Michael Krätke
Ausgabe 0617 | 08.03.2017 | 06:00 8

Wer bezahlt die Zeche?

Arbeitsteilung Viele Produktionsketten sind heute so international, dass sie sich nicht entlang nationaler Grenzen trennen lassen

Wer bezahlt die Zeche?

In New York gehört der entgrenzte Kapitalismus des Monopoly-Manns zur Folklore

Foto: Joe Kohen/Getty Images

In Donald Trumps Welt ist das amerikanische Handelsdefizit von über 732 Milliarden US-Dollar das Resultat finsterer Machenschaften und unfairer Praktiken. Dieses Handelsbilanzdefizit besteht schon seit den 70er Jahren, keine US-Regierung hat es nachhaltig reduzieren können. Auch Ronald Reagan nicht, der einst einen kostspieligen Handelskrieg gegen Japan vom Zaun brach.

Schuld am Defizit der USA sind für Trump die anderen, er hat die Hauptübeltäter ins Visier genommen: China, Kanada, Mexiko, die EU, allen voran Deutschland. Was er dabei übersieht: Eine zentrale Rolle spielen die Globalisierungsstrategien US-amerikanischer Multinationals, die mit Vorliebe im billigen Ausland für den US-amerikanischen Markt produzieren lassen. In der jüngsten Globalisierungsperiode ist die Struktur der internationalen Arbeitsteilung noch einmal gründlich verändert worden. Grenzüberschreitende, transnationale, oft sogar global gespannte Liefer- und Produktionsketten (globale Wertschöpfungsketten) dominieren in vielen Industrien. Transnationale Wertschöpfungsketten entstehen, wenn die Produktionsprozesse in Unternehmen in kleinste Einheiten zerlegt und auf verschiedene Standorte verlagert werden. Und zwar auf Standorte in verschiedenen Regionen der Welt. Wenn das geschieht, und es geschah in der letzten Globalisierungsphase weltweit, wird der Zusammenhang von Industrie, Standort und nationalstaatlich organisiertem Territorium gelockert und auf lange Sicht aufgelöst. Kapitalistische Unternehmen wollen die Vorteile vieler Standorte auf der Welt nutzen, deshalb brauchen sie internationale Handelsabkommen wie TTIP, CETA oder NAFTA.

Die Weltwirtschaft, lautet eine alte Binsenweisheit, ist verflochten. Heute mehr denn je. Am stärksten in der EU, deren Rückabwicklung in die Kleinstaaterei daher verheerende Folgen hätte. US-Strafzölle von 35 Prozent auf Importe aus Mexiko, von 45 Prozent auf Importe aus China, wie von Trump im Wahlkampf angedroht, treffen wegen dieser Verflechtung nicht nur US-amerikanische Konsumenten, die für ihre T-Shirts und Jeans erheblich mehr berappen müssten. Sie treffen neben mexikanischen auch US-amerikanische Produzenten, die auf kostengünstige Zulieferer im Ausland angewiesen sind. Made in USA ist heute in vielen Industrien, nicht zuletzt der Autoindustrie, made in Mexico. Machen US-Firmen wegen steigender Zulieferkosten dicht, sind es amerikanische Arbeiter, die die Zeche der Trumponomics zahlen.

Protektionismus hat eine lange Tradition in den Vereinigten Staaten. Erst nachdem sie zur Weltmacht aufgestiegen waren, bekehrten sich die Amerikaner zum Freihandel. Rückfälle gab es immer wieder, wenn auch nie mehr so arg wie 1930, als die USA mit drastischen Zollerhöhungen einen internationalen Zollkrieg auslösten, der zum Zusammenbruch des Welthandels führte.

Ein vertrautes Mittel

Selbst die Regierung Obama hat in der Krise 2008–2010 zum bewährten Strafzoll gegriffen, vornehmlich gegen China, um US-Wirtschaftsinteressen zu schützen. Auch die EU tut das regelmäßig, mit Vorliebe gegen China. Da handelt es sich allerdings stets um einzelne Produkte – chinesische Solarzellen, chinesische Walzstähle –, nicht um Importe aus China generell.

Was Trump ankündigt und betreibt, hat ein anderes Kaliber. Da geht es um einen veritablen Handelskrieg, jederzeit erweiterbar zum Währungskrieg. Das Dollar-Imperium könnte zuschlagen, wenn Trumps Wall-Street-Kumpel mitspielen und er die Fed rechtzeitig auf Linie bringen kann.

Der weißen Arbeiterklasse in den USA wird das alles wenig nützen. Die abgebauten Industriejobs kommen nicht zurück, jedenfalls nicht an die Orte, wo die Abgehängten der Globalisierung verbleiben. Einzelne Fabrikanten werden sich von Trumps Drohungen beeindrucken lassen, ganze Industrien und große Multinationals weniger. Die Vorstellung, man könnte mit Strafzöllen ganze Industrien wie etwa die Textilindustrie in die USA zurückholen, ist lachhaft. Statt zurück ins Hochlohnland Amerika werden die Textilunternehmen, die jetzt noch in China sitzen, ihre Produktion in Länder wie Vietnam oder Thailand verlagern, die mit noch niedrigeren Löhnen locken. Trump müsste ein Land nach dem anderen mit Strafzöllen belegen.

Sollte er tatsächlich Strafzölle verhängen, wird ihm auch die WTO sofort in die Quere kommen. Alle von Trump Attackierten werden klagen, und sie werden vor den WTO-Handelsgerichten Erfolg haben. Dann werden saftige Strafen fällig, und mit Segen der WTO dürften betroffene Länder ihrerseits mit Strafzöllen zurückschlagen. Trump bliebe nur, aus der WTO auszutreten. Das spart Gerichtskosten und Beiträge. Arbeitsplätze für Amerikaner bringt es aber nicht.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 06/17.

Kommentare (8)

gelse 08.03.2017 | 10:25

Eine Binnenwirtschaft ist wahrscheinlich machbar, wenn hochwertige Produkte mit guten Löhnen gefertigt werden. Das heisst nicht dass man alles selber machen muss, aber Einiges geht durchaus.
Da oben von Tshirts die Rede war: Ich hab mal in meinen Kleiderschrank geschaut: Da sind 2 Thirts dabei, die älter als 10 Jahre sind. Und eines hab ich seit mehr als 15 Jahren, ich weiss noch dass es 60 DM gekostet hat. Nicht gezählt habe ich, wieviele Waschgänge es bislang überstand. Für so was braucht man nicht unbedingt Armutslöhne.
Ähnlich ist es übrigens bei Schuhen.

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Ehemaliger Nutzer 09.03.2017 | 01:37

wer die Zeche bezahlt?

Natürlich der Einkäufer des von ihm gekauften Produkts - und zwar in summa, wie ihm suggeriert wirken könnte.

Was aber nicht der Fall ist: delivered as ordered.

Ganz einfach.

So einfach geht das: ich kaufe also bin ich.

Oder wie meine Freundin Elfriede Jelinek gemeint haben soll: Shoppen und Ficken.

Das geht nun ja nun gleich garnicht...

Oh doch: and it works....

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Ehemaliger Nutzer 09.03.2017 | 01:47

ich bin scheise

meine Freundin Elfriede Jelinek=eine gewähnt bekannte namens elfie.

is halt so: is man einmal arschloch is man immer arschloch - bis zum nobelpreis

ich bin ein idiot: is halt komplexer als elfie sein könnte.

je nu

ich mach mal diesen account dicht hier, weil, bei allen wichtigkeiten, kollektive idiotie mir mit juristischen strafandrohungen kommt.

hatte ich nicht geschrieben: maul halten bringt weiter?

Nicht dass das Maul gehalten wird sondern wer das Maul zu halten hat...

so etwas sollen wir lernen

Heinz 11.03.2017 | 15:59

finanzmarktwelt.de Claudio Kummerfeld 20. Juli 2015

Nur zwei Gläubiger halten die USA dauerhaft am Leben

Wikipedia: Liste der Länder nach Auslandsverschuldung

«In Donald Trumps Welt ist das amerikanische Handelsdefizit von über 732 Milliarden US-Dollar das Resultat finsterer Machenschaften und unfairer Praktiken.»

... und nicht vergessen, wer Schulden hat, hat auch Gläubiger. Der negative Außenbeitrag der USA von ca 700 Mrd US$ summiert sich über Jahre und Jahrzehnte, allein von 2003 von ca. 7 Billionen US$ auf 2014 ca. 17 Billionen US$.

hakufu 12.03.2017 | 21:20

Eine präzise Beschreibung der Fakten.

Die amerikansichen Konsumenten und die Nutznießer der "ausgebeuteten" Latinos und Asiaten werden Trump die Quittung präsentieren.

Es gibt jedoch noch eine andere Ebene.

Wer das Elend in Bangladesh kennt, hat auch genügend Phantasie, dass die Frau, die bisher unter glühender Sonne Steine kloppen musste, um ihre Familie über Wasser zu halten, "glücklich" ist, jetzt für einen Bangladeshi Unternehmer zu arbeiten, dem auf die Finger geschaut wird, weil die Produkte die der internationale Konzern kauft, auch danach beurteilt wird, wo und unter welchen Umständen es hergestellt wird.

Da gibt es noch unendlich viel zu verbessern, aber immer noch besser, als in eine Zeit zurückzufallen, die G. Hauptmann in " die Weber" beschrieben hat.

Heinz Lambarth 23.03.2017 | 19:16

In der Tat: "Trump bliebe nur, aus der WTO auszutreten." ... und wenn er das tut, wäre dies das ende der WTO.

Die WTO ist ohnehin bereits angeschlagen, nachdem die führenden industriemächte lieber mega-regionale-abkommen zwischen wenigen (aber handelsstarken) ländern verhandeln und abschliessen und gleichzeitig die Doha-Runde in der WTO nun mehr oder weniger offen zur disposition gestellt wird, steht die WTO faktisch mit dem rücken zur wand. Entweder wird sie zum unverhüllten sprachrohr der grosshändler oder sie gibt auch den kleinen ländern eine stimme, dann wird sie in die bedeutungslosigkeit gedrängt werden.

Im übrigen: die WTO ist nicht allein darauf verpflichtet freihändler zu schützen, sie sieht durchaus auch massnahmen gegen handelsungleichgewichte vor. Und die USA sind nicht die einzigen, die sich inzwischen insbesondre gegen den dt. handelsbilanzüberschuss wehren wollen. Auch in der EU wächst zudem die einsicht, dass die dt. überschüsse den zusammenhalt immer weiter erodieren. Denn die überschüsse der einen sind die schulden der anderen ... so kann es also nicht mehr weitergehen, das steht fest (nur in d-land haben das weder die wirtschaftsweisen noch die medien begriffen, möglicherweise sind sie einfach zu dumm, kann aber auch sein, sie sind einfach zu "ideologisch"... verblendet).

na64 03.04.2017 | 09:07

Unsere dadurch veränderte Infrastruktur zahlt die Zeche in der wir mit unserer Arbeit, wie auch Gewohnheiten und dem Konsum eingebunden sind.
Funktionieren wie ein Automat in sich selbstständig bewegenden Pendlerstömen für den Takt der Arbeit mit Ihrer eingebundenen sozialen Kommunikation, um diese Bewegungen mit einem wohnen im und auf Unterwegs auch eine Zugehörigkeit und Sinnhaftigkeit vermitteln zu können. Verkehr ist Bewegung, ist Arbeit, ist Wohlstand, der wie er zur Zeit jetzt stattfindet in psychischer und physischer Einkrankung unserer Gewohnheiten mündet, die sich wiederum auf einen Infarkt zu bewegen. Wenn wohnen nur noch im Unterwegsmodus stattfindet, sieht das für mich so aus, als ob alle vor dem eigenen selbst flüchten und dann dabei ertrinken werden, über die dadurch erzeugte Vermüllung in einer durch Arbeit verursachten Bewegung, die so in Ihrer Entstehung keiner haben wollte.
Außerhalb unserer Automaten Wahrnehmung, was wir uns vorzustellen wagen existiert also das Nichts, oder eine immer intakte ausbeutbare Umwelt!?. Upps, dass klingt nach einer gewollten gesetzten Blockade im Kopf und soll anscheinend Denken in gewisse Richtungen verhindern.
Waren wir jemals dort in diesen nicht gedachten Räumen eines anderen vorhanden seienden Universums!?. Kaum einer macht sich die Mühe und will seine kapitalistische Filterblase, die in eine im Arbeitstakt basierenden zielgerichtete Bewegung ausgerichtet ist verlassen wollen. Also wird auch kaum keiner etwas über Alternativen sagen wollen. Im Fußball kann man das mit dem immer auf Platz 1 festsitzenden FC Bayern vergleichen und wir sind es gewohnt das es hierzu keine Alternative gibt. Gewohnheiten töten Inspirationen zu anderen Möglichkeiten.
Nehmen wir an unser Universum, sei es der Kapitalismus, befindet sich in einem schwarzen Loch, dann ist um dieses schwarze Loch nicht Nichts sondern etwas an Energie (Rohstoffe) was dieses unser Lochuniversum mit unserer Existenz aufrecht erhält. Es gibt auch ein Modell von einem schwarzen Loch, wo außen herum alles weis ist und Licht und Energie symbolisiert und eine Kugel bewegt sich auf dieses unbekannte in der Tiefe, dass wir als Loch empfinden zu. So ähnlich verhält es sich auch mit unserer Vorstellung von unendlichem Wachstum, dass hier in unseren Köpfen mit Windschutzscheibendenken gekoppelt ist und die Kugel einen anderen Weg nach oben in ein nicht existierendes Universum gehen soll.
Wo ist jetzt unsere Phantasie, das Denken in die tatsächliche Unmöglichkeit, in ein FC Bayern auf Platz 10, dass was ja auch in Bezug zum kreativen Menschwerden über das erdenken von neuen Innovationen plakativ eingefordert wird!?. Soll man gewisses Nachdenken und das umsetzen davon abschaffen, weil es unbequem erscheint!?. Etwas was ich bestimmt nicht tun werde.
Sein oder Nichts Sein, dass ist hier die Frage. Wenn etwas nicht Sein soll, dann soll sich auch niemand damit beschäftigen und das sind dann Praktiken wie im einfältigen Populismus, wo man andere Denkanstöße nicht haben will, da die eigene Vorgehensweise keinen fundierten Halt mehr für eine Orientierung bieten kann. Wenn wir neue Strukturen als Infrastruktur für unsere Tätigkeitsfelder die wir Arbeit nennen benötigen, dann ist es notwendig über den Rand unserer Vorstellungen hinaus und ins tatsächliche Unmögliche eines Universums hinein zu denken. Tun wir das nicht, geht alles weiterhin wie gewohnt seinen Weg und die Natur schafft den Menschen ab. Dann ist der Mensch als Lebende Form einer evolutionären Existenzerscheinung, sprich die Kugel in diesen Modell von einem schwarzen Loch, die am End nach intensiver Spinbeschleunigung unten durch fällt, hinein in ein anderes nicht wahrnehmbares und uns unvorstellbares Universum von und aus anderer Energie. Das hat auch seinen Vorteil und bietet Platz für eine neue Lebensform, die sich dann auf diesem von Menschenhand gestalteten werdenden Stern entfalten wird. Wo ist nur das blau hin, dass mal ein Planeten eingekleidet hatte!?. Ahhh ich vergaß, dass ist jetzt elektronisch in unsere Kommunikation eingebunden.