Wer freut sich hier worüber?

Medientagebuch Die Herkunft der Aufnahmen der feiernden Palästinenser ist noch immer ungeklärt

Fernsehbilder haben eine starke suggestive Kraft. Sie können zur Information, aber auch zur Manipulation der Öffentlichkeit eingesetzt werden. Diese Zwiespältigkeit wurde eindrucksvoll anhand der Bilder des Terroranschlages in den USA demonstriert. Die Schreckensbilder liefen pausenlos über alle Sender. Niemand konnte sich ihnen entziehen. Selbst der Kinderkanal setzte sich in mehreren Sendungen mit den Eindrücken dieser Bilder auf Kinder auseinander. Der "Krieg gegen den Terror", den die USA jetzt führen, wurde bereits in den Medien vorbereitet - Information als Waffe. Sie geben verbale Schützenhilfe und mobilisieren die Emotionen der Menschen, ohne die kein Krieg geführt werden kann. Das Wichtigste an einem Krieg ist, wie die Bilder verkauft werden. Die richtigen Bilder müssen auf den Schirm. Und wenn es diese Bilder nicht gibt, müssen sie inszeniert werden.

Ich muss gestehen, dass mich die Bilder von einer handvoll jubelnder palästinensischer Kinder und einer Frau, die angeblich dem Terroranschlag galten, abgestoßen haben. Der erste Gedanke war: Nicht schon wieder. Bereits die Jubelbilder von Palästinensern, als Israel 1991 mit Skud-Raketen aus dem Irak beschossen wurde, hatte ihrem Anliegen nach Freiheit und Selbstbestimmung enorm geschadet. Ich muss aber auch gestehen, dass mich die jüngsten Jubelbilder nicht überzeugten und skeptisch stimmten. Mein Gefühl sagte mir, dass sie gekünstelt wirkten. Eine Kollegin rief mich an, um ihr Missfallen über das Verhalten der Palästinenser zu äußern. Ich stimmte ihr zu, fragte aber: Wie haben wir "Zivilisierte" uns in Hoyerswerda und Langenhagen verhalten? Der Firnis der Zivilisation scheint überall sehr dünn zu sein.

Zu oft lassen sich Journalisten für politische Zwecke instrumentalisieren. Auch wenn sie es besser wissen, gibt es immer noch die heimatlichen Redaktionen, die ihre Leserklientel und die Herausgeber bedienen müssen. Im Golfkrieg ließen sich Journalisten offensichtlich hinters Licht führen, worüber später eine internationale Debatte über Medien und Krieg geführt wurde. Genützt hat es nicht viel. Auch in den Kriegen danach saß man in den Redaktionen so mancher Propagandalüge auf. Erinnert sei an die Geschichte von den "Brutkasten-Schändern" oder den abgemagerten "Mann im Serben-KZ" oder an die "Massaker-Bilder", die ein zutiefst betroffener Verteidigungsminister Rudolf Scharping zeigte. Alle verfehlten das Kriterium der Wahrheit knapp! Die Frage, wie es sich mit den jubelnden Palästinensern verhielt, drängt sich zwangsläufig auf.

Dazu kursieren zwei Versionen: Die eine besagt, dass der US-Nachrichtensender CNN Bilder vom Golfkrieg von 1991 als aktuelle Eindrücke ausgestrahlt habe. Der brasilianische Student Marcio A. V. Carvalho von der Staatlichen Universität von Campinas habe die ausgestrahlten Bilder im Archiv seines Professors an der Universität gefunden. Der Professor informierte mit Emails umgehend CNN, die wichtigste Fernsehstation in Brasilien, O´Globo, sowie einige Zeitungen. Der Professor kritisierte diese Manipulation. Man wolle nur eine antipalästinensische Stimmung erzeugen. CNN konnte diese Manipulation glaubhaft dementieren. Trotzdem hält sich dieses Gerücht nach wie vor hartnäckig in Palästinenserkreisen.

Ist nicht diese zweite Version glaubhafter: Das israelische Verteidigungsministerium habe sein eigenes Fernsehteam nach Ost-Jerusalem geschickt, um gestellte Szenen für Propagandazwecke zu filmen. Sie wurden dann weltweit gesendet. Laut Angaben des Besitzers eines Süßigkeitsladens habe ihm das israelische Fernsehteam 200 Schekel gegeben, um Süßigkeiten an Kinder zu verteilen. Der jubelnden Frau wurde ein Kuchen versprochen, so gab sie im nachhinein zu. Sie habe nicht gewusst, warum sie jubeln sollte; sie schäme sich jetzt dafür, nachdem sie es erfahren habe. Ob auf die Frau von palästinensischer Seite Druck ausgeübt wurde, kann nicht verifiziert werden. Der Publizist Meron Benvenisti, ehemaliger Vize-Bürgermeister von Jerusalem, schrieb am 13. September in der Tageszeitung Haaretz: "Ein Team des Büros des Sprechers des israelischen Verteidigungsministeriums wurde ausgesandt, um eine Jubelszene zu filmen. Süßigkeiten wurden in Ost-Jerusalem zum Zwecke der Öffentlichkeitsarbeit verteilt." Es wurde suggeriert, als repräsentiere die handvoll palästinensischer Kinder die ganze palästinensische Nation.

Die Medien in Israel, den USA und Europa waren umgehend bereit, den Palästinensern eine Mitschuld an dem Verbrechen zu geben. Sie fragten, wie denn die Palästinenser auf diesen Vorfall reagieren würden, wogegen in Kairo, Tanger oder Beirut keine Fernsehteams auf der Suche nach Reaktionen ausschwärmten. Die palästinensische Führung verurteilte die Tat einhellig und eindeutig. Von jeder anderen Staatsführung hätte man dies akzeptiert, aber von den Palästinensern verlangt man diese Entschuldigung immer und immer wieder.

Dabei ist im Grunde davon auszugehen, dass die Palästinenser alles andere als glücklich über den Terroranschlag waren, wohl wissend, dass Israel daraus Vorteile ziehen würde. (Die Armee umzingelte die Stadt Jenin im Norden der Westbank und tötete 27 Menschen, und die Welt übte keinerlei Kritik daran, wie der israelische Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer nicht ohne Stolz verkündete.) Der israelische Terror wird als "legitimes Sicherheitsinteresse" dargestellt. Und die Weltöffentlichkeit nimmt dies mit Gleichgültigkeit und Apathie hin.

Noch bevor der Krieg begonnen hat, ist die Wahrheit in den Medien auf der Strecke geblieben. Wir müssen uns auf weitere Desinformationen einrichten.

00:00 05.10.2001

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