Wer fliegt, siegt

53. Filmfestival Mannheim-Heidelberg Leistungsschau des jungen Kinos, das am besten ist, wenn es die alten Muster variiert

Neben einem Schnellrestaurant, ein paar Cafés und Nippesläden sind im Stadthaus Mannheim die kommunalen Servicestellen untergebracht. Auf der ersten Etage steht ein Glascontainer, in dem man dem Moderator des Stadtradios bei der Arbeit zugucken kann. Auf den oberen Stockwerken finden sich die Stadtbibliothek, die Volkshochschule und die Altenfürsorge. Wer dort nur lang genug sucht, stößt schließlich auch auf einen von Hand beschrifteten Karton, der das Akkreditierungsbüro des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg ankündigt. Andere dieser gut versteckten Pappen weisen den Weg ins Pressezentrum, zu den Toiletten sowie zu einem Kinosaal: Auch im 53. Jahr seiner Existenz ist das Erscheinungsbild des Festivals nicht eben professionell. Mannheim-Heidelberg wirkt noch immer wie ein Unternehmen, das erst kürzlich aus der Garage auszog, in der es gegründet wurde.

Kann sein, dass hier Budgetfragen berührt sind. Kann aber auch sein, dass der Charme des Vorläufigen Festivalleiter Michael Koetz und seinem Team nur recht ist. In Mannheim-Heidelberg, das betont Koetz immer wieder, zählt das Produkt und nicht die Verpackung. Und das Produkt ist das junge, unabhängige Kino. Das Produkt sind die Regisseurinnen und Regisseure von morgen, die ihre internationale Reputation im Idealfall einem Auftritt in Mannheim verdanken. Um diese Idee zu stützen, hat das Festival seit einigen Jahren die "Mannheim-Meetings" eingerichtet. Einen Produzententreff, bei dem zukünftige Projekt auf den Weg gebracht werden können, die dank der Starthilfe eng an das Festival gebunden bleiben. Der Strategie, sich auf diese Art potenzielle Kandidaten für die Wettbewerbsprogramme der nächsten Jahre zu sichern, folgen längst viele Festivals; die Berlinale mit ihrem "Talentcampus" etwa.

Das zeigt, wie umkämpft das Segment der Newcomer-Filme inzwischen ist: Viel versprechende Talente, die später einmal Karriere machen, hätten natürlich auch Berlin, Cannes und Venedig gerne im Programm. In Locarno, das sich wie Mannheim-Heidelberg auf Nachwuchs- und Debütfilme unabhängiger Autoren spezialisiert hat, führt das seit einigen Jahren zu großen Klagen. Besonders Venedig sei gnadenlos und schnappe die attraktivsten Fundstücke zumeist noch in letzter Sekunde weg.

Auch Koetz wusste dieses Jahr von einem "geradezu weltumspannenden Konkurrenzkampf um Geschichten" zu berichten. Er konnte jedoch erfreut mitteilen, den Wettbewerb gut überstanden und seinen kanadischen Eröffnungsfilm Littoral selbst einem anderen Festival abspenstig gemacht zu haben. Ein Erfolg, der freilich noch nicht bedeutete, dass dem Publikum die Trüffelsucherei erspart geblieben wäre. Es war ein langer, harter Weg, um aus dem Angebot von 22 Wettbewerbsfilmen und dem Programm vieler Nebensektionen diejenigen Werke herauszufiltern, denen man einen Kinoerfolg von Herzen wünscht.

Es kann ja kaum anders sein, wenn ein Festival auf den Eigensinn von Regisseuren setzt, denen Stil und kommerzielle Verwertbarkeit weniger wichtig sind als das Thema, das sie umtreibt: Krieg, Kolonialismus und nationale Traumata; Drogen- und Geldprobleme, individuelle Krisen. Häufig freilich fehlte diesem Bewältigungskino ein Fokus, der den Prozess auch für die Zuschauer produktiv machte. Oder lag es an der Erdenschwere der Nöte? Der Große Preis von Mannheim-Heidelberg ging jedenfalls an Wir fliegen zu wenig; eine norwegische Komödie, in der gestresste Menschen ihren an Problemen nicht armen Alltag schließlich durch den Kauf eines Trampolins meistern.

Der Gewinnerfilm zeigt, dass der junge unabhängige Film von Mannheim-Heidelberg keineswegs mit dem Genreansatz auf Kriegsfuß steht. Im Gegenteil gehörten häufig jene Werke zu den besten, die auf die einschlägigen Formeln des populären Kinos zurückgriffen und diese variierten. Etwa der französische Film Doo Wop von David Lanzmann; eine Art A bout de souffle der Gegenwart, der den Spezialpreis der Internationalen Jury und den Preis der Filmkritikerorganisation Fipresci bekam. Oder Steve and Sky vom belgischen Regisseur Felix van Groeningen. Einen schöneren Gangsterfilm hat es lange nicht gegeben.

Van Groeningen erzählt die Geschichte des Schmalspurganoven Steve (Titus De Voogdt) und der kaltschnäuzigen Hure Sky (Delfine Balfort), die ausgerechnet Steve gegenüber eine unerklärliche, nur halbherzig erwiderte Anhänglichkeit entwickelt. Die Montage würfelt die Zeitebenen durcheinander und wagt immer wieder überraschende Exkurse. Das mag eine geschickte Methode sein, den allzu bekannten Plot präsentabel zu machen, gerät dem jungen Regisseur aber niemals zum Selbstzweck. Jedes seiner stilistischen Mittel steht im Dienst einer Geschichte, die Steve und Sky nicht als typische Gestalten des Kino-Universums ausmalt. In der spielerischen Tragikomödie gibt es viele herzzerreißende Momente, die Gefühle von Verlorenheit und Verzweiflung präziser fassen, als das in meisten der ernst-erdenschweren Filme der Fall war. Steve and Sky ist ein Film, der hoffentlich in die Kinos kommt: ein exzellentes Beispiel für das junge unabhängige Kino, das Mannheim-Heidelberg so sehr fördert, dass keinerlei Geld für einen professionellen Festivalauftritt bleibt.


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00:00 03.12.2004

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