Wer das Feuer liebt

Mediennutzung Die US-Serie „House of Cards“ führt durchs Unterholz von Max Webers politischer Theorie und kann für den Gemeinschaftskundeunterricht nur empfohlen werden
Jürgen Trittin | Ausgabe 02/2014 20

Alles beginnt mit einer Niederlage. Die Stabschefin des frisch gewählten Präsidenten teilt dem Mehrheitsführer Frank Underwood mit, dass er entgegen alter Zusagen nicht Außenminister werden wird. Der Präsident hält es nicht für nötig, Underwood das selbst zu sagen. Natürlich sei das keine Degradierung, er sei einfach angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Kongress unverzichtbar.

Zur Eröffnung der Sitzungsperiode des Kongresses spricht der anglikanische Geistliche dazu die passenden Worte. Wahre Größe zeige sich für Politiker nicht im Triumph, sondern darin, wie sie Niederlagen aushalten. Dabei läuft Frank Underwood – mit seinem Darsteller Kevin Spacey – über die 13 Folgen von House of Cards zu Hochform auf. Er kann mit einer Niederlage umgehen – und wie. Aber von christlicher Nächstenliebe und Demut ist dieser Umgang nicht geprägt.

Es gibt über den politischen Betrieb im deutschen Volksmund eine Reihe von Weisheiten. Eine lautet: „Was ist die Steigerung von Todfeind? Parteifreund.“ Gerade wenn man, wie in den USA, zum Durchbringen großer Reformvorhaben – in House of Cards: der Bildungsreform, ein Sinnbild für Obamacare – parteiübergreifende Allianzen bilden muss, dann wird dieser Satz umso wahrer. Underwood zögert keine Sekunde, seinen Parteifreund, den konzeptionellen Vordenker der Reform, auszuschalten, um die Bildungsreform in seiner Version ins Verfahren zu bringen. Er beweist Loyalität, um sich zu rächen.

Telefonkonferenzautorität

Wenn Politologen sich volkstümlich geben, dann pflegen sie zu sagen: „All politics is local.“ Und richtig, mitten in den Verhandlungen zur Bildungsreform ist es Frank Underwood wichtiger, sich um den Unfalltod eines Mädchens in seinem Wahlkreis zu kümmern, als in Washington Kompromisse auszuhandeln. Dafür gibt es Telefonkonferenzen. Bei denen kann man mit ein paar knackigen Bemerkungen am Anfang Anwesenheit simulieren. Dann widmet sich Frank Underwood wichtigeren Dingen – in diesem Fall einem Telefonat mit seiner Frau Claire (Robin Wright). Und wenn sich alle eingebracht haben, fasst Frank am Ende die Ergebnisse der Telefonkonferenz zusammen. In seinem Sinne.

Die auch in und zwischen deutschen Parteien überaus beliebte Telefonkonferenz kommt als Instrument für Partizipation daher, ist aber in Wahrheit ein autoritäres Werkzeug zur Loyalitätsnötigung – im Film wie im Leben. Fast wünscht man sich für die nächste Staffel zu sehen, wie Frank Underwood mit neuen gruppendynamischen Kommunikationsformen wie Fishbowl umginge. Eine Audienz beim Papst dürfte dagegen eine basisdemokratische Veranstaltung sein.

Wir haben es in House of Cards also mit einem Meister des politischen Betriebs zu tun. Als in Deutschland jüngst beklagt wurde, dass der Bundestag nicht arbeite, weil der neue Koalitionsvertrag langer Abstimmungen bedurfte, dann konnte man darin eine Dominanz der Exekutive über die Legislative sehen und das beklagen. Man konnte es für verfassungswidrig halten. Doch erst jenseits davon wurde diese Klage besonders heftig, weil mit der Parlavakanz der Kern des zweiten rheinischen Politik-axioms verletzt wurde. Es lautet: „Kommen wir zur Sachpolitik. Was wird aus mir?“ Weil noch kein Ausschuss konstituiert war, konnte auch der jeweilige Vorsitz nicht vergeben werden, die Sprecherposten waren noch nicht verteilt, stellvertretende Vorsitzende lange nicht gewählt. Das schaffte emsige Unruhe in den Fraktionen.

Medien als Macht

Mit solchen Petitessen gibt sich Frank Underwood nicht ab. Seine Rolle als Majority Whip steht fest, und er nutzt sie als Instrument der Rache – gegen seinen Konkurrenten im Außenministerium und für sein neues Ziel, Vizepräsident zu werden. Dafür entwickelt er das erste rheinische Politikaxiom („Das ist ein guter Mann, sägen wir ihn ab“) kreativ weiter. Bei Underwood gilt: Das ist ein schlechter Mann – machen wir ihn zum Gouverneur! Peter Russo (Corey Stoll) wird, gerade weil er säuft und kokst, von Underwood befördert. Denn deshalb ist Russo abhängig von ihm. Dass er im Laufe der ersten Staffel – Vorsicht, Spoiler – ermordet wird, gehört wohl eher zur Fernsehdramaturgie.

Nicht Fernsehen, sondern Wirklichkeit sind zwei andere Aspekte der Serie: die Abhängigkeit zwischen Medien und Abgeordneten und die Abhängigkeit politischer Entscheidungsträger von den Mächten aus Industrie und Wirtschaft. House of Cards zertrümmert rücksichtslos das Gerede von den Medien als Kontrolleure der Macht. Medien sind selber Teil der Macht. Sie berichten nicht einfach, sie setzen Themen. Diese sind von Klickzahlen und Auflagen ebenso abhängig wie von persönlichen Karriereinteressen von Journalistinnen und Journalisten. Der übliche Deal („Ich versorge Dich mit Material und Du zitierst mich“) muss nicht wie bei Frank Underwood und Zoe Barnes (Kate Mara) in einem zeitweiligen Verhältnis enden. Aber er läuft genau so.

Medien sind Teil der politischen Maschinerie, auch wenn sie das scheinheilig verleugnen, stattdessen pauschalisierend über „die Politik“ reden und damit das Vorhandensein realer politischer Alternativen vernebeln. Sie setzen Themen, Trends und Stimmungen. Ob sich Bild über den Veggie-Day echauffiert oder Süddeutsche Zeitung und Spiegel von Abzocke und Raubzug schwadronieren, obwohl fast alle Steuerzahler von einer grünen Steuerpolitik profitieren würden – es ist von der Sache her egal. Themen und Stimmungen sind gesetzt, der öffentliche Diskurs besetzt. Politische Parteien haben kaum eine Chance, von sich aus ihre Themen zu bestimmen.

Die Grenzen des Einflusses

Das mediale Agenda-Setting entspricht oft den Interessen mächtiger Lobbygruppen. Im deutschen Wahlkampf kostümierten sich Multi-Milliardäre als geschundene Mittelständler, und der gesamte BDI mit allen seinen Verbänden wollte die Energiewende rückabwickeln. Mit der Großen Koalition ist er diesem Ziel einen großen Schritt näher gekommen. Und die großen Vermögen und Einkommen werden weiterhin nicht angemessen besteuert.

Frank Underwood erlebt in den Episoden der ersten Staffel die eine oder andere Niederlage, einen Patzer in einer Talkshow schüttelt er einfach ab. „Mein Mann entschuldigt sich nicht, nicht mal bei mir“, sagt Claire Underwood. In der Industrie, hier ebenfalls: die Energiewirtschaft, findet Underwood allerdings seinen Meister. Die nuklearen Anstrengungen des Unternehmens SanCorp. in China dürfen durch seine Vizepräsidenten-Ambitionen nicht gefährdet werden. Die Interessen des militärisch-industriellen Komplexes entziehen sich der Logik des innerparteilichen Kampfes und begrenzen ihn zugleich.

House of Cards kann uneingeschränkt für den Gemeinschaftskundeunterricht empfohlen werden. Frank Underwood führt durch das Unterholz von Max Webers Theorie über das Wesen von Politik im Kompromiss. Nur stellt dieser sich eben nicht im Wettstreit besserer Konzepte her, sondern zwischen sehr eigennützigen, sehr materiellen Interessen. Da ist es gut, wie Frank Underwood mehrere Eisen im Feuer zu haben. Wenn man wie seine Frau Claire dann sagen kann: „Ich mag Eisen und ich liebe Feuer“, hat man Spaß an Politik.

Jürgen Trittin wird dem Auswärtigen Ausschuss des neu gewählten Bundestags angehören. Bisher saß er öfter in Kinosälen und Theateraufführungen als vor dem Bildschirm zum Serienschauen.

Die Ergebnisse einer anonymen Umfrage zum Fernsehseriensehverhalten von Deutschen Bundestagsabgeordneten finden sie hier. Die Vorlieben der Serien-Aficionados aus den Fraktionen CDU, SPD und Die Linke hier.

06:00 09.01.2014

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