllender Clown vorgeführt. Und obwohl die prekäre Situation des Landes von vielen Künstlern sarkastisch genommen wird und man sogar eine Parodie auf zionistische Pioniere besichtigen konnte, muss man nach diesem Festival leider diagnostizieren: Es gibt auch eine große Verzweiflung darüber, dass die Bedrohung der israelischen Gesellschaft von Europa aus nicht richtig wahrgenommen wird, dass der in den Umfragen sich manifestierende gute Wille einer Bevölkerungs-Mehrheit (60 Prozent!), mit den Palästinensern zu einem Ausgleich zu kommen, gar nicht bemerkt wird. Man will verhandeln, ja, aber man lässt sich nicht erpressen. Dann stimmt man lieber für Sharon. Und auch wenn viele Intellektuelle, wie der Schriftsteller Amos Oz, den sofortigen, bedingungslosen Abzug der Armee aus den Palästinensergebieten fordern: das Gefühl der Unerwünschtheit im eigenen Land wird bleiben, die Gewissheit, von den arabischen Nachbarn auf ewig als Störenfried und Einbrecher betrachtet zu werden, den es zu vernichten gelte.

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Tel Aviv ist eine westliche Stadt, Jogger am Strand, Musiklokale, ein wuseliges Geschäftsleben - trotz der Maschinengewehr bewaffneten Polizisten im T-Shirt, die in der Shankin-Road herumstehen, der Shoppingmeile für die Girlies, Grufties und Disco-Kids. In Jerusalem dagegen ist es nicht nur von den Temperaturen sehr viel kälter. Orthodoxe Juden mit Schläfenlocken, junge Leute, die ihren Militärdienst ableisten, verhüllte arabische Frauen. Wer religiösen Wahn sehen will, der muss nach Jerusalem fahren. Eine ungeheure Anspannung in der Altstadt, wo die politischen und religiösen Systeme aufeinander prallen; es gibt keine Touristen mehr, die christlichen Pilger bleiben aus. Leere in der Grabeskirche Christi, in der die Konfessionen seit Jahren um jeden Millimeter Platz kämpfen, stinkendes Fleisch und Süßspeisen auf den Märkten, Nippes und Andenken, die keiner braucht, nervöse arabische Händler, die Kaufunwillige beschimpfen. Oben ruft der Muezzin, und unten in der Gasse krümmt sich der Metzger hinter seinen Auslagen nach Osten.

In einem Vorort habe ich eine Verabredung mit Yecheskiel Cohen, der zeitweise Präsident der Israelischen Psychoanalytischen Gesellschaft war. Er empfängt mich in seinem Arbeitszimmer, ein drahtiger, offen und ausgeglichen wirkender Mann von 70 Jahren. Als Sechsjähriger musste er aus Bernburg an der Saale nach Israel emigrieren. In Jerusalem hat er ein Kinderheim für traumatisierte Jugendliche aufgebaut; im November 1993 hielt er an der Frankfurter Goethe-Universität die Sigmund-Freud-Vorlesung mit dem schönen Titel Die Angst zu lieben. Cohen führt diese Angst, vereinfachend gesagt, auf eine schwere frühkindliche Schädigung durch harsche Abweisung oder übertriebene Vereinnahmung zurück. Deshalb könne der Betroffene keine stabilen Selbst-Grenzen entwickeln; ständig fühle er sich der Gefahr ausgesetzt, vom anderen eingenommen, überschwemmt zu werden, statt in einer Beziehung sowohl Bindung als auch Eigenständigkeit, also Getrenntheit erleben zu können. Es ist deutlich, dass diese individualpsychologische Beschreibung auch auf größere, einander in Hassliebe zugetane Gruppen zutrifft, zumal im Nahen Osten.

Cohen ist ein Linker: ja, er sei dafür, die Gebiete zu räumen - aber das gehe nur bei weit reichenden Sicherheitsgarantien für Israel. Man dürfe sich der Gewaltpolitik von Hamas und Dschihad nicht wehrlos ausliefern. Cohen verweist auf grundlegende Unterschiede der politischen Kulturen: Während es im demokratischen Israel wilde Debatten um den richtigen Weg gebe, fehle in den Gebieten jede Diskussion, abweichende Meinungen würden hart bestraft. "Wo ist die palästinensische Peace-Now-Bewegung?" Die Ziele der palästinensischen Gewaltpolitik seien immer Kinder und Zivilisten; Ziel der israelischen Armee sei es, Waffenproduzenten und Hintermänner aufzuspüren, die jugendliche Suicide-Bomber in den Tod schicken. Werde die Armee dabei angegriffen, so seien Kämpfe unvermeidlich.

Cohen geht nicht mehr in die Jerusalemer Altstadt, es ist ihm zu gefährlich. Banken, Schulbusse, Kinos seien zu meiden. Die Alltags-Kontakte zwischen Israelis und Palästinensern seien lange abgerissen. Vor der Intifada hätten Ärzte, Psychologen, Schriftsteller, Hochschullehrer eine Zusammenarbeit gesucht. Daran sei jetzt nicht mehr zu denken. "Früher ging man in den Palästinensergebieten auf die Obstmärkte oder ließ dort sein Auto reparieren." Alles vorbei. Cohen aber will den kulturellen Austausch: "Die haben kein Symphonie-Orchester, also können sie das in Tel Aviv einmal anhören. Wir können bei ihnen etwas anderes lernen." Nur so sei die Tendenz der palästinensischen Führung zu bekämpfen, alles Übel der Welt von Israel herzuleiten und so von eigenen Fehlern abzulenken. De facto würden die Palästinenser von PLO, Hamas und Dschihad weit mehr unterdrückt als von den israelischen Truppen.

Warum hat Arafat die Barak-Vorschläge auf Camp David nicht wenigstens mit einem Gegenangebot beantwortet? Das bleibt für Cohen, wie für viele Israelis, das größte Rätsel. Mehr als Barak damals könne man nicht bieten, sagt Cohen; und die Tragik palästinensischer Politik sei es, dass sie seit 1947 immer mehr fordere und immer weniger bekomme. Jeder, der sich auf Kompromisse einlasse, gelte als Verräter, und möglicherweise sei dies Arafats größte Schwäche: im eigenen Lager keine Kompromisse durchsetzen zu können. De facto habe er kaum noch Macht; aber "er und Sharon bedingen und brauchen einander". Eine Lösung werde es so nicht geben, "vielleicht mit der nächsten Generation".

Cohen ist betrübt über die Aufrufe der deutschen Friedensbewegung, israelische Waren zu boykottieren. Die einseitigen Schuldzuweisungen seien kurzsichtig und zumindest unbewusst antisemitisch. Auch die europäischen Regierungen gefielen sich in einer palästinenserfreundlichen Haltung. Dabei seien gerade die Europäer viel eher als die Supermacht Amerika geeignet, "diese beiden Kinder, Israelis und Palästinenser, an die Hand zu nehmen" und zu einem Vertrag zu ermutigen. Aber Europa habe sich, auch nach dem 11.September, von Israel abgewandt: "Arafat kritisieren, heißt Öl verlieren." Das möchte offenbar niemand riskieren.

In Tel Aviv ist die Straße vor dem Hotel abgesperrt, überall Polizei. Nach einer kurzen Detonation läuft alles wieder normal: Man findet eine Bombe, man bringt sie unter einem Stahlmantel zur Explosion, das Leben geht weiter. Das ist der Alltag. Nur vor dem Hotel steht jetzt ein Wachmann.

In der Lobby treffe ich Joseph Jedejkin, einen emeritierten Historiker der Tel Aviver Universität. Jedejkin ist 75 Jahre alt, in Riga geboren und aufgewachsen. Den Nazis entkommen, Studium in Riga, von der Sowjetunion als Jude nach Sibirien deportiert, vor 35 Jahren nach Israel ausgereist. Jedejkin gehört zum Zentralkomitee des Likud, und von ihm kann man hören, was die Ängste der älteren, der Holocaust-Generation in Israel sind. Jedejkin spricht kaum von Palästinensern, sondern von Arabern. Israel sei von arabischen Diktaturen umgeben, und Jedejkins Furcht vor einem Palästinenserstaat nährt sich vor allem aus seinen Erfahrungen mit dem Antisemitismus, den er nun in den Nachbarstaaten Israels wiederfindet. Die arabischen Staaten hätten ein Interesse daran, die Palästinenser in Flüchtlingslagern zu halten und als Gastarbeiter zum Gelderwerb nach Israel zu schicken. So würde der Hass und das Ressentiment gegen Israel aufrechterhalten, die Palästinenser machtpolitisch missbraucht. Das Geld, das man in den Kriegen gegen Israel ausgegeben habe, hätte man produktiver nutzen können, sagt Jedejkin. Schon jetzt, auch unter der Kontrolle der israelischen Armee, bekomme Arafat Waffenlieferungen per Schiff und aus dem Hinterland. "Was wird erst passieren, wenn sie ihren eigenen Staat haben?" Jedejkin weiß es genau: "Sie werden unsere Passagierflugzeuge abschießen, niemand wird mehr nach Tel Aviv kommen, wir werden isoliert sein." Tausende von "Freiwilligen" aus allen arabischen Staaten würden in einen Palästinenserstaat strömen, um dem Brudervolk nun beim Kampf gegen die Juden zu helfen. Es werde täglich Angriffe und Attentate geben und schließlich einen neuen Krieg. Deshalb beharre man lieber auf dem Status Quo.

Es ist kein paranoider Außenseiter, der das sagt, es ist ein emeritierter Professor einer anerkannten Universität und Repräsentant der Regierungspartei. Die alten Leute, die Holocaust-Überlebenden, werden als politischer Faktor vom Ausland kaum wahrgenommen. Aber sie und die aus den Herkunftsländern eingeschleppten Ängste entscheiden die Wahl: "Geht nach Palästina, sagten die polnischen Antisemiten den Juden im vergangenen Jahrhundert. Geht dahin zurück, woher ihr gekommen seid, sagen die arabischen Antisemiten heute." Jedejkin steht am Ende seines Lebens hilflos vor diesem Dilemma.

In Israel wird nicht gottwohlgefällig gelebt, zum Ärger der orthodoxen Juden wie der muslimischen Orthodoxie. In den Bars und Diskotheken von Tel Aviv herrscht kruder, westlicher Hedonismus wie in Berlin und New York eben auch. Es gibt die religiösen Eiferer und die Geschäftemacher, die gutwilligen Peaceniks und die knallharten Politiker vom Schlage Sharons. Und es gibt eine Linke, die zunehmend isoliert ist. "Thank you for coming", ist derzeit die beliebteste Dankesformel fortschrittlicher Freunde, wenn tatsächlich einmal einer nach Israel fliegt. Sie fühlen sich von der Welt verlassen. Sie sind die Ersten, die bei einem Irak-Krieg von Saddam Hussein angegriffen werden. Und unten am Strand sitzen die alten Leute und schauen aufs Meer hinaus, nach Europa, woher sie gekommen sind.

00:00 24.01.2003

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