Wer die Schlange wählt, stirbt

Indien Der Fund eines wertvollen Schatzes bringt den Staat Kerala in Verlegenheit. Er sind heikle Fragen zu beantworten: Wem gehört der Reichtum? Und wie wird er geschützt?

Die Stadt Thiruvanantha verdankt ihren Namen der heiligen Schlange Anantha, auf der Padmanabha – das ist einer der tausend Namen des Gottes Vishnu – in ewigem Schlafe ruht. Aus seinem Nabel wächst ein Lotus, aus dem einst Brahma entsteigen wird, um die Welt (wieder) zu erschaffen, denn die Zeit ist ein Zirkel. Im 16. Jahrhundert wurde dem Lotus-Nabel-Gott im Herzen der Stadt ein großer Tempel errichtet – genannt der Sri Padmanabhaswamy Tempel.

Als der Gründer des Travancore-Reiches, der unermesslich reiche Maharaja Marthanda Varma, in Thiruvanantha residierte, brauchte er einen geeigneten Tresor für seine Schätze. Da es um 1750 herum noch keine Schweizer Banken gab, bunkerte er die Besitztümer in einem geheimen Kammersystem unter dem Allerheiligsten dieses Tempels ein. Dem Lotus-Nabel-Gottheit Padmanabha schenkte er sein ganzes Reich und bestellte sich selbst zu ihrem höchsten Diener, ein Amt das jeder seiner Nachfolger mit der Krönung übernahm. So behielt man stets die Kontrolle über die bewussten Depots. Und selbst als 1947 mit der Unabhängigkeit Indiens die Maharaja-Herrschaft kassiert wurde und das alte Travancore-Reich in der Indischen Union aufging, blieb die Maharaja-Familie Hüterin und Treuhänderin des Tempels. So ist es noch heute. Der Schatz aber versank ins Reich der Legende, bis sich schließlich nur noch wenige sicher schienen, dass es ihn wirklich gab.

Doch die waren wachsam. Tempelinsider, Priester und getreue Jünger Padmanabhas duldeten keinen Missbrauch göttlichen Eigentums und wurden hellhörig, wenn gelegentlich wie aus dem Nichts die eine oder andere Tonne Gold im Tempel auftauchte – für Reparaturarbeiten, wie es hieß. Als Mitte der neunziger Jahre der Verdacht aufkam, der Familientrust bereite heimlich die Evakuierung des Schatzes vor, schalteten die Wachsamen die Gerichte ein. Einer von ihnen – der 70-jährige Rechtsanwalt Sundarajan Iyer – verlangte in einer Petition beim Supreme Court die offizielle Inventarisierung des Schatzes und seine Übernahme in staatlichen Gewahrsam. Seiner Petition folgend, ordnete der Gerichtshof schließlich – gegen den vehementen Widerstand des Tempeltrustes – die Öffnung der unterirdischen Kammern an und beauftragte eine siebenköpfige Kommission mit der Inspektion.

Reicher als der Vatikan

Seit Ende Juni arbeiten nun Spezialisten hart daran, ausgeklügelte Sicherheitssysteme zu überlisten. Sie stehen mit einem Metalldetektor vor gewaltigen Granitwänden mit eingelassenen Geheimzeichen. Wer hier das falsche Zeichen wählt, setzt sich der Gefahr aus, von einer Phalanx der Messer durchbohrt zu werden, die aus einer sich öffnenden Klappe von oben auf ihn herabfallen. Sich für das Symbol der Schlange zu entscheiden, ist falsch, soviel weiß man inzwischen – „S“ dagegen ist sicher. So ist es gelungen, meterdicke Safetüren zu öffnen, eine nach der anderen. Sie sind so schwer, dass acht Männer benötigt werden, sie zu bewegen. Dahinter liegen absolute Dunkelheit und eine tödliche Luft. Aber keine Spur von den legendären Giftschlangen, die angeblich den Schatz hüten. Bevor die Männer weiter vordringen, wird Sauerstoff in das Gewölbe geblasen, dann geht das Flutlicht an und gewährt einen atemberaubenden Anblick. Gold und Gold und Gold: Klumpen und Blöcke, Hunderte von Gefäßen, Stühlen, Statuen, Säcke voller Münzen, goldene Reiskörner, Tausende von Ketten und Kronen, besetzt mit Diamanten und Smaragden.

Einblick in die geheimnisvollen Kammern hat bisher niemand außer der Kommission genommen. Ihre ersten Berichte werden von den Medien aufgesogen. Rasch verhängt das Oberste Gericht eine Nachrichtensperre, doch die Sensation geht bereits um die Welt. Nach einer ersten Klassifizierung schätzen die Inspektoren den reinen Materialwert des Fundes auf mindestens eine Trillion Rupies – etwa 16 Milliarden Euro. Ohne Berücksichtigung des antiken Kunstwertes, den Fachleute auf ein Vielfaches ansetzen, ist der Padmanabha­swamy-Temple in Thiruvanantha damit das reichste religiöse Zentrum der Welt – sehr viel reicher als der Vatikan. Woher kommt dieser sagenhafte Reichtum?

Für Jahrhunderte blieb die Malabar-Küste im Südwesten Indiens zwischen Arabischem Meer und Western Ghats – dem heutigen Kerala – ein florierendes Welthandelszentrum. Hier landeten Phönizier, Griechen, Römer, Araber, Chinesen, Portugiesen, Niederländer und Briten, um Pfeffer und Gewürze, Sandelholz und Elfenbein einzukaufen. Pfeffer wuchs bis vor etwa 300 Jahren an so gut wie keinem anderen Ort der Erde. Er war zeitweise so wertvoll, dass er gegen Gold aufgewogen wurde. Die Anziehungskraft dieses „schwarzen Goldes“ spielte nicht nur eine entscheidende Rolle für die Geschichte der geographischen Entdeckungen und des Welthandels, sie ist auch ein wesentlicher Grund für ein heute von Goldexperten festgestelltes Phänomen: Im Laufe der Geschichte floss Gold immer in Richtung Asien, nie von Asien weg. Besonders Indien wurde zum großen Goldbecken. Historiker fragen sich schon seit langem, wo all das Gold geblieben ist, das ein lukrativer Pfefferhandel nach Süd-Indien lotste. Die Kostbarkeiten des Maharaja geben eine Antwort.

Denn Maharaja Marthanda Varma, der Gründer des Travancore-Reiches, nationalisierte den Gewürzexport. So flossen Pfeffergelder der Holländer sowie der British East India Company direkt in seine Kassen. Dazu kamen erhebliche Zahlungen der Briten für militärische Assistenz. Niederländische Dokumente weisen zudem eine Extrazahlung von tausend Golddukaten aus, die der Maharaja für Preisgarantien kassierte. Auch seine Untertanen wollte der Goldgierige nicht schonen. Steuerzahlungen hatten in Gold zu erfolgen, und so prägte das Travancore-Reich die kleinste Goldmünze der Welt. Mit einem erfindungsreichen Fiskus-System wurden mehr als hundert verschiedene Steuern eingetrieben, darunter die Bruststeuer, die arme Frauen niederer Kasten zu entrichten hatten, um ihre Brüste bedecken zu dürfen.

Doch in Marthanda Varmas Tempeltresor liegen nicht nur Pfeffergelder und Steuern. Hier findet sich ebenso die Beute von brutalen Eroberungskriegen gegen die Handelszentren des Pfefferlandes. „Die Kriegsmaschine”, wie der Maharaja oft genannt wird, errang die Krone seines kleinen Reiches nach harten Machtkämpfen gegen den mächtigen Adel – die ehemaligen Herren des Padmanabha-Tempels. Die installierten einen Marionettenkönig, um die Kontrolle über den Pfefferhandel nicht zu verlieren. Doch nach Jahren im Untergrund kam Marthanda Varma mit einer Eingeborenenarmee zurück, rottete die Adelsgeschlechter mit zügelloser Brutalität aus und ließ ihre Marionetten von Elefanten zertrampeln. So unterwarf der Eroberer ein Reich nach dem anderen.

Nun bringt das Erbe dieses Despoten Kerala in Verlegenheit. Die „Trillionenfrage“ will sich nicht klären lassen: Wem gehört der Reichtum? Den Rechtsnachfolgern des Travancore-Reiches, sollte man meinen, also entweder dem Staat Kerala oder der Indischen Union. Doch Oommen Chandy, Keralas Chefminister von der Kongress-Partei, will davon nichts wissen. „Das Gold wurde der Gottheit geschenkt. Es ist Tempeleigentum. Die Regierung wird den Reichtum im Tempel schützen.“

Als Christ will er sich offenbar nicht in hinduistische Nesseln setzen. So hat die Tempel-Lobby unter Führung der Hindu-Partei BJP freie Fahrt. An Bord sind religiöse Vertreter aller Couleur, die zu verhindern suchen, dass hier ein Präzedenzfall entsteht, der eigene Pfründe gefährdet. Sogar Sprecher des muslimischen Waqf-Bordes, drittgrößter Landeigner Indiens, stehen hier auf Seiten des Tempeltrusts. Weder Kongresspartei noch Linksallianz finden es im Augenblick politisch opportun, den Besitzanspruch der ewig schlafenden Gottheit anzufechten. Sie befürchten, dass eine Kontroverse über diese Frage der gerade vor sich hin dümpelnden BJP einen Aufschwung bescheren könnte.

Natürlich werden Vorschläge diskutiert, das Gold zu bergen – die archäologisch, historisch und künstlerisch bedeutsamen Stücke einem Museum zu übergeben und den Rest zu verkaufen. Hochrechnungen machen die Runde, nach denen der Schatz wahlweise drei Jahre lang den nationalen Erziehungsetat verdoppeln oder das Geld für den Bau von etwa 40 modernen Spezialkliniken liefern könnte. Doch die öffentliche Begeisterung für solche Projekte ist verhalten. Grund: Es gilt in Indien als einigermaßen riskant, Geld in Politikerhände zu legen, derzeit stattfindende Prozesse um unerhörte Korruptionsfälle sind Lektion genug. Da ist der Cash-for-Vote-Skandal um das Vertrauensvotum, das Premier Singh 2008 in einer „Nacht der tiefen Taschen“ mit schlanker Mehrheit gewann, mit sich den indisch-amerikanischen Nuklear-Vertrag über die Ziellinie ziehend. Oder der Skandal um verhökerte Mobilfunklizenzen, wodurch dem Fiskus umgerechnet 40 Milliarden Dollar verloren gingen.

Die 6. Kammer

Das politische Patt ebnet den Weg für eine so unbefriedigende wie absurde Lösung: Wird der Schatz – weil andere Ansprüche nicht geltend gemacht werden – als Besitz des ewigen Lotus-Nabels anerkannt, müsste die Öffentlichkeit zusehen, wie sich die Depots nach dem flüchtigen Blick in ihr Inneres wieder schließen, als sei nichts geschehen. Tatsächlich gelten Götter in Indien als juristische Personen, die nach einem Urteil des Obersten Gerichts von 1999 Eigentum halten, einklagen oder deswegen verklagt werden können. Sie haben dabei vor Gericht den Status ewig Unmündiger, die von einem Vormund vertreten werden müssen, was den Schatz wieder in die Hände der Nachkommen der „Kriegsmaschine“ zurück spielen würde.

Die Nachfahren des Maharajas haben sich inzwischen auf allen düsteren Legenden besonnen, um den Schatz unter Verschluss zu halten. Als Sundarajan Iyer, der Mann, dessen Petition die Tempelverliese erst öffnete, vor wenigen Tagen unter mysteriösen Umständen auf dem Tempelgelände starb, glaubten viele, das sei die Rache des Gottes Padmanabha. Der Zorn des Lotus-Nabels – beeilten sich seine Anbeter zu verbreiten – gelte besonders dem Vorhaben, die noch unberührte geheimnisvolle 6. Kammer zu öffnen. Hier wird der wertvollste Teil des Schatzes vermutet. Es kursiert das Gerücht, in diesen Katakomben gebe es auch den Eingang eines geheimen Tunnels, der zur Küste führe. Der Oberste Gerichtshof hat die Öffnung bisher hinausgeschoben. Kaum wegen der bösen Omen als wegen des Sicherheitsrisikos. Es wird fieberhaft an einem hochkarätigen Überwachungssystem des Tempelviertels gearbeitet. Die paar Millionen im Monat, die Kerala für den Schutz seines Fort Knox bereitstellen will, sind per Gerichtsbeschluss schon als völlig unzureichend zurückgewiesen worden. Genau genommen kann sich der hochverschuldete Staat den Milliarden-Schatz gar nicht leisten.

Ursula Dunckern berichtet für den Freitag regelmäßig aus Indien und Pakistan

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08:00 06.08.2011

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