Jürgen Trittin
Ausgabe 0214 | 09.01.2014 | 06:00 20

Wer das Feuer liebt

Mediennutzung Die US-Serie „House of Cards“ führt durchs Unterholz von Max Webers politischer Theorie und kann für den Gemeinschaftskundeunterricht nur empfohlen werden

Alles beginnt mit einer Niederlage. Die Stabschefin des frisch gewählten Präsidenten teilt dem Mehrheitsführer Frank Underwood mit, dass er entgegen alter Zusagen nicht Außenminister werden wird. Der Präsident hält es nicht für nötig, Underwood das selbst zu sagen. Natürlich sei das keine Degradierung, er sei einfach angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Kongress unverzichtbar.

Zur Eröffnung der Sitzungsperiode des Kongresses spricht der anglikanische Geistliche dazu die passenden Worte. Wahre Größe zeige sich für Politiker nicht im Triumph, sondern darin, wie sie Niederlagen aushalten. Dabei läuft Frank Underwood – mit seinem Darsteller Kevin Spacey – über die 13 Folgen von House of Cards zu Hochform auf. Er kann mit einer Niederlage umgehen – und wie. Aber von christlicher Nächstenliebe und Demut ist dieser Umgang nicht geprägt.

Es gibt über den politischen Betrieb im deutschen Volksmund eine Reihe von Weisheiten. Eine lautet: „Was ist die Steigerung von Todfeind? Parteifreund.“ Gerade wenn man, wie in den USA, zum Durchbringen großer Reformvorhaben – in House of Cards: der Bildungsreform, ein Sinnbild für Obamacare – parteiübergreifende Allianzen bilden muss, dann wird dieser Satz umso wahrer. Underwood zögert keine Sekunde, seinen Parteifreund, den konzeptionellen Vordenker der Reform, auszuschalten, um die Bildungsreform in seiner Version ins Verfahren zu bringen. Er beweist Loyalität, um sich zu rächen.

Telefonkonferenzautorität

Wenn Politologen sich volkstümlich geben, dann pflegen sie zu sagen: „All politics is local.“ Und richtig, mitten in den Verhandlungen zur Bildungsreform ist es Frank Underwood wichtiger, sich um den Unfalltod eines Mädchens in seinem Wahlkreis zu kümmern, als in Washington Kompromisse auszuhandeln. Dafür gibt es Telefonkonferenzen. Bei denen kann man mit ein paar knackigen Bemerkungen am Anfang Anwesenheit simulieren. Dann widmet sich Frank Underwood wichtigeren Dingen – in diesem Fall einem Telefonat mit seiner Frau Claire (Robin Wright). Und wenn sich alle eingebracht haben, fasst Frank am Ende die Ergebnisse der Telefonkonferenz zusammen. In seinem Sinne.

Die auch in und zwischen deutschen Parteien überaus beliebte Telefonkonferenz kommt als Instrument für Partizipation daher, ist aber in Wahrheit ein autoritäres Werkzeug zur Loyalitätsnötigung – im Film wie im Leben. Fast wünscht man sich für die nächste Staffel zu sehen, wie Frank Underwood mit neuen gruppendynamischen Kommunikationsformen wie Fishbowl umginge. Eine Audienz beim Papst dürfte dagegen eine basisdemokratische Veranstaltung sein.

Wir haben es in House of Cards also mit einem Meister des politischen Betriebs zu tun. Als in Deutschland jüngst beklagt wurde, dass der Bundestag nicht arbeite, weil der neue Koalitionsvertrag langer Abstimmungen bedurfte, dann konnte man darin eine Dominanz der Exekutive über die Legislative sehen und das beklagen. Man konnte es für verfassungswidrig halten. Doch erst jenseits davon wurde diese Klage besonders heftig, weil mit der Parlavakanz der Kern des zweiten rheinischen Politik-axioms verletzt wurde. Es lautet: „Kommen wir zur Sachpolitik. Was wird aus mir?“ Weil noch kein Ausschuss konstituiert war, konnte auch der jeweilige Vorsitz nicht vergeben werden, die Sprecherposten waren noch nicht verteilt, stellvertretende Vorsitzende lange nicht gewählt. Das schaffte emsige Unruhe in den Fraktionen.

Medien als Macht

Mit solchen Petitessen gibt sich Frank Underwood nicht ab. Seine Rolle als Majority Whip steht fest, und er nutzt sie als Instrument der Rache – gegen seinen Konkurrenten im Außenministerium und für sein neues Ziel, Vizepräsident zu werden. Dafür entwickelt er das erste rheinische Politikaxiom („Das ist ein guter Mann, sägen wir ihn ab“) kreativ weiter. Bei Underwood gilt: Das ist ein schlechter Mann – machen wir ihn zum Gouverneur! Peter Russo (Corey Stoll) wird, gerade weil er säuft und kokst, von Underwood befördert. Denn deshalb ist Russo abhängig von ihm. Dass er im Laufe der ersten Staffel – Vorsicht, Spoiler – ermordet wird, gehört wohl eher zur Fernsehdramaturgie.

Nicht Fernsehen, sondern Wirklichkeit sind zwei andere Aspekte der Serie: die Abhängigkeit zwischen Medien und Abgeordneten und die Abhängigkeit politischer Entscheidungsträger von den Mächten aus Industrie und Wirtschaft. House of Cards zertrümmert rücksichtslos das Gerede von den Medien als Kontrolleure der Macht. Medien sind selber Teil der Macht. Sie berichten nicht einfach, sie setzen Themen. Diese sind von Klickzahlen und Auflagen ebenso abhängig wie von persönlichen Karriereinteressen von Journalistinnen und Journalisten. Der übliche Deal („Ich versorge Dich mit Material und Du zitierst mich“) muss nicht wie bei Frank Underwood und Zoe Barnes (Kate Mara) in einem zeitweiligen Verhältnis enden. Aber er läuft genau so.

Medien sind Teil der politischen Maschinerie, auch wenn sie das scheinheilig verleugnen, stattdessen pauschalisierend über „die Politik“ reden und damit das Vorhandensein realer politischer Alternativen vernebeln. Sie setzen Themen, Trends und Stimmungen. Ob sich Bild über den Veggie-Day echauffiert oder Süddeutsche Zeitung und Spiegel von Abzocke und Raubzug schwadronieren, obwohl fast alle Steuerzahler von einer grünen Steuerpolitik profitieren würden – es ist von der Sache her egal. Themen und Stimmungen sind gesetzt, der öffentliche Diskurs besetzt. Politische Parteien haben kaum eine Chance, von sich aus ihre Themen zu bestimmen.

Die Grenzen des Einflusses

Das mediale Agenda-Setting entspricht oft den Interessen mächtiger Lobbygruppen. Im deutschen Wahlkampf kostümierten sich Multi-Milliardäre als geschundene Mittelständler, und der gesamte BDI mit allen seinen Verbänden wollte die Energiewende rückabwickeln. Mit der Großen Koalition ist er diesem Ziel einen großen Schritt näher gekommen. Und die großen Vermögen und Einkommen werden weiterhin nicht angemessen besteuert.

Frank Underwood erlebt in den Episoden der ersten Staffel die eine oder andere Niederlage, einen Patzer in einer Talkshow schüttelt er einfach ab. „Mein Mann entschuldigt sich nicht, nicht mal bei mir“, sagt Claire Underwood. In der Industrie, hier ebenfalls: die Energiewirtschaft, findet Underwood allerdings seinen Meister. Die nuklearen Anstrengungen des Unternehmens SanCorp. in China dürfen durch seine Vizepräsidenten-Ambitionen nicht gefährdet werden. Die Interessen des militärisch-industriellen Komplexes entziehen sich der Logik des innerparteilichen Kampfes und begrenzen ihn zugleich.

House of Cards kann uneingeschränkt für den Gemeinschaftskundeunterricht empfohlen werden. Frank Underwood führt durch das Unterholz von Max Webers Theorie über das Wesen von Politik im Kompromiss. Nur stellt dieser sich eben nicht im Wettstreit besserer Konzepte her, sondern zwischen sehr eigennützigen, sehr materiellen Interessen. Da ist es gut, wie Frank Underwood mehrere Eisen im Feuer zu haben. Wenn man wie seine Frau Claire dann sagen kann: „Ich mag Eisen und ich liebe Feuer“, hat man Spaß an Politik.

Jürgen Trittin wird dem Auswärtigen Ausschuss des neu gewählten Bundestags angehören. Bisher saß er öfter in Kinosälen und Theateraufführungen als vor dem Bildschirm zum Serienschauen.

Die Ergebnisse einer anonymen Umfrage zum Fernsehseriensehverhalten von Deutschen Bundestagsabgeordneten finden sie hier. Die Vorlieben der Serien-Aficionados aus den Fraktionen CDU, SPD und Die Linke hier.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 02/14.

Kommentare (20)

Flori 09.01.2014 | 09:38

Danke für diesen Artikel. Zur Serie selbst vielleicht noch ein Wort: Die ersten beiden Folgen sind gigantisch gut! Die Hauptfigur: ein Richard III., der zum Vergnügen des Publikums seine Schukentaten - Blick in die Kamera - zuvor ankündigt. Ihm gelingt auch jede Schweinerei grandios. Das ist vom Feinsten! Lässt sich so nur nicht durchhalten...

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Ehemaliger Nutzer 09.01.2014 | 18:08

"Die Interessen des militärisch-industriellen Komplexes entziehen sich der Logik des innerparteilichen Kampfes und begrenzen ihn zugleich."

Eine Aussage, die aus der Feder eines Mitglieds des Auswärtigen Ausschusses und frisch berufenen Bilderbergers zugleich kraftvoll und schwächlich wirken kann.

Schwächlich erscheint sie nicht nur ihres fiktionalen Kontextes halber, sondern auch in der Paraphrasierung. Entziehen und begrenzen - das kann der Leser ebenso für eine vorsichtige Beschreibung von full spectrum dominance halten, wie für deren verschlüsselte Einschränkung.

Und in der Tat kenne ich niemanden, der sich ernsthaft mit US-Innenpolitik beschäftigt, der nicht spätestens an der Weise, wie die "Finanzkrise" 2008 im trauten Zusammenspiel zwischen Bernanke und Obama ausgeklinkt wurde, bemerkt hätte, daß da ein veritabler Krieg zwischen (nicht nur) dem Militärisch(en) (industriellen) Finanzkomplex gegen eine zweite Fraktion, die ich hier nicht näher charakterisieren mag, um die Kommandohöhen in Washington im Gange ist. Er wird auch auf Schlachtfeldern Afrikas und des Nahen Ostens ausgetragen und forderte bislang einige Dutzend Millionen Tote, wenn man die Verhungerten und im Elend Verreckten hinzu zählt, mit Optionen auf Erweiterungen um eine Zehnerpotenz. Sollte Jürgen Trittin die Ausnahme sein? Derjenige, dem all das entgangen ist? Wohl kaum.

Unter dieser Voraussetzung schaue ich auf "House of Cards". Ich kenne das nicht, ich habe keinen Fernseher und werde meine kostbare Lebenszeit nicht an Streamings vergeuden. Doch es gibt ja auch andere Auskünfte.

Für das GEsamtprojekt, und besonders die zweite Staffel, die im März synchronisiert vorliegen soll, gibt Autor Beau Willimon die Biographie Lyndon B. Johnsons als eine Hauptquelle seiner Inspiration - Inspiration? - an. Der offizielle Trailer unterstreicht das für mein Empfinden.

Lyndon B. Johnson, dem John F. Kennedy die Vizepräsidentschaft anbot, weil Rücksicht auf dessen texanische Klientel ihm das geboten erscheinen ließ, aber das Angebot so lang hinaus zögerte, bis er glaubte, daß der von ihm öffentlich düpierte und herab gesetzte Johnson ablehnen werde. Vielleicht erinnert sich ja nicht nur die barfüßige Gräfin - gab es da nicht 2008 nahezu ein "Remake" mit Obama und seiner künftigen Außenministerin Hillary "We came, we saw, he died" Clinton in den Hauptrollen?

Kennedy's Beseitigung hatte bei Abschluß der Dreharbeiten zur zweiten Staffel "Jubiläum" - ja, Jubiläum dürfen, ja müssen wir sagen, wenn wir mit Peter Dale Scott und vielen anderen US-Historikern der Auffassung sind, daß mit Kennedy's Ermordung ein leichenträchtiger Krieg um das Weiße Haus entbrannt ist, geführt von einer Clique, die von Rohstoffproduzenten, Rüstungsindustriellen und ihren Kreditgebern finanziert wurde.

Eine der ersten, wenn nicht die erste außenpolitische Amtshandlung Johnsons nach der Ermordung Kennedy's war die Rücknahme einer Anweisung des verblichenen Präsidenten, der die illegal in Vietnam operierenden US-Verbände nach und nach abzuziehen und das südvietnamesische Schlächterregime sich selbst zu überlassen gedachte, wie der damalige CIA-Chef John McCone später zu Protokoll gab. Er wolle nicht der erste Präsident sein, der einen Krieg verloren habe, begründete Johnson seine Entscheidung McCone gegenüber - allein, zu dieser Zeit gab es offiziell noch keinen Vietnamkrieg. Den hob Johnson in Zusammenarbeit mit einigen Admirälen und Generälen erst knapp zwei Jahre später mit Hilfe einer False-Flag-Operation, dem "Tonkin-Zwischenfall" aus.

Denkt da vielleicht ein Leser an die unermüdlichen Vorbereitungen für einen künftigen Waffengang gegen den Iran, angeführt von Hillary "We came, we saw, he died" Clinton und dem Premierminister eines gewissen nahöstlichen Zwergstaates?Denen eine scharfe Kehrtwende folgte, nachdem Clinton mit dem Bengazi-Zwischenfall alle Versuchungen des Rücktritts vom Rücktritt genommen waren, und Petraeus einen Fall von der Bühne der Macht im Pentagon erlitt, der einer Inszenierung der Hamburger Volksbühne gut angestanden hätte?

Und gestern erst produzierte die Medienindustrie einen gewaltigen Hype um die Erinnerungskritzeleien des Ex-Kriegsministers von George W., die Obama zum staatsgefährdenden Schwächling stilisieren und Hillary "We came, we saw, he died" Clinton zur über der ganzen Welt erstrahlenden Lichtgestalt der US-Politik stilisiert.

Oh, ich könnte hier noch Stunden erzählen und dabei zu "wirklich wichtigen" Dingen übergehen, aber die sind ja nicht gefragt, nehme ich an Jürgen Trittins Empfehlung für den Gemeinschaftskundeunterricht Maß, gelle?

So belasse ich es dabei zu erwähnen, daß der zweiten Staffel von "House of Cards", die am 14. Feb. Netz-Premiere haben soll, bereits am 6. März die deutsche Synchronisation folgen wird. Da will anscheinend jemand auf keinen Fall zu spät für das "Leben" kommen, könnte man denken, auch und gerade wenn und weil dies "Leben" für das Publikum in nichts anderem bestehen soll und darf, als - Inszenierungen.

In diesem Sinne: Bye, and thanks for the fish.

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Ehemaliger Nutzer 09.01.2014 | 18:54

PS. : Wenn es auch um keine wirklich wichtige Sache, stattdessen eine wahrlich wichtige Inszenierung geht, möchte ich doch noch ein paar Hinweise zu den Weiterungen des Hintergrundes hinterlassen, den ich vermute.

Am 26. August, wenige Tage nach der False -Flag - Operation in Al Ghouta und der Aufnahme, die sie im Weißen Haus fand - Seymour Hersh berichtete - und noch während Präsident Obama drastische Worte zu "Assad, der dreihundert Kinder vergaste" in die Mikrophone sprach, veröffentlichte Shane Harris für Foreign Policy Einzelheiten über den Chemiewaffenkrieg, den die Reagan - Administration gegen den Iran führen ließ. Für Historiker ein alter Hut, für das Normalpublikum ein "outrage", obgleich der Aufschrei - soweit ist man in den USA längst - nahezu vollständig auf die "einschlägigen Verdächtigen" begrenzt blieb.
Übrigens - Harris schaffte es, die Geschichte zu formulieren, ohne daß die Namen Rumsfeld und Cheney fielen ...

Derselbe Shane Harris hatte einen knappen Monat vorher anläßlich des NSA - "Skandals" eine Kampagne gegen die Bush-Regierung unter dem Titel "Total Recall" losgetreten. Jedem, der die beiden Filme dieses Titels bekannt waren, mußte auffallen, daß auf diese alberne Weise 9/11 referenziert wurde, denn der Titel spielt im Text keine Rolle.

Und im Dezember machte sich ausgerechnet ein gewisser Paul Sperry, ein notorischer Propagandist des AIPAC an die Eröffnung einer Enthüllungskampagne über die "wahren Hintergründe von 9/11" die wenig später auch von einem amerikanischen Gericht aufgenommen wurde, das bis dahin allen Ersuchen der Angehörigen der Opfer um eine echte Aufklärung des Falles widerstand.

Ich bin mir daher gewiß, daß "House of Cards" eine maßgebliche Rolle bei der Revision der Legende von 9/11 zugedacht ist, mit der jede Menge Absichten verknüpft sind, nur eine ganz gewiß nicht: Die Tatsachen ans Licht zu bringen.

Ich wette 10.000 Dollar. Was hältst Du dagegen? (bitte in Renmimbi or Rubel)

Berufsjugendlicher v2.0 09.01.2014 | 21:34

Jetzt steigt der Fernsehkritiker Tittin in die Bütt. Ich lese mal dagegen was die Käufer der Serie bei Amazon werten. Fällt mir doch glatt eine Rezension in die Finger: "Blick in Seelenabgründe, aber kein Blick hinter die Kulissen" (Danke an Truchsess Rheinland). Was für ein Geschwurbel läßt Trittin dagegen ab? Na egal, wenn ich Kritiker bewegter Bilder lesen will, bevorzuge ich Dell oder Seßlen. Ich habe die Serie nicht gesehn, brauche keine Gemeinschaftskundeunterricht und Unterhaltung habe ich genug. Trittin leidet vielleicht an Adultismus in fortgeschrittenem Stadium ist mein freundlichster Gedanke. Und Tschüss.

Magda 09.01.2014 | 22:38

Vor vielen, vielen Jahren gabs mal eine Serie, die hieß "Washington hinter verschlossenen Türen".

Und - da haben wir - abgesehen von den Zuspitzungen auch sofort angenommen, dass es so "läuft" in der Politik. Damals ging es um Nixon und die Watergate Affäre.

Die jetzige Serie habe ich nicht gesehen, aber was hier darüber gesagt wird, ist überhaupt nicht überraschend. Überraschend ist nur, dass es absolut so zu sein scheint, wie man es annimmt. Und - dass Medien Teil der politischen Maschinerie sind, wer hätte das gedacht. :-))))))))

Columbus 10.01.2014 | 19:02

Lieber Jürgen Trittin,

So ganz gegen die allgemeine Stimmung, war ich mit Ihnen, d.h. mit ihrer Politik, -zum Menschlich, Allzumenschlichen kann und will ich hier gar nichts sagen-, sehr zufrieden.

Sie blieben z.B. ehrlich bezüglich der Steuern, die für vermehrte und energisch angepackte, zusätzliche Aufgaben des Staates (Bildung, Energiewende, freie Forschung, Altlastensanierung der Atomwirtschaft) notwendig gewesen wären und Sie kassierten dafür eine typische, aber, ich darf das sagen, dumme Wählerreaktion.

Von "House of cards" und "Borgen" kann jeder lernen, natürlich auch Schüler im GK-Unterricht oder in anderen Fächern, und trotzdem gut unterhalten sein. Kein Vergleich ist möglich zu den eher kläglichen Versuchen des ö.r. Fernsehens hierzulande.

Die Professionalisierung der Politik erzeugt begleitend auch ein politisch-mediales, zukünftig wohl auch wirtschaftliches Feld (In Zukunft wollen auch wirtschafltiche Eliten mehr Mitsprache (Otto-ECE baupolitisch, Berggruen will gar die Demokratie verbessern), insbesondere noch mehr informelle und direkte Kontakte. Dafür gibt es für einige Politiker, die sich als gute Manager und Vorplaner dieser Vernetzung erwiesen haben, völlig unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, -noch mit Ausnahme der Linken-, auch lukrative Anschlussverwendungen.

Die Politik selbst, sie ist nicht mehr ein Prozess auf den in der idealen Fiktion des freien Spiels der Kräfte viele Akteure einwirken, sondern, mittlerweile immer dann, wenn es sprichwörtlich um die Wurst geht, viel Geld bewegt wird oder aber Gesetze entstehen, die bestimmten Gruppen viel Geld bringen (z.B. Versicherungen die staatliche Sozialversicherungen ergänzen oder schrittweise ersetzen), höchstgradig prozessiert, bevor die Bürger auch nur eine Ahnung bekommen.

Sogar die privatwirtschaftlich- jurisitische Expertise ist schon eingearbeitet, bevor es zu irgend einer Abstimmung oder zu einer Offenlage kommt.

Karrieren und Persönlichkeiten schlagen Themen. Wer hat da nicht mehr Lernprozesse durchgemacht, als ausgerechnet die Grüne- Partei? - In ihrer Partei werden jene Persönlichkeiten knapp, die tatsächlich noch mit einem oder ein paar Themen ihr ganzes politisches Leben bestreiten, die sich einem oder ein paar wenigen Sachverhalten, wirklich verschrieben haben, und es kommt nun der Typus, den es auch bei klassischen Parteien länger schon gibt. Der betreibt Politik als Beruf, das heißt als Spezialistenarbeit von und durch Generalisten.

Trotz Ihres luziden Blicks auf TV-Polit-Serien, wäre es mir natürlich lieb, wenn Sie weiterhin Politik machten, also Gesetze und Verordnungen oder aber die passende Kritik derselben.

Werden Sie bitte nicht Fernsehkritiker und nicht Diätberater der Nation, eine Grüne hat da völlig gereicht. Schreiben Sie keine Energieratgeber und halten Sie sich von jeglicher Form der Ratgeber- Literatur und -Artikelei fern, treten Sie auch nicht als Clown im TV auf und bereichern Sie bitte nicht den Prominentenstadel auf den TV-Sitzmöbeln der Republik.

Bleiben Sie einfach politisch und Politiker, auch wenn das nicht gerade der Trend ist, der nur noch Muttis, Multifunktionäre und austauschbare Allzweckprofis kennt. Das reichte mir vollauf.

Beste Grüße und wenigstens ein paar gute Tage als wirklicher, nicht nur gespielter, Opponent in der Außenpolitik

Christoph Leusch

Meyko 11.01.2014 | 11:31

"Medien sind selber Teil der Macht. Sie berichten nicht einfach, sie setzen Themen. Diese sind von Klickzahlen und Auflagen ebenso abhängig wie von persönlichen Karriereinteressen von Journalistinnen und Journalisten."

Das kann man nicht oft genug klarstellen!

Die Journalisten verschleiern da im allgemeinen lieber die Zusammenhänge...

Hier nochmal einige Ausnahmen:

"Es ist kein Spaß, sich mit dem Kartell aller großen Häuser anzulegen. Wer will Springer, Burda, »Süddeutsche«, »FAZ«, DuMont und die »WAZ«-Gruppe gegen sich haben? Natürlich sagen Mathias Döpfner, Frank Schirrmacher oder Hubert Burda ihren Redakteuren nicht, was sie schreiben sollen. Das wissen die schon von allein." (J. Augstein / Spiegel 23.06.2011)

„Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“. (Zitat des Gründungsherausgebers der FAZ, Paul Sethe, in einem Leserbrief im Spiegel vom 5. Mai 1965)

"Wesentlich an einer Zeitung ist zunächst und vor allem, was sie bringt, und was sie nicht bringt. Niemand wird annehmen, dass täglich stets grade so viel geschieht, wie in sechzehn Seiten hineingeht – aber fast jeder wird annehmen, dass da das Wesentlichste, gewissermaßen der Extrakt aller täglichen Geschehnisse, zu lesen sei. Ich glaube nicht, dass das der Fall ist. Der geschickte Journalist hat eine Waffe: das Totschweigen – und von dieser Waffe macht er oft genug Gebrauch. Jede Zeitung hat eine Reihe Personen, Dinge, Interessensphären, die tabu sind – von ihnen wird niemals, weder im guten noch im bösen Sinne, gesprochen."(Kurt Tucholsky /Die Weltbühne, 13.10.1921)


“Bis zum heutigen Tag gibt es so etwas wie eine unabhängige Presse in der Weltgeschichte nicht. Sie wissen es und ich weiß es. Es gibt niemanden unter ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben und wenn er es tut, weiß er im Voraus, dass sie nicht im Druck erscheint. Ich werde jede Woche dafür bezahlt, meine ehrliche Meinung aus der Zeitung herauszuhalten, bei der ich angestellt bin. Andere von Ihnen werden ähnlich bezahlt für ähnliche Dinge und jeder von Ihnen, der so dumm wäre, seine ehrliche Meinung zu schreiben, stünde auf der Straße. Wenn ich meine ehrliche Meinung in einer Ausgabe meiner Zeitung veröffentlichen würde, wäre ich meine Stellung innerhalb von 24 Stunden los. Es ist das Geschäft der Journalisten, die Wahrheit zu zerstören, unumwunden zu lügen, zu pervertieren, zu verleumden, die Füße des Mammon zu lecken und das Land zu verkaufen für ihr tägliches Brot. Wir sind die Werkzeuge und Vasallen der reichen Männer hinter der Szene. Wir sind die Hampelmänner, sie ziehen die Strippen und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Fähigkeiten und unser ganzes Leben sind Eigentum anderer Menschen. Wir sind intellektuelle Prostituierte.”
(John Swinton, ehemaliger Chefredakteur der New York Times im Jahre 1889)

Zylvia Auerbach 14.01.2014 | 14:24

Lieber Jürgen Trittin,

freut mich immer von Ihnen hier etwas zu lesen. Besonders dieser Artikel, der ja exemplarisch mediale Verflechtungen und Abhängigkeiten zwischen Politik und Journalisten anspricht. Irre spannend, hier sozusagen direkt eine Stimme aus dem Inneren der Politik zu hören.

»[…] die Abhängigkeit zwischen Medien und Abgeordneten und die Abhängigkeit politischer Entscheidungsträger von den Mächten aus Industrie und Wirtschaft. House of Cards zertrümmert rücksichtslos das Gerede von den Medien als Kontrolleure der Macht. Medien sind selber Teil der Macht. Sie berichten nicht einfach, sie setzen Themen. Diese sind von Klickzahlen und Auflagen ebenso abhängig wie von persönlichen Karriereinteressen von Journalistinnen und Journalisten. Der übliche Deal („Ich versorge Dich mit Material und Du zitierst mich“) […] .
Medien sind Teil der politischen Maschinerie […]. Sie setzen Themen, Trends und Stimmungen. Ob sich Bild über den Veggie-Day echauffiert oder Süddeutsche Zeitung und Spiegel von Abzocke und Raubzug schwadronieren, obwohl fast alle Steuerzahler von einer grünen Steuerpolitik profitieren würden – es ist von der Sache her egal. Themen und Stimmungen sind gesetzt, der öffentliche Diskurs besetzt. Politische Parteien haben kaum eine Chance, von sich aus ihre Themen zu bestimmen.«

Keine Frage – »Politische Parteien haben kaum eine Chance, von sich aus ihre Themen zu bestimmen« – stimmt, das kann man so sehen. Vor Jahrzehnten war es tatsächlich vielleicht auch mal zutreffend.

Für die heutige Situation kommt mir diese Schilderung jedoch zu einseitig vor. Es stimmt natürlich, Lobbygruppen sind überall präsent, aber als politisch interessierter Designer sage ich mal ganz lapidar: In ihren Presseabteilungen setzen Parteien Themen, politische Pressesprecher und Marketingspezialisten erarbeiten für Millionen von Euro öffentlichkeitswirksames Material, entwerfen zusammen mit Designern, Brandingagenturen, Medienberatern und Spindoctoren bundesweite Kampagnen. Da werden seitens der Parteien ganz gezielt Themen gesetzt und Stimmungen geschaffen.

Andersherum funktioniert dies aber ebenfalls: Wenn in Hamburg die Bürger gegen verfehlte Asyl- und Wohnungspolitik auf die Strasse gehen, dann von der Polizei brutalst attackiert und drangsaliert werden; wenn diese Bilder dann von den Medien aufgegriffen werden,dann sehen wir hier die direkte Folge politischer Gestaltung. Elitäre, ausgrenzende politische Gesetzgebung, die den öffentlichen Raum privatisiert, die Jugend und Vielfalt zum Verbrechen erklärt. Die Medien sind nur ein Teil eines komplexen diskursiven Netzes. Und so wie es Journalisten gibt, die sich prostituieren gibt es eben auch jene, die sich angreifbar machen und unbequeme Wahrheiten aussprechen. Das sind dann diejenigen, denen unsere Aufmerksamleit gebührt.

Ganz am Rande: Diese Community beispielsweise ist ein großartiges Beispiel für korrektive, freie journalistische Arbeit. Hier findet man großartige, luzide Analysen und Berichte, die keiner käuflichen Meinung geschuldet sind.

Meyko 15.01.2014 | 09:50

Ja, es wird sich wohl allerorten bemüht:"In ihren Presseabteilungen setzen Parteien Themen, politische Pressesprecher und Marketingspezialisten erarbeiten für Millionen von Euro öffentlichkeitswirksames Material, entwerfen zusammen mit Designern, Brandingagenturen, Medienberatern und Spindoctoren bundesweite Kampagnen. Da werden seitens der Parteien ganz gezielt Themen gesetzt und Stimmungen geschaffen."

und jetzt kommts:

wenn (oder falls) diese Bilder dann von den Medien aufgegriffen werden (die INSM beeinflusst diesen Prozess ja relativ geschickt),dann sehen wir hier die direkte Folge politischer Gestaltung ...

und wenn nicht, dann wohl nicht. Pech gehabt.

In diesem Fall liegt die Macht (der Verbreitung bzw. Definition) dann offensichtlich wieder in den Händen des Journalismus. (Der geschickte Journalist hat eine Waffe: das Totschweigen – und von dieser Waffe macht er oft genug Gebrauch. /Tucholsky)

Manchmal vermute ich, es ist vielen Journalisten nicht einmal gegenwärtig, wie gross ihr Anteil an der (politischen) Gestaltung in unserem Land letztendlich ist. Besonders beschämend deutlich wird dass , wenn gerade mal wieder eine "lukrative Sau" durchs mediale Dorf getrieben wird.

Tja.

Karl K 15.01.2014 | 19:12

Ach da schau her - Jürgen Schrägschisser Trittin - the old Marabu

( bitte grüßen, ich bin's der Jürgen)

da is ja mal - anders als skiloopingangie - was, was er kann, nicht paddeln - ne, was besprechen, doch, doch; tja - da ist doch noch Luft nach oben; die Scherbe und Vizepräsi den anderen; echter Fortschritt, endlich mal Belüftung - habt ihr doch schon in euren Kleincarree-Döschen die frische Luft schön draußen gelassen und hat doch die anschließende Begrünung am geistigen Geländer nix geändert.

Ja ja - nun kommt der Broterwerb wie allgemein, bisken spät und ungelenk; wird schon werden - Jürgen; wer an der Fettkletterstange GasPromGerd gehangelt hat - der wird's besser hinkriegen als weiland Madame Fulbright bei Milosevic.

Ehrlich, meinen - und den vieler anderer Segen hast du dafür mitnichten - also sie zu.