Wer, bitte schön, ist Herr Terror?

Innen und Aussen / Ursache und Wirkung Postmoderne Theorien könnten einiges zur Lockerung der gegenwärtigen Denk-Starre beitragen

Zwei Sätze stehen in diesen Tagen - friedlich sozusagen und unwidersprochen - nebeneinander. Der eine, vom Nato-Rat höchstselbst verabschiedet, lautet, dass die Terroranschläge vom 11. September "Angriffe auf die USA" gewesen seien und "von außen kamen". Der zweite Satz dagegen, je nach Kontext hämisch, nachdenklich oder mahnend geäußert, besagt, die USA hätten ihre eigenen Feinde selbst herangezogen; einmal indem sie Unterschlupf und Ausbildung boten und, schlimmer noch, indem sie den "Drahtzieher" des Terrors selbst ehemals als ihren eigenen Zögling protegierten. Ein feines Beispiel für Dialektik wäre das, wie die Elemente eines Systems - und seien es Teppichmesser und Linienflugzeuge - sich gegen ihren Ursprung richten können. "Innen" und "Außen" jedenfalls sind Kategorien, die heute - auch zur Begründung des Nato-Bündnisfalls - nicht mehr wirklich taugen wollen.

Nach dem 11. September stehen wir unter verschärften Denkverhältnissen, und wenn etwas in diesen Tagen keine Konjunktur mehr hat, dann ist es die sogenannte Postmoderne mit ihrem laissez faire, dem Relativismus der Werte und dem leicht dahergeschwätzten Satz, die Welt sei Simulakrum, medial konstruiert und nicht von notwendigem Gesetz geleitet. Beim Golfkrieg hatte man sich noch getraut, den Krieg für virtuell zu halten. Solche Thesen sind im Jahr 2001 nicht mehr zu hören, das postmoderne Gespinst wird zur Erklärung der harten Tatsachen und seiner Folgen für zu leicht erachtet.

Vielleicht aber wird hier zu unbeschwert "zu leicht" gesagt. Immerhin gab es im Umkreis postmoderner Theorien einige Denkmodelle, die wir gerade jetzt auf ihre Tragfähigkeit prüfen könnten. Machen wir - an einem kleinen und begrenzten Ausschnitt - die Probe aufs Exempel.

Einer der meist zitierten Sätze Michel Foucaults, mittlerweile fast in den Stand einer Gebetsformel erhoben, besagt, es gebe kein Außerhalb der Macht. "Wo es Macht gibt", schreibt Foucault in Sexualität und Wahrheit, "gibt es Widerstand ... gerade deswegen liegt der Widerstand niemals außerhalb der Macht." Die Machtverhältnisse "können nur kraft einer Vielfalt von Widerstandspunkten existieren ... darum gibt es im Verhältnis zur Macht nicht den einen Ort der Großen Weigerung ... es gibt einzelne Widerstände ... kriecherische, gewalttätige, unversöhnliche, Widerstände, die nur im strategischen Feld der Machtbeziehungen existieren können." Widerstand, so ließe sich kurz zusammenfassen, hält die Macht am Leben und umgekehrt. Diese These, die manchen Liebhaber der Revolution zur Verzweiflung trieb, scheint nun auch auf der Regierungsseite angekommen zu sein: Die westliche Welt kann ihre Feinde nicht mehr wirklich "draußen" ausmachen. Selbst wenn die allgemeine Diskursmaschine mit selten gekanntem Eifer daran arbeitet, ein manichäisches Weltbild von gut und böse, fremd und eigen, religiös und weltlich wiederherzustellen, bleibt eine eklatante Desorientierung. Lächerlich wirkt die Wut, mit der die US-Armee in Afghanistan Schutthalden zerbombt und ideologisch schmecken die Maßnahmen im "Kampf gegen den Terror", von denen uns die Nachrichten in letzter Zeit täglich frisch schon zum Frühstück unterrichten. Wer, bitte schön, ist der Herr Terror?

Tollpatschig und holzschnittartig erscheinen die Muster, die derzeit öffentliches Denken leiten, und als wären wir nicht schon einmal in der Lage gewesen, subtiler zu begreifen, bleibt heute nur der gequälte Versuch, die neuen Verhältnisse in ein wohlbekanntes Raster des kalten Krieges einzupressen. Nie hat man besser sehen können, wie ein Feind entsteht. Selbst die Friedliebenden finden Krieg nur verwerflich, weil er die "Zivilisten" - also die Guten - trifft. Ist das alles, was wir an Argumenten haben?

Ein weiteres postmodernes Diktum, das man auf den Prüfstand stellen könnte, ist die Kritik am Kausalitätsbegriff. Stürme der Entrüstung löst immer wieder Nietzsches Behauptung aus, es gebe keinen Täter hinter der Tat. "Der Täter", sagt er, "ist zur Tat bloß hinzugedacht". Wohl wahr, ein solcher Satz läuft auf eine unzulässige Leugnung von Schuld und Verantwortlichkeit hinaus. Aber könnte uns diese Formel nicht heute einen Augenblick lang erlösen von der fanatischen Suche nach dem Feind, den Atten-Tätern des 11. September und der Konstruktion eines "Gegenüber", das man zur Verantwortung ziehen kann? Nietzsches Satz ließe sich klug lesen, als Aufforderung, dem "Ursachen-Trieb" einen Moment lang zu widerstehen und der scheinbar zwingenden Handlungslogik, die darauf folgt. Tabu ist es derzeit, die Attentate einfach als Geschehenes zu nehmen. Der Philosoph aber meinte, wir hätten den "Täter" und die "Freiheit" nur erfunden, um jemanden zur Verantwortung zu ziehen und Strafe legitimieren zu können.

Auf Nietzsche beruft sich auch eine in postmodernen Theorien beliebte Formel der Umkehrung von Ursache und Wirkung: die Irrenanstalten produzierten erst den Verrückten, die sie heilen oder aufbewahren, heißt es, oder die Wissenschaft produziere die Erkenntnisse, die sie zu entdecken vorgebe. Bezogen auf die Ereignisse des 11. September müsste eine solche Konstruktion lauten: "Die Vergeltungsschläge und die Maßnahmen zur Sicherheit schaffen überhaupt erst den Terror, den sie zu bekämpfen vorgeben." Was könnte das heißen?

Man kann das "Produzieren", "Schaffen" auf zweierlei Weise verstehen. Einmal in einem einfachen Sinn, in dem der oben genannte Satz dann bedeuten würde, dass der Terror selbst nicht die (erste) Ursache war und dass die staatlichen Maßnahmen gegen den Terror weiteren Terror provozieren. In gewissem Sinn ist diese Interpretation des Satzes common sense zumindest bei jenen, die das Hegemoniestreben des US-Kapitalismus als eine Ursache des Hasses auf die USA ausmachen und bei jenen, die zu Recht darauf hinweisen, dass die neuen Sicherheitsmaßnahmen zur Kriminalisierung von Menschen und Tätigkeiten führt, die bislang unbescholten blieben. Klar ist hier auch, dass das Propagieren des neuen Feindbildes "Islamismus", als ein performativer Akt gesehen werden kann, als eine Furcht, die durch Aufheizen eines kriegerischen Klimas sich die Gründe der Furcht selbst erschafft: "Die Vergeltungsschläge und die Maßnahmen zur Sicherheit schaffen überhaupt erst den Terror, den sie zu bekämpfen vorgeben."

Doch der eigentliche "Clou" des bei Nietzsche entlehnten Gedankens liegt anderswo. Radikal verstanden - und das wäre die zweite Lesart von "Produzieren" - kehrt er nämlich nicht nur das Verhältnis von Ursache und Wirkung um, sondern hebt auch die Zeitfolge zwischen den beiden Elementen auf. Eine extrem verstandene Postmoderne würde so weit gehen zu sagen, dass es den "Terror" vor den Gegenmaßnahme gegen den Terror gar nicht gegeben habe. Nach der Logik eines Foucaultschen Machtmodells wären beide, Schlag und Gegenschlag, "gleichursprünglich" und die Anschläge auf das World Trade Center (WTC) "Terror", weil wir sie als Terror deuten.

In mir hinterlässt die Formel von der Umkehrung immer einen Unbehagen, denn wenn man sie "vernünftig" liest, ist sie langweilig, wenn man sie radikal liest, kann sie unmöglich stimmen. Immerhin - das ist schwer zu bestreiten - sind zuerst und ganz real die Türme des WTC eingestürzt, bevor der gegenwärtige "Kieg gegen den Terror" einsetzte.

"Nur die Übertreibung ist wahr", sagte einmal Adorno, nur sie trägt den Überschuss, der das Denken weiterführt. Gerade die radikal verstandene Machttheorie ermöglicht es, die Frage zu stellen, "wo" die Islamisten eigentlich stecken und den Feind nicht als reales "draußen" zu konstruieren, sondern "Feindbildungen" als tektonische Verschiebungen von Kräfteverhältnissen zu verstehen. Gerade die radikal verstandene Formel der Umkehrung von Ursache und Wirkung erlaubt einen kritischen Umgang mit der Frage, als "was" die Ereignisse vom 11. September zu deuten waren und wann der "Krieg" begonnen hat. Sofort nach den Anschlägen war von Krieg die Rede, einer "Kriegserklärung gegen die USA" - den Krieg haben wir jetzt und ein Paradebeispiel für die postmoderne These, dass die Diskurse Wirklichkeit produzieren.

In seinem Buch, Die Ordnung der Dinge, formuliert Foucault eine für sein Projekt grundlegende Frage: "Was ist für uns unmöglich zu denken und um welche Unmöglichkeit handelt es sich?" An den Grenzen der Möglichkeit unseres Denkens zu operieren, ist ein kantianisches, aufklärerisches Projekt. Die postmodernen Formeln entsprechen nicht den aktuellen Bedürfnissen nach Erklärung. Schade eigentlich, denn sie haben schon immer geholfen, das Bedürfnis nach Erklärung selbst, den "Wahrheitstrieb", zu analysieren und damit die herrschende Denk-Starre aufzulockern.

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00:00 19.10.2001

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