Wer denkt, der lacht

Im Kino Mit "Melinda und Melinda" lässt Woody Allen seine zwei großen Themen, Tragödie und Komödie, in parallelen Handlungen direkt gegeneinander antreten

Woody Allen ist das lebende Argument für die Anhebung des Rentenalters. Wenn der fast 70-Jährige in dieser Woche seinen Film Melinda und Melinda in die deutschen Kinos bringt, dann kann er damit auf sein 35. Kinowerk in gut 40 Jahren Arbeitsleben verweisen. (Seinen 36. Film, Match Point, hat er dieses Jahr bereits in Cannes präsentiert). Auch im Alter scheint er damit aus seinem filmischen Jahresrhythmus nicht herauszufallen. Und selbst wenn seine letzten Filme wie Im Bann des Jade-Skorpions oder Hollywood Ending sogar unter europäischen Kritikern nicht mehr recht punkten konnten, so gibt es immer noch genug Stimmen, die das kleine fiebrige Männchen hinter den dicken Nickelbrillengläsern für einen der bedeutendsten amerikanischen Filmemacher halten. Allens Vorteil: Seit er seine Filmdialoge mit Kirkegaard- oder McLuhan-Zitaten angereichert hat, kann er auf eine Fangemeinde mit Fachhochschulreife bauen. Wer in den Siebzigern eine Universität besucht hat, für den bleibt Woody Allen einfach das cineastische Seitenstück zur psychoanalytischen Hermeneutik und zu Kiefernmöbeln im Schwedenstil. Nicht Wenige halten den Hobby-Freud aus Upper-East-Side Manhattan daher noch immer für einen kleinen Gott der Leinwand.

Ein Gott aber, der bastelt nicht; Woody Allen dagegen schon. Selten sind seine Filme der ganz große Wurf. Eher schon verwendet er die immer gleichen Ingredienzien, um daraus die verschiedensten Handlungstypen zu konstruieren. Sein filmisches Œuvre jedenfalls böte genügend Stoff für eine umfangreiche Doktorarbeit zum "Poststrukturalismus im amerikanischen Autorenfilm". Seit Deconstructing Harry hat Allen aus dieser Herangehensweise nie einen Hehl gemacht. Manchmal wirkt es gar, als gäbe es im Letzten nur einen einzigen Woody-Allen-Film. Dieser wird vom Meister immer anders geschnitten und nach einer geheimen Formel stets aufs Neue zusammengesetzt. So findet man denn auch in Melinda und Melinda all jene Einstellungen und Szenen wieder, die sich seit seinem Debüt What´s up, Tiger Lily in seine Bildfolgen eingeschrieben haben.

Da gibt es die klassische Allen-Eröffnung von zwei Paaren an einem Restauranttisch, die intellektuelle Stehparty mit den schnell geschossenen Scherzen über Kunst, Masturbation und Holocaust und die langatmigen Bettszenen, bei denen noch jedes Sinnenfeuer in einer zähen Gesprächstherapie verpufft. Fazit: "Er ist mutlos, er ist verzweifelt, er ist lebensmüde. Alle komischen Elemente sind also vorhanden".

Bei diesem Zitat handelt es sich jedoch nicht um eine möglicherweise folgerichtige Selbsteinschätzung Allens, es beschreibt das Grundthema dieses Films. Melinda und Melinda ist ein Lehrstück über das Zusammenspiel von Tragik und Komik sowie die Interpretationshoheit über das eigene Leben. Irgendwo in einem Restaurant in Manhattan sitzt wieder einmal das typische Allen-Personal um einen Tisch zusammen und vertieft sich in ein Streitgespräch über Paare und Passanten, Leben und Liebe. Knackpunkt ist die Frage, ob im Leben eher die tragischen oder die komischen Aspekte überwögen. Uneinig in der Sache konstruiert die intellektuelle Tischgesellschaft eine kleine Geschichte. Der eine erzählt sie als Tragödie, der andere als Komödie.

Die Eckdaten sind in beiden Fassungen die gleichen: Die von ihrer geschiedenen Ehe gezeichnete Melinda (Radha Mitchell) klingelt eines Abends völlig unverhofft an der Tür ihrer verdutzten New Yorker Jugendfreunde. Während diese gerade eine kleine Party geben, tritt der Überraschungsbesuch das Unheil los: Masken fallen, Illusionen zerbrechen. Am Ende, da werden nicht nur Worte, sondern auch Partner und Beziehungen gewechselt worden sein.

Fassung A verläuft dabei wie folgt: Kaum in New York gelandet, stürzt sich die hypernervöse und alkoholabhängige Melinda in die nächste Unglücksbeziehung mit einem Pianisten (Chiwetel Ejivor). Ohne zu merken, dass ihre beste Freundin Laurel (Chloë Sevigny) längst um den gleichen Mann zu buhlen begonnen hat, klammert sie sich verkrampft an dieses kleine verlogene Glück. Als die Wahrheit schließlich ans Licht kommt, weiß sie dem Leben und ihrer "Amour fou" nur noch durch einen beherzten Selbstmordversuch zu entkommen.

Anders die Melinda in Fassung B. Nachdem sie in die Party des befreundeten Pärchens Hobie (Will Ferrell) und Susan (Amanda Peet) hineingeplatzt ist, versucht auch sie zunächst mit einem Musiker ein neues Glück zu finden. Nicht lange jedoch, und der von seiner Partnerin vernachlässigte Hobie verliebt sich in die lebensfrohe Blondine. Hobie, mit dem sich der in die Jahre gekommene Woody Allen recht offensichtlich ein jüngeres Alter Ego nachgebaut hat, stolpert im Folgenden durch die Untiefen seines Schicksals, weiß am Ende aber Fortuna auf seiner Seite.

Ist diese kleine Betrachtung über das Zusammenspiel von Glück und Unglück über weite Teile sicherlich schon hübsch anzusehen, so besteht die eigentliche Leistung des Films jedoch darin, wie Woody Allen die beiden Erzählstränge zusammengebaut hat. Wie so oft, so ist Allen auch diesmal nicht der große Geschichtenerzähler, sondern der begabte Flickenzusammenkleber. Beide Geschichten verlaufen hier nicht säuberlich nacheinander, sondern werden aufwendig parallel montiert. Angereichert mit Rückgriffen auf die anfängliche Restaurantszene, mit den üblichen Altherrenwitzen und den manchmal nervenden Blümchenzoten formt Allen aus seinen Versatzstücken wieder mal ein großes Ganzes. Eine Geschichte, in der er letztlich nicht nur das übliche Allen-Universum neu aneinander koppelt, sondern in dem er seine zwei großen Lieben miteinander zu versöhnen sucht: Die von Groucho Marx geklaute Komik und die an Bergman geschulte Tragik.

In den beiden Melindas hat er seine immer wieder erwähnten künstlerischen Einflüsse und seine oft so diametral entgegengesetzten Betrachtungen auf das Leben zu einer Synthese zusammenzufügen versucht. Letztlich scheint der Lauf der Dinge vom Standpunkt des Betrachters abzuhängen. Schon das Sprichwort weiß schließlich, dass das Leben eine Komödie ist für jene, die denken, eine Tragödie aber für jene, die fühlen. Vielleicht wirken Allens Filme mit dem ganzen intellektuellen Geschwafel und dem sich dahinter verbergenden emotionalen Sumpf auf den einen deshalb noch lustig, während sie für den anderen längst kläglich geworden sind.


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00:00 24.06.2005

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