Wer hat Angst vor einem Stück Stoff?

Crossdressing Eine Mutter näht ihrem fünfjährigen Sohn ein Kleid und muss sich viele Fragen anhören
Ella Hartmann | Ausgabe 05/2016 57

Mehrere Wochen lang bettelte der kleine Sohn, ich möge ihm bitte ein Kleid nähen. Der Wunsch hielt sich hartnäckig. Ausgesucht hat er sich dann ein Trägerkleid mit einem Stoff mit Einhörnern. Dass die Knöpfe in ungleichmäßigem Abstand angenäht sind, stört ihn überhaupt nicht. Er liebt sein Kleidchen jetzt heiß und innig. Er tanzt und tobt darin durch die Wohnung und fragt jeden Tag, wie lange es noch dauert, bis es endlich warm genug ist, um es im Kindergarten tragen zu können. Ein voller Erfolg! Eigentlich gäbe es dazu nicht viel mehr zu sagen: Wenn mein Sohn sich ein Kleid wünscht, dann bekommt er eins. So einfach ist das.

So einfach ist das anscheinend aber nicht für alle. Während des Nähprozesses habe ich immer mal wieder einzelne Zwischenschritte auf Instagram gezeigt, und jedes Mal erreichten mich dazu per Instagram oder Twitter Fragen und Kommentare. Also gut, machen wir mal das große Fass auf und beschäftigen uns damit, welche Sorgen und Ängste ein Kleidchen auslösen kann, wenn es von einem männlichen Kind getragen wird.

Seltsames Frauenbild

Ein Kommentar lautete: „Ein Junge in einem Kleid? Das sieht doch lächerlich aus! Kleider sind was für Mädchen, und Jungs gehören in Hosen.“ Je länger ich darüber nachdenke, desto absurder finde ich das. Zum einen denke ich: Wer es lächerlich findet, wie ein Mädchen auszusehen, sollte mal gründlich über sein*ihr Frauenbild nachdenken. Was sich für welches Geschlecht angeblich gehört oder nicht, ist für mich eine antiquierte Denkweise, die zeigt, dass Geschlechterrollen ausgedachte Konstrukte sind, die hauptsächlich in unseren Köpfen existieren. Zum anderen finde ich es irritierend bis bedenklich, einem Kind, das sich ein Kleid wünscht, erst mal in die Unterhose gucken zu wollen, um zu entscheiden, ob es eins haben darf.

Die nächste Frage: „Ich fände das toll, aber ich hätte Angst, dass er irgendwie ausgegrenzt oder gehänselt werden könnte. Bereitest du ihn drauf vor, dass das passieren könnte?“ Diese Frage hat eigentlich zwei Teile, und der erste beantwortet sich eigentlich von selbst: „Ich hätte Angst.“ Ja, genau, du hast diese Angst. Dein Kind nicht. Vielleicht siehst du Normen und Grenzen, die dein Kind zum Glück noch nicht sieht. Dein Kind ist frei davon, es hat einfach Spaß dran, sich auszuprobieren.

Zum zweiten Teil der Frage: Ja, ich bereite mein Kind in gewisser Weise drauf vor, dass andere sich blöd verhalten könnten – indem ich mich bemühe, ihm ein möglichst standhaftes Selbstbewusstsein und ein paar schlagfertige Antworten mit auf den Weg zu geben. Mein Sohn findet sich wunderschön in seinem Kleid und mit den rosa Haarspangen, die er seiner Schwester gemopst hat. Er genießt es, darin durch die Wohnung zu tanzen, er fühlt sich toll. Niemand hat ein Recht, ihm diese Freude und diese Leichtigkeit kaputtzumachen. Ich sage ihm, dass er schön aussieht. Bejahe seine Frage, ob ich ihm auch noch ein zweites Kleid nähe. Kurz: Ich unterstütze ihn in seinen Interessen und Vorlieben.

Und nein, ich sage keine Sätze wie: „Du kannst das schon machen, aber du musst wissen, dass das anderen nicht gefallen könnte und dass sie dann vielleicht blöde Sachen zu dir sagen.“ Ich möchte ihm nicht beibringen, dass er die Erlaubnis von anderen Menschen braucht, um so sein zu können, wie er ist. Ihm kommt es überhaupt nicht in den Sinn, dass andere ihn wegen eines schönen Kleids auslachen könnten. Im Freundeskreis des großen Sohns wird teils leider erwartet, dass man sich von Mädchen und allem, was mädchenhaft scheint, möglichst stark abgrenzt. Da wird „Mädchen“ unter Siebenjährigen schon hin und wieder als Beleidigung verwendet und „Iiih, Mädchen!“ und „Bäääh, Rosa!“ gesagt.

Glücklicherweise macht der große Sohn da selten mit und vergewissert sich zu Hause immer wieder mal: „Die haben einfach keine Ahnung, gell? Weil, sonst dürften Mädchen ja auch kein Blau tragen, oder keine Hosen.“ Wenn es einen Standardsatz gibt, mit dem ich meine Kinder in dieser Hinsicht irgendwie wappnen will, dann lautet der: Alle Farben sind für alle Kinder da, und Jungs dürfen Kleider anziehen, genau wie Mädchen Hosen anziehen dürfen.

Eine ähnliche Frage lautet: „Habt ihr noch nie blöde Reaktionen bekommen?“

Ich glaube, was richtig Blödes war tatsächlich noch nie dabei. Es gab schon öfter das typische „Aber das ist doch eine Mädchenfarbe!“ oder „Damit spielen doch nur Mädchen“ – sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern. Zwischenzeitlich hat das meine Jungs ein bisschen verunsichert. Mehr habe ich aber bisher noch nicht mitbekommen.

Nudeln oder Salat

Dann die Frage: „Glaubst du, er könnte schwul oder transgeschlechtlich sein?“

Keine Ahnung. Er ist fünfeinhalb. Ich glaube, das ist noch sehr früh für solche Vermutungen. Vielleicht ist er schwul, vielleicht trans, vielleicht agender – möglicherweise wird er am Ende auch einfach cis-hetero. Vielleicht ist es schlicht pupsnormal, dass ein Kind sich auf diese Weise ausprobiert, wenn man es lässt, und vielleicht hat das gar nichts damit zu tun, welche Geschlechtlichkeit oder Sexualität er irgendwann an sich feststellen wird.

„Was würdest du machen, wenn dein Sohn kein Mädchen, sondern einen Jungen mit nach Hause brächte?“

Diese Frage habe ich tatsächlich schon öfter gehört, nicht nur in Bezug auf Kleidung. Sondern beispielsweise auch, weil meine Jungs immer schon und auch mit fünfeinhalb und sieben Jahren ab und zu noch gern mit Puppen spielen. Was würde ich also machen, wenn einer meiner Söhne irgendwann tatsächlich einen Jungen mit nach Hause bringt? Meine Standardantwort darauf lautet: „Es kommt auf die Tageszeit an. Mittags vielleicht Nudeln, abends einen Salat oder so.“

Die fragende Person guckt dann meistens etwas irritiert, aber ganz ehrlich: Anders kann ich diese Frage nicht verstehen. Mein Sohn stellt den Menschen, den er liebt, zu Hause vor – da freue ich mich doch! Darüber, dass er offensichtlich glücklich verliebt ist, und darüber, dass er seine Liebe gerne mit zu uns nach Hause bringt.

„Juckt dich das wirklich gar nicht, dass er schwul oder trans sein könnte?“

Gut, Spaß beiseite: Natürlich juckt mich das. Denn homosexuelle und transgeschlechtliche Menschen sind nach wie vor gefährlichen Anfeindungen ausgesetzt. Erst vor wenigen Wochen wurde ein homosexuelles Paar in meiner sonst ach so toleranten Stadt massiv körperlich angegriffen. Und durch transgeschlechtliche Menschen in meinem direkten Umfeld bekomme ich immer wieder mit, welchen Ungerechtigkeiten und Gefahren sie jeden Tag ausgesetzt sind – und wie zermürbend das ist.

Natürlich hätte ich Sorge, dass auch meinem Kind so etwas passieren könnte. Aber das oder auch andere alltägliche Ausgrenzungen von homosexuellen oder transgeschlechtlichen Menschen sind erst recht ein Grund, offen und unterstützend damit umzugehen. Das Kind zu ermutigen, zu sich zu stehen, und ihm klar zu verstehen zu geben: Ich stehe hinter dir. Du hast ein Recht, so zu sein, wie du sein möchtest. Mit der Kleidung, die du anziehen möchtest, und mit dem Menschen an deiner Seite, den du dir aussuchst. Völlig unabhängig davon, was du oder der Mensch, den du liebst, zwischen den Beinen haben – du bist richtig und großartig, genau so, wie du bist.

Ella Hartmann ist Mutter einer Tochter und zweier Söhne. Unter ringelmiez.de betreibt sie einen „politischen Handarbeitsblog“

06:00 09.02.2016

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