Wer fährt das Papa-Mobil?

Dokument der Woche Aus dem offenen Brief des Ex-Punkers und heutigen Polit-Aktivisten Jello Biafra an Barack Obama

Lieber Barack Obama, ich gratuliere Ihnen zum Wahlsieg und dazu, dass Sie es fertig gebracht haben, eine derart breite Basis für gesellschaftliche Veränderungen zu schaffen. Vergessen Sie nicht, dass Sie für Ihr im Wahlkampf ausgegebenes Ziel des echten Wandels eine tiefe soziale Spaltung überwinden müssen. Alle Erleichterungen für die Mittelklasse helfen den 40 bis 100 Millionen Amerikanern kein bisschen, die nicht genug zu essen haben, die arbeitslos oder schlicht arm sind.

Sie haben keine Mühen gescheut, eine Brücke zu denjenigen von uns zu bauen, die genug haben von Krieg, Umweltzerstörung, sozialer Ungleichheit, institutionalisierter Gesetzlosigkeit und Business as usual. Sie haben einer neuen Generation Kraft gegeben, die weit besser als die ihrer Eltern weiß, was zu tun die Stunde geschlagen hat. Ich habe noch nie zuvor gesehen, wie ein amerikanischer Politiker derart tief empfundene Gefühle, Hoffnung und Unterstützung mobilisiert hat - und ich kann mich noch gut an Kennedy erinnern. Sie sind der erste Präsident in meinem Leben, der eine Graswurzel-Bewegung hinter sich hat, die bereit ist zu kämpfen. Ich hoffe, die Erwartungen, die diese Menschen in Sie gesetzt haben, ihre drängenden Sorgen und Wünsche, haben sich tief genug in Ihrem Bewusstsein verankert. Lassen Sie die Verbindung zu diesen Leuten nicht abbrechen.

Schon einmal wagte es ein Demokrat, die in ihn gesetzten Hoffnungen zu enttäuschen - sein Name ist Bill Clinton

Ich erinnere mich an einen, der es wagte, die in ihn gesetzten Hoffnungen auszunutzen und zu enttäuschen - sein Name ist Bill Clinton. Demokraten scheitern immer wieder, wenn sie sich davor drücken wollen, Verantwortung zu übernehmen und versuchen, sich als Kungelbrüder durchzuschlagen anstatt Führungsstärke zu zeigen. Lassen Sie sich auf keine Kompromiss ein. Versucht man die Menschen mit weniger abzuspeisen, riskiert man, die Herzen einer ganzen für die Politik gewonnenen Generation zu brechen. Jetzt ist starke Medizin vonnöten. Hier ein paar Ideen:

Wirtschaftliche Anreize - beginnen Sie mit denjenigen, die es am nötigsten brauchen. Es freut mich, dass an der Spitze des Staates nun endlich ein Bewusstsein dafür vorhanden scheint, dass Themen wie soziale Sicherheit, Wirtschaft, Klima- und Umweltpolitik miteinander zu tun haben. Es ist die Kluft zwischen Arm und Reich, welche die amerikanische Gesellschaft auseinanderreißt.

Soziale Sicherheit heißt: Jeder hat eine Wohnung. Jeder hat ausreichend gute Lebensmittel zu essen. Keiner muss Angst haben, dass ihm bei der Arbeit eine Hand abgerissen oder sein Arbeitsplatz ins Ausland verlagert wird. Jeder kann sein, wie er ist, ohne Angst haben zu müssen, ohne Verhandlung eingesperrt oder gefoltert zu werden. Jeder kann, ohne Angst haben zu müssen, zur Wahl gehen und sicher sein, dass seine Stimme auch ordnungsgemäß gezählt wird. Jede Frau hat das Recht zu entscheiden, was sie mit ihrem Körper tun will. Jeder verfügt über ein ausreichendes Einkommen, um sein Recht auf Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück verwirklichen zu können. Jeder hat, ob er es bezahlen kann oder nicht, das Recht zum Arzt zu gehen, wenn er krank oder verletzt ist. In vielen anderen Ländern ist dies ein gesetzlich verbrieftes Menschenrecht.

Schaffen Sie ein bedingungsloses Grundeinkommen, erhöhen Sie den Mindestlohn! 9,59 Dollar helfen, aber 12 Dollar sind besser

Die Stimulierung und Wiederbelebung der Wirtschaft wird nur erfolgreich sein, wenn sie unten ansetzt. Das bedeutet, dass man den ärmsten Menschen unserer Gesellschaft, die es am dringendsten benötigen, schnell mehr Geld zur Verfügung stellen muss. Sie werden jeden Cent ausgeben, den sie mehr in der Tasche haben. Der Einzelhandel atmet auf und Arbeitsplätze werden gesichert. So unterschiedliche Leute wie Martin Luther King, Milton Friedman und sogar Richard Nixon haben zu ihren Zeiten die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens vorgeschlagen, um jedem die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Erhöhen Sie den Mindestlohn, damit man von ihm leben kann! 9,59 Dollar helfen, aber zwölf Dollar sind besser.

Sozialhilfe sollte kein negativer Begriff sein. Insbesondere, nachdem eine aktuelle Umfrage ergeben hat, dass die Arbeitslosenquote eigentlich bei 12 Prozent liegt, wenn man all diejenigen mitzählt, die es aufgegeben haben, nach einem Job zu suchen, weil es aussichtslos für sie ist, und die deshalb in den Statistiken gar nicht mehr auftauchen.

Ich bitte Sie daher, die zeitliche Befristung von Arbeitslosenunterstützung, Sozialhilfe und Kindergeld aufzuheben, da den hierauf angewiesenen Menschen in der Regierungszeit Clintons am übelsten mitgespielt wurde.

Sie haben im Wahlkampf erklärt, "diese Bewegung dreht sich nicht nur um eine Person". Es freut mich, das von Ihnen zu hören. Aber ich warte darauf, dass Sie daran anknüpfen und zeigen, wie sehr es auch darauf ankommt, wer im Senat und im Kongress sitzt, welche Rolle die Gouverneure spielen, die Gerichte, Bürgermeister, Stadt- und Schulverwaltungen, die Wählerinitiativen und Bezirksbevollmächtigten. Sie sollten den Leuten sagen, dass sie sich einmischen sollten, wenn sie nicht zufrieden sind mit dem, was in ihrer Stadt oder ihrem Bezirk geschieht und dass sie sich selbst zur Wahl stellen sollten. Viele kreative Leute wären dazu bereit.

Was könnten wir unterdessen Besseres tun, um die Dinge voranzubringen? Welche einfachen, kleinen Schritte können wir in unserem eigenen Leben tun? Sie haben noch Gelegenheiten - Ihre Amtseinführung und die Rede zur Lage der Nation, bevor die Menschen von der Phrasendrescherei der Mainstream-Medien in den Fernsehschlaf gewiegt werden.

Es würde mich wundern, wenn Sie, Herr Obama, oder irgendjemand, der Ihnen nahe steht, dieses Schreiben wirklich lesen würde. Also wende ich mich zum Schluss an diejenigen, die es gelesen haben. Mir stellt sich die Obama-Bewegung, wenn man es denn so nennen will, als eine Art Papa-Mobil dar. Sie wissen schon, dieser Käfig auf Räder aus kugelsicherem Glas, in dem der Papst durch die Gegend gondelt und den Leuten zuwinkt: "Yo! Hier bin ich! Ich bin der Papst! Seht mich an!" Dann gehen alle nachhause.

Wer aber fährt das Papa-Mobil? Können die Menschen nicht verhindern, dass es den falschen Weg einschlägt und es in eine bessere Richtung steuern?

Ich habe Sie nicht gewählt, aber ich hoffe aufrichtig, dass Sie den versprochenen Wandel erfolgreich durchsetzen

Lieber Herr Obama, ich habe Sie nicht gewählt, aber ich hoffe aufrichtig, dass Sie erfolgreich damit sind, den Wandel durchzusetzen, den Sie versprochen haben. Es bleibt uns nur wenig Zeit, und vielleicht ist dies unsere letzte Chance. Die jüngere Geschichte zeigt, dass uns maximal acht Jahre bleiben, bevor das Pendel wieder in die andere Richtung ausschlägt - und dieser Ausschlag wird hart sein.

Bitte vergessen Sie nie, warum so viele, die schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, ihr Herz und ihre Hoffnungen in Sie setzen. Wenn diese Hoffnung enttäuscht wird und sie sich hintergangen fühlen, wird vieles für immer irreparabel bleiben.

Bewahren Sie die Emails und Briefe, die Sie im Wahlkampf bekommen haben. Erhalten Sie Ihre Bewegung am Leben! Berichten Sie täglich darüber, was Sie gemacht und mit wem Sie und Ihre Mitarbeiter sich getroffen haben, einschließlich der Lobbyisten? Warum lassen Sie nicht all die Wahlkampfbüros geöffnet, die Sie im ganzen Land eingerichtet haben? Machen Sie daraus Ihre Zweigstellen.

Seien Sie vor allem eine führungsstarke Person und kein Kungelbruder. Es gibt Situationen, da kommt das Aushandeln eines Kompromisses einer Flucht vor der Verantwortung gleich.

Und wenn es bei dieser Bewegung wirklich um gesellschaftliche Veränderung geht und nicht nur um eine Person, dann ist es an der Bewegung, den Präsidenten anzutreiben und nicht andersrum. Bitte stehen Sie dem nicht im Weg.

Mit freundlichen Grüßen,

Jello Biafra

Übersetzung Holger Hutt, Zwischenüberschriften von der Redaktion

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00:00 16.01.2009

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